The Project Gutenberg EBook of Menschliches, Allzumenschliches by Friedrich Wilhelm Nietzsche Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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Menschliches, Allzumenschliches Ein Buch fuer freie Geister Friedrich Nietzsche Inhalt An Stelle einer Vorrede Von den ersten und letzten Dingen Zur Geschichte der moralischen Empfindungen Das religioese Leben Aus der Seele der Kuenstler und Schriftsteller Anzeichen hoeherer und niederer Cultur Der Mensch im Verkehr Weib und Kind Ein Blick auf den Staat Der Mensch mit sich allein Ein Nachspiel Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch fuer freie Geister Erster Band An Stelle einer Vorrede. - eine Zeit lang erwog ich die verschiedenen Beschaeftigungen, denen sich die Menschen in diesem Leben ueberlassen und machte den Versuch, die beste von ihnen auszuwaehlen. Aber es thut nicht noth, hier zu erzaehlen, auf was fuer Gedanken ich dabei kam: genug, dass fuer meinen Theil mir Nichts besser erschien, als wenn ich streng bei meinem Vorhaben verbliebe, das heisst: wenn ich die ganze Frist des Lebens darauf verwendete, meine Vernunft auszubilden und den Spuren der Wahrheit in der Art und Weise, welche ich mir vorgesetzt hatte, nachzugehen. Denn die Fruechte, welche ich auf diesem Wege schon gekostet hatte, waren der Art, dass nach meinem Urtheile in diesem Leben nichts Angenehmeres, nichts Unschuldigeres gefunden werden kann; zudem liess mich jeder Tag, seit ich jene Art der Betrachtung zu Huelfe nahm, etwas Neues entdecken, das immer von einigem Gewichte und durchaus nicht allgemein bekannt war. Da wurde endlich meine Seele so voll von Freudigkeit, dass alle uebrigen Dinge ihr Nichts mehr anthun konnten. Aus dem Lateinischen des Cartesius. Vorrede. 1. Es ist mir oft genug und immer mit grossem Befremden ausgedrueckt worden, dass es etwas Gemeinsames und Auszeichnendes an allen meinen Schriften gaebe, von der "Geburt der Tragoedie" an bis zum letzthin veroeffentlichten "Vorspiel einer Philosophie der Zukunft": sie enthielten allesammt, hat man mir gesagt, Schlingen und Netze fuer unvorsichtige Voegel und beinahe eine bestaendige unvermerkte Aufforderung zur Umkehrung gewohnter Werthschaetzungen und geschaetzter Gewohnheiten. Wie? Alles nur - menschlich-allzumenschlich? Mit diesem Seufzer komme man aus meinen Schriften heraus, nicht ohne eine Art Scheu und Misstrauen selbst gegen die Moral, ja nicht uebel versucht und ermuthigt, einmal den Fuersprecher der schlimmsten Dinge zu machen: wie als ob sie vielleicht nur die bestverleumdeten seien? Man hat meine Schriften eine Schule des Verdachts genannt, noch mehr der Verachtung, gluecklicherweise auch des Muthes, ja der Verwegenheit. In der That, ich selbst glaube nicht, dass jemals jemand mit einem gleich tiefen Verdachte in die Welt gesehn hat, und nicht nur als gelegentlicher Anwalt des Teufels, sondern ebenso sehr, theologisch zu reden, als Feind und Vorforderer Gottes; und wer etwas von den Folgen erraeth, die in jedem tiefen Verdachte liegen, etwas von den Froesten und Aengsten der Vereinsamung, zu denen jede unbedingte Verschiedenheit des Blicks den mit ihr Behafteten verurtheilt, wird auch verstehn, wie oft ich zur Erholung von mir, gleichsam zum zeitweiligen Selbstvergessen, irgendwo unterzutreten suchte - in irgend einer Verehrung oder Feindschaft oder Wissenschaftlichkeit oder Leichtfertigkeit oder Dummheit; auch warum ich, wo ich nicht fand, was ich brauchte, es mir kuenstlich erzwingen, zurecht faelschen, zurecht dichten musste (- und was haben Dichter je Anderes gethan? und wozu waere alle Kunst in der Welt da?). Was ich aber immer wieder am noethigsten brauchte, zu meiner Kur und Selbst-Wiederherstellung, das war der Glaube, nicht dergestalt einzeln zu sein, einzeln zu sehn, - ein zauberhafter Argwohn von Verwandtschaft und Gleichheit in Auge und Begierde, ein Ausruhen im Vertrauen der Freundschaft, eine Blindheit zu Zweien ohne Verdacht und Fragezeichen, ein Genuss an Vordergruenden, Oberflaechen, Nahem, Naechstem, an Allem, was Farbe, Haut und Scheinbarkeit hat. Vielleicht, dass man mir in diesem Betrachte mancherlei "Kunst", mancherlei feinere Falschmuenzerei vorruecken koennte: zum Beispiel, dass ich wissentlich-willentlich die Augen vor Schopenhauer's blindem Willen zur Moral zugemacht haette, zu einer Zeit, wo ich ueber Moral schon hellsichtig genug war; insgleichen dass ich mich ueber Richard Wagner's unheilbare Romantik betrogen haette, wie als ob sie ein Anfang und nicht ein Ende sei; insgleichen ueber die Griechen, insgleichen ueber die Deutschen und ihre Zukunft - und es gaebe vielleicht noch eine ganze lange Liste solcher Insgleichen? - gesetzt aber, dies Alles waere wahr und mit gutem Grunde mir vorgerueckt, was wisst ihr davon, was koenntet ihr davon wissen, wie viel List der Selbst-Erhaltung, wie viel Vernunft und hoehere Obhut in solchem Selbst-Betruge enthalten ist, - und wie viel Falschheit mir noch noth hut, damit ich mir immer wieder den Luxus meiner Wahrhaftigkeit gestatten darf?... Genug, ich lebe noch; und das Leben ist nun einmal nicht von der Moral ausgedacht: es will Taeuschung, es lebt von der Taeuschung... aber nicht wahr? da beginne ich bereits wieder und thue, was ich immer gethan habe, ich alter Immoralist und Vogelsteller - und rede unmoralisch, aussermoralisch, "jenseits von Gut und Boese"? - 2. - So habe ich denn einstmals, als ich es noethig hatte, mir auch die "freien Geister" erfunden, denen dieses schwermuethig-muthige Buch mit dem Titel "Menschliches, Allzumenschliches" gewidmet ist: dergleichen "freie Geister" giebt es nicht, gab es nicht, - aber ich hatte sie damals, wie gesagt, zur Gesellschaft noethig, um guter Dinge zu bleiben inmitten schlimmer Dinge (Krankheit, Vereinsamung, Fremde, Acedia, Unthaetigkeit): als tapfere Gesellen und Gespenster, mit denen man schwaetzt und lacht, wenn man Lust hat zu schwaetzen und zu lachen, und die man zum Teufel schickt, wenn sie langweilig werden, - als ein Schadenersatz fuer mangelnde Freunde. Dass es dergleichen freie Geister einmal geben koennte, dass unser Europa unter seinen Soehnen von Morgen und Uebermorgen solche muntere und verwegene Gesellen haben wird, leibhaft und handgreiflich und nicht nur, wie in meinem Falle, als Schemen und Einsiedler-Schattenspiel: daran moechte ich am wenigsten zweifeln. Ich sehe sie bereits kommen, langsam, langsam; und vielleicht thue ich etwas, um ihr Kommen zu beschleunigen, wenn ich zum Voraus beschreibe, unter welchen Schicksalen ich sie entstehn, auf welchen Wegen ich sie kommen sehe? - 3. Man darf vermuthen, dass ein Geist, in dem der Typus "freier Geist" einmal bis zur Vollkommenheit reif und suess werden soll, sein entscheidendes Ereigniss in einer grossen Losloesung gehabt hat, und dass er vorher um so mehr ein gebundener Geist war und fuer immer an seine Ecke und Saeule gefesselt schien. Was bindet am festesten? welche Stricke sind beinahe unzerreissbar? Bei Menschen einer hohen und ausgesuchten Art werden es die Pflichten sein: jene Ehrfurcht, wie sie der Jugend eignet, jene Scheu und Zartheit vor allem Altverehrten und Wuerdigen, jene Dankbarkeit fuer den Boden, aus dem sie wuchsen, fuer die Hand, die sie fuehrte, fuer das Heiligthum, wo sie anbeten lernten, - ihre hoechsten Augenblicke selbst werden sie am festesten binden, am dauerndsten verpflichten. Die grosse Losloesung kommt fuer solchermaassen Gebundene ploetzlich, wie ein Erdstoss: die junge Seele wird mit Einem Male erschuettert, losgerissen, herausgerissen, - sie selbst versteht nicht, was sich begiebt. Ein Antrieb und Andrang waltet und wird ueber sie Herr wie ein Befehl; ein Wille und Wunsch erwacht, fortzugehn, irgend wohin, um jeden Preis; eine heftige gefaehrliche Neugierde nach einer unentdeckten Welt flammt und flackert in allen ihren Sinnen. "Lieber sterben als hier leben" - so klingt die gebieterische Stimme und Verfuehrung: und dies "hier", dies "zu Hause" ist Alles, was sie bis dahin geliebt hatte! Ein ploetzlicher Schrecken und Argwohn gegen Das, was sie liebte, ein Blitz von Verachtung gegen Das, was ihr "Pflicht" hiess, ein aufruehrerisches, willkuerliches, vulkanisch stossendes Verlangen nach Wanderschaft, Fremde, Entfremdung, Erkaeltung, Ernuechterung, Vereisung, ein Hass auf die Liebe, vielleicht ein tempelschaenderischer Griff und Blick rueckwaerts, dorthin, wo sie bis dahin anbetete und liebte, vielleicht eine Gluth der Scham ueber Das, was sie eben that, und ein Frohlocken zugleich, dass sie es that, ein trunkenes inneres frohlockendes Schaudern, in dem sich ein Sieg verraeth - ein Sieg? ueber was? ueber wen? ein raethselhafter fragenreicher fragwuerdiger Sieg, aber der erste Sieg immerhin: - dergleichen Schlimmes und Schmerzliches gehoert zur Geschichte der grossen Losloesung. Sie ist eine Krankheit zugleich, die den Menschen zerstoeren kann, dieser erste Ausbruch von Kraft und Willen zur Selbstbestimmung, Selbst-Werthsetzung, dieser Wille zum freien Willen: und wie viel Krankheit drueckt sich an den wilden Versuchen und Seltsamkeiten aus, mit denen der Befreite, Losgeloeste sich nunmehr seine Herrschaft ueber die Dinge zu beweisen sucht! Er schweift grausam umher, mit einer unbefriedigten Luesternheit; was er erbeutet, muss die gefaehrliche Spannung seines Stolzes abbuessen; er zerreisst, was ihn reizt. Mit einem boesen Lachen dreht er um, was er verhuellt, durch irgend eine Scham geschont findet: er versucht, wie diese Dinge aussehn, wenn man sie umkehrt. Es ist Willkuer und Lust an der Willkuer darin, wenn er vielleicht nun seine Gunst dem zuwendet, was bisher in schlechtem Rufe stand, - wenn er neugierig und versucherisch um das Verbotenste schleicht. Im Hintergrunde seines Treibens und Schweifens - denn er ist unruhig und ziellos unterwegs wie in einer Wueste - steht das Fragezeichen einer immer gefaehrlicheren Neugierde. "Kann man nicht alle Werthe umdrehn? und ist Gut vielleicht Boese? und Gott nur eine Erfindung und Feinheit des Teufels? Ist Alles vielleicht im letzten Grunde falsch? Und wenn wir Betrogene sind, sind wir nicht eben dadurch auch Betrueger? muessen wir nicht auch Betrueger sein?" - solche Gedanken fuehren und verfuehren ihn, immer weiter fort, immer weiter ab. Die Einsamkeit umringt und umringelt ihn, immer drohender, wuergender, herzzuschnuerender, jene furchtbare Goettin und mater saeva cupidinum - aber wer weiss es heute, was Einsamkeit ist?... 4. Von dieser krankhaften Vereinsamung, von der Wueste solcher Versuchs-Jahre ist der Weg noch weit bis zu jener ungeheuren ueberstroemenden Sicherheit und Gesundheit, welche der Krankheit selbst nicht entrathen mag, als eines Mittels und Angelhakens der Erkenntniss, bis zu jener reifen Freiheit des Geistes, welche ebensosehr Selbstbeherrschung und Zucht des Herzens ist und die Wege zu vielen und entgegengesetzten Denkweisen erlaubt -, bis zu jener inneren Umfaenglichkeit und Verwoehnung des Ueberreichthums, welche die Gefahr ausschliesst, dass der Geist sich etwa selbst in die eignen Wege verloere und verliebte und in irgend einem Winkel berauscht sitzen bliebe, bis zu jenem Ueberschuss an plastischen, ausheilenden, nachbildenden und wiederherstellenden Kraeften, welcher eben das Zeichen der grossen Gesundheit ist, jener Ueberschuss, der dem freien Geiste das gefaehrliche Vorrecht giebt, auf den Versuch hin leben und sich dem Abenteuer anbieten zu duerfen: das Meisterschafts-Vorrecht des freien Geistes! Dazwischen moegen lange Jahre der Genesung liegen, Jahre voll vielfarbiger schmerzlich-zauberhafter Wandlungen, beherrscht und am Zuegel gefuehrt durch einen zaehen Willen zur Gesundheit, der sich oft schon als Gesundheit zu kleiden und zu verkleiden wagt. Es giebt einen mittleren Zustand darin, dessen ein Mensch solchen Schicksals spaeter nicht ohne Ruehrung eingedenk ist: ein blasses feines Licht und Sonnenglueck ist ihm zu eigen, ein Gefuehl von Vogel-Freiheit, Vogel-Umblick, Vogel-Uebermuth, etwas Drittes, in dem sich Neugierde und zarte Verachtung gebunden haben. Ein "freier Geist" - dies kuehle Wort thut in jenem Zustande wohl, es waermt beinahe. Man lebt, nicht mehr in den Fesseln von Liebe und Hass, ohne ja, ohne Nein, freiwillig nahe, freiwillig ferne, am liebsten entschluepfend, ausweichend, fortflatternd, wieder weg, wieder empor fliegend; man ist verwoehnt, wie Jeder, der einmal ein ungeheures Vielerlei unter sich gesehn hat, - und man ward zum Gegenstueck Derer, welche sich um Dinge bekuemmern, die sie nichts angehn. In der That, den freien Geist gehen nunmehr lauter Dinge an - und wie viele Dinge! - welche ihn nicht mehr bekuemmern... 5. Ein Schritt weiter in der Genesung: und der freie Geist naehert sich wieder dem Leben, langsam freilich, fast widerspaenstig, fast misstrauisch. Es wird wieder waermer um ihn, gelber gleichsam; Gefuehl und Mitgefuehl bekommen Tiefe, Thauwinde aller Art gehen ueber ihn weg. Fast ist ihm zu Muthe, als ob ihm jetzt erst die Augen fuer das Nahe aufgiengen. Er ist verwundert und sitzt stille: wo war er doch? Diese nahen und naechsten Dinge: wie scheinen sie ihm verwandelt! welchen Flaum und Zauber haben sie inzwischen bekommen! Er blickt dankbar zurueck, - dankbar seiner Wanderschaft, seiner Haerte und Selbstentfremdung, seinen Fernblicken und Vogelfluegen in kalte Hoehen. Wie gut, dass er nicht wie ein zaertlicher dumpfer Eckensteher immer "zu Hause", immer "bei sich" geblieben ist! er war ausser sich: es ist kein Zweifel. Jetzt erst sieht er sich selbst -, und welche Ueberraschungen findet er dabei! Welche unerprobten Schauder! Welches Glueck noch in der Muedigkeit, der alten Krankheit, den Rueckfaellen des Genesenden! Wie es ihm gefaellt, leidend stillzusitzen, Geduld zu spinnen, in der Sonne zu liegen! Wer versteht sich gleich ihm auf das Glueck im Winter, auf die Sonnenflecke an der Mauer! Es sind die dankbarsten Thiere von der Welt, auch die bescheidensten, diese dem Leben wieder halb zugewendeten Genesenden und Eidechsen: - es giebt solche unter ihnen, die keinen Tag von sich lassen, ohne ihm ein kleines Loblied an den nachschleppenden Saum zu haengen. Und ernstlich geredet: es ist eine gruendliche Kur gegen allen Pessimismus (den Krebsschaden alter Idealisten und Luegenbolde, wie bekannt -) auf die Art dieser freien Geister krank zu werden, eine gute Weile krank zu bleiben und dann, noch laenger, noch laenger, gesund, ich meine "gesuender" zu werden. Es ist Weisheit darin, Lebens-Weisheit, sich die Gesundheit selbst lange Zeit nur in kleinen Dosen zu verordnen. 6. Um jene Zeit mag es endlich geschehn, unter den ploetzlichen Lichtern einer noch ungestuemen, noch wechselnden Gesundheit, dass dem freien, immer freieren Geiste sich das Raethsel jener grossen Losloesung zu entschleiern beginnt, welches bis dahin dunkel, fragwuerdig, fast unberuehrbar in seinem Gedaechtniss gewartet hatte. Wenn er sich lange kaum zu fragen wagte "warum so abseits? so allein? Allem entsagend, was ich verehrte? der Verehrung selbst entsagend? warum diese Haerte, dieser Argwohn, dieser Hass auf die eigenen Tugenden?" - jetzt wagt und fragt er es laut und hoert auch schon etwas wie Antwort darauf. "Du solltest Herr ueber dich werden, Herr auch ueber die eigenen Tugenden. Frueher waren sie deine Herren; aber sie duerfen nur deine Werkzeuge neben andren Werkzeugen sein. Du solltest Gewalt ueber dein Fuer und Wider bekommen und es verstehn lernen, sie aus- und wieder einzuhaengen, je nach deinem hoeheren Zwecke. Du solltest das Perspektivische in jeder Werthschaetzung begreifen lernen - die Verschiebung, Verzerrung und scheinbare Teleologie der Horizonte und was Alles zum Perspektivischen gehoert; auch das Stueck Dummheit in Bezug auf entgegengesetzte Werthe und die ganze intellektuelle Einbusse, mit der sich jedes Fuer, jedes Wider bezahlt macht. Du solltest die nothwendige Ungerechtigkeit in jedem Fuer und Wider begreifen lernen, die Ungerechtigkeit als unabloesbar vom Leben, das Leben selbst als bedingt durch das Perspektivische und seine Ungerechtigkeit. Du solltest vor Allem mit Augen sehn, wo die Ungerechtigkeit immer am groessten ist: dort naemlich, wo das Leben am kleinsten, engsten, duerftigsten, anfaenglichsten entwickelt ist und dennoch nicht umhin kann, sich als Zweck und Maass der Dinge zu nehmen und seiner Erhaltung zu Liebe das Hoehere, Groessere, Reichere heimlich und kleinlich und unablaessig anzubroeckeln und in Frage zu stellen, - du solltest das Problem der Rangordnung mit Augen sehn und wie Macht und Recht und Umfaenglichkeit der Perspektive mit einander in die Hoehe wachsen. Du solltest" - genug, der freie Geist weiss nunmehr, welchem "du sollst" er gehorcht hat, und auch, was er jetzt kann, was er jetzt erst - darf... 7. Dergestalt giebt der freie Geist sich in Bezug auf jenes Raethsel von Losloesung Antwort und endet damit, indem er seinen Fall verallgemeinert, sich ueber sein Erlebniss also zu entscheiden. "Wie es mir ergieng, sagt er sich, muss es jedem ergehn, in dem eine Aufgabe leibhaft werden und `zur Welt kommen` will." Die heimliche Gewalt und Nothwendigkeit dieser Aufgabe wird unter und in seinen einzelnen Schicksalen walten gleich einer unbewussten Schwangerschaft, - lange, bevor er diese Aufgabe selbst in's Auge gefasst hat und ihren Namen weiss. Unsre Bestimmung verfuegt ueber uns, auch wenn wir sie noch nicht kennen; es ist die Zukunft, die unserm Heute die Regel giebt. Gesetzt, dass es das Problem der Rangordnung ist, von dem wir sagen duerfen, dass es unser Problem ist, wir freien Geister: jetzt, in dem Mittage unsres Lebens, verstehn wir es erst, was fuer Vorbereitungen, Umwege, Proben, Versuchungen, Verkleidungen das Problem noethig hatte, ehe es vor uns aufsteigen durfte, und wie wir erst die vielfachsten und widersprechendsten Noth- und Gluecksstaende an Seele und Leib erfahren mussten, als Abenteurer und Weltumsegler jener inneren Welt, die "Mensch" heisst, als Ausmesser jedes "Hoeher" und "Uebereinander", das gleichfalls "Mensch" heisst - ueberallhin dringend, fast ohne Furcht, nichts verschmaehend, nichts verlierend, alles auskostend, alles vom Zufaelligen reinigend und gleichsam aussiebend - bis wir endlich sagen durften, wir freien Geister: "Hier - ein neues Problem! Hier eine lange Leiter, auf deren Sprossen wir selbst gesessen und gestiegen sind, - die wir selbst irgend wann gewesen sind! Hier ein Hoeher, ein Tiefer, ein Unter-uns, eine ungeheure lange Ordnung, eine Rangordnung, die wir sehen hier - unser Problem!" - 8. - Es wird keinem Psychologen und Zeichendeuter einen Augenblick verborgen bleiben, an welche Stelle der eben geschilderten Entwicklung das vorliegende Buch gehoert (oder gestellt ist -). Aber wo giebt es heute Psychologen? In Frankreich, gewiss; vielleicht in Russland; sicherlich nicht in Deutschland. Es fehlt nicht an Gruenden, weshalb sich dies die heutigen Deutschen sogar noch zur Ehre anrechnen koennten: schlimm genug fuer Einen, der in diesem Stuecke undeutsch geartet und gerathen ist! Dies deutsche Buch, welches in einem weiten Umkreis von Laendern und Voelkern seine Leser zu finden gewusst hat - es ist ungefaehr zehn Jahr unterwegs - und sich auf irgend welche Musik und Floetenkunst verstehn muss, durch die auch sproede Auslaender-Ohren zum Horchen verfuehrt werden, - gerade in Deutschland ist dies Buch am nachlaessigsten gelesen, am schlechtesten gehoert worden: woran liegt das? - "Es verlangt zu viel, hat man mir geantwortet, es wendet sich an Menschen ohne die Drangsal grober Pflichten, es will feine und verwoehnte Sinne, es hat Ueberfluss noethig, Ueberfluss an Zeit, an Helligkeit des Himmels und Herzens, an otium im verwegensten Sinne: - lauter gute Dinge, die wir Deutschen von Heute nicht haben und also auch nicht geben koennen." - Nach einer so artigen Antwort raeth mir meine Philosophie, zu schweigen und nicht mehr weiter zu fragen; zumal man in gewissen Faellen, wie das Spruechwort andeutet, nur dadurch Philosoph bleibt, dass man - schweigt. Nizza, im Fruehling 1886. Erstes Hauptstueck. Von den ersten und letzten Dingen. 1. Chemie der Begriffe und Empfindungen. - Die Philosophischen Probleme nehmen jetzt wieder fast in allen Stuecken dieselbe Form der Frage an, wie vor zweitausend Jahren.- wie kann Etwas aus seinem Gegensatz entstehen, zum Beispiel Vernuenftiges aus Vernunftlosem, Empfindendes aus Todtem, Logik aus Unlogik, interesseloses Anschauen aus begehrlichem Wollen, Leben fuer Andere aus Egoismus, Wahrheit aus Irrthuemern? Die metaphysische Philosophie half sich bisher ueber diese Schwierigkeit hinweg, insofern sie die Entstehung des Einen aus dem Andern leugnete und fuer die hoeher gewertheten Dinge einen Wunder-Ursprung annahm, unmittelbar aus dem Kern und Wesen des "Dinges an sich" heraus. Die historische Philosophie dagegen, welche gar nicht mehr getrennt von der Naturwissenschaft zu denken ist, die allerjuengste aller philosophischen Methoden, ermittelte in einzelnen Faellen (und vermuthlich wird diess in allen ihr Ergebniss sein), dass es keine Gegensaetze sind, ausser in der gewohnten Uebertreibung der populaeren oder metaphysischen Auffassung und dass ein Irrthum der Vernunft dieser Gegenueberstellung zu Grunde liegt: nach ihrer Erklaerung giebt es, streng gefasst, weder ein unegoistisches Handeln, noch ein voellig interesseloses Anschauen, es sind beides nur Sublimirungen, bei denen das Grundelement fast verfluechtigt erscheint und nur noch fuer die feinste Beobachtung sich als vorhanden erweist. - Alles, was wir brauchen und was erst bei der gegenwaertigen Hoehe der einzelnen Wissenschaften uns gegeben werden kann, ist eine Chemie der moralischen, religioesen, aesthetischen Vorstellungen und Empfindungen, ebenso aller jener Regungen, welche wir im Gross- und Kleinverkehr der Cultur und Gesellschaft, ja in der Einsamkeit an uns erleben: wie, wenn diese Chemie mit dem Ergebniss abschloesse, dass auch auf diesem Gebiete die herrlichsten Farben aus niedrigen, ja verachteten Stoffen gewonnen sind? Werden Viele Lust haben, solchen Untersuchungen zu folgen? Die Menschheit liebt es, die Fragen ueber Herkunft und Anfaenge sich aus dem Sinn zu schlagen: muss man nicht fast entmenscht sein, um den entgegengesetzten Hang in sich zu spueren? - 2. Erbfehler der Philosophen. - Alle Philosophen haben den gemeinsamen Fehler an sich, dass sie vom gegenwaertigen Menschen ausgehen und durch eine Analyse desselben an's Ziel zu kommen meinen. Unwillkuerlich schwebt ihnen "der Mensch" als eine aeterna veritas, als ein Gleichbleibendes in allem Strudel, als ein sicheres Maass der Dinge vor. Alles, was der Philosoph ueber den Menschen aussagt, ist aber im Grunde nicht mehr, als ein Zeugniss ueber den Menschen eines sehr beschraenkten Zeitraumes. Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler aller Philosophen; manche sogar nehmen unversehens die allerjuengste Gestaltung des Menschen, wie eine solche unter dem Eindruck bestimmter Religionen, ja bestimmter politischer Ereignisse entstanden ist, als die feste Form, von der man ausgehen muesse. Sie wollen nicht lernen, dass der Mensch geworden ist, dass auch das Erkenntnissvermoegen geworden ist; waehrend Einige von ihnen sogar die ganze Welt aus diesem Erkenntnissvermoegen sich herausspinnen lassen. - Nun ist alles Wesentliche der menschlichen Entwickelung in Urzeiten vor sich gegangen, lange vor jenen vier tausend Jahren, die wir ungefaehr kennen; in diesen mag sich der Mensch nicht viel mehr veraendert haben. Da sieht aber der Philosoph "Instincte" am gegenwaertigen Menschen und nimmt an, dass diese zu den unveraenderlichen Thatsachen des Menschen gehoeren und insofern einen Schuessel zum Verstaendniss der Welt ueberhaupt abgeben koennen; die ganze Teleologie ist darauf gebaut, dass man vom Menschen der letzten vier Jahrtausende als von einem ewigen redet, zu welchem hin alle Dinge in der Welt von ihrem Anbeginne eine natuerliche Richtung haben. Alles aber ist geworden; es giebt keine ewigen Thatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten giebt. - Demnach ist das historische Philosophiren von jetzt ab noethig und mit ihm die Tugend der Bescheidung. 3. Schaetzung der unscheinbaren Wahrheiten. - Es ist das Merkmal einer hoehern Cultur, die kleinen unscheinbaren Wahrheiten, welche mit strenger Methode gefunden wurden, hoeher zu schaetzen, als die beglueckenden und blendenden Irrthuemer, welche metaphysischen und kuenstlerischen Zeitaltern und Menschen entstammen. Zunaechst hat man gegen erstere den Hohn auf den Lippen, als koenne hier gar nichts Gleichberechtigtes gegen einander stehen: so bescheiden, schlicht, nuechtern, ja scheinbar entmuthigend stehen diese, so schoen, prunkend, berauschend, ja vielleicht beseligend stehen jene da. Aber das muehsam Errungene, Gewisse, Dauernde und desshalb fuer jede weitere Erkenntniss noch Folgenreiche ist doch das Hoehere, zu ihm sich zu halten ist maennlich und zeigt Tapferkeit, Schlichtheit, Enthaltsamkeit an. Allmaehlich wird nicht nur der Einzelne, sondern die gesammte Menschheit zu dieser Maennlichkeit emporgehoben werden, wenn sie sich endlich an die hoehere Schaetzung der haltbaren, dauerhaften Erkenntnisse gewoehnt und allen Glauben an Inspiration und wundergleiche Mittheilung von Wahrheiten verloren hat. - Die Verehrer der Formen freilich, mit ihrem Maassstabe des Schoenen und Erhabenen, werden zunaechst gute Gruende zu spotten haben, sobald die Schaetzung der unscheinbaren Wahrheiten und der wissenschaftliche Geist anfaengt zur Herrschaft zu kommen: aber nur weil entweder ihr Auge sich noch nicht dem Reiz der schlichtesten Form erschlossen hat oder weil die in jenem Geiste erzogenen Menschen noch lange nicht voellig und innerlich von ihm durchdrungen sind, so dass sie immer noch gedankenlos alte Formen nachmachen (und diess schlecht genug, wie es jemand thut, dem nicht mehr viel an einer Sache liegt). Ehemals war der Geist nicht durch strenges Denken in Anspruch genommen, da lag sein Ernst im Ausspinnen von Symbolen und Formen. Das hat sich veraendert; jener Ernst des Symbolischen ist zum Kennzeichen der niederen Cultur geworden; wie unsere Kuenste selber immer intellectualer, unsere Sinne geistiger werden, und wie man zum Beispiel jetzt ganz anders darueber urtheilt, was sinnlich wohltoenend ist, als vor hundert Jahren: so werden auch die Formen unseres Lebens immer geistiger, fuer das Auge aelterer Zeiten vielleicht haesslicher, aber nur weil es nicht zu sehen vermag, wie das Reich der inneren, geistigen Schoenheit sich fortwaehrend vertieft und erweitert und in wie fern uns Allen der geistreiche Blick jetzt mehr gelten darf, als der schoenste Gliederbau und das erhabenste Bauwerk. 4. Astrologie und Verwandtes. - Es ist wahrscheinlich, dass die Objecte des religioesen, moralischen und aesthetischen Empfindens ebenfalls nur zur Oberflaeche der Dinge gehoeren, waehrend der Mensch gerne glaubt, dass er hier wenigstens an das Herz der Welt ruehre; er taeuscht sich, weil jene Dinge ihn so tief beseligen und so tief ungluecklich machen, und zeigt also hier denselben Stolz wie bei der Astrologie. Denn diese meint, der Sternenhimmel drehte sich um das Loos des Menschen; der moralische Mensch aber setzt voraus, Das, was ihm wesentlich am Herzen liege, muesse auch Wesen und Herz der Dinge sein. 5. Missverstaendniss des Traumes. - Im Traume glaubte der Mensch in den Zeitaltern roher uranfaenglicher Cultur eine zweite reale Welt kennen zu lernen; hier ist der Ursprung aller Metaphysik. Ohne den Traum haette man keinen Anlass zu einer Scheidung der Welt gefunden. Auch die Zerlegung in Seele und Leib haengt mit der aeltesten Auffassung des Traumes zusammen, ebenso die Annahme eines Seelenscheinleibes, also die Herkunft alles Geisterglaubens, und wahrscheinlich auch des Goetterglaubens. "Der Todte lebt fort; denn er erscheint dem Lebenden im Traume": so schloss man ehedem, durch viele Jahrtausende hindurch. 6. Der Geist der Wissenschaft im Theil, nicht im Ganzen maechtig. - Die abgetrennten kleinsten Gebiete der Wissenschaft werden rein sachlich behandelt: die allgemeinen grossen Wissenschaften dagegen legen, als Ganzes betrachtet, die Frage - eine recht unsachliche Frage freilich - auf die Lippen: wozu? zu welchem Nutzen? Wegen dieser Ruecksicht auf den Nutzen werden sie, als Ganzes, weniger unpersoenlich, als in ihren Theilen behandelt. Bei der Philosophie nun gar, als bei der Spitze der gesammten Wissenspyramide, wird unwillkuerlich die Frage nach dem Nutzen der Erkenntniss ueberhaupt aufgeworfen, und jede Philosophie hat unbewusst die Absicht, ihr den hoechsten Nutzen zuzuschreiben. Desshalb giebt es in allen Philosophien so viel hochfliegende Metaphysik und eine solche Scheu vor den unbedeutend erscheinenden Loesungen der Physik; denn die Bedeutsamkeit der Erkenntniss fuer das Leben soll so gross als moeglich erscheinen. Hier ist der Antagonismus zwischen den wissenschaftlichen Einzelgebieten und der Philosophie. Letztere will, was die Kunst will, dem Leben und Handeln moeglichste Tiefe und Bedeutung geben; in ersteren sucht man Erkenntniss und Nichts weiter, - was dabei auch herauskomme. Es hat bis jetzt noch keinen Philosophen gegeben, unter dessen Haenden die Philosophie nicht zu einer Apologie der Erkenntniss geworden waere; in diesem Puncte wenigstens ist ein jeder Optimist, dass dieser die hoechste Nuetzlichkeit zugesprochen werden muesse. Sie alle werden von der Logik tyrannisirt: und diese ist ihrem Wesen nach Optimismus. 7. Der Stoerenfried in der Wissenschaft. Die Philosophie schied sich von der Wissenschaft, als sie die Frage stellte: welches ist diejenige Erkenntniss der Welt und des Lebens, bei welcher der Mensch am gluecklichsten lebt? Diess geschah in den sokratischen Schulen: durch den Gesichtspunct des Gluecks unterband man die Blutadern der wissenschaftlichen Forschung - und thut es heute noch. 8. Pneumatische Erklaerung der Natur. - Die Metaphysik erklaert die Schrift der Natur gleichsam pneumatisch, wie die Kirche und ihre Gelehrten es ehemals mit der Bibel thaten. Es gehoert sehr viel Verstand dazu, um auf die Natur die selbe Art der strengeren Erklaerungskunst anzuwenden, wie jetzt die -Philologen sie fuer alle Buecher geschaffen haben: mit der Absicht, schlicht zu verstehen, was die Schrift sagen will, aber nicht einen doppelten Sinn zu wittern, ja vorauszusetzen. Wie aber selbst in Betreff der Buecher die schlechte Erklaerungskunst keineswegs voellig ueberwunden ist und man in der besten gebildeten Gesellschaft noch fortwaehrend auf Ueberreste allegorischer und mystischer Ausdeutung stoesst: so steht es auch in Betreff der Natur - ja noch viel schlimmer. 9. Metaphysische Welt. - Es ist wahr, es koennte eine metaphysische Welt geben; die absolute Moeglichkeit davon ist kaum zu bekaempfen. Wir sehen alle Dinge durch den Menschenkopf an und koennen diesen Kopf nicht abschneiden; waehrend doch die Frage uebrig bleibt, was von der Welt noch da waere, wenn man ihn doch abgeschnitten haette. Diess ist ein rein wissenschaftliches Problem und nicht sehr geeignet, den Menschen Sorgen zu machen; aber Alles, was ihnen bisher metaphysische Annahmen werthvoll, schreckenvoll, lustvoll gemacht, was sie erzeugt hat, ist Leidenschaft, Irrthum und Selbstbetrug; die allerschlechtesten Methoden der Erkenntniss, nicht die allerbesten, haben daran glauben lehren. Wenn man diese Methoden, als das Fundament aller vorhandenen Religionen und Metaphysiken, aufgedeckt hat, hat man sie widerlegt. Dann bleibt immer noch jene Moeglichkeit uebrig; aber mit ihr kann man gar Nichts anfangen, geschweige denn, dass man Glueck, Heil und Leben von den Spinnenfaeden einer solchen Moeglichkeit abhaengen lassen duerfte. - Denn man koennte von der metaphysischen Welt gar Nichts aussagen, als ein Anderssein, ein uns unzugaengliches, unbegreifliches Anderssein; es waere ein Ding mit negativen Eigenschaften. - Waere die Existenz einer solchen Welt noch so gut bewiesen, so stuende doch fest, dass die gleichgueltigste aller Erkenntnisse eben ihre Erkenntniss waere: noch gleichgueltiger als dem Schiffer in Sturmesgefahr die Erkenntniss von der chemischen Analysis des Wassers sein muss. 10. Harmlosigkeit der Metaphysik in der Zukunft. - Sobald die Religion, Kunst und Moral in ihrer Entstehung so beschrieben sind, dass man sie vollstaendig sich erklaeren kann, ohne zur Annahme metaphysischer Eingriffe am Beginn und im Verlaufe der Bahn seine Zuflucht zu nehmen, hoert das staerkste Interesse an dem rein theoretischen Problem vom "Ding an sich" und der "Erscheinung" auf. Denn wie es hier auch stehe: mit Religion, Kunst und Moral ruehren wir nicht an das "Wesen der Welt an sich"; wir sind im Bereiche der Vorstellung, keine "Ahnung" kann uns weitertragen. Mit voller Ruhe wird man die Frage, wie unser Weltbild so stark sich von dem erschlossenen Wesen der Welt unterscheiden koenne, der Physiologie und der Entwickelungsgeschichte der Organismen und Begriffe ueberlassen. 11. Die Sprache als vermeintliche Wissenschaft. - Die Bedeutung der Sprache fuer die Entwickelung der Cultur liegt darin, dass in ihr der Mensch eine eigene Welt neben die andere stellte, einen Ort, welchen er fuer so fest hielt, um von ihm aus die uebrige Welt aus den Angeln zu heben und sich zum Herrn derselben zu machen. Insofern der Mensch an die Begriffe und Namen der Dinge als an aeternae veritates durch lange Zeitstrecken hindurch geglaubt hat, hat er sich jenen Stolz angeeignet, mit dem er sich ueber das Thier erhob: er meinte wirklich in der Sprache die Erkenntniss der Welt zu haben. Der Sprachbildner war nicht so bescheiden, zu glauben, dass er den Dingen eben nur Bezeichnungen gebe, er drueckte vielmehr, wie er waehnte, das hoechste Wissen ueber die Dinge mit den Worten aus; in der That ist die Sprache die erste Stufe der Bemuehung um die Wissenschaft. Der Glaube an die gefundene Wahrheit ist es auch hier, aus dem die maechtigsten Kraftquellen geflossen sind. Sehr nachtraeglich -jetzt erst - daemmert es den Menschen auf, dass sie einen ungeheuren Irrthum in ihrem Glauben an die Sprache propagirt haben. Gluecklicherweise ist es zu spaet, als dass es die Entwickelung der Vernunft, die auf jenem Glauben beruht, wieder rueckgaengig machen koennte. - Auch die Logik beruht auf Voraussetzungen, denen Nichts in der wirklichen Welt entspricht, z.B. auf der Voraussetzung der Gleichheit von Dingen, der Identitaet des selben Dinges in verschiedenen Puncten der Zeit: aber jene Wissenschaft entstand durch den entgegengesetzten Glauben (dass es dergleichen in der wirklichen Welt allerdings gebe). Ebenso steht es mit der Mathematik, welche gewiss nicht entstanden waere, wenn man von Anfang an gewusst haette, dass es in der Natur keine exact gerade Linie, keinen wirklichen Kreis, kein absolutes Groessenmaass gebe. 12. Traum und Cultur.- Die Gehirnfunction, welche durch den Schlaf am meisten beeintraechtigt wird, ist das Gedaechtniss: nicht dass es ganz pausirte, - aber es ist auf einen Zustand der Unvollkommenheit zurueckgebracht, wie es in Urzeiten der Menschheit bei jedermann am Tage und im Wachen gewesen sein mag. Willkuerlich und verworren, wie es ist, verwechselt es fortwaehrend die Dinge auf Grund der fluechtigsten Aehnlichkeiten: aber mit der selben Willkuer und Verworrenheit dichteten die Voelker ihre Mythologien, und noch jetzt pflegen Reisende zu beobachten, wie sehr der Wilde zur Vergesslichkeit neigt, wie sein Geist nach kurzer Anspannung des Gedaechtnisses hin und her zu taumeln beginnt und er, aus blosser Erschlaffung, Luegen und Unsinn hervorbringt. Aber wir Alle gleichen im Traume diesem Wilden; das schlechte Wiedererkennen und irrthuemliche Gleichsetzen ist der Grund des schlechten Schliessens, dessen wir uns im Traume schuldig machen: so dass wir, bei deutlicher Vergegenwaertigung eines Traumes, vor uns erschrecken, weil wir so viel Narrheit in uns bergen. - Die vollkommene Deutlichkeit aller Traum-Vorstellungen, welche den unbedingten Glauben an ihre Realitaet zur Voraussetzung hat, erinnert uns wieder an Zustaende frueherer Menschheit, in der die Hallucination ausserordentlich haeufig war und mitunter ganze Gemeinden, ganze Voelker gleichzeitig ergriff. Also: im Schlaf und Traum machen wir das Pensum frueheren Menschenthums noch einmal durch. 13. Logik des Traumes. - Im Schlafe ist fortwaehrend unser Nervensystem durch mannichfache innere Anlaesse in Erregung, fast alle Organe secerniren und sind in Thaetigkeit, das Blut macht seinen ungestuemen Kreislauf, die Lage des Schlafenden drueckt einzelne Glieder, seine Decken beeinflussen die Empfindung verschiedenartig, der Magen verdaut und beunruhigt mit seinen Bewegungen andere Organe, die Gedaerme winden sich, die Stellung des Kopfes bringt ungewoehnliche Muskellagen mit sich, die Fuesse, unbeschuht, nicht mit den Sohlen den Boden drueckend, verursachen das Gefuehl des Ungewoehnlichen ebenso wie die andersartige Bekleidung des ganzen Koerpers, - alles diess nach seinem taeglichen Wechsel und Grade erregt durch seine Aussergewoehnlichkeit das gesammte System bis in die Gehirnfunction hinein: und so giebt es hundert Anlaesse fuer den Geist, um sich zu verwundern und nach Gruenden dieser Erregung zu suchen: der Traum aber ist das Suchen und Vorstellen der Ursachen fuer jene erregten Empfindungen, das heisst der vermeintlichen Ursachen. Wer zum Beispiel seine Fuesse mit zwei Riemen umguertet, traeumt wohl, dass zwei Schlangen seine Fuesse umringeln: diess ist zuerst eine Hypothese, sodann ein Glaube, mit einer begleitenden bildlichen Vorstellung und Ausdichtung: "diese Schlangen muessen die causa jener Empfindung sein, welche ich, der Schlafende, habe", - so urtheilt der Geist des Schlafenden. Die so erschlossene naechste Vergangenheit wird durch die erregte Phantasie ihm zur Gegenwart. So weiss jeder aus Erfahrung, wie schnell der Traeumende einen starken an ihn dringenden Ton, zum Beispiel Glockenlaeuten, Kanonenschuesse in seinen Traum verflicht, das heisst aus ihm hinterdrein erklaert, so dass er zuerst die veranlassenden Umstaende, dann jenen Ton zu erleben meint. - Wie kommt es aber, dass der Geist des Traeumenden immer so fehl greift, waehrend der selbe Geist im Wachen so nuechtern, behutsam und in Bezug auf Hypothesen so skeptisch zu sein pflegt? so dass ihm die erste beste Hypothese zur Erklaerung eines Gefuehls genuegt, um sofort an ihre Wahrheit zu glauben? (denn wir glauben im Traume an den Traum, als sei er Realitaet, das heisst wir halten unsre Hypothese fuer voellig erwiesen). - Ich meine: wie jetzt noch der Mensch im Traume schliesst, so schloss die Menschheit auch im Wachen viele Jahrtausende hindurch: die erste causa, die dem Geiste einfiel, um irgend Etwas, das der Erklaerung bedurfte, zu erklaeren, genuegte ihm und galt als Wahrheit. (So verfahren nach den Erzaehlungen der Reisenden die Wilden heute noch.) Im Traum uebt sich dieses uralte Stueck Menschenthum in uns fort, denn es ist die Grundlage, auf der die hoehere Vernunft sich entwickelte und in jedem Menschen sich noch entwickelt: der Traum bringt uns in ferne Zustaende der menschlichen Cultur wieder zurueck und giebt ein Mittel an die Hand, sie besser zu verstehen. Das Traumdenken wird uns jetzt so leicht, weil wir in ungeheuren Entwickelungsstrecken der Menschheit gerade auf diese Form des phantastischen und wohlfeilen Erklaerens aus dem ersten beliebigen Einfalle heraus so gut eingedrillt worden sind. Insofern ist der Traum eine Erholung fuer das Gehirn, welches am Tage den strengeren Anforderungen an das Denken zu genuegen hat, wie sie von der hoeheren Cultur gestellt werden. - Einen verwandten Vorgang koennen wir geradezu als Pforte und Vorhalle des Traumes noch bei wachem Verstande in Augenschein nehmen. Schliessen wir die Augen, so producirt das Gehirn eine Menge von Lichteindruecken und Farben, wahrscheinlich als eine Art Nachspiel und Echo aller jener Lichtwirkungen, welche am Tage auf dasselbe eindringen. Nun verarbeitet aber der Verstand (mit der Phantasie im Bunde) diese an sich formlosen Farbenspiele sofort zu bestimmten Figuren, Gestalten, Landschaften, belebten Gruppen. Der eigentliche Vorgang dabei ist wiederum eine Art Schluss von der Wirkung auf die Ursache; indem der Geist fragt: woher diese Lichteindruecke und Farben, supponirt er als Ursachen jene Figuren, Gestalten: sie gelten ihm als die Veranlassungen jener Farben und Lichter, weil er, am Tage, bei offenen Augen, gewohnt ist, zu jeder Farbe, jedem Lichteindrucke eine veranlassende Ursache zu finden. Hier also schiebt ihm die Phantasie fortwaehrend Bilder vor, indem sie an die Gesichtseindruecke des Tages sich in ihrer Production anlehnt, und gerade so macht es die Traumphantasie: - das heisst die vermeintliche Ursache wird aus der Wirkung erschlossen und nach der Wirkung vorgestellt: alles diess mit ausserordentlicher Schnelligkeit, so dass hier wie beim Taschenspieler eine Verwirrung des Urtheils entstehen und ein Nacheinander sich wie etwas Gleichzeitiges, selbst wie ein umgedrehtes Nacheinander ausnehmen kann. - Wir koennen aus diesen Vorgaengen entnehmen, wie spaet das schaerfere logische Denken, das Strengnehmen von Ursache und Wirkung, entwickelt worden ist, wenn unsere Vernunft- und Verstandesfunctionen jetzt noch unwillkuerlich nach jenen primitiven Formen des Schliessens zurueckgreifen und wir ziemlich die Haelfte unseres Lebens in diesem Zustande leben. - Auch der Dichter, der Kuenstler schiebt seinen Stimmungen und Zustaenden Ursachen unter, welche durchaus nicht die wahren sind; er erinnert insofern an aelteres Menschenthum und kann uns zum Verstaendnisse desselben verhelfen. 14. Miterklingen. - Alle staerkeren Stimmungen bringen ein Miterklingen verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie wuehlen gleichsam das Gedaechtniss auf. Es erinnert sich bei ihnen Etwas in uns und wird sich aehnlicher Zustaende und deren Herkunft bewusst. So bilden sich angewoehnte rasche Verbindungen von Gefuehlen und Gedanken, welche zuletzt, wenn sie blitzschnell hinter einander erfolgen, nicht einmal mehr als Complexe, sondern als Einheiten empfunden werden. In diesem Sinne redet man vom moralischen Gefuehle, vom religioesen Gefuehle, wie als ob diess lauter Einheiten seien: in Wahrheit sind sie Stroeme mit hundert Quellen und Zufluessen. Auch hier, wie so oft, verbuergt die Einheit des Wortes Nichts fuer die Einheit der Sache. 15. Kein Innen und Aussen in der Welt. - Wie Demokrit die Begriffe Oben und Unten auf den unendlichen Raum uebertrug, wo sie keinen Sinn haben, so die Philosophen ueberhaupt den Begriff "Innen und Aussen" auf Wesen und Erscheinung der Welt; sie meinen, mit tiefen Gefuehlen komme man tief in's Innere, nahe man sich dem Herzen der Natur. Aber diese Gefuehle sind nur insofern tief, als mit ihnen, kaum bemerkbar, gewisse complicirte Gedankengruppen regelmaessig erregt werden, welche wir tief nennen; ein Gefuehl ist tief, weil wir den begleitenden Gedanken fuer tief halten. Aber der tiefe Gedanke kann dennoch der Wahrheit sehr fern sein, wie zum Beispiel jeder metaphysische; rechnet man vom tiefen Gefuehle die beigemischten Gedankenelemente ab, so bleibt das starke Gefuehl uebrig, und dieses verbuergt Nichts fuer die Erkenntniss, als sich selbst, ebenso wie der starke Glaube nur seine Staerke, nicht die Wahrheit des Geglaubten beweist. 16. Erscheinung und Ding an sich. - Die Philosophen pflegen sich vor das Leben und die Erfahrung - vor Das, was sie die Welt der Erscheinung nennen - wie vor ein Gemaelde hinzustellen, das ein fuer alle Mal entrollt ist und unveraenderlich fest den selben Vorgang zeigt: diesen Vorgang, meinen sie, muesse man richtig ausdeuten, um damit einen Schluss auf das Wesen zu machen, welches das Gemaelde hervorgebracht habe: also auf das Ding an sich, das immer als der zureichende Grund der Welt der Erscheinung angesehen zu werden pflegt. Dagegen haben strengere Logiker, nachdem sie den Begriff des Metaphysischen scharf als den des Unbedingten, folglich auch Unbedingenden festgestellt hatten, jeden Zusammenhang zwischen dem Unbedingten (der metaphysischen Welt) und der uns bekannten Welt in Abrede gestellt: so dass in der Erscheinung eben durchaus nicht das Ding an sich erscheine, und von jener auf dieses jeder Schluss abzulehnen sei. Von beiden Seiten ist aber die Moeglichkeit uebersehen, dass jenes Gemaelde - Das, was jetzt uns Menschen Leben und Erfahrung heisst - allmaehlich geworden ist, ja noch voellig im Werden ist und desshalb nicht als feste Groesse betrachtet werden soll, von welcher aus man einen Schluss ueber den Urheber (den zureichenden Grund) machen oder auch nur ablehnen duerfte. Dadurch, dass wir seit Jahrtausenden mit moralischen, aesthetischen, religioesen Anspruechen, mit blinder Neigung, Leidenschaft oder Furcht in die Welt geblickt und uns in den Unarten des unlogischen Denkens recht ausgeschwelgt haben, ist diese Welt allmaehlich so wundersam bunt, schrecklich, bedeutungstief, seelenvoll geworden, sie hat Farbe bekommen, - aber wir sind die Coloristen gewesen: der menschliche Intellect hat die Erscheinung erscheinen lassen und seine irrthuemlichen Grundauffassungen in die Dinge hineingetragen. Spaet, sehr spaet - besinnt er sich: und jetzt scheinen ihm die Welt der Erfahrung und das Ding an sich so ausserordentlich verschieden und getrennt, dass er den Schluss von jener auf dieses ablehnt - oder auf eine schauerlich geheimnissvolle Weise zum Aufgeben unsers Intellectes, unsers persoenlichen Willens auffordert: um dadurch zum Wesenhaften zu kommen, dass man wesenhaft werde. Wiederum haben Andere alle charakteristischen Zuege unserer Welt der Erscheinung - das heisst der aus intellectuellen Irrthuemern herausgesponnenen und uns angeerbten Vorstellung von der Welt - zusammengelesen und anstatt den Intellect als Schuldigen anzuklagen, das Wesen der Dinge als Ursache dieses thatsaechlichen, sehr unheimlichen Weltcharakters angeschuldigt und die Erloesung vom Sein gepredigt. - Mit all diesen Auffassungen wird der stetige und muehsame Process der Wissenschaft, welcher zuletzt einmal in einer Entstehungsgeschichte des Denkens seinen hoechsten Triumph feiert, in entscheidender Weise fertig werden, dessen Resultat vielleicht auf diesen Satz hinauslaufen duerfte: Das, was wir jetzt die Welt nennen, ist das Resultat einer Menge von Irrthuemern und Phantasien, welche in der gesammten Entwickelung der organischen Wesen allmaehlich entstanden, in einander verwachsen [sind] und uns jetzt als aufgesammelter Schatz der ganzen Vergangenheit vererbt werden, - als Schatz: denn der Werth unseres Menschenthums ruht darauf. Von dieser Welt der Vorstellung vermag uns die strenge Wissenschaft thatsaechlich nur in geringem Maasse zu loesen - wie es auch gar nicht zu wuenschen ist -, insofern sie die Gewalt uralter Gewohnheiten der Empfindung nicht wesentlich zu brechen vermag: aber sie kann die Geschichte der Entstehung jener Welt als Vorstellung ganz allmaehlich und schrittweise aufhellen - und uns wenigstens fuer Augenblicke ueber den ganzen Vorgang hinausheben. Vielleicht erkennen wir dann, dass das Ding an sich eines homerischen Gelaechters werth ist: dass es so viel, ja Alles schien und eigentlich leer, naemlich bedeutungsleer ist. 17. Metaphysische Erklaerungen. - Der junge Mensch schaetzt metaphysische Erklaerungen, weil sie ihm in Dingen, welche er unangenehm oder veraechtlich fand, etwas hoechst Bedeutungsvolles aufweisen: und ist er mit sich unzufrieden, so erleichtert sich diess Gefuehl, wenn er das innerste Weltraethsel oder Weltelend in dem wiedererkennt, was er so sehr an sich missbilligt. Sich unverantwortlicher fuehlen und die Dinge zugleich interessanter finden - das gilt ihm als die doppelte Wohlthat, welche er der Metaphysik verdankt. Spaeter freilich bekommt er Misstrauen gegen die ganze metaphysische Erklaerungsart, dann sieht er vielleicht ein, dass jene Wirkungen auf einem anderen Wege eben so gut und wissenschaftlicher zu erreichen sind: dass physische und historische Erklaerungen mindestens ebenso sehr jenes Gefuehl der Unverantwortlichkeit herbeifuehren, und dass jenes Interesse am Leben und seinen Problemen vielleicht noch mehr dabei entflammt wird. 18. Grundfragen der Metaphysik. - Wenn einmal die Entstehungsgeschichte des denkens geschrieben ist, so wird auch der folgende Satz eines ausgezeichneten Logikers von einem neuen Lichte erhellt dastehen: "Das urspruengliche allgemeine Gesetz des erkennenden Subjects besteht in der inneren Nothwendigkeit, jeden Gegenstand an sich, in seinem eigenen Wesen als einen mit sich selbst identischen, also selbstexistirenden und im Grunde stets gleichbleibenden und unwandelbaren, kurz als eine Substanz zu erkennen." Auch dieses Gesetz, welches hier "urspruenglich" genannt wird, ist geworden: es wird einmal gezeigt werden, wie allmaehlich, in den niederen Organismen, dieser Hang entsteht, wie die bloeden Maulwurfsaugen dieser Organisationen zuerst Nichts als immer das Gleiche sehen, wie dann, wenn die verschiedenen Erregungen von Lust und Unlust bemerkbarer werden, allmaehlich verschiedene Substanzen unterschieden werden, aber jede mit Einem Attribut, das heisst einer einzigen Beziehung zu einem solchen Organismus. - Die erste Stufe des Logischen ist das Urtheil; dessen Wesen besteht, nach der Feststellung der besten Logiker, im Glauben. Allem Glauben zu Grunde liegt die Empfindung des Angenehmen oder Schmerzhaften in Bezug auf das empfindende Subject. Eine neue dritte Empfindung als Resultat zweier vorangegangenen einzelnen Empfindungen ist das Urtheil in seiner niedrigsten Form. - Uns organische Wesen interessirt urspruenglich Nichts an jedem Dinge, als sein Verhaeltniss zu uns in Bezug auf Lust und Schmerz. Zwischen den Momenten, in welchen wir uns dieser Beziehung bewusst werden, den Zustaenden des Empfindens, liegen solche der Ruhe, des Nichtempfindens: da ist die Welt und jedes Ding fuer uns interesselos, wir bemerken keine Veraenderung an ihm (wie jetzt noch ein heftig Interessirter nicht merkt, dass jemand an ihm vorbeigeht). Fuer die Pflanze sind gewoehnlich alle Dinge ruhig, ewig, jedes Ding sich selbst gleich. Aus der Periode der niederen Organismen her ist dem Menschen der Glaube vererbt, dass es gleiche Dinge giebt (erst die durch hoechste Wissenschaft ausgebildete Erfahrung widerspricht diesem Satze). Der Urglaube alles Organischen von Anfang an ist vielleicht sogar, dass die ganze uebrige Welt Eins und unbewegt ist. - Am fernsten liegt fuer jene Urstufe des Logischen der Gedanke an Causalitaet: ja jetzt noch meinen wir im Grunde, alle Empfindungen und Handlungen seien Acte des freien Willens; wenn das fuehlende Individuum sich selbst betrachtet, so haelt es jede Empfindung, jede Veraenderung fuer etwas Isolirtes, das heisst Unbedingtes, Zusammenhangloses: es taucht aus uns auf, ohne Verbindung mit Frueherem oder Spaeterem. Wir haben Hunger, aber meinen urspruenglich nicht, dass der Organismus erhalten werden will, sondern jenes Gefuehl scheint sich ohne Grund und Zweck geltend zu machen, es isolirt sich und haelt sich fuer willkuerlich. Also: der Glaube an die Freiheit des Willens ist ein urspruenglicher Irrthum alles Organischen, so alt, als die Regungen des Logischen in ihm existiren; der Glaube an unbedingte Substanzen und an gleiche Dinge ist ebenfalls ein urspruenglicher, ebenso alter Irrthum alles Organischen. Insofern aber alle Metaphysik sich vornehmlich mit Substanz und Freiheit des Willens abgegeben hat, so darf man sie als die Wissenschaft bezeichnen, welche von den Grundirrthuemern des Menschen handelt, doch so, als waeren es Grundwahrheiten. 19. Die Zahl. - Die Erfindung der Gesetze der Zahlen ist auf Grund des urspruenglich schon herrschenden Irrthums gemacht, dass es mehrere gleiche Dinge gebe (aber thatsaechlich giebt es nichts Gleiches), mindestens dass es Dinge gebe (aber es giebt kein "Ding"). Die Annahme der Vielheit setzt immer voraus, dass es Etwas gebe, das vielfach vorkommt: aber gerade hier schon waltet der Irrthum, schon da fingiren wir Wesen, Einheiten, die es nicht giebt. - Unsere Empfindungen von Raum und Zeit sind falsch, denn sie fuehren, consequent geprueft, auf logische Widersprueche. Bei allen wissenschaftlichen Feststellungen rechnen wir unvermeidlich immer mit einigen falschen Groessen: aber weil diese Groessen wenigstens constant sind, wie zum Beispiel unsere Zeit- und Raumempfindung, so bekommen die Resultate der Wissenschaft doch eine vollkommene Strenge und Sicherheit in ihrem Zusammenhange mit einander; man kann auf ihnen fortbauen - bis an jenes letzte Ende, wo die irrthuemliche Grundannahme, jene constanten Fehler, in Widerspruch mit den Resultaten treten, zum Beispiel in der Atomenlehre. Da fuehlen wir uns immer noch zur Annahme eines "Dinges" oder stofflichen "Substrats", das bewegt wird, gezwungen, waehrend die ganze wissenschaftliche Procedur eben die Aufgabe verfolgt hat, alles Dingartige (Stoffliche) in Bewegungen aufzuloesen: wir scheiden auch hier noch mit unserer Empfindung Bewegendes und Bewegtes und kommen aus diesem Zirkel nicht heraus, weil der Glaube an Dinge mit unserem Wesen von Alters her verknotet ist. - Wenn Kant sagt "der Verstand schoepft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor", so ist diess in Hinsicht auf den Begriff der Natur voellig wahr, welchen wir genoethigt sind, mit ihr zu verbinden (Natur = Welt als Vorstellung, das heisst als Irrthum), welcher aber die Aufsummirung einer Menge von Irrthuemern des Verstandes ist. - Auf eine Welt, welche nicht unsere Vorstellung ist, sind die Gesetze der Zahlen gaenzlich unanwendbar: diese gelten allein in der Menschen-Welt. 20. Einige Sprossen zurueck. - Die eine, gewiss sehr hohe Stufe der Bildung ist erreicht, wenn der Mensch ueber aberglaeubische und religioese Begriffe und Aengste hinauskommt und zum Beispiel nicht mehr an die lieben Englein oder die Erbsuende glaubt, auch vom Heil der Seelen zu reden verlernt hat: ist er auf dieser Stufe der Befreiung, so hat er auch noch mit hoechster Anspannung seiner Besonnenheit die Metaphysik zu ueberwinden. Dann aber ist eine ruecklaeufige Bewegung noethig: er muss die historische Berechtigung, ebenso die psychologische in solchen Vorstellungen begreifen, er muss erkennen, wie die groesste Foerderung der Menschheit von dorther gekommen sei und wie man sich, ohne eine solche ruecklaeufige Bewegung, der besten Ergebnisse der bisherigen Menschheit berauben wuerde. - In Betreff der philosophischen Metaphysik sehe ich jetzt immer Mehrere, welche an das negative Ziel (dass jede positive Metaphysik Irrthum ist) gelangt sind, aber noch Wenige, welche einige Sprossen rueckwaerts steigen; man soll naemlich ueber die letzte Sprosse der Leiter wohl hinausschauen, aber nicht auf ihr stehen wollen. Die Aufgeklaertesten bringen es nur so weit, sich von der Metaphysik zu befreien und mit Ueberlegenheit auf sie zurueckzusehen: waehrend es doch auch hier, wie im Hippodrom, noth thut, um das Ende der Bahn herumzubiegen. 21. Muthmaasslicher Sieg der Skepsis. - Man lasse einmal den skeptischen Ausgangspunct gelten: gesetzt, es gaebe keine andere, metaphysische Welt und alle aus der Metaphysik genommenen Erklaerungen der uns einzig bekannten Welt waeren unbrauchbar fuer uns, mit welchem Blick wuerden wir dann auf Menschen und Dinge sehen? Diess kann man sich ausdenken, es ist nuetzlich, selbst wenn die Frage, ob etwas Metaphysisches wissenschaftlich durch Kant und Schopenhauer bewiesen sei, einmal abgelehnt wuerde. Denn es ist, nach historischer Wahrscheinlichkeit, sehr gut moeglich, dass die Menschen einmal in dieser Beziehung im Ganzen und Allgemeinen skeptisch werden; da lautet also die Frage: wie wird sich dann die menschliche Gesellschaft, unter dem Einfluss einer solchen Gesinnung, gestalten? Vielleicht ist der wissenschaftliche Beweis irgend einer metaphysischen Welt schon so schwierig, dass die Menschheit ein Misstrauen gegen ihn nicht mehr los wird. Und wenn man gegen die Metaphysik Misstrauen hat, so giebt es im Ganzen und Grossen die selben Folgen, wie wenn sie direct widerlegt waere und man nicht mehr an sie glauben duerfte. Die historische Frage in Betreff einer unmetaphysischen Gesinnung der Menschheit bleibt in beiden Faellen die selbe. 22. Unglaube an das "monumentum aere perennius". - Ein wesentlicher Nachtheil, welchen das Aufhoeren metaphysischer Ansichten mit sich bringt, liegt darin, dass das Individuum zu streng seine kurze Lebenszeit in's Auge fasst und keine staerkeren Antriebe empfaengt, an dauerhaften, fuer Jahrhunderte angelegten Institutionen zu bauen; es will die Frucht selbst vom Baume pfluecken, den es pflanzt, und desshalb mag es jene Baeume nicht mehr pflanzen, welche eine Jahrhundert lange gleichmaessige Pflege erfordern und welche lange Reihenfolgen von Geschlechtern zu ueberschatten bestimmt sind. Denn metaphysische Ansichten geben den Glauben, dass in ihnen das letzte endgueltige Fundament gegeben sei, auf welchem sich nunmehr alle Zukunft der Menschheit niederzulassen und anzubauen genoethigt sei; der Einzelne foerdert sein Heil, wenn er zum Beispiel eine Kirche, ein Kloster stiftet, es wird ihm, so meint er, im ewigen Fortleben der Seele angerechnet und vergolten, es ist Arbeit am ewigen Heil der Seele. - Kann die Wissenschaft auch solchen Glauben an ihre Resultate erwecken? In der That braucht sie den Zweifel und das Misstrauen als treuesten Bundesgenossen; trotzdem kann mit der Zeit die Summe der unantastbaren, das heisst alle Stuerme der Skepsis, alle Zersetzungen ueberdauernden Wahrheiten so gross werden (zum Beispiel in der Diaetetik der Gesundheit), dass man sich daraufhin entschliesst, "ewige" Werke zu gruenden. Einstweilen wirkt der Contrast unseres aufgeregten Ephemeren-Daseins gegen die langathmige Ruhe metaphysischer Zeitalter noch zu stark, weil die beiden Zeiten noch zu nahe gestellt sind; der einzelne Mensch selber durchlaeuft jetzt zu viele innere und aeussere Entwickelungen, als dass er auch nur auf seine eigene Lebenszeit sich dauerhaft und ein fuer alle Mal einzurichten wagt. Ein ganz moderner Mensch, der sich zum Beispiel ein Haus bauen will, hat dabei ein Gefuehl, als ob er bei lebendigem Leibe sich in ein Mausoleum vermauern wolle. 23. Zeitalter der Vergleichung. - je weniger die Menschen durch das Herkommen gebunden sind, um so groesser wird die innere Bewegung der Motive, um so groesser wiederum, dem entsprechend, die aeussere Unruhe, das Durcheinanderfluten der Menschen, die Polyphonie der Bestrebungen. Fuer wen giebt es jetzt noch einen strengeren Zwang, an einen Ort sich und seine Nachkommen anzubinden? Fuer wen giebt es ueberhaupt noch etwas streng Bindendes? Wie alle Stilarten der Kuenste neben einander nachgebildet werden, so auch alle Stufen und Arten der Moralitaet, der Sitten, der Culturen. - Ein solches Zeitalter bekommt seine Bedeutung dadurch, dass in ihm die verschiedenen Weltbetrachtungen, Sitten, Culturen verglichen und neben einander durchlebt werden koennen; was frueher, bei der immer localisirten Herrschaft jeder Cultur, nicht moeglich war, entsprechend der Gebundenheit aller kuenstlerischen Stilarten an Ort und Zeit. Jetzt wird eine Vermehrung des aesthetischen Gefuehls endgueltig unter so vielen der Vergleichung sich darbietenden Formen entscheiden: sie wird die meisten, - naemlich alle, welche durch dasselbe abgewiesen werden, - absterben lassen. Ebenso findet jetzt ein Auswaehlen in den Formen und Gewohnheiten der hoeheren Sittlichkeit statt, deren Ziel kein anderes, als der Untergang der niedrigeren Sittlichkeiten sein kann. Es ist das Zeitalter der Vergleichung! Das ist sein Stolz, - aber billigerweise auch sein Leiden. Fuerchten wir uns vor diesem Leiden nicht! Vielmehr wollen wir die Aufgabe, welche das Zeitalter uns stellt, so gross verstehen, als wir nur vermoegen: so wird uns die Nachwelt darob segnen, - eine Nachwelt, die ebenso sich ueber die abgeschlossenen originalen Volks-Culturen hinaus weiss, als ueber die Cultur der Vergleichung, aber auf beide Arten der Cultur als auf verehrungswuerdige Alterthuemer mit Dankbarkeit zurueckblickt. 24. Moeglichkeit des Fortschritts. - Wenn ein Gelehrter der alten Cultur es verschwoert, nicht mehr mit Menschen umzugehen, welche an den Fortschritt glauben, so hat er Recht. Denn die alte Cultur hat ihre Groesse und Guete hinter sich und die historische Bildung zwingt Einen, zuzugestehen, dass sie nie wieder frisch werden kann; es ist ein unausstehlicher Stumpfsinn oder ebenso unleidliche Schwaermerei noethig, um diess zu leugnen. Aber die Menschen koennen mit Bewusstsein beschliessen, sich zu einer neuen Cultur fortzuentwickeln, waehrend sie sich frueher unbewusst und zufaellig entwickelten: sie koennen jetzt bessere Bedingungen fuer die Entstehung der Menschen, ihre Ernaehrung, Erziehung, Unterrichtung schaffen, die Erde als Ganzes oekonomisch verwalten, die Kraefte der Menschen ueberhaupt gegen einander abwaegen und einsetzen. Diese neue bewusste Cultur toedtet die alte, welche, als Ganzes angeschaut, ein unbewusstes Thier- und Pflanzenleben gefuehrt hat; sie toedtet auch das Misstrauen gegen den Fortschritt, -er ist moeglich. Ich will sagen: es ist voreilig und fast unsinnig, zu glauben, dass der Fortschritt nothwendig erfolgen muesse; aber wie koennte man leugnen, dass er moeglich sei? Dagegen ist ein Fortschritt im Sinne und auf dem Wege der alten Cultur nicht einmal denkbar. Wenn romantische Phantastik immerhin auch das Wort "Fortschritt" von ihren Zielen (z.B. abgeschlossenen originalen Volks-Culturen) gebraucht: jedenfalls entlehnt sie das Bild davon aus der Vergangenheit; ihr Denken und Vorstellen ist auf diesem Gebiete ohne jede Originalitaet. 25. Privat- und Welt-Moral. - Seitdem der Glaube aufgehoert hat, dass ein Gott die Schicksale der Welt im Grossen leite und, trotz aller anscheinenden Kruemmungen im Pfade der Menschheit, sie doch herrlich hinausfuehre, muessen die Menschen selber sich oekumenische, die ganze Erde umspannende Ziele stellen. Die aeltere Moral, namentlich die Kant's, verlangt vom Einzelnen Handlungen, welche man von allen Menschen wuenscht: das war eine schoene naive Sache; als ob ein jeder ohne Weiteres wuesste, bei welcher Handlungsweise das Ganze der Menschheit wohlfahre, also welche Handlungen ueberhaupt wuenschenswerth seien; es ist eine Theorie wie die vom Freihandel, voraussetzend, dass die allgemeine Harmonie sich nach eingeborenen Gesetzen des Besserwerdens von selbst ergeben muesse. Vielleicht laesst es ein zukuenftiger Ueberblick ueber die Beduerfnisse der Menschheit durchaus nicht wuenschenswerth erscheinen, dass alle Menschen gleich handeln, vielmehr duerften im Interesse oekumenischer Ziele fuer ganze Strecken der Menschheit specielle, vielleicht unter Umstaenden sogar boese Aufgaben zu stellen sein. - Jedenfalls muss, wenn die Menschheit sich nicht durch eine solche bewusste Gesammtregierung zu Grunde richten soll, vorher eine alle bisherigen Grade uebersteigende Kenntniss der Bedingungen der Cultur, als wissenschaftlicher Maassstab fuer oekumenische Ziele, gefunden sein. Hierin liegt die ungeheure Aufgabe der grossen Geister des naechsten Jahrhunderts. 26. Die Reaction als Fortschritt. - Mitunter erscheinen schroffe, gewaltsame und fortreissende, aber trotzdem zurueckgebliebene Geister, welche eine vergangene Phase der Menschheit noch einmal heraufbeschwoeren: sie dienen zum Beweis, dass die neuen Richtungen, welchen sie entgegenwirken, noch nicht kraeftig genug sind, dass Etwas an ihnen fehlt: sonst wuerden sie jenen Beschwoerern besseren Widerpart halten. So zeugt zum Beispiel Luther's Reformation dafuer, dass in seinem Jahrhundert alle Regungen der Freiheit des Geistes noch unsicher, zart, jugendlich waren; die Wissenschaft konnte noch nicht ihr Haupt erheben. Ja, die gesammte Renaissance erscheint wie ein erster Fruehling, der fast wieder weggeschneit wird. Aber auch in unserem Jahrhundert bewies Schopenhauer's Metaphysik, dass auch jetzt der wissenschaftliche Geist noch nicht kraeftig genug ist: so konnte die ganze mittelalterliche christliche Weltbetrachtung und Mensch-Empfindung noch einmal in Schopenhauer's Lehre, trotz der laengst errungenen Vernichtung aller christlichen Dogmen, eine Auferstehung feiern. Viel Wissenschaft klingt in seine Lehre hinein, aber sie beherrscht dieselbe nicht, sondern das alte, wohlbekannte "metaphysische Beduerfniss". Es ist gewiss einer der groessten und ganz unschaetzbaren Vortheile, welche wir aus Schopenhauer gewinnen, dass er unsere Empfindung zeitweilig in aeltere, maechtige Betrachtungsarten der Welt und Menschen zurueckzwingt, zu welchen sonst uns so leicht kein Pfad fuehren wuerde. Der Gewinn fuer die Historie und die Gerechtigkeit ist sehr gross: ich glaube, dass es jetzt Niemandem so leicht gelingen moechte, ohne Schopenhauer's Beihuelfe dem Christenthum und seinen asiatischen Verwandten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: was namentlich vom Boden des noch vorhandenen Christenthums aus unmoeglich ist. Erst nach diesem grossen Erfolge der Gerechtigkeit, erst nachdem wir die historische Betrachtungsart, welche die Zeit der Aufklaerung mit sich brachte, in einem so wesentlichen Puncte corrigirt haben, duerfen wir die Fahne der Aufklaerung - die Fahne mit den drei Namen: Petrarca, Erasmus, Voltaire - von Neuem weiter tragen. Wir haben aus der Reaction einen Fortschritt gemacht. 27. Ersatz der Religion. - Man glaubt einer Philosophie etwas Gutes nachzusagen, wenn man sie als Ersatz der Religion fuer das Volk hinstellt. In der That bedarf es in der geistigen Oekonomie gelegentlich ueberleitender Gedankenkreise; so ist der Uebergang aus Religion in wissenschaftliche Betrachtung ein gewaltsamer, gefaehrlicher Sprung, Etwas, das zu widerrathen ist. Insofern hat man mit jener Anempfehlung Recht. Aber endlich sollte man doch auch lernen, dass die Beduerfnisse, welche die Religion befriedigt hat und nun die Philosophie befriedigen soll, nicht unwandelbar sind; diese selbst kann man schwaechen und ausrotten. Man denke zum Beispiel an die christliche Seelennoth, das Seufzen ueber die innere Verderbtheit, die Sorge um das Heil, - alles Vorstellungen, welche nur aus Irrthuemern der Vernunft herruehren und gar keine Befriedigung, sondern Vernichtung verdienen. Eine Philosophie kann entweder so nuetzen, dass sie jene Beduerfnisse auch befriedigt oder dass sie dieselben beseitigt; denn es sind angelernte, zeitlich begraenzte Beduerfnisse, welche auf Voraussetzungen beruhen, die denen der Wissenschaft widersprechen. Hier ist, um einen Uebergang zu machen, die Kunst viel eher zu benutzen, um das mit Empfindungen ueberladene Gemueth zu erleichtern; denn durch sie werden jene Vorstellungen viel weniger unterhalten, als durch eine metaphysische Philosophie. Von der Kunst aus kann man dann leichter in eine wirklich befreiende philosophische Wissenschaft uebergehen. 28. Verrufene Worte. - Weg mit den bis zum Ueberdruss verbrauchten Woertern Optimismus und Pessimismus! Denn der Anlass, sie zu gebrauchen, fehlt von Tag zu Tage mehr: nur die Schwaetzer haben sie jetzt noch so unumgaenglich noethig. Denn wesshalb in aller Welt sollte jemand Optimist sein wollen, wenn er nicht einen Gott zu vertheidigen hat, welcher die beste der Welten geschaffen haben muss, falls er selber das Gute und Vollkommene ist, - welcher Denkende hat aber die Hypothese eines Gottes noch noethig? - Es fehlt aber auch jeder Anlass zu einem pessimistischen Glaubensbekenntniss, wenn man nicht ein Interesse daran hat, den Advocaten Gottes, den Theologen oder den theologisirenden Philosophen aergerlich zu werden und die Gegenbehauptung kraeftig aufzustellen: dass das Boese regiere, dass die Unlust groesser sei, als die Lust, dass die Welt ein Machwerk, die Erscheinung eines boesen Willens zum Leben sei. Wer aber kuemmert sich jetzt noch um die Theologen - ausser den Theologen? - Abgesehen von aller Theologie und ihrer Bekaempfung liegt es auf der Hand, dass die Welt nicht gut und nicht boese, geschweige denn die beste oder die schlechteste ist, und dass diese Begriffe "gut" und "boese" nur in Bezug auf Menschen Sinn haben, ja vielleicht selbst hier, in der Weise, wie sie gewoehnlich gebraucht werden, nicht berechtigt sind: der schimpfenden und verherrlichenden Weltbetrachtung muessen wir uns in jedem Falle entschlagen. 29. Vom Dufte der Bluethen berauscht. - Das Schiff der Menschheit, meint man, hat einen immer staerkeren Tiefgang, je mehr es belastet wird; man glaubt, je tiefer der Mensch denkt, je zarter er fuehlt, je hoeher er sich schaetzt, je weiter seine Entfernung von den anderen Thieren wird, - je mehr er als das Genie unter den Thieren erscheint, - um so naeher werde er dem wirklichen Wesen der Welt und deren Erkenntniss kommen: diess thut er auch wirklich durch die Wissenschaft, aber er meint diess noch mehr durch seine Religionen und Kuenste zu thun. Diese sind zwar eine Bluethe der Welt, aber durchaus nicht der Wurzel der Welt naeher, als der Stengel ist: man kann aus ihnen das Wesen der Dinge gerade gar nicht besser verstehen, obschon diess fast jedermann glaubt. Der Irrthum hat den Menschen so tief, zart, erfinderisch gemacht, eine solche Bluethe, wie Religionen und Kuenste, herauszutreiben. Das reine Erkennen waere dazu ausser Stande gewesen. Wer uns das Wesen der Welt enthuellte, wuerde uns Allen die unangenehmste Enttaeuschung machen. Nicht die Welt als Ding an sich, sondern die Welt als Vorstellung (als Irrthum) ist so bedeutungsreich, tief, wundervoll, Glueck und Unglueck im Schoosse tragend. Diess Resultat fuehrt zu einer Philosophie der logischen Weltverneinung: welche uebrigens sich mit einer praktischen Weltbejahung ebensogut wie mit deren Gegentheile vereinigen laesst. 30. Schlechte Gewohnheiten im Schliessen. - Die gewoehnlichsten Irrschluesse der Menschen sind diese: eine Sache existirt, also hat sie ein Recht. Hier wird aus der Lebensfaehigkeit auf die Zweckmaessigkeit, aus der Zweckmaessigkeit auf die Rechtmaessigkeit geschlossen. Sodann: eine Meinung beglueckt, also ist sie die wahre, ihre Wirkung ist gut, also ist sie selber gut und wahr. Hier legt man der Wirkung das Praedicat beglueckend, gut, im Sinne des Nuetzlichen, bei und versieht nun die Ursache mit dem selben Praedicat gut, aber hier im Sinne des Logisch-Gueltigen. Die Umkehrung der Saetze lautet: eine Sache kann sich nicht durchsetzen, erhalten, also ist sie unrecht; eine Meinung quaelt, regt auf, also ist sie falsch. Der Freigeist, der das Fehlerhafte dieser Art zu schliessen nur allzu haeufig kennen lernt und an ihren Folgen zu leiden hat, unterliegt oft der Verfuehrung, die entgegengesetzten Schluesse zu machen, welche im Allgemeinen natuerlich ebenso sehr Irrschluesse sind: eine Sache kann sich nicht durchsetzen, also ist sie gut; eine Meinung macht Noth, beunruhigt, also ist sie wahr. 31. Das Unlogische nothwendig. - Zu den Dingen, welche einen Denker in Verzweifelung bringen koennen, gehoert die Erkenntniss, dass das Unlogische fuer den Menschen noethig ist, und dass aus dem Unlogischen vieles Gute entsteht. Es steckt so fest in den Leidenschaften, in der Sprache, in der Kunst, in der Religion und ueberhaupt in Allem, was dem Leben Werth verleiht, dass man es nicht herausziehen kann, ohne damit diese schoenen Dinge heillos zu beschaedigen. Es sind nur die allzu naiven Menschen, welche glauben koennen, dass die Natur des Menschen in eine rein logische verwandelt werden koenne; wenn es aber Grade der Annaeherung an dieses Ziel geben sollte, was wuerde da nicht Alles auf diesem Wege verloren gehen muessen! Auch der vernuenftigste Mensch bedarf von Zeit zu Zeit wieder der Natur, das heisst seiner unlogischen Grundstellung zu allen Dingen. 32. Ungerechtsein nothwendig. - Alle Urtheile ueber den Werth des Lebens sind unlogisch entwickelt und desshalb ungerecht. Die Unreinheit des Urtheils liegt erstens in der Art, wie das Material vorliegt, naemlich sehr unvollstaendig, zweitens in der Art, wie daraus die Summe gebildet wird, und drittens darin, dass jedes einzelne Stueck des Materials wieder das Resultat unreinen Erkennens ist und zwar diess mit voller Nothwendigkeit. Keine Erfahrung zum Beispiel ueber einen Menschen, stuende er uns auch noch so nah, kann vollstaendig sein, so dass wir ein logisches Recht zu einer Gesammtabschaetzung desselben haetten; alle Schaetzungen sind voreilig und muessen es sein. Endlich ist das Maass, womit wir messen, unser Wesen, keine unabaenderliche Groesse, wir haben Stimmungen und Schwankungen, und doch muessten wir uns selbst als ein festes Maass kennen, um das Verhaeltniss irgend einer Sache zu uns gerecht abzuschaetzen. Vielleicht wird aus alledem folgen, dass man gar nicht urtheilen sollte; wenn man aber nur leben koennte, ohne abzuschaetzen, ohne Abneigung und Zuneigung zu haben! - denn alles Abgeneigtsein haengt mit einer Schaetzung zusammen, ebenso alles Geneigtsein. Ein Trieb zu Etwas oder von Etwas weg, ohne ein Gefuehl davon, dass man das Foerderliche wolle, dem Schaedlichen ausweiche, ein Trieb ohne eine Art von erkennender Abschaetzung ueber den Werth des Zieles, existirt beim Menschen nicht. Wir sind von vornherein unlogische und daher ungerechte Wesen, und koennen diess erkennen: diess ist eine der groessten und unaufloesbarsten Disharmonien des Daseins. 33. Der Irrthum ueber das Leben zum Leben nothwendig. - Jeder Glaube an Werth und Wuerdigkeit des Lebens beruht auf unreinem Denken; er ist allein dadurch moeglich, dass das Mitgefuehl fuer das allgemeine Leben und Leiden der Menschheit sehr schwach im Individuum entwickelt ist. Auch die seltneren Menschen, welche ueberhaupt ueber sich hinaus denken, fassen nicht dieses allgemeine Leben, sondern abgegraenzte Theile desselben in's Auge. Versteht man es, sein Augenmerk vornehmlich auf Ausnahmen, ich meine auf die hohen Begabungen und die reinen Seelen zu richten, nimmt man deren Entstehung zum Ziel der ganzen Weltentwickelung und erfreut sich an deren Wirken, so mag man an den Werth des Lebens glauben, weil man naemlich die anderen Menschen dabei uebersieht: also unrein denkt. Und ebenso, wenn man zwar alle Menschen in's Auge fasst, aber in ihnen nur eine Gattung von Trieben, die weniger egoistischen, gelten laesst und sie in Betreff der anderen Triebe entschuldigt: dann kann man wiederum von der Menschheit im Ganzen Etwas hoffen und insofern an den Werth des Lebens glauben: also auch in diesem Falle durch Unreinheit des Denkens. Mag man sich aber so oder so verhalten, man ist mit diesem Verhalten eine Ausnahme unter den Menschen. Nun ertragen aber gerade die allermeisten Menschen das Leben, ohne erheblich zu murren, und glauben somit an den Werth des Daseins, aber gerade dadurch, dass sich jeder allein will und behauptet, und nicht aus sich heraustritt wie jene Ausnahmen: alles Ausserpersoenliche ist ihnen gar nicht oder hoechstens als ein schwacher Schatten bemerkbar. Also darauf allein beruht der Werth des Lebens fuer den gewoehnlichen, alltaeglichen Menschen, dass er sich wichtiger nimmt, als die Welt. Der grosse Mangel an Phantasie, an dem er leidet, macht, dass er sich nicht in andere Wesen hineinfuehlen kann und daher so wenig als moeglich an ihrem Loos und Leiden theilnimmt. Wer dagegen wirklich daran theilnehmen koennte, muesste am Werthe des Lebens verzweifeln; gelaenge es ihm, das Gesammtbewusstsein der Menschheit in sich zu fassen und zu empfinden, er wuerde mit einem Fluche gegen das Dasein zusammenbrechen, - denn die Menschheit hat im Ganzen keine Ziele, folglich kann der Mensch, in Betrachtung des ganzen Verlaufes, nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine Verzweifelung. Sieht er bei Allem, was er thut, auf die letzte Ziellosigkeit der Menschen, so bekommt sein eigenes Wirken in seinen Augen den Charakter der Vergeudung. Sich aber als Menschheit (und nicht nur als Individuum) ebenso vergeudet zu fuehlen, wie wir die einzelne Bluethe von der Natur vergeudet sehen, ist ein Gefuehl ueber alle Gefuehle. - Wer ist aber desselben faehig? Gewiss nur ein Dichter: und Dichter wissen sich immer zu troesten. 34. Zur Beruhigung.- Aber wird so unsere Philosophie nicht zur Tragoedie? Wird die Wahrheit nicht dem Leben, dem Besseren feindlich? Eine Frage scheint uns die Zunge zu beschweren und doch nicht laut werden zu wollen: ob man bewusst in der Unwahrheit bleiben koenne? oder, wenn man diess muesse, ob da nicht der Tod vorzuziehen sei? Denn ein Sollen giebt es nicht mehr; die Moral, insofern sie ein Sollen war, ist ja durch unsere Betrachtungsart ebenso vernichtet wie die Religion. Die Erkenntniss kann als Motive nur Lust und Unlust, Nutzen und Schaden bestehen lassen: wie aber werden diese Motive sich mit dem Sinne fuer Wahrheit auseinandersetzen? Auch sie beruehren sich ja mit Irrthuemern (insofern, wie gesagt, Neigung und Abneigung und ihre sehr ungerechten Messungen unsere Lust und Unlust wesentlich bestimmen). Das ganze menschliche Leben ist tief in die Unwahrheit eingesenkt; der Einzelne kann es nicht aus diesem Brunnen herausziehen, ohne dabei seiner Vergangenheit aus tiefstem Grunde gram zu werden, ohne seine gegenwaertigen Motive, wie die der Ehre, ungereimt zu finden und den Leidenschaften, welche zur Zukunft und zu einem Glueck in derselben hindraengen, Hohn und Verachtung entgegenzustellen. Ist es wahr, bliebe einzig noch eine Denkweise uebrig, welche als persoenliches Ergebniss die Verzweifelung, als theoretisches eine Philosophie der Zerstoerung nach sich zoege? - Ich glaube, die Entscheidung ueber die Nachwirkung der Erkenntniss wird durch das Temperament eines Menschen gegeben: ich koennte mir eben so gut, wie jene geschilderte und bei einzelnen Naturen moegliche Nachwirkung, eine andere denken, vermoege deren ein viel einfacheres, von Affecten reineres Leben entstuende, als das jetzige ist: so dass zuerst zwar die alten Motive des heftigeren Begehrens noch Kraft haetten, aus alter vererbter Gewoehnung her, allmaehlich aber unter dem Einflusse der reinigenden Erkenntniss schwaecher wuerden. Man lebte zuletzt unter den Menschen und mit sich wie in der Natur, ohne Lob, Vorwuerfe, Ereiferung, an Vielem sich wie an einem Schauspiel weidend, vor dem man sich bisher nur zu fuerchten hatte. Man waere die Emphasis los und wuerde die Anstachelung des Gedankens, dass man nicht nur Natur oder mehr als Natur sei, nicht weiter empfinden. Freilich gehoerte hierzu, wie gesagt, ein gutes Temperament, eine gefestete, milde und im Grunde frohsinnige Seele, eine Stimmung, welche nicht vor Tuecken und ploetzlichen Ausbruechen auf der Hut zu sein brauchte und in ihren Aeusserungen Nichts von dem knurrenden Tone und der Verbissenheit an sich truege, - jenen bekannten laestigen Eigenschaften alter Hunde und Menschen, die lange an der Kette gelegen haben. Vielmehr muss ein Mensch, von dem in solchem Maasse die gewoehnlichen Fesseln des Lebens abgefallen sind, dass er nur deshalb weiter lebt, um immer besser zu erkennen, auf Vieles, ja fast auf Alles, was bei den anderen Menschen Werth hat, ohne Neid und Verdruss verzichten koennen, ihm muss als der wuenschenswertheste Zustand jenes freie, furchtlose Schweben ueber Menschen, Sitten, Gesetzen und den herkoemmlichen Schaetzungen der Dinge genuegen. Die Freude an diesem Zustande theilt er gerne mit und er hat vielleicht nichts Anderes mitzutheilen, - worin freilich eine Entbehrung, eine Entsagung mehr liegt. Will man aber trotzdem mehr von ihm, so wird er mit wohlwollendem Kopfschuetteln auf seinen Bruder hinweisen, den freien Menschen der That, und vielleicht ein Wenig Spott nicht verhehlen: denn mit dessen "Freiheit" hat es eine eigene Bewandtniss. Zweites Hauptstueck. Zur Geschichte der moralischen Empfindungen. 35. Vortheile der psychologischen Beobachtung. - Dass das Nachdenken ueber Menschliches, Allzumenschliches - oder wie der gelehrtere Ausdruck lautet: die psychologische Beobachtung - zu den Mitteln gehoere, vermoege deren man sich die Last des Lebens erleichtern koenne, dass die Uebung in dieser Kunst Geistesgegenwart in schwierigen Lagen und Unterhaltung inmitten einer langweiligen Umgebung verleihe, ja dass man den dornenvollsten und unerfreulichsten Strichen des eigenen Lebens Sentenzen abpfluecken und sich dabei ein Wenig wohler fuehlen koenne: das glaubte man, wusste man - in frueheren Jahrhunderten. Warum vergass es dieses Jahrhundert, wo wenigstens in Deutschland, ja in Europa, die Armuth an psychologischer Beobachtung durch viele Zeichen sich zu erkennen giebt? Nicht gerade in Roman, Novelle und philosophischer Betrachtung, - diese sind das Werk von Ausnahmemenschen; schon mehr in der Beurtheilung oeffentlicher Ereignisse und Persoenlichkeiten: vor Allem aber fehlt die Kunst der psychologischen Zergliederung und Zusammenrechnung in der Gesellschaft aller Staende, in der man wohl viel ueber Menschen, aber gar nicht ueber den Menschen spricht. Warum doch laesst man sich den reichsten und harmlosesten Stoff der Unterhaltung entgehen? Warum liest man nicht einmal die grossen Meister der psychologischen Sentenz mehr? - denn, ohne jede Uebertreibung gesprochen: der Gebildete in Europa, der La Rochefoucauld und seine Geistes- und Kunstverwandten gelesen hat, ist selten zu finden; und noch viel seltener Der, welcher sie kennt und sie nicht schmaeht. Wahrscheinlich wird aber auch dieser ungewoehnliche Leser viel weniger Freude an ihnen haben, als die Form jener Kuenstler ihm geben sollte; denn selbst der feinste Kopf ist nicht vermoegend, die Kunst der Sentenzen-Schleiferei gebuehrend zu wuerdigen, wenn er nicht selber zu ihr erzogen ist, in ihr gewetteifert hat. Man nimmt, ohne solche practische Belehrung, dieses Schaffen und Formen fuer leichter als es ist, man fuehlt das Gelungene und Reizvolle nicht scharf genug heraus. Desshalb haben die jetzigen Leser von Sentenzen ein verhaeltnissmaessig unbedeutendes Vergnuegen an ihnen, ja kaum einen Mund voll Annehmlichkeit, so dass es ihnen ebenso geht, wie den gewoehnlichen Betrachtern von Kameen: als welche loben, weil sie nicht lieben koennen und schnell bereit sind zu bewundern, schneller aber noch, fortzulaufen. 36. Einwand.- Oder sollte es gegen jenen Satz, dass die psychologische Beobachtung zu den Reiz-, Heil- und Erleichterungsmitteln des Daseins gehoere, eine Gegenrechnung geben? Sollte man sich genug von den unangenehmen Folgen dieser Kunst ueberzeugt haben, um jetzt mit Absichtlichkeit den Blick der sich Bildenden von ihr abzulenken? In der That, ein gewisser blinder Glaube an die Guete der menschlichen Natur, ein eingepflanzter Widerwille vor der Zerlegung menschlicher Handlungen, eine Art Schamhaftigkeit in Hinsicht auf die Nacktheit der Seele moegen wirklich fuer das gesammte Glueck eines Menschen wuenschenswerthere Dinge sein, als jene, in einzelnen Faellen hilfreiche Eigenschaft der psychologischen Scharfsichtigkeit; und vielleicht hat der Glaube an das Gute, an tugendhafte Menschen und Handlungen, an eine Fuelle des unpersoenlichen Wohlwollens in der Welt die Menschen besser gemacht, insofern er dieselben weniger misstrauisch machte. Wenn man die Helden Plutarch's mit Begeisterung nachahmt, und einen Abscheu davor empfindet, den Motiven ihres Handelns anzweifelnd nachzuspueren, so hat zwar nicht die Wahrheit, aber die Wohlfahrt der menschlichen Gesellschaft ihren Nutzen dabei: der psychologische Irrthum und ueberhaupt die Dumpfheit auf diesem Gebiete hilft der Menschlichkeit vorwaerts, waehrend die Erkenntniss der Wahrheit vielleicht durch die anregende Kraft einer Hypothese mehr gewinnt, wie sie La Rochefoucauld der ersten Ausgabe seiner "Sentences et maximes morales" vorangestellt hat: "Ce que le monde nomme vertu n'est d'ordinaire qu'un fantoame forme par nos passions, a qui on donne un nom honnete pour faire impunement ce qu'on veut." La Rochefoucauld und jene anderen franzoesischen Meister der Seelenpruefung (denen sich neuerdings auch ein Deutscher, der Verfasser der "Psychologischen Beobachtungen" zugesellt hat) gleichen scharf zielenden Schuetzen, welche immer und immer wieder in's Schwarze treffen, - aber in's Schwarze der menschlichen Natur. Ihr Geschick erregt Staunen, aber endlich verwuenscht ein Zuschauer, der nicht vom Geiste der Wissenschaft, sondern der Menschenfreundlichkeit geleitet wird, eine Kunst, welche den Sinn der Verkleinerung und Verdaechtigung in die Seelen der Menschen zu pflanzen scheint. 37. Trotzdem.- Wie es sich nun mit Rechnung und Gegenrechnung verhalte: in dem gegenwaertigen Zustande einer bestimmten einzelnen Wissenschaft ist die Auferweckung der moralischen Beobachtung noethig geworden, und der grausame Anblick des psychologischen Secirtisches und seiner Messer und Zangen kann der Menschheit nicht erspart bleiben. Denn hier gebietet jene Wissenschaft, welche nach Ursprung und Geschichte der sogenannten moralischen Empfindungen fragt und welche im Fortschreiten die verwickelten sociologischen Probleme aufzustellen und zu loesen hat: - die aeltere Philosophie kennt die letzteren gar nicht und ist der Untersuchung von Ursprung und Geschichte der moralischen Empfindungen unter duerftigen Ausfluechten immer aus dem Wege gegangen. Mit welchen Folgen: das laesst sich jetzt sehr deutlich ueberschauen, nachdem an vielen Beispielen nachgewiesen ist, wie die Irrthuemer der groessten Philosophen gewoehnlich ihren Ausgangspunct in einer falschen Erklaerung bestimmter menschlicher Handlungen und Empfindungen haben, wie auf Grund einer irrthuemlichen Analysis, zum Beispiel der sogenannten unegoistischen Handlungen, eine falsche Ethik sich aufbaut, dieser zu Gefallen dann wiederum Religion und mythologisches Unwesen zu Huelfe genommen werden, und endlich die Schatten dieser trueben Geister auch in die Physik und die gesammte Weltbetrachtung hineinfallen. Steht es aber fest, dass die Oberflaechlichkeit der psychologischen Beobachtung dem menschlichen Urtheilen und Schliessen die gefaehrlichsten Fallstricke gelegt hat und fortwaehrend von Neuem legt, so bedarf es jetzt jener Ausdauer der Arbeit, welche nicht muede wird, Steine auf Steine, Steinchen auf Steinchen zu haeufen, so bedarf es der enthaltsamen Tapferkeit, um sich einer solchen bescheidenen Arbeit nicht zu schaemen und jeder Missachtung derselben Trotz zu bieten. Es ist wahr: zahllose einzelne Bemerkungen ueber Menschliches und Allzumenschliches sind in Kreisen der Gesellschaft zuerst entdeckt und ausgesprochen worden, welche gewohnt waren, nicht der wissenschaftlichen Erkenntniss, sondern einer geistreichen Gefallsucht jede Art von Opfern darzubringen; und fast unloesbar hat sich der Duft jener alten Heimath der moralistischen Sentenz - ein sehr verfuehrerischer Duft - der ganzen Gattung angehaengt: so dass seinetwegen der wissenschaftliche Mensch unwillkuerlich einiges Misstrauen gegen diese Gattung und ihre Ernsthaftigkeit merken laesst. Aber es genuegt, auf die Folgen zu verweisen: denn schon jetzt beginnt sich zu zeigen, welche Ergebnisse ernsthaftester Art auf dem Boden der psychologischen Beobachtung aufwachsen. Welches ist doch der Hauptsatz zu dem einer der kuehnsten und kaeltesten Denker, der Verfasser des Buches "Ueber den Ursprung der moralischen Empfindungen" vermoege seiner ein- und durchschneidenden Analysen des menschlichen Handelns gelangt? "Der moralische Mensch, sagt er, steht der intelligiblen (metaphysischen) Welt nicht naeher, als der physische Mensch." Dieser Satz, hart und schneidig geworden unter dem Hammerschlag der historischen Erkenntniss, kann vielleicht einmal, in irgendwelcher Zukunft, als die Axt dienen, welche dem "metaphysischen Beduerfniss" der Menschen an die Wurzel gelegt wird, - ob mehr zum Segen, als zum Fluche der allgemeinen Wohlfahrt, wer wuesste das zu sagen? - aber jedenfalls als ein Satz der erheblichsten Folgen, fruchtbar und furchtbar zugleich, und mit jenem Doppelgesichte in die Welt sehend, welches alle grossen Erkenntnisse haben. 38. Inwiefern nuetzlich. - Also: ob die psychologische Beobachtung mehr Nutzen oder Nachtheil ueber die Menschen bringe, das bleibe immerhin unentschieden; aber fest steht, dass sie nothwendig ist, weil die Wissenschaft ihrer nicht entrathen kann. Die Wissenschaft aber kennt keine Ruecksichten auf letzte Zwecke, ebenso wenig als die Natur sie kennt: sondern wie diese gelegentlich Dinge von der hoechsten Zweckmaessigkeit zu Stande bringt, ohne sie gewollt zu haben, so wird auch die aechte Wissenschaft, als die Nachahmung der Natur in Begriffen, den Nutzen und die Wohlfahrt der Menschen gelegentlich, ja vielfach, foerdern und das Zweckmaessige erreichen, - aber ebenfalls ohne es gewollt zu haben. Wem es aber bei dem Anhauche einer solchen Betrachtungsart gar zu winterlich zu Muthe wird, der hat vielleicht nur zu wenig Feuer in sich: er moege sich indessen umsehen und er wird Krankheiten wahrnehmen, in denen Eisumschlaege noth thun, und Menschen, welche so aus Gluth und Geist "zusammengeknetet" sind, dass sie kaum irgendwo die Luft kalt und schneidend genug fuer sich finden. Ueberdiess: wie allzu ernste Einzelne und Voelker ein Beduerfniss nach Leichtfertigkeiten haben, wie andere allzu Erregbare und Bewegliche zeitweilig schwere niederdrueckende Lasten zu ihrer Gesundheit noethig haben: sollten wir, die geistigeren Menschen eines Zeitalters, welches ersichtlich immer mehr in Brand geraeth, nicht nach allen loeschenden und kuehlenden Mitteln, die es giebt, greifen muessen, damit wir wenigstens so stetig, harmlos und maessig bleiben, als wir es noch sind, und so vielleicht einmal dazu brauchbar werden, diesem Zeitalter als Spiegel und Selbstbesinnung ueber sich zu dienen? - 39. Die Fabel von der intelligibelen Freiheit. - Die Geschichte der Empfindungen, vermoege deren wir jemanden verantwortlich machen, also der sogenannten moralischen Empfindungen verlaeuft, in folgenden Hauptphasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen gut oder boese ohne alle Ruecksicht auf deren Motive, sondern allein der nuetzlichen oder schaedlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man die Herkunft dieser Bezeichnungen und waehnt, dass den Handlungen an sich, ohne Ruecksicht auf deren Folgen, die Eigenschaft "gut" oder "boese" innewohne: mit demselben Irrthume, nach welchem die Sprache den Stein selber als hart, den Baum selber als gruen bezeichnet - also dadurch, dass man, was Wirkung ist, als Ursache fasst. Sodann legt man das Gut- oder Boese-sein in die Motive hinein und betrachtet die Thaten an sich als moralisch zweideutig. Man geht weiter und giebt das Praedicat gut oder boese nicht mehr dem einzelnen Motive, sondern dem ganzen Wesen eines Menschen, aus dem das Motiv, wie die Pflanze aus dem Erdreich, herauswaechst. So macht man der Reihe nach den Menschen fuer seine Wirkungen, dann fuer seine Handlungen, dann fuer seine Motive und endlich fuer sein Wesen verantwortlich. Nun entdeckt man schliesslich, dass auch dieses Wesen nicht verantwortlich sein kann, insofern es ganz und gar nothwendige Folge ist und aus den Elementen und Einfluessen vergangener und gegenwaertiger Dinge concrescirt: also dass der Mensch fuer Nichts verantwortlich zu machen ist, weder fuer sein Wesen, noch seine Motive, noch seine Handlungen, noch seine Wirkungen. Damit ist man zur Erkenntniss gelangt, dass die Geschichte der moralischen Empfindungen die Geschichte eines Irrthums, des Irrthums von der Verantwortlichkeit ist: als welcher auf dem Irrthum von der Freiheit des Willens ruht. -Schopenhauer schloss dagegen so: weil gewisse Handlungen Unmuth ("Schuldbewusstsein") nach sich ziehen, so muss es eine Verantwortlichkeit geben; denn zu diesem Unmuth waere kein Grund vorhanden, wenn nicht nur alles Handeln des Menschen mit Nothwendigkeit verliefe - wie es thatsaechlich, und auch nach der Einsicht dieses Philosophen, verlaeuft -, sondern der Mensch selber mit der selben Nothwendigkeit sein ganzes Wesen erlangte, - was Schopenhauer leugnet. Aus der Thatsache jenes Unmuthes glaubt Schopenhauer eine Freiheit beweisen zu koennen, welche der Mensch irgendwie gehabt haben muesse, zwar nicht in Bezug auf die Handlungen, aber in Bezug auf das Wesen: Freiheit also, so oder so zu sein, nicht so oder so zu handeln. Aus dem esse, der Sphaere der Freiheit und Verantwortlichkeit, folgt nach seiner Meinung das operari, die Sphaere der strengen Causalitaet, Nothwendigkeit und Unverantwortlichkeit. Jener Unmuth beziehe sich zwar scheinbar auf das operari - insofern sei er irrthuemlich -, in Wahrheit aber auf das esse, welches die That eines freien Willens, die Grundursache der Existenz eines Individuums, sei; der Mensch werde Das, was er werden wolle, sein Wollen sei frueher, als seine Existenz. - Hier wird der Fehlschluss gemacht, dass aus der Thatsache des Unmuthes die Berechtigung, die vernuenftige Zulaessigkeit dieses Unmuthes geschlossen wird; und von jenem Fehlschluss aus kommt Schopenhauer zu seiner phantastischen Consequenz der sogenannten intelligibelen Freiheit. Aber der Unmuth nach der That braucht gar nicht vernuenftig zu sein: ja er ist es gewiss nicht, denn er ruht auf der irrthuemlichen Voraussetzung, dass die That eben nicht nothwendig haette erfolgen muessen. Also: weil sich der Mensch fuer frei haelt, nicht aber weil er frei ist, empfindet er Reue und Gewissensbisse. - Ueberdiess ist dieser Unmuth Etwas, das man sich abgewoehnen kann, bei vielen Menschen ist er in Bezug auf Handlungen gar nicht vorhanden, bei welchen viele andere Menschen ihn empfinden. Er ist eine sehr wandelbare, an die Entwickelung der Sitte und Cultur geknuepfte Sache und vielleicht nur in einer verhaeltnissmaessig kurzen Zeit der Weltgeschichte vorhanden. -Niemand ist fuer seine Thaten verantwortlich, Niemand fuer sein Wesen; richten ist soviel als ungerecht sein. Diess gilt auch, wenn das Individuum ueber sich selbst richtet. Der Satz ist so hell wie Sonnenlicht, und doch geht hier jedermann lieber in den Schatten und die Unwahrheit zurueck: aus Furcht vor den Folgen. 40. Das Ueber-Thier. - Die Bestie in uns will belogen werden; Moral ist Nothluege, damit wir von ihr nicht zerrissen werden. Ohne die Irrthuemer, welche in den Annahmen der Moral liegen, waere der Mensch Thier geblieben. So aber hat er sich als etwas Hoeheres genommen und sich strengere Gesetze auferlegt. Er hat desshalb einen Hass gegen die der Thierheit naeher gebliebenen Stufen: woraus die ehemalige Missachtung des Sclaven, als eines Nicht-Menschen, als einer Sache zu erklaeren ist. 41. Der unveraenderliche Charakter. - Dass der Charakter unveraenderlich sei, ist nicht im strengen Sinne wahr; vielmehr heisst dieser beliebte Satz nur so viel, dass waehrend der kurzen Lebensdauer eines Menschen die einwirkenden Motive gewoehnlich nicht tief genug ritzen koennen, um die aufgepraegten Schriftzuege vieler Jahrtausende zu zerstoeren. Daechte man sich aber einen Menschen von achtzigtausend Jahren, so haette man an ihm sogar einen absolut veraenderlichen Charakter: so dass eine Fuelle verschiedener Individuen sich nach und nach aus ihm entwickelte. Die Kuerze des menschlichen Lebens verleitet zu manchen irrthuemlichen Behauptungen ueber die Eigenschaften des Menschen. 42. Die Ordnung der Gueter und die Moral. - Die einmal angenommene Rangordnung der Gueter, je nachdem ein niedriger, hoeherer, hoechster Egoismus das Eine oder das Andere will, entscheidet jetzt ueber das Moralisch-sein oder Unmoralisch-sein. Ein niedriges Gut (zum Beispiel Sinnengenuss) einem hoeher geschaetzten (zum Beispiel Gesundheit) vorziehen, gilt als unmoralisch, ebenso Wohlleben der Freiheit vorziehen. Die Rangordnung der Gueter ist aber keine zu allen Zeiten feste und gleiche; wenn jemand Rache der Gerechtigkeit vorzieht, so ist er nach dem Maassstabe einer frueheren Cultur moralisch, nach dem der jetzigen unmoralisch. "Unmoralisch" bezeichnet also, dass Einer die hoeheren, feineren, geistigeren Motive, welche die jeweilen neue Cultur hinzugebracht hat, noch nicht oder noch nicht stark genug empfindet: es bezeichnet einen Zurueckgebliebenen, aber immer nur dem Gradunterschied nach. - Die Rangordnung der Gueter selber wird nicht nach moralischen Gesichtspuncten auf- und umgestellt; wohl aber wird nach ihrer jedesmaligen Festsetzung darueber entschieden, ob eine Handlung moralisch oder unmoralisch sei. 43. Grausame Menschen als zurueckgeblieben. - Die Menschen, welche jetzt grausam sind, muessen uns als Stufen frueherer Culturen gelten, welche uebrig geblieben sind: das Gebirge der Menschheit zeigt hier einmal die tieferen Formationen, welche sonst versteckt liegen, offen. Es sind zurueckgebliebene Menschen, deren Gehirn, durch alle moeglichen Zufaelle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und vielseitig fortgebildet worden ist. Sie zeigen uns, was wir Alle waren, und machen uns erschrecken: aber sie selber sind so wenig verantwortlich, wie ein Stueck Granit dafuer, dass es Granit ist. In unserm Gehirne muessen sich auch Rinnen und Windungen finden, welche jener Gesinnung entsprechen, wie sich in der Form einzelner menschlicher Organe Erinnerungen an Fischzustaende finden sollen. Aber diese Rinnen und Windungen sind nicht mehr das Bett, in welchem sich jetzt der Strom unserer Empfindung waelzt. 44. Dankbarkeit und Rache. - Der Grund, wesshalb der Maechtige dankbar ist, ist dieser. Sein Wohlthaeter hat sich durch seine Wohlthat an der Sphaere des Maechtigen gleichsam vergriffen und sich in sie eingedraengt: nun vergreift er sich zur Vergeltung wieder an der Sphaere des Wohlthaeters durch den Act der Dankbarkeit. Es ist eine mildere Form der Rache. Ohne die Genugthuung der Dankbarkeit zu haben, wuerde der Maechtige sich unmaechtig gezeigt haben und fuerderhin dafuer gelten. Desshalb stellt jede Gesellschaft der Guten, das heisst urspruenglich der Maechtigen, die Dankbarkeit unter die ersten Pflichten. - Swift hat den Satz hingeworfen, dass Menschen in dem selben Verhaeltniss dankbar sind, wie sie Rache hegen. 45. Doppelte Vorgeschichte von Gut und Boese. - Der Begriff gut und boese hat eine doppelte Vorgeschichte: naemlich einmal in der Seele der herrschenden Staemme und Kasten. Wer die Macht zu vergelten hat, Gutes mit Gutem, Boeses mit Boesem, und auch wirklich Vergeltung uebt, also dankbar und rachsuechtig ist, der wird gut genannt; wer unmaechtig ist und nicht vergelten kann, gilt als schlecht. Man gehoert als Guter zu den "Guten", einer Gemeinde, welche Gemeingefuehl hat, weil alle Einzelnen durch den Sinn der Vergeltung mit einander verflochten sind. Man gehoert als Schlechter zu den "Schlechten", zu einem Haufen unterworfener, ohnmaechtiger Menschen, welche kein Gemeingefuehl haben. Die Guten sind eine Kaste, die Schlechten eine Masse wie Staub. Gut und schlecht ist eine Zeit lang so viel wie vornehm und niedrig, Herr und Sclave. Dagegen sieht man den Feind nicht als boese an: er kann vergelten. Der Troer und der Grieche sind bei Homer beide gut. Nicht Der, welcher uns Schaedliches zufuegt, sondern Der, welcher veraechtlich ist, gilt als schlecht. In der Gemeinde der Guten vererbt sich das Gute; es ist unmoeglich, dass ein Schlechter aus so gutem Erdreiche hervorwachse. Thut trotzdem Einer der Guten Etwas, das der Guten unwuerdig ist, so verfaellt man auf Ausfluechte; man schiebt zum Beispiel einem Gott die Schuld zu, indem man sagt: er habe den Guten mit Verblendung und Wahnsinn geschlagen. - Sodann in der Seele der Unterdrueckten, Machtlosen. Hier gilt jeder andere Mensch als feindlich, ruecksichtslos, ausbeutend, grausam, listig, sei er vornehm oder niedrig; boese ist das Charakterwort fuer Mensch, ja fuer jedes lebende Wesen, welches man voraussetzt, zum Beispiel fuer einen Gott; menschlich, goettlich gilt so viel wie teuflisch, boese. Die Zeichen der Guete, Huelfebereitschaft, Mitleid, werden angstvoll als Tuecke, Vorspiel eines schrecklichen Ausgangs, Betaeubung und Ueberlistung aufgenommen, kurz als verfeinerte Bosheit. Bei einer solchen Gesinnung des Einzelnen kann kaum ein Gemeinwesen entstehen, hoechstens die roheste Form desselben: so dass ueberall, wo diese Auffassung von gut und boese herrscht, der Untergang der Einzelnen, ihrer Staemme und Rassen nahe ist. - Unsere jetzige Sittlichkeit ist auf dem Boden der herrschenden Staemme und Kasten aufgewachsen. 46. Mitleiden staerker als Leiden. - Es giebt Faelle, wo das Mitleiden staerker ist, als das eigentliche Leiden. Wir empfinden es zum Beispiel schmerzlicher, wenn einer unserer Freunde sich etwas Schmaehliches zu Schulden kommen laesst, als wenn wir selbst es thun. Einmal naemlich glauben wir mehr an die Reinheit seines Charakters, als er; sodann ist unsere Liebe zu ihm, wahrscheinlich eben dieses Glaubens wegen, staerker, als seine Liebe zu sich selbst. Wenn auch wirklich sein Egoismus mehr dabei leidet, als unser Egoismus, insofern er die uebelen Folgen seines Vergehens staerker zu tragen hat, so wird das Unegoistische in uns - dieses Wort ist nie streng zu verstehen, sondern nur eine Erleichterung des Ausdrucks - doch staerker durch seine Schuld betroffen, als das Unegoistische in ihm. 47. Hypochondrie.- Es giebt Menschen, welche aus Mitgefuehl und Sorge fuer eine andere Person hypochondrisch werden; die dabei entstehende Art des Mitleidens ist nichts Anderes, als eine Krankheit. So giebt es auch eine christliche Hypochondrie, welche jene einsamen, religioes bewegten Leute befaellt, die sich das Leiden und Sterben Christi fortwaehrend vor Augen stellen. 48. Oekonomie der Guete. - Die Guete und Liebe als die heilsamsten Kraeuter und Kraefte im Verkehre der Menschen sind so kostbare Funde, dass man wohl wuenschen moechte, es werde in der Verwendung dieser balsamischen Mittel so oekonomisch wie moeglich verfahren: doch ist diess unmoeglich. Die Oekonomie der Guete ist der Traum der verwegensten Utopisten. 49. Wohlwollen.- Unter die kleinen, aber zahllos haeufigen und desshalb sehr wirkungsvollen Dinge, auf welche die Wissenschaft mehr Acht zu geben hat, als auf die grossen seltenen Dinge, ist auch das Wohlwollen zu rechnen; ich meine jene Aeusserungen freundlicher Gesinnung im Verkehr, jenes Laecheln des Auges, jene Haendedruecke, jenes Behagen, von welchem fuer gewoehnlich fast alles menschliche Thun umsponnen ist. Jeder Lehrer, jeder Beamte bringt diese Zuthat zu dem, was fuer ihn Pflicht ist, hinzu; es ist die fortwaehrende Bethaetigung der Menschlichkeit, gleichsam die Wellen ihres Lichtes, in denen Alles waechst; namentlich im engsten Kreise, innerhalb der Familie, gruent und blueht das Leben nur durch jenes Wohlwollen. Die Gutmuethigkeit, die Freundlichkeit, die Hoeflichkeit des Herzens sind immerquellende Ausfluesse des unegoistischen Triebes und haben viel maechtiger an der Cultur gebaut, als jene viel beruehmteren Aeusserungen desselben, die man Mitleiden, Barmherzigkeit und Aufopferung nennt. Aber man pflegt sie geringzuschaetzen, und in der That: es ist nicht gerade viel Unegoistisches daran. Die Summe dieser geringen Dosen ist trotzdem gewaltig, ihre gesammte Kraft gehoert zu den staerksten Kraeften. - Ebenso findet man viel mehr Glueck in der Welt, als truebe Augen sehen: wenn man naemlich richtig rechnet, und nur alle jene Momente des Behagens, an welchen jeder Tag in jedem, auch dem bedraengtesten Menschenleben reich ist, nicht vergisst. 50. Mitleiden erregen wollen.- La Rochefoucauld trifft in der bemerkenswerthesten Stelle seines Selbst-Portraits (zuerst gedruckt 1658) gewiss das Rechte, wenn er alle Die, welche Vernunft haben, vor dem Mitleiden warnt, wenn er raeth, dasselbe den Leuten aus dem Volke zu ueberlassen, die der Leidenschaften beduerfen (weil sie nicht durch Vernunft bestimmt werden), um so weit gebracht zu werden, dem Leidenden zu helfen und bei einem Unglueck kraeftig einzugreifen; waehrend das Mitleiden, nach seinem (und Plato's) Urtheil, die Seele entkraefte. Freilich solle man Mitleiden bezeugen, aber sich hueten, es zu haben: denn die Ungluecklichen seien nun einmal so dumm, dass bei ihnen das Bezeugen von Mitleid das groesste Gut von der Welt ausmache. - Vielleicht kann man noch staerker vor diesem Mitleid-haben warnen, wenn man jenes Beduerfniss der Ungluecklichen nicht gerade als Dummheit und intellectuellen Mangel, als eine Art Geistesstoerung fasst, welche das Unglueck mit sich bringt (und so scheint es ja La Rochefoucauld zu fassen), sondern als etwas ganz Anderes und Bedenklicheres versteht. Vielmehr beobachte man Kinder, welche weinen und Schreien, damit sie bemitleidet werden, und desshalb den Augenblick abwarten, wo ihr Zustand in die Augen fallen kann; man lebe im Verkehr mit Kranken und Geistig-Gedrueckten und frage sich, ob nicht das beredte Klagen und Wimmern, das Zur-Schau-tragen des Ungluecks im Grunde das Ziel verfolgt, den Anwesenden weh zu thun: das Mitleiden, welches Jene dann aeussern, ist insofern eine Troestung fuer die Schwachen und Leidenden, als sie daran erkennen, doch wenigstens noch Eine Macht zu haben, trotz aller ihrer Schwaeche: die Macht, wehe zu thun. Der Unglueckliche gewinnt eine Art von Lust in diesem Gefuehl der Ueberlegenheit, welches das Bezeugen des Mitleides ihm zum Bewusstsein bringt; seine Einbildung erhebt sich, er ist immer noch wichtig genug, um der Welt Schmerzen zu machen. Somit ist der Durst nach Mitleid ein Durst nach Selbstgenuss, und zwar auf Unkosten der Mitmenschen; es zeigt den Menschen in der ganzen Ruecksichtslosigkeit seines eigensten lieben Selbst: nicht aber gerade in seiner "Dummheit", wie La Rochefoucauld meint. - Im Zwiegespraeche der Gesellschaft werden Dreiviertel aller Fragen gestellt, aller Antworten gegeben, um dem Unterredner ein klein Wenig weh zu thun; desshalb duersten viele Menschen so nach Gesellschaft: sie giebt ihnen das Gefuehl ihrer Kraft. In solchen unzaehligen, aber sehr kleinen Dosen, in welchen die Bosheit sich geltend macht, ist sie ein maechtiges Reizmittel des Lebens: ebenso wie das Wohlwollen, in gleicher Form durch die Menschenwelt hin verbreitet, das allezeit bereite Heilmittel ist. - Aber wird es viele Ehrliche geben, welche zugestehen, dass es Vergnuegen macht, wehe zu thun? dass man sich nicht selten damit unterhaelt - und gut unterhaelt -, anderen Menschen wenigstens in Gedanken Kraenkungen zuzufuegen und die Schrotkoerner der kleinen Bosheit nach ihnen zu schiessen? Die Meisten sind zu unehrlich und ein paar Menschen sind zu gut, um von diesem Pudendum Etwas zu wissen; diese moegen somit immerhin leugnen, dass Prosper Merimee Recht habe, wenn er sagt: "Sachez aussi qu'il n'y a rien de plus commun que de faire le mal pour le plaisir de le faire." 51. Wie der Schein zum Sein wird. - Der Schauspieler kann zuletzt auch beim tiefsten Schmerz nicht aufhoeren, an den Eindruck seiner Person und den gesammten scenischen Effect zu denken, zum Beispiel selbst beim Begraebniss seines Kindes; er wird ueber seinen eignen Schmerz und dessen Aeusserungen weinen, als sein eigener Zuschauer. Der Heuchler, welcher immer ein und die selbe Rolle spielt, hoert zuletzt auf, Heuchler zu sein; zum Beispiel Priester, welche als junge Maenner gewoehnlich bewusst oder unbewusst Heuchler sind, werden zuletzt natuerlich und sind dann wirklich, ohne alle Affectation, eben Priester; oder wenn es der Vater nicht so weit bringt, dann vielleicht der Sohn, der des Vaters Vorsprung benutzt, seine Gewoehnung erbt. Wenn Einer sehr lange und hartnaeckig Etwas scheinen will, so wird es ihm zuletzt schwer, etwas Anderes zu sein. Der Beruf fast jedes Menschen, sogar des Kuenstlers, beginnt mit Heuchelei, mit einem Nachmachen von Aussen her, mit einem Copiren des Wirkungsvollen. Der, welcher immer die Maske freundlicher Mienen traegt, muss zuletzt eine Gewalt ueber wohlwollende Stimmungen bekommen, ohne welche der Ausdruck der Freundlichkeit nicht zu erzwingen ist, - und zuletzt wieder bekommen diese ueber ihn Gewalt, er ist wohlwollend. 52. Der Punct der Ehrlichkeit beim Betruge. - Bei allen grossen Betruegern ist ein Vorgang bemerkenswerth, dem sie ihre Macht verdanken. Im eigentlichen Acte des Betruges unter all den Vorbereitungen, dem Schauerlichen in Stimme, Ausdruck, Gebaerden, inmitten der wirkungsvollen Scenerie, ueberkommt sie der Glaube an sich selbst: dieser ist es, der dann so wundergleich und bezwingend zu den Umgebenden spricht. Die Religionsstifter unterscheiden sich dadurch von jenen grossen Betruegern, dass sie aus diesem Zustande der Selbsttaeuschung nicht herauskommen: oder sie haben ganz selten einmal jene helleren Momente, wo der Zweifel sie ueberwaeltigt; gewoehnlich troesten sie sich aber, diese helleren Momente dem boesen Widersacher zuschiebend. Selbstbetrug muss da sein, damit Diese und jene grossartig wirken. Denn die Menschen glauben an die Wahrheit dessen, was ersichtlich stark geglaubt wird. 53. Angebliche Stufen der Wahrheit. - Einer der gewoehnlichen Fehlschluesse ist der: weil Jemand wahr und aufrichtig gegen uns ist, so sagt er die Wahrheit. So glaubt das Kind an die Urtheile der Eltern, der Christ an die Behauptungen des Stifters der Kirche. Ebenso will man nicht zugeben, dass alles jenes, was die Menschen mit Opfern an Glueck und Leben in frueheren Jahrhunderten vertheidigt haben, Nichts als Irrthuemer waren: vielleicht sagt man, es seien Stufen der Wahrheit gewesen. Aber im Grunde meint man, wenn Jemand ehrlich an Etwas geglaubt und fuer seinen Glauben gekaempft hat und gestorben ist, waere es doch gar zu unbillig, wenn eigentlich nur ein Irrthum ihn beseelt habe. So ein Vorgang scheint der ewigen Gerechtigkeit zu widersprechen; desshalb decretirt das Herz empfindender Menschen immer wieder gegen ihren Kopf den Satz: zwischen moralischen Handlungen und intellectuellen Einsichten muss durchaus ein nothwendiges Band sein. Es ist leider anders; denn es giebt keine ewige Gerechtigkeit. 54. Die Luege. - Wesshalb sagen zu allermeist die Menschen im alltaeglichen Leben die Wahrheit? - Gewiss nicht, weil ein Gott das Luegen verboten hat. Sondern erstens: weil es bequemer ist; denn die Luege erfordert Erfindung, Verstellung und Gedaechtniss. (Wesshalb Swift sagt: wer eine Luege berichtet, merkt selten die schwere Last, die er uebernimmt; er muss naemlich, um eine Luege zu behaupten, zwanzig andere erfinden.) Sodann: weil es in schlichten Verhaeltnissen vortheilhaft ist, direct zu sagen: ich will diess, ich habe diess gethan, und dergleichen; also weil der Weg des Zwangs und der Autoritaet sicherer ist, als der der List. - Ist aber einmal ein Kind in verwickelten haeuslichen Verhaeltnissen aufgezogen worden, so handhabt es ebenso natuerlich die Luege und sagt unwillkuerlich immer Das, was seinem Interesse entspricht; ein Sinn fuer Wahrheit, ein Widerwille gegen die Luege an sich ist ihm ganz fremd und unzugaenglich, und so luegt es in aller Unschuld. 55. Des Glaubens wegen die Moral verdaechtigen. - Keine Macht laesst sich behaupten, wenn lauter Heuchler sie vertreten; die katholische Kirche mag noch so viele "weltliche" Elemente besitzen, ihre Kraft beruht auf jenen auch jetzt noch zahlreichen priesterlichen Naturen, welche sich das Leben schwer und bedeutungstief machen, und deren Blick und abgehaermter Leib von Nachtwachen, Hungern, gluehendem Gebete, vielleicht selbst von Geisselhieben redet; Diese erschuettern die Menschen und machen ihnen Angst: wie, wenn es noethig waere, so zu leben? - diess ist die schauderhafte Frage, welche ihr Anblick auf die Zunge legt. Indem sie diesen Zweifel verbreiten, gruenden sie immer von Neuem wieder einen Pfeiler ihrer Macht; selbst die Freigesinnten wagen es nicht, dem derartig Selbstlosen mit hartem Wahrheitssinn zu widerstehen und zu sagen: "Betrogner du, betruege nicht!" - Nur die Differenz der Einsichten trennt sie von ihm, durchaus keine Differenz der Guete oder Schlechtigkeit; aber was man nicht mag, pflegt man gewoehnlich auch ungerecht zu behandeln. So spricht man von der Schlauheit und der verruchten Kunst der Jesuiten, aber uebersieht, welche Selbstueberwindung jeder einzelne Jesuit sich auferlegt und wie die erleichterte Lebenspraxis, welche die jesuitischen Lehrbuecher predigen, durchaus nicht ihnen, sondern dem Laienstande zu Gute kommen soll. Ja man darf fragen, ob wir Aufgeklaerten bei ganz gleicher Taktik und Organisation eben so gute Werkzeuge, ebenso bewundernswuerdig durch Selbstbesiegung, Unermuedlichkeit, Hingebung sein wuerden. 56. Sieg der Erkenntniss ueber das radicale Boese. - Es traegt Dem, der weise werden will, einen reichlichen Gewinn ein, eine Zeit lang einmal die Vorstellung vom gruendlich boesen und verderbten Menschen gehabt zu haben: sie ist falsch, wie die entgegengesetzte; aber ganze Zeitstrecken hindurch besass sie die Herrschaft und ihre Wurzeln haben sich bis in uns und unsere Welt hinein veraestet. Um uns zu begreifen, muessen wir sie begreifen; um aber dann hoeher zu steigen, muessen wir ueber sie hinwegsteigen. Wir erkennen dann, dass es keine Suenden im metaphysischen Sinne giebt; aber, im gleichen Sinne, auch keine Tugenden; dass dieses ganze Bereich sittlicher Vorstellungen fortwaehrend im Schwanken ist, dass es hoehere und tiefere Begriffe von gut und boese, sittlich und unsittlich giebt. Wer nicht viel mehr von den Dingen begehrt, als Erkenntniss derselben, kommt leicht mit seiner Seele zur Ruhe und wird hoechstens aus Unwissenheit, aber schwerlich aus Begehrlichkeit fehlgreifen (oder suendigen, wie die Welt es heisst). Er wird die Begierden nicht mehr verketzern und ausrotten wollen; aber sein einziges ihn voellig beherrschendes Ziel, zu aller Zeit so gut wie moeglich zu erkennen, wird ihn kuehl machen und alle Wildheit in seiner Anlage besaenftigen. Ueberdiess ist er einer Menge quaelender Vorstellungen losgeworden, er empfindet Nichts mehr bei dem Worte Hoellenstrafen, Suendhaftigkeit, Unfaehigkeit zum Guten: er erkennt darin nur die verschwebenden Schattenbilder falscher Welt- und Lebensbetrachtungen. 57. Moral als Selbstzertheilung des Menschen. - Ein guter Autor, der wirklich das Herz fuer seine Sache hat, wuenscht, dass jemand komme und ihn selber dadurch vernichte, dass er dieselbe Sache deutlicher darstelle und die in ihr enthaltenen Fragen ohne Rest beantworte. Das liebende Maedchen wuenscht, dass sie die hingebende Treue ihrer Liebe an der Untreue des Geliebten bewaehren koenne. Der Soldat wuenscht, dass er fuer sein siegreiches Vaterland auf dem Schlachtfeld falle.- denn in dem Siege seines Vaterlandes siegt sein hoechstes Wuenschen mit. Die Mutter giebt dem Kinde, was sie sich selber entzieht, Schlaf, die beste Speise, unter Umstaenden ihre Gesundheit, ihr Vermoegen. - Sind das Alles aber unegoistische Zustaende? Sind diese Thaten der Moralitaet Wunder, weil sie, nach dem Ausdrucke Schopenhauer's, "unmoeglich und doch wirklich" sind? Ist es nicht deutlich, dass in all diesen Faellen der Mensch Etwas von sich, einen Gedanken, ein Verlangen, ein Erzeugniss mehr liebt, als etwas Anderes von sich, dass er also sein Wesen zertheilt und dem einen Theil den anderen zum Opfer bringt? Ist es etwas wesentlich Verschiedenes, wenn ein Trotzkopf sagt: "ich will lieber ueber den Haufen geschossen werden, als diesem Menschen da einen Schritt aus dem Wege gehn?" - Die Neigung zu Etwas (Wunsch, Trieb, Verlangen) ist in allen genannten Faellen vorhanden; ihr nachzugeben, mit allen Folgen, ist jedenfalls nicht "unegoistisch". - In der Moral behandelt sich der Mensch nicht als individuum, sondern als dividuum. 58. Was man versprechen kann. - Man kann Handlungen versprechen, aber keine Empfindungen; denn diese sind unwillkuerlich. Wer jemandem verspricht, ihn immer zu lieben oder immer zu hassen oder ihm immer treu zu sein, verspricht Etwas, das nicht in seiner Macht steht; wohl aber kann er solche Handlungen versprechen, welche zwar gewoehnlich die Folgen der Liebe, des Hasses, der Treue sind, aber auch aus anderen Motiven entspringen koennen: denn zu einer Handlung fuehren mehrere Wege und Motive. Das Versprechen, jemanden immer zu lieben, heisst also: so lange ich dich liebe, werde ich dir die Handlungen der Liebe erweisen; liebe ich dich nicht mehr, so wirst du doch die selben Handlungen, wenn auch aus anderen Motiven, immerfort von mir empfangen: so dass der Schein in den Koepfen der Mitmenschen bestehen bleibt, dass die Liebe unveraendert und immer noch die selbe sei. - Man verspricht also die Andauer des Anscheines der Liebe, wenn man ohne Selbstverblendung jemandem immerwaehrende Liebe gelobt. 59. Intellect und Moral. - Man muss ein gutes Gedaechtniss haben, um gegebene Versprechen halten zu koennen. Man muss eine starke Kraft der Einbildung haben, um Mitleid haben zu koennen. So eng ist die Moral an die Guete des Intellects gebunden. 60. Sich raechen wollen und -sich raechen. -Einen Rachegedanken haben und ausfuehren heisst einen heftigen Fieberanfall bekommen, der aber voruebergeht: einen Rachegedanken aber haben, ohne Kraft und Muth, ihn auszufuehren, heisst ein chronisches Leiden, eine Vergiftung an Leib und Seele mit sich herumtragen. Die Moral, welche nur auf die Absichten sieht, taxirt beide Faelle gleich; fuer gewoehnlich taxirt man den ersten Fall als den schlimmeren (wegen der boesen Folgen, welche die That der Rache vielleicht nach sich zieht). Beide Schaetzungen sind kurzsichtig. 61. Warten-koennen. - Das Warten-koennen ist so schwer, dass die groessten Dichter es nicht verschmaeht haben, das Nicht-warten-koennen zum Motiv ihrer Dichtungen zu machen. So Shakespeare im Othello, Sophokles im Ajax: dessen Selbstmord ihm, wenn er nur einen Tag noch seine Empfindung haette abkuehlen lassen, nicht mehr noethig geschienen haette, wie der Orakelspruch andeutet; wahrscheinlich wuerde er den schrecklichen Einfluesterungen der verletzten Eitelkeit ein Schnippchen geschlagen und zu sich gesprochen haben - wer hat denn nicht schon, in meinem Falle, ein Schaf fuer einen Helden angesehen? ist es denn so etwas Ungeheures? Im Gegentheil, es ist nur etwas allgemein Menschliches: Ajax durfte sich dergestalt Trost zusprechen. Die Leidenschaft will nicht warten; das Tragische im Leben grosser Maenner liegt haeufig nicht in ihrem Conflicte mit der Zeit und der Niedrigkeit ihrer Mitmenschen, sondern in ihrer Unfaehigkeit, ein Jahr, zwei Jahre ihr Werk zu verschieben; sie koennen nicht warten. - Bei allen Duellen haben die zurathenden Freunde das Eine festzustellen, ob die betheiligten Personen noch warten koennen: ist diess nicht der Fall, so ist ein Duell vernuenftig, insofern Jeder von Beiden sich sagt: "entweder lebe ich weiter, dann muss jener augenblicklich sterben, oder umgekehrt." Warten hiesse in solchem Falle an jener furchtbaren Marter der verletzten Ehre angesichts ihres Verletzers noch laenger leiden; und diess kann eben mehr Leiden sein, als das Leben ueberhaupt werth ist. 62. Schwelgerei der Rache. -Grobe Menschen, welche sich beleidigt fuehlen, pflegen den Grad der Beleidigung so hoch als moeglich zu nehmen und erzaehlen die Ursache mit stark uebertreibenden Worten, um nur in dem einmal erweckten Hass- und Rachegefuehl sich recht ausschwelgen zu koennen. 63. Werth der Verkleinerung. - Nicht wenige, vielleicht die allermeisten Menschen haben, um ihre Selbstachtung und eine gewisse Tuechtigkeit im Handeln bei sich aufrecht zu erhalten, durchaus noethig, alle ihnen bekannten Menschen in ihrer Vorstellung herabzusetzen und zu verkleinern. Da aber die geringen Naturen in der Ueberzahl sind und es sehr viel daran liegt, ob sie jene Tuechtigkeit haben oder verlieren, so - 64. Der Auf brausende. - Vor Einem, der gegen uns aufbraust, soll man sich in Acht nehmen, wie vor Einem, der uns einmal nach dem Leben getrachtet hat: denn dass wir noch leben, das liegt an der Abwesenheit der Macht zu toedten; genuegten Blicke, so waere es laengst um uns geschehen. Es ist ein Stueck roher Cultur, durch Sichtbarwerdenlassen der physischen Wildheit, durch Furchterregen Jemanden zum Schweigen zu bringen. - Ebenso ist jener kalte Blick, welchen Vornehme gegen ihre Bedienten haben, ein Ueberrest jener kastenmaessigen Abgraenzungen zwischen Mensch und Mensch, ein Stueck rohen Alterthums; die Frauen, die Bewahrerinnen des Alten, haben auch dieses Survival treuer bewahrt. 65. Wohin die Ehrlichkeit fuehren kann. -Jemand hatte die ueble Angewohnheit, sich ueber die Motive, aus denen er handelte und die so gut und so schlecht waren wie die Motive aller Menschen, gelegentlich ganz ehrlich auszusprechen. Er erregte erst Anstoss, dann Verdacht, wurde allmaehlich geradezu verfehmt und in die Acht der Gesellschaft erklaert, bis endlich die Justiz sich eines so verworfenen Wesens erinnerte, bei Gelegenheiten, wo sie sonst kein Auge hatte, oder dasselbe zudrueckte. Der Mangel an Schweigsamkeit ueber das allgemeine Geheimniss und der unverantwortliche Hang, zu sehen, was Keiner sehen will - sich selber - brachten ihn zu Gefaengniss und fruehzeitigem Tod. 66. Straeflich, nie gestraft. - Unser Verbrechen gegen Verbrecher besteht darin, dass wir sie wie Schufte behandeln. 67. Sancta simplicitas der Tugend. - Jede Tugend hat Vorrechte: zum Beispiel diess, zu dem Scheiterhaufen eines Verurtheilten ihr eigenes Buendchen Holz zu liefern. 68. Moralitaet und Erfolg. - Nicht nur die Zuschauer einer That bemessen haeufig das Moralische oder Unmoralische an derselben nach dem Erfolge: nein, der Thaeter selbst thut diess. Denn die Motive und Absichten sind selten deutlich und einfach genug, und mitunter scheint selbst das Gedaechtniss durch den Erfolg der That getruebt, so dass man seiner That selber falsche Motive unterschiebt oder die unwesentlichen Motive als wesentliche behandelt. Der Erfolg giebt oft einer That den vollen ehrlichen Glanz des guten Gewissens, ein Misserfolg legt den Schatten von Gewissensbissen ueber die achtungswuerdigste Handlung. Daraus ergiebt sich die bekannte Praxis des Politikers, welcher denkt: "gebt mir nur den Erfolg: mit ihm habe ich auch alle ehrlichen Seelen auf meine Seite gebracht - und mich vor mir selber ehrlich gemacht." - Auf aehnliche Weise soll der Erfolg die bessere Begruendung ersetzen. Noch jetzt meinen viele Gebildete, der Sieg des Christenthums ueber die griechische Philosophie sei ein Beweis fuer die groessere Wahrheit des ersteren, - obwohl in diesem Falle nur das Groebere und Gewaltsamere ueber das Geistigere und Zarte gesiegt hat. Wie es mit der groesseren Wahrheit steht, ist daraus zu ersehen, dass die erwachenden Wissenschaften Punct um Punct an Epikur's Philosophie angeknuepft, das Christenthum aber Punct um Punct zurueckgewiesen haben. 69. Liebe und Gerechtigkeit. - Warum ueberschaetzt man die Liebe zu Ungunsten der Gerechtigkeit und sagt die schoensten Dinge von ihr, als ob sie ein viel hoeheres Wesen als jene sei? Ist sie denn nicht ersichtlich duemmer als jene? - Gewiss, aber gerade desshalb um so viel angenehmer fuer Alle. Sie ist dumm und besitzt ein reiches Fuellhorn; aus ihm theilt sie ihre Gaben aus, an jedermann, auch wenn er sie nicht verdient, ja ihr nicht einmal dafuer dankt. Sie ist unparteiisch wie der Regen, welcher, nach der Bibel und der Erfahrung, nicht nur den Ungerechten, sondern unter Umstaenden auch den Gerechten bis auf die Haut nass macht. 70. Hinrichtung. - Wie kommt es, dass jede Hinrichtung uns mehr beleidigt, als ein Mord? Es ist die Kaelte der Richter, die peinliche Vorbereitung, die Einsicht, dass hier ein Mensch als Mittel benutzt wird, um andere abzuschrecken. Denn die Schuld wird nicht bestraft, selbst wenn es eine gaebe: diese liegt in Erziehern, Eltern, Umgebungen, in uns, nicht im Moerder, - ich meine die veranlassenden Umstaende. 71. Die Hoffnung. - Pandora brachte das Fass mit den Uebeln und oeffnete es. Es war das Geschenk der Goetter an die Menschen, von Aussen ein schoenes verfuehrerisches Geschenk und "Gluecksfass" zubenannt. Da flogen all die Uebel, lebendige beschwingte Wesen heraus: von da an schweifen sie nun herum und thun den Menschen Schaden bei Tag und Nacht. Ein einziges Uebel war noch nicht aus dem Fass herausgeschluepft: da schlug Pandora nach Zeus' Willen den Deckel zu und so blieb es darin. Fuer immer hat der Mensch nun das Gluecksfass im Hause und meint Wunder was fuer einen Schatz er in ihm habe; es steht ihm zu Diensten, er greift darnach: wenn es ihn geluestet; denn er weiss nicht, dass jenes Fass, welches Pandora brachte, das Fass der Uebel war, und haelt das zurueckgebliebene Uebel fuer das groesste Gluecksgut, - es ist die Hoffnung. - Zeus wollte naemlich, dass der Mensch, auch noch so sehr durch die anderen Uebel gequaelt, doch das Leben nicht wegwerfe, sondern fortfahre, sich immer von Neuem quaelen zu lassen. Dazu giebt er dem Menschen die Hoffnung: sie ist in Wahrheit das uebelste der Uebel, weil sie die Qual der Menschen verlaengert. 72. Grad der moralischen Erhitzbarkeit unbekannt. - Daran, dass man gewisse erschuetternde Anblicke und Eindruecke gehabt oder nicht gehabt hat, zum Beispiel eines unrecht gerichteten, getoedteten oder gemarterten Vaters, einer untreuen Frau, eines grausamen feindlichen Ueberfalls, haengt es ab, ob unsere Leidenschaften zur Gluehhitze kommen und das ganze Leben lenken oder nicht. Keiner weiss, wozu ihn die Umstaende, das Mitleid, die Entruestung treiben koennen, er kennt den Grad seiner Erhitzbarkeit nicht. Erbaermliche kleine Verhaeltnisse machen erbaermlich; es ist gewoehnlich nicht die Qualitaet der Erlebnisse, sondern ihre Quantitaet, von welcher der niedere und hoehere Mensch abhaengt, im Guten und Boesen. 73. Der Maertyrer wider Willen. - In einer Partei gab es einen Menschen, der zu aengstlich und feige war, um je seinen Kameraden zu widersprechen: man brauchte ihn zu jedem Dienst, man erlangte von ihm Alles, weil er sich vor der schlechten Meinung bei seinen Gesellen mehr als vor dem Tode fuerchtete; es war eine erbaermliche schwache Seele. Sie erkannten diess und machten auf Grund der erwaehnten Eigenschaften aus ihm einen Heros und zuletzt gar einen Maertyrer. Obwohl der feige Mensch innerlich immer Nein sagte, sprach er mit den Lippen immer ja, selbst noch auf dem Schaffot, als er fuer die Ansichten seiner Partei starb: neben ihm naemlich stand einer seiner alten Genossen, der ihn durch Wort und Blick so tyrannisirte, dass er wirklich auf die anstaendigste Weise den Tod erlitt und seitdem als Maertyrer und grosser Charakter gefeiert wird. 74. Alltags-Maassstab. - Man wird selten irren, wenn man extreme Handlungen auf Eitelkeit, mittelmaessige auf Gewoehnung und kleinliche auf Furcht zurueckfuehrt. 75. Missverstaendniss ueber die Tugend. - Wer die Untugend in Verbindung mit der Lust kennen gelernt hat, wie Der, welcher eine genusssuechtige Jugend hinter sich hat, bildet sich ein, dass die Tugend mit der Unlust verbunden sein muesse. Wer dagegen von seinen Leidenschaften und Lastern sehr geplagt worden ist, ersehnt in der Tugend die Ruhe und das Glueck der Seele. Daher ist es moeglich, dass zwei Tugendhafte einander gar nicht verstehen. 76. Der Asket. - Der Asket macht aus der Tugend eine Noth. 77. Die Ehre von der Person auf die Sache uebertragen. - Man ehrt allgemein die Handlungen der Liebe und Aufopferung zu Gunsten des Naechsten, wo sie sich auch immer zeigen. Dadurch ve