The Project Gutenberg EBook of Kater Martinchen, by Ernst Moritz Arndt #2 in our series by Ernst Moritz Arndt Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the copyright laws for your country before downloading or redistributing this or any other Project Gutenberg eBook. This header should be the first thing seen when viewing this Project Gutenberg file. Please do not remove it. Do not change or edit the header without written permission. Please read the "legal small print," and other information about the eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file. Included is important information about your specific rights and restrictions in how the file may be used. 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We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- which requires a binary transfer, or sent as email attachment and may require more specialized programs to display the accents. This is the 7-bit version. This book content was graciously contributed by the Gutenberg Projekt-DE. That project is reachable at the web site http://gutenberg2000.de. Dieses Buch wurde uns freundlicherweise vom "Gutenberg Projekt-DE" zur Verfügung gestellt. Das Projekt ist unter der Internet-Adresse http://gutenberg2000.de erreichbar. Kater Martinchen Ernst Moritz Arndt Einundzwanzig vorpommersche Sagen Inhalt: Geschichte von den sieben bunten Maeusen Prinzessin Svanvithe Der Riese Balderich Die Unterirdischen in den Neun Bergen bei Rambin Abenteuer des Johann Dietrich Das Silbergloeckchen Der glaeserne Schuh Der Alte von Granitz Der Falscheid Rattenkoenig Birlibi Das brennende Geld Kater Martinchen Thrin Wulfen De Kroeger van Poseritz De Bruegg bi Slemmin Schipper Gau un sin Puk De witte Fru to Loebnitz De Prester un de Duewel De Wewer un de Steen Die alte Burg bei Loebnitz Der Rabenstein Geschichte von den sieben bunten Maeusen Vor langer, langer Zeit wohnte in Puddemin ein Bauer, der hatte eine schoene und fromme Frau, die fleissig betete und alle Sonntage und Festtage zur Kirche ging, auch den Armen, die vor ihre Tuere kamen, gern gab. Es war ueberhaupt eine freundliche und mitleidige Seele und im ganzen Dorfe und Kirchspiele von allen Leuten geliebt. Nie hat man ein hartes Wort von ihr gehoert, noch ist ein Fluch und Schwur oder andere Ungebuehr je aus ihrem Munde gegangen. Diese Frau hatte sieben Kinder, lauter kleine Dirnen, von welchen die aelteste zwoelf und die juengste zwei Jahr alt war: huebsche, lustige Dingelchen. Diese gingen alle uebereins gekleidet, mit bunten Roeckchen und bunten Schuerzen und roten Muetzchen; Schuhe aber und Struempfe hatten sie nicht an, denn das haette zuviel gekostet, sondern gingen barfuss. Die Mutter hielt sie nett und reinlich, wusch und kaemmte sie morgens frueh und abends spaet, wann sie aufstanden und zu Bett gingen, lehrte sie lesen und singen und erzog sie in aller Freundlichkeit und Gottesfurcht. Wann sie auf dem Felde was zu tun hatte oder weit ausgehen musste, stellte sie die aelteste, welche Barbara hiess, ueber die andern; diese musste auf sie sehen, ihnen was erzaehlen, auch wohl etwas vorlesen. Nun begab es sich einmal, dass ein hoher Festtag war (ich glaube, es war der Karfreitag), da ging die Bauerfrau mit ihrem Manne zur Kirche und sagte den Kindern, sie sollten huebsch artig sein; der Barbara aber und den naechst aelteren gab sie ein paar Lieder auf aus dem Gesangbuche, die sie auswendig lernen sollten. So ging sie weg. Barbara und die andern Kinder waren anfangs auch recht artig; die aelteren nahmen die Buecher und lasen, und die kleinsten sassen still auf dem Boden und spielten. Als sie so sassen, da erblickte das eine Kind etwas hinter dem Ofen und rief: "O seht! Seht! Was ist das fuer ein schoener und weisser Beutel!" Es war aber ein Beutel mit Nuessen und Aepfeln, den die Mutter des Morgens da hingehaengt hatte und den sie des Nachmittags einem ihrer kleinen Paten bringen wollte. Die meisten Kinder sprangen nun alsbald auf und guckten danach, und auch Barbara, die aelteste, stand auf und guckte mit. Und die Kinder fluesterten und sprachen dies und das ueber den schoenen Beutel und was wohl darin sein moechte. Und es geluestete sie so sehr, es zu wissen, und da riss eines den Beutel von dem Nagel, und Barbara oeffnete die Schnur, womit er zugebunden war, und es fielen Aepfel und Nuesse heraus. Und als die Kinder die Aepfel und Nuesse auf dem Boden hinrollen sahen, vergassen sie alles, und dass es Festtag war, und was die Mutter ihnen befohlen und aufgegeben hatte; sie setzten sich hin und schmausten Aepfel und knackten Nuesse und assen alles rein auf. Als nun Vater und Mutter um den Mittag aus der Kirche zu Hause kamen, sah die Mutter die Nussschalen auf dem Boden liegen, und sie schaute nach dem Beutel und fand ihn nicht. Da erzuernte sie sich und ward boese zum ersten Male in ihrem Leben und schalt die Kinder sehr und rief: "Der Blitz! Ich wollte, dass ihr Mausemaerten alle zu Maeusen wuerdet!" Der Schwur war aber eine grosse Suende, besonders weil es ein so heiliger und hoher Festtag war; sonst haette Gott es der Baeuerin wohl vergeben, weil sie doch so fromm und gottesfuerchtig war. Kaum hatte die Frau das schlimme Wort aus ihrem Munde gehen lassen, so waren alle die sieben niedlichen Kinderchen weg, als haette sie ein Wind weggeblasen, und sieben bunte Maeuse liefen in der Stube herum mit roten Koepfchen, wie die Roecke und Muetzen der Kinder gewesen waren. Und Vater und Mutter erschraken so sehr, dass sie haetten zu Stein werden moegen. Da kam der Knecht herein und oeffnete die Tuere, und die sieben bunten Maeuse liefen alle zugleich hinaus und ueber die Flur auf den Hof hin; sie liefen aber sehr geschwind. Und als die Frau das sah, konnte sie sich nicht halten, denn es war ihr im Herzen, als waeren die Maeuse ihre Kinder gewesen; und sie stuerzte sich aus der Tuere hinaus und musste den Maeusen nachlaufen. Die sieben bunten Maeuse aber liefen den Weg entlang aus dem Dorfe heraus, immer sporenstreichs; und so liefen sie ueber das Puddeminer Feld und das Guenzer Feld und das Schoritzer Feld und durch die Krewe und die Dumsevitzer Koppel. Und die Mutter lief ihnen ausser Atem nach und konnte weder schreien noch weinen und wusste nicht mehr, was sie tat. So liefen die Maeuse ueber das Dumsevitzer Feld hin und in einen kleinen Busch hinein, wo einige hohe Eichen standen und in der Mitte ein spiegelhellen Teich war. Und der Busch steht noch da mit seinen Eichen und heisst der Maeusewinkel. Und als sie in den Busch kamen und an den Teich im Busche, da standen sie alle sieben still und guckten sich um, und die Bauerfrau stand dicht bei ihnen. Es war aber, als wenn sie ihr Adje sagen wollten. Denn als sie die Frau so ein Weilchen angeguckt hatten, plump! Und alle sieben sprangen zugleich ins Wasser und schwammen nicht, sondern gingen gleich unter in der Tiefe. Es war aber der helle Mittag, als dies geschah. Und die Mutter blieb stehen, wo sie stand, und ruehrte keine Hand und keinen Fuss mehr, sie war auch kein Mensch mehr. Sie ward stracks zu einem Stein, und der Stein liegt noch da, wo sie stand und die Maeuslein verschwinden sah; und das ist dieser grosse runde Stein, an welchem wir sitzen. Und nun hoere mal, was nach diesem geschehen ist und noch alle Nacht geschieht! Glocke zwoelf, wann alles schlaeft und still ist und die Geister rundwandeln, da kommen die sieben bunten Maeuse aus dem Wasser heraus und tanzen eine ganze ausgeschlagene Stunde, bis es eins schlaegt, um den Stein herum. Und sie sagen, dann klingt der Stein, als wenn er sprechen koennte. Und das ist die einzige Zeit, wo die Kinder und die Mutter sich verstehen koennen und voneinander wissen; die uebrige Zeit sind sie wie tot. Dann singen die Maeuse einen Gesang, den ich dir sagen will, und der bedeutet ihre Veraenderung, oder dass sie wieder in Menschen verwandelt werden koennen. Und dies ist der Gesang: Herut! herut! Du junge Brut! Din Bruedegam schall kamen; Se hebben di Doch gar to frueh Din junges Leben namen. Sitt de recht up'n Steen, Wat he Flesch un Been, Und wi gan mit dem Kranze: Saeven Junggesell'n Uns fuehren schael'n Juchhe! to'm Hochtidsdanze. Und nun will ich dir sagen von dem Gesange, was er bedeutet. Die Maeuse tanzen nun wohl schon tausend Jahre und laenger um den Stein, wann es die Mitternacht ist, und der Stein liegt ebensolange. Es geht aber die Sage, dass sie einmal wieder verwandelt werden sollen, und das kann durch Gottes Gnade nur auf folgende Weise geschehen: Es muss eine Frau sein gerade so alt, als die Baeuerin war, da sie aus der Kirche kam, und diese muss sieben Soehne haben gerade so alt, als die sieben kleinen Maedchen waren. Sind sie eine Minute aelter oder juenger, so geht es nicht mehr. Diese Frau muss an einem Karfreitage gerade um die Mittagszeit, als die Frau zu Stein ward, mit ihren sieben Soehnen in den Busch kommen und sich auf den Stein setzen. Und wenn sie sich auf den Stein setzt, so wird der Stein lebendig und wird wieder in einen Menschen verwandelt, und dann steht die Bauerfrau wieder da, leibhaftig und in eben den Kleidern, die sie getragen, als sie den Maeusen nachgelaufen zu diesem Mausewinkel. Und die sieben bunten Maeuse werden wieder zu sieben kleinen Maedchen in bunten Roecken und mit roten Muetzen auf dem Kopf. Und jedes kleine Maedchen geht zu dem kleinen Knaben hin, der sein Alter hat, und sie werden Braut und Braeutigam. Und wann sie gross werden, so halten sie Hochzeit an einem Tage und tanzen ihre Kraenze ab. Und es sollen die schoensten Jungfrauen werden auf der ganzen Insel, sagen die Leute, und auch die gluecklichsten und reichsten, denn alle diese Gueter und Hoefe hier umher sollen ihnen gehoeren. Aber ach, du lieber Gott, wann werden sie verwandelt werden? Prinzessin Svanvithe Du hast wohl von der Sage gehoert, dass hier bei Garz, wo jetzt der Wall ueber dem See ist, vor vielen tausend Jahren ein grosses und schoenes Heidenschloss gewesen ist mit herrlichen Haeusern und Kirchen, worin sie ihre Goetzen gehabt und angebetet haben. Dieses Schloss haben vor langer, langer Zeit die Christen eingenommen, alle Helden totgeschlagen und ihre Kirchen umgeworfen und die Goetzen, die darin standen, mit Feuer verbrannt; und nun ist nichts mehr uebrig von all der grossen Herrlichkeit als der alte Wall und einige Leuschen, welche die Leute sich erzaehlen, besonders von dem Mann mit Helm und Panzer angetan, der auf dem weissen Schimmel oft ueber die Stadt und den See hinreitet. Einige, die ihn naechtlich gesehen haben, erzaehlen, es sei der alte Koenig des Schlosses, und er habe eine gueldene Krone auf. Das ist aber alles nichts. Dass es aber um Weihnachten und Johannis in der Nacht aus dem See klingt, als wenn Glocken in den Kirchen gelaeutet werden, das ist wahr, und viele Leute haben es gehoert, und auch mein Vater. Das ist eine Kirche, die in den See versunken ist, andere sagen, es ist der alte Goetzentempel. Das glaub' ich aber nicht; denn was sollten die Helden an christlichen Festtagen laeuten? Aber das Klingen und Laeuten im See ist dir gar nichts gegen das, was im Wall vorgeht, und davon will ich dir eine Geschichte erzaehlen. Da sitzt eine wunderschoene Prinzessin mit zu Felde geschlagenen Haaren und weinenden Augen und wartet auf den, der sie erloesen soll; und dies ist eine sehr traurige Geschichte. In jener alten Zeit, als das Garzer Heidenschloss von den Christen belagert ward und die drinnen in grossen Noeten waren, weil sie sehr gedraengt wurden, als schon manche Tuerme niedergeworfen waren und sie auch nicht recht mehr zu leben hatten und die armen Leute in der Stadt hin und wieder schon vor Hunger starben, da war drinnen ein alter, eisgrauer Mann, der Vater des Koenigs, der auf Ruegen regierte. Dieser alte Mann war so alt, dass er nicht recht mehr hoeren und sehen konnte; aber es war doch seine Lust, unter dem Golde und unter den Edelsteinen und Diamanten zu kramen, welche er und seine Vorfahren im Reiche gesammelt hatten und welche tief unter der Erde in einem schoenen, aus eitel Marmelsteinen und Kristallen gebauten Saale verwahrt wurden. Davon waren dort ganz grosse Haufen aufgeschuettet, viel groessere als die Roggen- und Gerstenhaufen, die auf deines Vaters Kornboden aufgeschuettet sind. Als nun das Schloss zu Garz von den Christen in der Belagerung so geaengstet ward und viele der tapfersten Maenner und auch der Koenig, des alten Mannes Sohn, in dem Streite auf den Waellen und vor den Toren der Stadt erschlagen waren, da wich der Alte nicht mehr aus der marmornen Kammer, sondern lag Tag und Nacht darin und hatte die Tueren und Treppen, die dahin fuehrten, dicht vermauern lassen; er aber wusste noch einen kleinen heimlichen Gang, der unter der Erde weglief, viele hundert Stufen tiefer als das Schloss, und jenseits des Sees einen Ausgang hatte, den kein Mensch wusste als er, und wo er hinausschluepfen und sich draussen bei den Menschen Speise und Trank kaufen konnte. Als nun das Schloss von den Christen erobert und zerstoert ward und die Maenner und Frauen im Schlosse getoetet und alle Haeuser und Kirchen verbrannt wurden, dass kein Stein auf dem andern blieb, da fielen die Tuerme und Mauern uebereinander, und die Tuere der Goldkammer ward gar verschuettet; auch blieb kein Mensch lebendig, der wusste, wo der tote Koenig seine Schaetze gehabt hatte. Der alte Koenig aber sass drunten bei seinen Haufen Goldes und hatte seinen heimlichen Gang offen und hat noch viele hundert Jahre gelebt, nachdem das Schloss zerstoert war; denn sie sagen, die Menschen, welche sich zu sehr an Silber und Gold haengen, koennen vom Leben nicht erloest werden und sterben nicht, wenn sie Gott auch noch so sehr um den Tod bitten. So lebte der alte, eisgraue Mann noch viele, viele Jahre und musste sein Gold bewachen, bis er ganz duerr und trocken ward wie ein Totengerippe. Da ist er denn gestorben und auch zur Strafe verwandelt worden und muss nun als ein schwarzer magerer Hund unter den Goldhaufen liegen und sie bewachen, wenn einer kommt und den Schatz holen will. Des Nachts aber zwischen zwoelf und ein Uhr, wann die Gespensterstunde ist, muss er noch immer rundgehen als ein altes graues Maennlein mit einer schwarzen Pudelmuetze auf dem Kopf und einem weissen Stock in der Hand. So haben die Leute ihn oft gesehen im Garzer Holze am Wege nach Poseritz; auch geht er zuweilen um den Kirchhof herum. Denn da sollen vor alters Heidengraeber gewesen sein, und die Helden haben immer viel Silber und Gold mit sich in die Erde genommen. Das will er holen, darum schleicht er dort, kann es aber nicht kriegen, denn er darf die geweihte Erde nicht beruehren. Das ist aber seine Strafe, dass er so rundlaufen muss, wann andere Leute in den Betten und Graebern schlafen, weil er so geizig gewesen ist. Nun begab es sich lange nach diesen Tagen, dass in Bergen ein Koenig von Ruegen wohnte, der hatte eine wunderschoene Tochter, die hiess Svanvithe; und sie war die schoenste Prinzessin weit und breit, und es kamen Koenige und Fuersten und Prinzen aus allen Landen, die um die schoene Prinzessin warben. Und der Koenig, ihr Herr Vater, wusste sich kaum zu lassen vor allen den Freiern und hatte zuletzt nicht Haeuser genug, dass er die Fremden beherbergte, noch Staelle, wohin sie und ihre Knappen und Staller ihre Pferde zoegen; auch gebrach es fast an Hafer im Lande und Raum fuer alle die Kutscher und Diener, die mit ihnen kamen, und war Ruegen so voll von Menschen, als es nie gewesen seit jenen Tagen. Und der Koenig waere froh gewesen, wenn die Prinzessin sich einen Mann genommen haette und die uebrigen Freier weggereist waeren. Das laesst sich aber bei den Koenigen nicht so leicht machen als bei andern Leuten, und muss da alles mit vieler Zierlichkeit und Langsamkeit hergehen. Die Prinzessin, nachdem sie wohl ein ganzes halbes Jahr in ihrer einsamen Kammer geblieben war und keinen Menschen gesehen, auch kein Sterbenswort gesagt hatte, fand endlich einen Prinzen, der ihr wohl gefiel, und den sie gern zum Mann haben wollte, und der Prinz gefiel auch dem alten Koenige, dass er ihn gern als Eidam wollte. Und sie hatten einander Ringe geschenkt, und war grosse Freude im ganzen Lande, dass die schoene Svanvithe Hochzeit halten sollte, und hatten alle Schneider und Schuster die Fuelle zu tun, die schoenen Kleider und Schuhe zu machen, die zur Hochzeit getragen werden sollten. Der verlobte Prinz aber und Svanvithens Braeutigam hiess Herr Peter von Daenemarken und war ein ueber die Massen feiner und stattlicher Mann, dass seinesgleichen wenige gesehen wurden. Da, als alles in lieblicher Hoffnung und Liebe gruenete und bluehete und die ganze Insel in Freuden stand und nur noch ein paar Tage bis zur Hochzeit waren, kam der Teufel und saeete sein Unkraut aus, und die Luft ward in Traurigkeit verwandelt. Es war naemlich allda an des Koenigs Hofe auch ein Prinz aus Polen, ein hinterlistiger und schlechter Herr, sonst schoen und ritterlich an Gestalt und Gebaerde. Dieser hatte manches Jahr um die Prinzessin gefreit und sie geplagt Tag und Nacht; sie hatte aber immer nein gesagt, denn sie mochte ihn nicht leiden. Als dieser polnische Prinz nun sah, dass es wirklich eine Hochzeit werden sollte und dass Herr Peter von Daenemarken zum Treuliebsten der schoenen Svanvithe erkoren war, sann er in seinem boesen Herzen auf arge Tuecke und wusste es durch seine Kuenste so zu stellen, dass der Koenig und alle Menschen glaubten, Svanvithe sei keine zuechtige Prinzessin und habe manche Naechte bei dem polnischen Prinzen geschlafen. Das glaubte auch Herr Peter und reiste ploetzlich weg; und der polnische Prinz war zuerst weggereist, und alle Koenige und Prinzen reisten weg. Und das Schloss des Koenigs in Bergen stand wuest und leer da, und alle Freude war mit weggezogen und alle Geiger und Pfeifer und alles Saitenspiel, die sich auf Turniere und Feste geruestet hatten. Und die Schande der armen Prinzessin klang ueber das ganze Land; ja in Schweden und Daenemark und Polen hoerten sie es, wie die Hochzeit sich zerschlagen hatte. Sie aber war gewiss unschuldig und rein wie ein Kind, das aus dem Mutterleibe kommt, und war es nichts als die greuliche Bosheit des verruchten polnischen Prinzen, den sie als Freier verschmaeht hatte. So ging es der armen Svanvithe, und der Koenig, ihr Vater, war einige Tage nach diesen Geschichten wie von Sinnen und wusste nicht von sich, und ihm war so zumute, dass er sich haette ein Leid antun koennen von wegen seiner Tochter und von wegen des Schimpfes, den sie auf das ganze koenigliche Haus gebracht hatte. Und als er sich besann und wieder zu sich kam und die ganze Schande bedachte, worein er geraten war durch seine Tochter, da ergrimmte er in seinem Herzen, und er liess die schoene Svanvithe holen und schlug sie hart und zerraufte ihr Haar und stiess sie dann von sich und befahl seinen Dienern, dass sie sie hinausfuehrten in ein verborgenes Gemach, dass seine Augen sie nimmer wiedersaehen. Darauf liess er in einen mit dichten Mauern eingeschlossenen und mit dunklen Baeumen beschatteten Garten hinter seinem Schlosse einen duestern Turm bauen, wo weder Sonne noch Mond hineinschien, da sperrte er die Prinzessin ein. Der Turm, den er hatte bauen lassen, war aber fest und dicht und hatte nur ein einziges kleines Loch in der Tuere, wodurch ein wenig Licht hineinfiel und wodurch der Prinzessin die Speise gereicht ward. Es war auch weder Bett noch Tisch oder Bank in dem traurigen Gefaengnis; auf harter Erde musste die liegen, die sonst auf Sammet und Seiden geschlafen hatte, und barfuss musste die gehen, die sonst in goldenen Schuhen geprangt hatte. Und Svanvithe haette sterben muessen vor Jammer, wenn sie nicht gewusst haette, dass sie unschuldig war, und wenn sie nicht zu Gott haette beten koennen. Sie aber war ein sehr junges Kind, als sie eingesperrt ward, erst sechzehn Jahre alt, schoen wie eine Rose und schlank und weiss wie eine Lilie, und die Menschen, die sie liebhatten, nannten sie nicht anders als des Koenigs Lilienstengelein. Und dieses suesse Lilienstengelein sollte so jaemmerlich verwelken in der kalten und einsamen Finsternis. Und sie hatte wohl drei Jahre so gesessen zwischen den kalten Steinen, und auch der alte Koenig war nicht mehr froh gewesen seit jenem Tage, als der polnische Prinz sie in die grosse Schande gebracht hatte, sondern sein Kopf war schneeweiss geworden vor Gram wie der Kopf einer Taube; aber vor den Leuten gebaerdete er sich stolz und aufgerichtet und tat, als wenn seine Tochter tot und lange begraben waere. Sie aber sass von der Welt ungewusst in ihrem Elende und troestete sich allein Gottes und dachte, dass er ihre Unschuld wohl einmal an den Tag bringen wuerde. Weil sie aber in ihren einsamen Trauerstunden Zeit genug hatte, hin und her zu denken, so fiel ihr die Sache ein von dem Koenigsschatze unter dem Garzer Walle, die sie in ihrer Kindheit oft gehoert hatte, und sie gedachte damit ihre Unschuld, und dass der polnische Prinz sie unter einem falschen Schein schaendlich belogen hatte, sonnenklar zu beweisen. Und als darauf ihr Waechter kam und ihr die Speise durch das Loch reichte, sprach sie zu ihm: "Lieber Waechter, gehe zu dem Koenige, meinem und deinem Herrn, und sage ihm, dass seine arme einzige Tochter ihn nur noch ein einziges Mal zu sehen und zu sprechen wuenscht in ihrem Leben und dass er ihr diese letzte Gunst nicht versagen mag." Und der Waechter sagte ja und lief und dachte bei sich: "Wenn der alte Koenig ihre Bitte nur erhoert!" Denn es jammerte ihn die arme Prinzessin unaussprechlich, und sie jammerte alle Menschen; denn sie war immer freundlich gewesen gegen jedermann, auch hatten die meisten von Anfang an geglaubt, dass sie faelschlich verklagt war und dass der polnische Prinz einen argen Luegenschein auf sie gebracht hatte; denn sie hatte sich immer aller Zucht und Jungfraeulichkeit beflissen vor jedermann. Und als ihr Waechter vor den Koenig trat und ihm die Bitte der Prinzessin anbrachte, da war der alte Herr sehr zornig und schalt ihn und drohete ihm, ihn selbst in den Turm zu werfen, wenn er den Namen der Prinzessin vor ihm je wieder ueber seine Lippen laufen lasse. Und der erschrockene Waechter ging weg. Der Koenig aber legte sich hin und schlief ein. Da soll er einen wunderbaren Traum gehabt haben, den kein Mensch zu deuten verstanden hat, und er ist frueh erwacht und sehr unruhig gewesen und hat viel an seine Tochter denken muessen, bis er zuletzt befohlen hat, dass man sie aus dem Turm heraufbraechte und vor ihn fuehrte. Als Svanvithe nun vor den Koenig trat, war sie bleich und mager, auch waren ihre Kleider und Schuhe schon abgerissen, und sie stand fast nackt und barfuss da und sah einer Bettlertochter aehnlicher als einer Koenigstochter. Und der alte Koenig ist bei ihrem Anblick blass geworden vor Jammer wie der Kalk an der Wand, aber sonst hat er sich nichts merken lassen. Und Svanvithe hat sich vor ihm verneigt und also zu ihm gesprochen: "Mein Koenig und Herr! Ich erscheine nur als eine arme Suenderin vor dir, als eine, die an der goettlichen Gnade und an dem Lichte des Himmels kein Recht mehr haben soll. Also hast du mich von deinem Angesicht verstossen und von allem Lebendigen weggesperrt. Ich beteure aber vor dir und vor Gott, dass ich unschuldig leide und dass der polnische Prinz aus eitel Tuecke und Arglist all den schlimmen Schein auf mich gebracht hat. Und nun hat Gott, der sich mein erbarmen will, mir einen Gedanken ins Herz gegeben, wodurch ich meine unbefleckte Jungfrauschaft beweisen und dich und mich und dein ganzes Reich zu Reichtum und Ehren bringen kann. Du weisst, es geht die Sage, unter dem alten Schlosswalle zu Garz, wo unsere heidnischen Ahnen weiland gewohnt haben, liege ein reicher Schatz vergraben. Diese Sage, die mir in meiner Kindheit oft erzaehlt ist, meldet ferner, dieser Schatz koenne nur von einer Prinzessin gehoben werden, die von jenen alten Koenigen herstamme und noch eine reine Jungfrau sei: wenn naemlich diese den Mut habe, in der Johannisnacht zwischen zwoelf und ein Uhr nackt und einsam diesen Wall zu ersteigen und darauf rueckwaerts so lange hin und her zu treten, bis es ihr gelinge, die Stelle zu treffen, wo die Tore und Treppen verschuettet sind, die zu der Schatzkammer hinabfuehren. Sobald sie diese mit ihren Fuessen beruehre, werde es sich unter ihr oeffnen, und sie werde sanft heruntersinken mitten in das Gold und koenne sich von den Herrlichkeiten dann auslesen, was sie wolle, und bei Sonnenaufgang wieder herausgehen. Was sie aber nicht tragen koenne, werde der alte Geist, der den Schatz bewacht, nebst seinen Gehilfen nachtragen. Hierauf habe ich nun meine Hoffnung eines neuen Glueckes gestellt, ob es mir etwa aufbluehen wolle; lass mich denn, Herr Koenig, mit Gott diese Probe machen. Ich bin ja doch einer Toten gleich, und ob ich hier begraben bin oder dort begraben werde, kann dir einerlei sein." Sie hatte die Gebaerde, als wolle sie noch mehr sagen; aber bei diesen Worten stockte sie und konnte nicht mehr, sondern schluchzete und weinte bitterlich. Der Koenig aber winkte dem Waechter leise zu, der sie hereingefuehrt hatte, und alsbald kamen Frauen und Dienerinnen herbei und trugen sie hinaus von dem Koenige weg in ein Seitengemach. Und nicht lange, so ward der Waechter wieder zu dem Koenige gerufen, und er brachte ihr Speise und Trank, dass sie sich staerkte und erquickte, und zugleich die Botschaft, dass der Koenig ihr die gebetene mitternaechtliche Fahrt erlaube. Bald trugen Dienerinnen ihr ein Bad herein nebst zierlichen Kleidern, dass sie sich bedecken konnte, denn sie war fast nackend. Und sie lebte nun wieder in Freuden, obgleich sie ganz einsam sass und gegen niemand den Mund auftat--auch den Dienern und Dienerinnen war das Sprechen zu ihr verboten, sie wussten auch nicht, wer sie war, noch wie sie in das Schloss gekommen, denn von denen, die sie kannten, ward niemand zu ihr gelassen denn allein der Waechter, der ihr immer die Speise gebracht hatte im Turme. Und ihre Schoene fing wieder an aufzubluehen, wie blass und elend sie auch aus dem Turm gekommen war; und alle, die sie sahen, entsetzten sich ueber ihre Huld und Lieblichkeit, und sie deuchte ihnen fast einem Engel gleich, der vom Himmel in das Schloss gekommen sei. Und als vierzig Tage vergangen waren und der Tag vor Johannis da war, da ging sie zu dem Koenige, ihrem Vater, ins Gemach und sagte ihm Lebewohl. Und der alte Herr neigte noch einmal wieder seinen weissen Kopf ueber sie und weinte sehr, und sie sank vor ihm hin und umfasste seine Knie und weinte noch mehr. Und darauf ging sie hinaus und verkleidete sich so, dass niemand sie fuer eine Prinzessin gehalten haette, und trat ihre Reise an. Die Reise war aber nicht weit von Bergen nach Garz, und sie ging in der Tracht eines Reiterbuben einher. Und in der Nacht, als es vom Garzer Kirchturm zwoelf geschlagen hatte, betrat sie einsam den Wall, tat ihre Kleider von sich, also dass sie da stand, wie Gott sie erschaffen hatte, und nahm eine Johannisrute in die Hand, womit sie hinter sich schlug. Und so tappte sie stumm und ruecklings fort, wie es geschehen musste. Und nicht lange war sie geschritten, so tat sich die Erde unter ihren Fuessen auf, und sie fiel sanft hinunter, und es war ihr, als wuerde sie in einem Traum hinabgewiegt; und sie fiel hinab in ein gar grosses und schoenes und von tausend Lichtern und Lampen erleuchtetes Gemach, dessen Waende von Marmor und diamantenen Spiegeln blitzten und dessen Boden ganz mit Gold und Silber und Edelsteinen beschuettet war, dass man kaum darauf gehen konnte. Sie aber sank so weich auf einen Goldhaufen herab, dass es ihr gar nicht weh tat. Und sie besah sich alle die blitzende Herrlichkeit in dem weiten Saale, wo die Schaetze und Kostbarkeiten ihrer Ahnherren von vielen Jahrhunderten gesammelt und aufgehaengt waren; und da sah sie in der hintersten Ecke in einem goldenen Lehnstuhl das kleine graue Maennchen sitzen, das ihr freundlich zunickte, als wolle es mit der Urenkelin sprechen. Sie aber sprach kein Wort zu ihm, sondern winkte ihm nur leise mit der Hand. Und auf ihren Wink hob der Geist sich hinweg und verschwand, und statt seiner kam eine lange Schar praechtig gekleideter Diener und Dienerinnen, welche sich in stummer Ehrfurcht hinter sie stellten, als erwarteten sie, was die Herrin befehlen wuerde. Svanvithe aber saeumte nicht lange, bedenkend, wie kurz die Mittsommersnacht ist, und sie nahm die Fuelle der Edelsteine und Diamanten und winkte den Dienern und Dienerinnen hinter ihr, dass sie ebenso taeten; auch diese fuellten Haende und Taschen und Zipfel und Geren der Kleider mit Gold und edlen Steinen und kostbaren Geschirren. Und noch ein Wink, und die lange Reihe wandelte, und die Prinzessin schritt voran der Treppe zu, als wenn sie herausgehen wollte; jene aber folgten ihr. Und schon hatte sie viele Stufen vollendet und sah schon das daemmernde Morgenlicht und hoerte schon den Lerchengesang und den Hahnenkrei, die den Tag verkuendeten--da ward es ihr bange, ob die Diener und Dienerinnen ihr auch nachtraeten mit den Schaetzen. Und sie sah sich um, und was erblickte sie? Sie sah den kleinen grauen Mann sich ploetzlich in einen grossen schwarzen Hund verwandeln, der mit, feurigem Rachen und funkelnden Augen gegen sie hinaufsprang. Und sie entsetzte sich sehr und rief: "Oh Herr je!" Und als sie das Wort ausgeschrien hatte, da schlug die Tuer ueber ihr mit lautem Knalle zu, und die Treppe versank, und die Diener und Dienerinnen verschwanden, und alle Lichter des Saales erloschen, und sie war wieder unten am Boden und konnte nicht heraus. Der alte Koenig aber, da sie nicht wiederkam, graemte sich sehr; denn er dachte, sie sei entweder umgekommen bei dem Hinabsteigen zu dem Schatze durch die Tuecke der boesen Geister, die unter der Erde ihre Gewalt haben, oder sie habe sich der Sache ueberhaupt nicht unterstanden und laufe nun wie eine arme, verlassene Streunerin durch die Welt. Und er lebte nur noch wenige Wochen nach ihrem Verschwinden; dann starb er und ward begraben. Der Prinzessin Svanvithe war dieses Unglueck aber geschehen, weil sie sich umgesehen hatte, als sie weggehen wollte, und weil sie gesprochen hatte. Denn ueber die Unterirdischen hat man keine Gewalt, wenn man sich umsieht oder spricht, sondern es geraet dann fast immer ungluecklich, wovon man viele Beispiele und Geschichten weiss. Und es waren viele Jahre vergangen, vielleicht hundert Jahre und mehr, und alle die Menschen waren gestorben und begraben, welche zu der Zeit des alten Koenigs und der schoenen Svanvithe gelebt hatten, und schon ward hie und da von ihnen erzaehlt wie von einem alten, alten, laengst verschollenen Maerchen; da hoerte man hin und wieder, die Prinzessin lebe noch und sitze unter dem Garzer Wall in der Schatzkammer und muesse nun mit dem alten, grauen Urgrossvater die Schaetze hueten helfen. Und kein Mensch weiss zu sagen, wie dies hier oben bekannt geworden ist. Vielleicht hat der kleine graue Mann, der zuzeiten rundgeht, es einem verraten, oder es hat es auch einer der hellsichtigen Menschen gesehen, die an hohen Festtagen in besonderen Stunden geboren sind und die das Gras und das Gold in der Erde wachsen sehen und mit ihren Augen durch die dicksten Berge und Mauern dringen koennen. Und es war viel erschollen von der Geschichte und von dem wundersamen Versinken der Prinzessin unter die Erde, und dass sie in der dunkeln Kammer sitze und noch lebe und einmal erloest werden solle. Sie kann aber, sagen sie, erloest werden, wenn einer es wagt, auf dieselbe Weise, wie sie einst in der Johannisnacht getan hat, in die verbotene Schatzkammer hinabzufallen. Dieser muss sich dann dreimal vor ihr verneigen, ihr einen Kuss geben, sie an die Hand fassen und sie still herausfuehren; denn kein Wort darf er beileibe nicht sprechen. Wer sie herausbringt, der wird mit ihr in Herrlichkeit und in Freuden leben und so viele Schaetze haben, dass er sich ein Koenigreich kaufen kann. Darin wird er dann fuenfzig Jahre als Koenig auf dem Throne sitzen und sie als seine Koenigin neben ihm, und werden gar liebliche Kinder zeugen; der kleine graue Spuk wird dann aber auf immer verschwinden, wann sie ihm die Schaetze weggehoben haben. Nun hat es wohl so kuehne und verwegene Prinzen und schoene Knaben gegeben, die mit der Johannisrute in der Hand zu ihr hinabgekommen sind; aber sie haben es immer in etwas versehen, und die Prinzessin ist noch nicht erloest. Ja, wenn das ein so leichtes Ding waere, wieviele wuerden Lust haben, eine so schoene Prinzessin zu freien und Koenige zu werden! Die Leute erzaehlen aber, der greuliche schwarze Hund ist an allem schuld; keiner hat es mit ihm aushalten koennen, sondern wenn sie ihn sehen, so muessen sie aufschreien, und dann schlaegt die Tuere zu, und die Treppe versinkt, und alles ist wieder vorbei. So sitzt denn die arme Svanvithe da in aller ihrer Unschuld und muss da unten frieren und das kalte Gold hueten, und Gott weiss, wann sie erloest werden wird. Sie sitzt da ueber Goldhaufen gebeugt; ihr langes Haar haengt ihr ueber die Schultern herab, und sie weint unaufhoerlich. Schon sitzen sechs junge Gesellen um sie herum, die auch mithueten muessen. Das sind die, denen die Erloesung nicht gelungen ist. Wem es aber gelingt, der heiratet die Prinzessin und bekommt den ganzen Schatz und befreit zugleich die andern armen Gefangenen. Sie sagen, der letzte ist vor zwanzig Jahren darin versunken, ein Schuhmachergesell, der Jochim Fritz hiess. Das war ein junges, schoenes Blut und ging immer viel auf dem Wall spazieren. Der ist mit einem Male verschwunden, und keiner hat gewusst, wo er gestoben und geflogen war, und seine Eltern und Freunde haben ihn in der ganzen Welt suchen lassen, aber nicht gefunden! Er mag nun auch wohl dasitzen bei den andern. Der Riese Balderich In der westlichen Spitze der Insel Ruegen in der Ostsee an der Feldscheide der Doerfer Rothenkirchen und Goetemitz, etwa eine Viertelmeile von dem Kirchdorfe Rambin, liegen auf flachem Felde neun kleine Huegel oder Huenengraeber, welche gewoehnlich die Neun Berge oder die Neun Berge bei Rambin genannt werden, und von welchen das Volk allerlei Maerchen erzaehlt. Diese entstanden weiland durch die Kuehnheit eines Riesen, und seitdem die Riesen tot sind, treiben die Zwerge darin ihr Wesen. Vor langer Zeit lebte auf Ruegen ein gewaltiger Riese (ich glaube, er hiess Balderich), den verdross es, dass das Land eine Insel war und dass er immer durch das Meer waten musste, wenn er nach Pommern auf das feste Land wollte. Er liess sich also eine ungeheure Schuerze machen, band sie um seine Hueften und fuellte sie mit Erde; denn er wollte sich einen Erddamm auffuehren von der Insel bis zur Feste. Als er mit seiner Tracht bis ueber Rothenkirchen gekommen war, riss ein Loch in die Schuerze, und aus der Erde, die herausfiel, wurden die Neun Berge. Er stopfte das Loch zu und ging weiter; aber als er bis Gustow gekommen war, riss wieder ein Loch in die Schuerze, und es fielen dreizehn kleine Berge heraus. Mit der noch uebrigen Erde ging er ans Meer und goss sie hinein. Da ward der Prosnitzer Hafen und die niedliche Halbinsel Drigge. Aber es blieb noch ein schmaler Zwischenraum zwischen Ruegen und Pommern, und der Riese aergerte sich darueber so sehr, dass er ploetzlich von einem Schlagfluss hinstuerzte und starb. Und so ist denn sein Damm leider nie fertig geworden. Von demselben Riesen Balderich erzaehlt man ein Kraftstueck, das er bei Putbus bewiesen hat. Er hatte schon mehrmals mit Aerger gesehen, dass dem Christengotte zu Vilmnitz, eine halbe Meile von Putbus, eine Kirche erbaut ward, und da hat er bei sich gesprochen: "Lass die Wuermer ihren Ameisenhaufen nur aufbauen; den werfe ich nieder, wann er fertig ist." Als nun die Kirche fertig und der Turm aufgefuehrt war, nahm der Riese einen gewaltigen Stein, stellte sich auf dem Putbusser Tannenberge hin und schleuderte ihn mit so ungeheurer Gewalt, dass der Stein wohl eine Viertelmeile ueber die Kirche wegflog und bei Nadelitz niederfiel, wo er noch diesen Tag liegt am Wege, wo man nach Posewald faehrt, und der Riesenstein genannt wird. Die Unterirdischen in den Neun Bergen bei Rambin In den Neun Bergen bei Rambin wohnen nun die Zwerge und die kleinen Unterirdischen und tanzen des Nachts in den Bueschen und Feldern herum und fuehren ihre Reigen und ihre Musiken auf im mitternaechtlichen Mondschein, besonders in der schoenen und lustigen Sommerzeit und im Lenze, wo alles in Bluete steht; denn nichts lieben die kleinen Menschen mehr als die Blumen und die Blumenzeit. Sie haben auch viele schoene Knaben und Maedchen bei sich; diese aber lassen sie nicht heraus, sondern behalten sie unter der Erde in den Bergen, denn sie haben die meisten gestohlen oder durch einen gluecklichen Zufall erwischt und fuerchten, dass sie ihnen wieder weglaufen moechten. Denn vormals haben sich viele Kinder des Abends und des Morgens locken lassen von der suessen Musik und dem Gesange, der durch die Buesche klingt, und sind hingelaufen und haben zugehorcht; denn sie meinten, es seien kleine singende Waldvoegelein, die mit solcher Lustigkeit musizierten und Gott lobeten--und dabei sind sie gefangen worden von den Zwergen, die sie mit in den Berg hinabgenommen, dass sie ihnen dort als Diener und Dienerinnen aufwarteten. Seitdem die Menschen nun Wissens dass es da so hergeht und nicht recht geheuer ist, hueten sie sich mehr, und geht keiner dahin. Doch verschwindet von Zeit zu Zeit noch manches unschuldige Kind, und die Leute sagen dann wohl, es hab's einer der Zwerge mitgenommen; und oft ist es auch wohl durch die Kuenste der kleinen braunen Maenner eingefangen und muss da unten sitzen und dienen und kann nicht wiederkommen. Das ist aber ein uraltes Gesetz, das bei den Unterirdischen gilt, dass sie je alle fuenfzig Jahre wieder an das Licht lassen muessen, was sie eingefangen haben. Und das ist gut fuer die, welche so gefangen sitzen und da unten den kleinen Leuten dienen muessen, dass ihnen diese Jahre nicht gerechnet werden, und dass keiner da aelter werden kann als zwanzig Jahre, und wenn er volle fuenfzig Jahre in den Bergen gesessen haette. Und es kommen auf die Weise alle, die wieder herauskommen, jung und schoen heraus. Auch haben die meisten Menschen, die bei ihnen gewesen sind, nachher auf der Erde viel Glueck gehabt: entweder, dass sie da unten so klug und witzig und anschlaegisch werden, oder dass die kleinen Leute, wie einige erzaehlen, ihnen unsichtbar bei der Arbeit helfen und Gold und Silber zutragen. Die Unterirdischen, welche in den Neun Bergen wohnen, gehoeren zu den braunen, und die sind nicht schlimm. Es gibt aber auch schwarze, das sind Tausendkuenstler und Kunstschmiede, geschickt und fertig in allerlei Werk, aber auch arge Zauberer und Hexenmeister, voll Schalkheit und Trug, und ist ihnen nicht zu trauen. Sie sind auch Wilddiebe, denn sie essen gern Braten. Sie duerfen aber das Wild mit keinem Gewehr faellen, sondern sie stricken eigene Netze, die kein Mensch sehen kann; darin fangen sie es. Darum sind sie auch Feinde der Jaeger und haben schon manchem Jaeger sein Gewehr behext, dass er nicht treffen kann. Das glauben aber bis diesen Tag viele Leute, dass nichts eine groessere Gewalt ueber diese Schwarzen hat als Eisen, worueber gebetet worden, oder was in Christenhaenden gewesen ist. Solche Schwarzen wohnen hier aber gar nicht. In zwei Bergen wohnen von den weissen, und das sind die freundlichsten, zartesten und schoensten aller Unterirdischen, fein und anmutig von Gliedern und Gebaerden und ebenso fein und liebenswuerdig drinnen im Gemuete. Diese Weissen sind ganz unschuldig und rein und necken niemand, auch nicht einmal im Scherze, sondern ihr Leben ist licht und zart, wie das Leben der Blumen und Sterne, mit welchen sie auch am meisten Umgang halten. Diese niedlichen Kleinen sitzen den Winter, wann es auf der Erde rauh und wuest und kalt ist, ganz still in ihren Bergen und tun da nichts anders, als dass sie die feinste Arbeit wirken aus Silber und Gold, dass die Augen der meisten Sterblichen zu grob sind, sie zu sehen; die sie aber sehen koennen, sind besonders feine und zarte Geister. So leben sie den trueben Winter durch, wann es da draussen unhold ist, in ihren verborgenen Klausen. Sobald es aber Fruehling geworden und den ganzen Sommer hindurch, leben sie hier oben im Sonnenschein und Sternenschein sehr froehlich und tun dann nichts als sich freuen und andern Freude machen. Sobald es auch im ersten Lenze zu sprossen und zu keimen beginnt an Baeumen und Blumen, sind sie husch aus ihren Bergen heraus und schluepfen in die Reiser und Stengel und von diesen in die Blueten und Blumenknospen, worin sie gar anmutig sitzen und lauschen. Des Nachts aber, wann die Menschen schlafen, spazieren sie heraus und schlingen ihre froehlichen Reihentaenze im Gruenen um Huegel und Baeche und Quellen und machen die allerlieblichste und zarteste Musik, welche reisende Leute so oft hoeren und sich verwundern, weil sie die Spieler nicht sehen koennen. Diese kleinen Weissen duerfen auch bei Tage immer heraus, wann sie wollen, aber nicht in Gesellschaft, sondern einzeln, und sie muessen sich dann verwandeln. So fliegen viele von ihnen umher als bunte Voegelein oder Schmetterlinge oder als schneeweisse Taeubchen und bringen den kleinen Kindern oft Schoenes und den Erwachsenen zarte Gedanken und himmlische Traeume, von welchen sie nicht wissen, wie sie ihnen kommen. Das ist bekannt, dass sie sich haeufig in Traeume verwandeln, wenn sie in geheimer Botschaft reisen. So haben sie manchen Betruebten getroestet und manchen Treuliebenden erquickt. Wer ihre Liebe gewonnen hat, der ist im Leben besonders gluecklich, und wenn sie nicht so reich machen an Schaetzen und Guetern als die andern Unterirdischen, so machen sie reich an Liedern und Traeumen und froehlichen Gesichten und Phantasien. Und das sind wohl die besten Schaetze, die ein Mensch gewinnen kann. Abenteuer des Johann Dietrich In Rambin lebte einst ein Arbeitsmann, der hiess Jakob Dietrich, ein Mann schlecht und recht und gottesfuerchtig, und der auch eine gute und gottesfuerchtige Frau hatte. Die beiden Eheleute besassen dort ein Haeuschen und ein Gaertchen und naehrten sich redlich von der Arbeit ihrer Haende; denn andere Kuenste kannten sie nicht. Sie hatten viele liebe Kinder, von welchen das juengste, Johann Dietrich genannt, ihnen fast das liebste war. Denn es war ein schoener und munterer Junge, aufgeweckt und quick, fleissig in der Schule und gehorsam zu Hause, und behielt alle Lehren und Geschichten sehr gut, welche die Eltern ihm versagten. Auch von vielen andern Leuten lernte er und hielt jeden fest, der Geschichten wusste, und liess ihn nicht eher los, als bis er sie erzaehlt hatte. Johann war acht Jahre alt geworden und lebte den Sommer bei seines Vaters Bruder, der Bauer in Rothenkirchen war, und musste nebst andern Knaben Kuehe hueten, die sie ins Feld gegen die Neun Berge hinaustrieben, wo damals noch viel mehr Wald war als jetzt. Da war ein alter Kuhhirt aus Rothenkirchen, Klas Starkwolt genannt, der gesellte sich oft zu den Knaben, und sie trieben die Herden zusammen und setzten sich hin und erzaehlten Geschichten. Der alte Klas wusste viele und erzaehlte sie sehr lebendig; er war bald Johann Dietrichs liebster Freund. Besonders aber wusste er viele Maerchen von den Neun Bergen und von den Unterirdischen aus der allerfruehesten Zeit, als die Riesen im Lande untergegangen und die Kleinen in die Berge gekommen waren, und Johann hoerte sie immer mit dem innigsten Wohlgefallen und plagte den alten Mann jeden Tag um neue Geschichten, obgleich ihm dieser das Herz zuweilen so in Flammen setzte, dass er des Abends spaet und des Morgens frueh, wenn er hier zuweilen heraus musste, mit sausendem Haar ueber das Feld hinstrich, als haette er alle Unterirdischen als Jaeger hinter sich gehabt, die ihn fangen wollten. Der kleine Johann Dietrich hatte sich so vertieft und verliebt in diese Maerchen von den Unterirdischen, dass er nichts anders sah und hoerte, von nichts anderm sprach und fabelte als von goldenen Bechern und Kronen, glaesernen Schuhen, Taschen voll Dukaten, goldenen Ringen, diamantenen Kraenzen, schneeweissen Braeuten und klingenden Hochzeiten. Wenn er nun so ganz darin war und in kindischer Freude aufjauchzte und umhersprang, dann pflegte der alte Starkwolt wohl den Kopf zu schuetteln und ihm zuzurufen: "Johann! Johann! Wo willst du hin? Spaten und Sense, das sind dein Zepter und deine Krone, und deine Braut wird ein Kraenzel von Rosmarin und einen bunten Rock von Drell tragen." Johann liess sich das aber nicht anfechten und traeumte immer lustig fort. Und obwohl er herzlich graulich war und in der Dunkelheit um alles in der Welt nicht ueber den Kirchhof gegangen waere, hatte er sich das Leben da in dem Berge und die Schaetze und Herrlichkeiten darin doch so ausgemalt, dass ihn fast geluestete, einmal hinabzusteigen; denn der alte Klas hatte gesagt, wie man es anfangen muesse, damit man da unten Herr werde und nicht Diener, und damit sie einen nicht fuenfzig Jahre festhalten und die Becher spuelen und das Estrich kehren lassen koennten. Wer naemlich so klug oder so gluecklich sei, die Muetze eines Unterirdischen zu finden oder zu erhaschen, der koenne sicher hinabsteigen, dem duerfen sie nichts tun noch befehlen, sondern muessen ihm dienen, wie er wolle, und derjenige Unterirdische, dem die Muetze gehoere, muesse sein Diener sein und ihm schaffen, was er wolle. Das hatte Johann sich hinters Ohr geschrieben und seinen Teil dabei gedacht; ja, er hatte wohl hinzugesetzt, so etwas unterstehe er sich auch wohl zu wagen. Die Leute glaubten ihm das aber nicht, sondern lachten ihn aus; und doch hat er es getan, und sie haben genug geweint, als er nicht wiedergekommen ist. Es war nun die Zeit des Johannisfestes, wo die Tage am laengsten sind und die Naechte am kuerzesten, und wo die Jahreszeit am schoensten ist. Die Alten und die Kinder hatten die Festtage froehlich gelebt und gespielt und allerlei Geschichten erzaehlt; da konnte Johann sich nicht laenger halten, sondern den Tag nach Johannis schlich er sich heimlich weg, und als es dunkel ward, legte er sich auf dem Gipfel des hoechsten der Neun Berge hin, wo die Unterirdischen, wie Klas ihm erzaehlt, ihren vornehmsten Tanzplatz hatten. Und wahrlich, er legte sich nicht ohne Angst hin, und haette er nicht einmal dagelegen, vielleicht waere nimmer was daraus geworden; denn sein Herz schlug ihm wie ein Hammer, und sein Atem ging wie ein frischer Wind. So lauschte er in Furcht und Hoffnung von zehn Uhr abends bis zwoelf Uhr Mitternacht. Und als es zwoelf schlug, sieh, da fing es an zu klingen und zu singen in den Bergen; und bald wisperte und lispelte und pfiff und saeuselte es um ihn her; denn die kleinen Leute dreheten sich jetzt in Taenzen rund, und andere spielten und tummelten sich im Mondschein und machten tausend lustige Schwaenke und Possen. Ihn ueberlief bei diesem Gewispel und Gesaeusel ein geheimer Schauder (denn sehen konnte er nichts von ihnen, da ihre Muetzchen, die sie tragen, sie unsichtbar machen); er aber lag ganz still, das Gesicht ins Gras gedrueckt und die Augen fest zugeschlossen und leise schnarchend, als schliefe er. Doch konnte er es nicht lassen, zuweilen ein wenig umher zu blinzeln, damit er etwa seinen Vorteil ersaehe, einen der kleinen Leute finge und ein Herr wuerde, denn dazu hatte er gar grosse Lust; aber wie heller Mondschein es auch war, er konnte auch nicht das geringste von ihnen erblicken. Und siehe, es waehrte nicht lange, so kamen drei der Unterirdischen dahergesprungen, wo er lag, gaben aber nicht acht auf ihn, warfen ihre braunen Muetzchen in die Luft und fingen sie einander ab. Da riss der eine dem andern in Schalkheit die Muetze aus der Hand und warf sie weg. Und die Muetze flog dem Johann gerade auf den Kopf, und er fuehlte sie, griff zu und richtete sich sogleich auf und liess Schlaf Schlaf sein. Er schwang mit Freuden seine Muetze, dass das silberne Gloecklein daran klingelte, und setzte sie sich dann auf den Kopf, und (o Wunder! ) in demselben Augenblicke sah er das zahllose und lustige Gewimmel der kleinen Leute, und sie waren ihm nicht mehr unsichtbar. Die drei kleinen Maenner kamen listig herbei und wollten mit Behendigkeit die Muetze wieder gewinnen; er aber hielt seine Beute fest, und sie sahen wohl, dass sie auf diese Weise nichts von ihm gewinnen wuerden; denn Johann war ein Riese gegen sie an Groesse und Staerke, und sie reichten ihm kaum bis ans Knie. Da kam derjenige, dem die Muetze gehoerte, und trat ganz demuetig vor den Finder hin und bat flehentlich, als haenge sein Leben dran, ihm die Muetze wiederzugeben. Johann aber antwortete ihm: "Nein, du kleiner, schlauer Schelm, die Muetze bekommst du nicht wieder; das ist nichts, was man fuer ein Butterbrot weggibt! Ich waere schlimm daran mit euch, wenn ich nichts von euch haette; jetzt aber habt ihr kein Recht an mir, sondern muesst mir, was ich nur will, zu Gefallen tun. Und ich will mit euch hinabfahren und sehen, wie ihr es da unten treibt; du aber sollst mein Diener sein, denn du musst wohl. Das weiss ich so gut als ihr, dass es nicht anders sein kann, denn Klas Starkwolt hat mir es alles erzaehlt." Der kleine Mensch aber gebaerdete sich, als ob er dies alles nicht gehoert noch verstanden haette; er fing seine Quaelerei und Winselei und Plinselei wieder von vorn an, klagte und jammerte und heulte erbaermlich um sein verlornes Muetzchen; aber als Johann ihm kurzweg sagte: "Es bleibt dabei, du bist der Diener, und ich will eine Fahrt mit euch machen", da fand er sich endlich drein, zumal da auch die andern ihm zuredeten, dass es so sein muesse. Johann aber warf seinen schlechten Hut nun weg und setzte sich die Muetze an seiner Stelle auf und befestigte sie wohl auf seinem Kopfe, damit sie ihm nicht abgleiten oder abfliegen koennte; denn in ihr trug er die Herrschaft. Und er versuchte es sogleich und befahl seinem neuen Diener, ihm Speise und Trank zu bringen, denn ihn hungerte. Und der Diener lief wie der Wind davon, und in einem Hui war er wieder da und trug Wein in Flaschen herbei und Brot und koestliche Fruechte. Und Johann ass und trank und sah dem Spiele und den Taenzen der Kleinen zu, und es gefiel ihm sehr wohl. Und er fuehrte sich in allen Dingen mit ihnen beherzt und klug auf, als waere er ein geborner Herr gewesen. Und als der Hahn seinen dritten Krei getan hatte und die kleinen Lerchen in der Luft die ersten Wirbel anschlugen und das junge Licht in einzelnen weissen Streifen im Osten aufdaemmerte, da ging es husch husch husch durch die Buesche und Blumen und Halme fort, und die Berge klangen wieder und taten sich auf, und die kleinen Menschen fuhren hinab; und Johann gab wohl acht auf alles und fand es wirklich so, wie sie ihm erzaehlt hatten. Siehe, auf dem Wipfel der Berge, wo sie eben noch getanzt hatten, und wo alles eben voll Gras und Blumen stand, wie die Menschen es bei Tage sehen, hob sich, als es zum Abzuge blies, ploetzlich eine glaenzende glaeserne Spitze hervor; auf diese trat, wer hinein wollte, sie oeffnete sich, und er glitt sanft hinab, und sie tat sich wieder hinter ihm zu; als sie aber alle hinein waren, verschwand sie und war auch keine Spur mehr von ihr zu sehen. Die aber durch die glaeserne Spitze fielen, sanken gar sanfte in eine weite silberne Tonne, die sie alle aufnahm und wohl tausend solcher Leutlein beherbergen konnte. In eine solche fiel auch Johann mit seinem Diener und mit mehreren hinab, und sie alle schrien und baten ihn, dass er sie nicht treten moege, denn sie waeren des Todes gewesen von seiner Last. Er aber huetete sich und war sehr freundlich gegen sie. Es gingen aber mehrere solcher Tonnen nebeneinander hin, immer hinauf und hinab, bis alle hinunter waren. Sie hingen an langen silbernen Ketten, die unten gezogen und gehalten wurden. Johann erstaunte beim Hinabfahren ueber den wunderbaren Glanz der Waende, zwischen welchen das Toennchen fortglitt. Es war alles wie mit Perlen und Diamanten besetzt, so blitzte und funkelte es; unter sich aber hoerte er die lieblichste Musik aus der Ferne klingen. So ward er auf das anmutigste hinabgewiegt, dass er nicht wusste, wie ihm geschah, und vor lauter Lust in einen tiefen Schlaf fiel. Er mochte wohl lange geschlafen haben. Als er erwachte, fand er sich in dem allerweichsten und allernettesten Bette, wie er es in seines Vaters Hause nimmer gesehen hatte, und dieses Bett stand in dem allerniedlichsten Zimmer; vor ihm aber stand ein kleiner Brauner mit dem Fliegenwedel in der Hand, womit er Muecken und Fliegen abwehrte, dass sie seines Herrn Schlummer nicht stoeren konnten. Johann tat kaum die Augen auf, so brachte der kleine Diener ihm schon das Handtuch mit dem Waschwasser und hielt ihm zugleich die nettesten neuen Kleider zum Anziehen hin, aus brauner Seide sehr niedlich gemacht, und ein Paar neue schwarze Schuh mit roten Bandschleifchen, wie Johann sie in Rambin und Rothenkirchen nie gesehen hatte; auch standen dort einige Paare der niedlichsten und glaenzendsten glaesernen Schuhe, die nur bei grossen Festlichkeiten gebraucht zu werden pflegen. Es gefiel dem kleinen Knaben sehr, dass er so leichte und saubere Kleider tragen sollte, und er liess sie sich gern anziehen. Und als Johann angekleidet war, flugs flog der Diener fort und war geschwind wie der Blitz wieder da. Er trug aber auf einer goldenen Schuessel eine Flasche suessen Wein und ein Toepfchen Milch und schoenes Weissbrot und Fruechte und andere koestliche Speisen, wie kleine Knaben sie gern essen. Und Johann sah immer mehr, dass Klas Starkwolt, der alte Kuhhirt, es wohl gewusst habe; denn so herrlich und praechtig, als er hier alles fand, hatte er es sich doch nicht getraeumt. Auch war sein Diener der allergehorsamste und tat alles von selbst, was er ihm nur an den Augen absehen konnte. Der Worte bedurfte es nie, sondern nur leichter Blicke und Winke; denn er war klug wie ein Bienchen, wie alle diese kleinen Leute von Natur sind. Und nun muss ich Johanns Zimmer beschreiben. Sein Bettchen war schneeweiss mit den weichsten Polstern und mit den weissesten Laken ueberzogen, mit Kissen aus Atlas und einer solchen gesteppten Decke. Ein Koenigssohn haette darin schlafen koennen. Neben und vor diesem Bette standen die niedlichsten Stuehle, auf das netteste gearbeitet und mit allerlei bunten Voegeln und Tieren verziert, welche kunstreiche Haende eingeschnitten hatten; einige waren auch von edlen Steinen bunt eingelegt. An den Waenden standen weisse Marmortische und ein paar kleinere aus gruenen Smaragden, und zwei blanke Spiegel glaenzten an den beiden Enden des Zimmers, deren Rahmen mit blitzenden Edelgesteinen eingefasst waren. Die Waende des Zimmers waren mit gruenen Smaragden getaefelt, und hatte einen solchen Glanz nie ein Mensch auf Erden gesehen und wird ihn auch keiner dort sehen, auch nicht in des groessten Kaisers Hause. Und in solchem Zimmer wohnte nun der kleine Johann Dietrich, eines Tageloehners Sohn aus Rambin, dass man wohl sagen mag: Das Glueck faengt, wem es von Gott beschert ist. Hier unter der Erde sah man nun freilich nie Sonne, Mond und Sterne leuchten, und das schien allerdings ein grosser Fehler zu sein. Aber sie brauchten hier solche Lichter nicht, auch bedurften sie weder der Wachslichter noch der Talglichter, noch der Kerzen und Oellampen und Laternen; sie hatten andern Lichtes genug. Denn die Unterirdischen wohnen recht eigentlich mitten unter den Edelgesteinen und sind die Meister des reinsten Silbers und Goldes, das in der Erde waechst, und sie haben die Kunst wohl gelernt, wie sie es hell bei sich haben koennen bei Tage und bei Nacht. Eigentlich muss man hier von Tag und Nacht nicht reden, denn die unterscheiden sie hier unten nicht, weil keine Sonne hier auf- und untergeht, welche die Scheidung macht, sondern sie rechnen hier nur nach Wochen. Sie setzen aber ihre Wohnungen und die Wege und Gaenge, welche sie unter der Erde durchwandern, und die Orte, wo sie ihre grossen Saele haben und ihre Reigen und Feste halten, mit den allerkostbarsten Edelgesteinen aus, dass es funkelt, als waere es der ewige Tag. Einen solchen Stein hatte der kleine Johann auch in seinem Zimmer. Das war ein auserlesener Diamant, ganz rund und wohl so gross als eine Kugel, womit man Kegel zu werfen pflegt. Dieser war oben in der Decke des Zimmers befestigt und leuchtete so hell, dass er keiner andern Lampen und Lichter bedurfte. Als Johann Fruehstueck gegessen hatte, oeffnete der Diener ein Tuerchen in der Wand, und Johanns Augen fielen hinein, und er sah die zierlichsten goldenen und silbernen Becher und Schalen und Gefaesse und viele Koerbchen voll Dukaten und Kaestchen voll Kleinodien und kostbarer Steine. Auch waren da viele liebliche Bilder und die allersaubersten Maerchenbuecher mit Bildern, die er in seinem Leben gesehen hatte. Und er wollte diesen Vormittag gar nicht ausgehen, sondern betastete und besah sich alles und blaetterte und las in den schoenen Bilderbuechern und Maerchenbuechern. Und als es Mittag geworden, da klang eine helle Glocke, und der Diener rief: "Herr, willst du allein essen oder in der grossen Gesellschaft?" Und Johann antwortete: "In der grossen Gesellschaft." Und der Diener fuehrte ihn hinaus. Johann sah aber nichts als einzelne von Edelsteinen erleuchtete Hallen und einzelne kleine Maenner und Frauen, die ihm aus Felsritzen und Steinklueften herauszuschluepfen schienen, und verwunderte sich, woher die Glocke klaenge, und sprach zu dem Diener: "Aber wo ist denn die Gesellschaft?" Und als er noch fragte, so oeffnete sich die Halle, worin sie gingen, zu einer grossen Weite und ward ein unendlicher Saal, ueber welchen eine weite, gewoelbte und mit Edelsteinen und Diamanten geschmueckte Decke gezogen war. Und in demselben Augenblick sah er auch ein unendliches Gewimmel von zierlich gekleideten kleinen Maennern und Frauen durch viele geoeffnete Tueren hineinstroemen, und tat sich der Boden an vielen Stellen auf, und die niedlichsten, mit den koestlichsten Gefaessen und schmackhaftesten Speisen und Fruechten und Weinen besetzten Tische stellten sich aneinander hin, und die Stuehle und Polster reiheten sich von selbst um die Tische, und die Maenner und Frauen nahmen Platz. Und die Vornehmsten des kleinen Voelkchens kamen und verneigten sich vor Johann und fuehrten ihn mit sich an ihren Tisch und setzten ihn zwischen ihre schoensten Jungfrauen, dass er seine Lust hatte, mit den lieblichen Kindern zu sein, und es ihm da ueber die Massen wohlgefiel. Es war auch eine sehr froehliche Tafel, denn die Unterirdischen sind ein sehr lebendiges und lustiges Voelkchen und koennen nicht lange still sein. Dazu klang die allerlieblichste Musik aus den Lueften, und die buntesten Voegel flogen umher und sangen in gar anmutigen Toenen, die einem die Seele aus der Brust holen konnten. Es waren aber keine lebendige Voegel, die da sangen, sondern kuenstliche Voegel und kuenstliche Toene und von den kleinen Maennern so sinnreich gemacht, dass sie fliegen und singen konnten. Und Johann erstaunte und entsetzte sich sehr ueber alle die Wunder, die er sah, und freuete sich gewaltig. Die Diener und Dienerinnen aber, welche bei Tische aufwarteten und Blumen streueten und die Flur mit Rosenoel und andern Dueften besprengten und die goldenen Schalen und Becher herumtrugen und die silbernen und kristallenen Koerbe mit Fruechten, waren Kinder der Menschen da droben, welche aus Neugier oder von ungefaehr unter die Kleinen geraten und hier hinabgestiegen waren, ohne sich vorher eines Pfandes zu bemeistern, und die also in die Gewalt der Kleinen gekommen waren, oder die sich naechtlich und mitternaechtlich unter ihre Sternenspiele auf dem glaesernen Berge verirrt hatten. Diese waren anders gekleidet als sie. Die Knaben und die Maedchen waren in schneeweisse Roeckchen und Jaeckchen gekleidet und trugen feine glaeserne Schuh, dass man ihren Tritt immer hoeren konnte, und blaue Muetzchen auf dem Kopfe; ihre Leibchen aber hatten sie mit silbernen Guerteln umguertet. Das war die Tracht der Diener und Dienerinnen. Den kleinen Johann jammerten sie anfangs wohl, als er sie sah, wie sie springen und den Unterirdischen aufwarten mussten; aber weil sie munter aussahen und fein gekleidet waren und rosenrote Wangen hatten, so dachte er: "Nun, es geht ihnen doch so schlimm nicht, und ich habe es noch lange so gut nicht gehabt, als ich hinter den Kuehen und Ochsen laufen musste. Ich bin nun freilich ein Herr hier, und sie muessen als Diener laufen. Das kann aber nicht anders sein: warum haben sie sich auch so dumm fangen lassen und sich vorher kein Zeichen genommen? Es muss doch die Zeit kommen, wo sie einmal erloest werden, und laenger als fuenfzig Jahre werden sie hier gewiss nicht bleiben." Damit troestete er sich und spielte und scherzte mit seinen kleinen Gesellinnen und ass und trank in Freuden und liess sich von seinem Diener und von den andern allerlei unterirdische Geschichten erzaehlen; denn er wollte alles genau wissen. So sassen sie ungefaehr zwei Stunden lustig beisammen und assen und tranken und horchten auf die liebliche Musik, die aus den Lueften erklang. Da klingelte der Vornehmste mit einem Gloeckchen, und in einem Hui versanken die Tische und die Stuehle wieder, und alle Maenner und Frauen und Juenglinge und Jungfrauen standen da wieder auf den Fuessen. Und wieder ein zweiter Klang mit einem zweiten Gloeckchen, und wo eben die Tafeln gestanden, erhoben sich gruene Orangen- und Palmen- und Lorbeerbaeume mit Blueten und Fruechten, und andere, lustigere und klangreichere Voegel als die vorher durch die Luft geflattert hatten, sassen in ihren Zweigen und sangen. Und sie sangen alle wie in einer Weise und in einem Masse, und Johann sah bald, woher dies kam; denn am Ende des Saales hoch oben an der Decke sass in einer hohlen Wand ein eisgrauer Greis und gab den Ton an, nach welchem sie singen mussten. Sie nannten ihn ihren grossen Ballmeister. Er war aber so ernst, als er weise war, und verschwiegen wie die graue Zeit und sprach nie ein Sterbenswort, da die andern alle wohl oft zuviel plapperten und schwaetzelten. Der alte Eisgraue droben strich nun die Geige zum Tanze, und alle die bunten Voegel klangen den Strich nach. Es war aber ein recht fliegender Strich, denn ihr Tanz geht immer aeusserst geschwind und lebendig. Als nun der Reigen angeklungen war, siehe, da bewegten sich die leichten und froehlichen Scharen und sprangen und huepften und drehten sich, als wenn die Welt im Wirbel auseinanderfliegen sollte. Und die kleinen huebschen und feinen unterirdischen Dirnen, die sich neben Johann gesetzt hatten, fassten ihn auch und drehten ihn mit rund. Und er liess es gern geschehen und tanzte mit ihnen rund wohl zwei Stunden lang. Und diesen lustigen Tanz hat er jeden Nachmittag mitgehalten, solange er da unten geblieben ist, und in seinem spaetesten Alter noch immer mit vielem Vergnuegen davon erzaehlt. Er pflegte dann zu sagen, die himmlische Freude und der Gesang und das Saitenspiel der Engel, welche die Seligen im Himmel einst zu hoffen haetten, moegen wohl ueberschwenglich schoen sein; er aber koenne sich nichts Schoeneres und Lieblicheres denken als die Musik dieses unterirdischen Reigens, die schoenen und beseelten kleinen Menschen, die wunderbaren Voegel in den Zweigen mit den allerzauberischesten Toenen und die klingenden Silbergloeckchen an den Muetzen. Ein Mensch, der das nicht gesehen und gehoert, koenne sich gar keine Vorstellung davon machen. Als die Musik schwieg und der Tanz geendigt war (das mochte wohl die Zeit sein, die wir vier Uhr nachmittag nennen), verschwand das kleine lustige Voelkchen, die einen hiehin, die andern dahin, und jeder ging wieder an sein Werk und seine Lust. Des Abends ward nach dem Essen gewoehnlich ebenso gejubelt und getanzt. Des Nachts aber schluepften alle heraus aus den Bergen, besonders in schoenen, sternhellen Naechten, und wenn sie auf Erden etwas Besonderes zu tun hatten. Da ging aber der kleine Johann immer ruhig schlafen und hielt, wie es einem frommen christlichen Knaben geziemte, andaechtig sein Abendgebet, und auch des Morgens vergass er nie zu beten. Doch nun muss ich noch mehr erzaehlen von den Unterirdischen, ehe ich weiter melde, wie es unserm kleinen Johann Dietrich da unten die folgenden Wochen und Jahre ergangen ist. Dass solche kleine Unterirdische, die man mit vielen Namen auch wohl Braunchen, Weisschen, Elfen, Weisselfen, Schwarzelfen, Kobolde, Puke, Heinzlein, Trolle nennt, seit uralten Zeiten unter den Bergen und Huegeln wohnen und ihre wunderbaren kristallenen und glaesernen Haeuser haben, ist gewiss. Aber wie sie dahingekommen sind, und was es denn eigentlich fuer Geister sind, und wozu der liebe Gott sie eigentlich geschaffen hat, das hat uns bisher noch keiner sagen koennen. Sie sind wohl gleich den Seelen und Herzen der Menschen von sehr verschiedener Art, einige boes, andere gut, einige freundlich, andere neckisch; das wird aber von allen ohne Unterschied gesagt, dass sie sehr sinnreich und geschickt sind und die kuenstlichsten Werke und Geschmeide machen koennen, die ihnen kein Mensch nachmachen kann, und die von den Menschen deswegen oft fuer Zauberwerk und Hexenwerk gehalten werden. Alles, was ich hier erzaehle, hat Johann Dietrich mitgebracht und es seinen Freunden erzaehlt und seinen Kindern so hinterlassen. Von diesen haben es wieder andere gehoert, und so hat sich's weitererzaehlt bis diesen Tag. Die Unterirdischen, zu welchen Johann hinabgestiegen war, gehoerten zu den Braunen. Sie hatten auch kleine Schelmstreiche im Herzen, waren aber im ganzen doch gutmuetiger und froehlicher Art. Die Braunen hiessen sie, weil sie braune Jaeckchen und Roeckchen trugen und braune Muetzen auf dem Kopf mit silbernen Gloeckchen; einige trugen schwarze Schuh mit roten Baendern, die meisten aber feine glaeserne, und beim Tanze trugen sie alle keine anderen. Sie hatten ihre Haeuschen in den Bergen; aber damit waren sie sehr geheim, und Johann Dietrich, solange er bei ihnen gewesen, hat keine einzige ihrer Kammern gesehen. Er und der Diener hatten ihre Kammer hart bei der Stelle, wo der herrliche Speise- und Tanzsaal immer kam und verschwand; er hat auch an vielen andern Stellen schoene Hallen und offene Plaetze und liebliche Anger und Auen gesehen, aber nirgends Wohnungen; sondern die Kleinen waren immer nur einzeln oder scharweise da, entweder dass sie tanzten, lustwandelten oder auch geschwind voruebergingen. Und wie sie aus den Steinen, worin sie wohnen, herauskamen und wieder hinschwanden, das hat er mit seinen Augen nie sehen koennen, wie sehr er auch oft darauf gelauscht hat; sondern sie kamen vor seinen Augen und verschwanden wie Blitze und Scheine. Einige kleine Dirnen aber, die ihn lieb hatten, haben ihm zugefluestert: jeder habe sein eignes Haeuschen tief im Gestein, ein liebliches, helles, glaesernes Haeuschen; auch sei der ganze Berg durchsichtig von Anfang bis zu Ende und eigentlich rings mit Glas umwachsen; das sei aber seinen Augen zu sehen nicht moeglich. Von diesen kleinen Unterirdischen waren die groessten kaum einer Elle lang und die Knaben und Maedchen also gar klein; aber sie waren von Gestalt und Gebaerde freundlich und schoen, mit hellen, lichten Augen und mit gar feinen und anmutigen Haendchen und Fuesschen. Und eben durch diese Lieblichkeit und Freundlichkeit haben sie manches Menschenkind verfuehrt, dass es zu ihnen heruntergekommen ist ohne irgend ein Pfand und Zeichen und lange Jahre da hat bleiben und dienen muessen. Denn wenn man ein Pfand von ihnen hat, schadet es nichts, dass man mit in dem silbernen Toennchen hinabsteigt, und sie muessen einen immer wieder herauslassen. Sie geben aber nicht gern ein Pfand. Das kluegste und richtigste ist, dass man mit Listen ein Pfand von ihnen nimmt; denn dann muessen sie einem dienen, da sie sonst gern herrschen wollen. Denn sie sind sehr herrschsuechtig, und das ist eigentlich ihr Hauptfehler; vorzueglich herrschen sie gern ueber die Menschen und bilden sich etwas darauf ein, weil die soviel staerker und groesser sind, dass sie sie mit Listen zu ihren Dienern und Knechten machen. Das beste Pfand, das man von ihnen gewinnen kann und wodurch man am meisten Macht ueber sie bekommt, ist eine braune Muetze mit dem Gloeckchen; sehr gut ist auch ein glaeserner Schuh oder eine silberne Spange, womit sie ihren Leibguertel zu schliessen pflegen. Wer die hat, der hat aller Freuden Fuelle bei ihnen und ist ein grosser Gebieter. Ob sie auch sterben, das weiss man nicht, oder ob sie, wie einige erzaehlen, wann sie alt werden wollen, sich in Steine und Baeume verkriechen und so sich verwachsen und zu wundersamen Klaengen, Aechzern und Seufzern werden, die sich zuweilen hoeren lassen, ohne dass man weiss, woher sie kommen, oder zu abenteuerlichen Knorren und verflochtenen Schlingen, wodurch die Hexen schluepfen sollen, wann sie von dem wilden Jaeger gejagt werden. Eine Leiche von ihnen hat keiner gesehen, und wenn man sie darnach gefragt hat, haben sie immer so geantwortet, als verstanden sie das Wort gar nicht. Das ist gewiss, dass manche von ihnen ueber zweitausend Jahre alt sind. Da ist es denn kein Wunder, dass man so weise Leute unter ihnen findet. Sie haben einen grossen Vorteil voraus vor uns Menschenkindern, dass sie nicht noetig haben, fuer das taegliche Brot zu sorgen und zu arbeiten, denn Speise und Trank kommt ihnen von selber oder Gott weiss durch welche wundersame Kunst, und es fehlt nie Brot und Wein und Braten auf ihrem Tische. Auch sieht man dort unten, wo sie wohnen, und wo hin und wieder auch weite Fluren und Felder sind, nirgends Korn wachsen oder Vieh weiden oder Wild laufen, sondern bloss das Allerlustigste ist zum Genuss da, naemlich die schoensten Baeume und Reben, die mit den auserlesensten Fruechten und Trauben prangen; auch die lieblichsten Blumen in Menge, worauf so bunte Schmetterlinge flattern, als man in dem Lande der Sonne und des Mondes nimmer sieht; und die allerschoensten und schimmerndsten Voegel, die alle wie Paradiesvoegel und wie der Vogel Phoenix aussehen, wiegen sich in den Zweigen und singen suesse Lieder. Anderes Lebendiges sieht man dort nicht, wenn man das nicht etwas Lebendiges nennen will, dass hie und da aus den Kristallwaenden Quellen von Wein und Milch sich ergiessen. So scheint dies Voelkchen denn sehr gluecklich zu sein und bloss fuer die Freude und Lust geboren, und sie verstehen sich sehr wohl auf die Kunst, vergnuegt zu sein und ihr Leben lustig zu gebrauchen. Doch muss man nicht glauben, dass sie nichts weiter tun als Tafel, Spiel und Tanz halten, dann in ihre Kammern schluepfen und schlafen und etwa die Mitternaechte ueber der Erde verspielen--nein, sie sind wohl die allerregsamsten und allerfleissigsten Wesen, die man je gesehen hat. Niemand versteht so gut als sie das Innere der Erde und die geheimen Kraefte der Natur und was in Bergen und Steinen und Metallen waechst, und was in den Farben der Blumen und den Wurzeln der Baeume fuer Triebe lauschen. Denn ihre Sinne sind die allerklarsten und die allerfeinsten, viel feiner als des heitersten und hellesten Kindes, von Menschen geboren; denn auch unsere kleinen Kindlein haben wohl recht feine Sinne und Gedanken, welche die Erwachsenen nur nicht immer verstehen, weil diese meistens schon wieder durch Stein und Erde verhaertet und vergroebert sind. Die Unterirdischen haben viel Freude an Silber und Gold und edlen Steinen und machen die allerkuenstlichsten Arbeiten daraus, so dass die besten Meister hier oben erstaunen, wenn ein solches unterirdisches Werk hier mal gesehen wird. Deswegen nennen viele sie auch wohl Hueter des Goldes und des Silbers und meinen, dass sie von schlimmer Gier besessen und boese metallische Geister sind. Die meisten, die das sagen, tun ihnen aber unrecht, denn die weissen und braunen Unterirdischen sind wohl nicht so gierig. Sie verschenken ja soviel Schoenes an die Menschenkinder; das wuerden sie aber nicht tun, wenn sie das Gold und die Edelsteine zu lieb haetten. Sie haben es nur lieb wegen des Glanzes, denn Glanz und Licht lieben sie ueber alles in der Welt. Die mit den schwarzen Jacken und Muetzen sind aber wohl geizig und ueberhaupt von schlimmerer Natur als diese. Wie die Unterirdischen des Nachts aus ihren glaesernen Bergen schluepfen und im Mondschein und Sternenschein tanzen und sich erlustigen, habe ich schon erzaehlt. Sie koennen sich aber auch unsichtbar in die Haeuser der Menschen schleichen; denn wenn sie ihre Muetzen aufhaben, kann sie kein Mensch sehen, er habe denn selbst eine solche Muetze. Da sagen die Leute denn, dass sie allerlei Schalkereien treiben, die Kinder in den Wiegen vertauschen, ja gar wegstehlen und mitnehmen. Das ist aber gewiss nicht wahr von den Weissen und Braunen. Auch hat ihnen Gott ueber die Haeuser und Wohnungen der Menschen keine Gewalt gegeben, solcherlei schlimme Schalkerei zu treiben. Sie kommen wohl in die Haeuser der Menschen, sie koennen sich auch verwandeln, so dass kein Schluesselloch so klein ist, dass sie nicht hindurchschluepfen; aber sie tun den Menschen nichts Boeses, sondern wollen nur zuweilen sehen, was sie machen. Meistens bringen sie ihnen was Schoenes mit, besonders den Kindern, die sie sehr lieb haben. Und wann die Kinder beim Spielen Dukaten oder goldene Ringe gefunden haben, wie das wohl zuweilen geschieht, und mit zu Hause bringen, oder wenn kleine, zierliche Schuhe oder ein neues Kleidchen oder gruene Kraenzlein, wann sie erwachen, auf ihren Wiegen und Bettchen hangen, so haben das wohl nicht immer die himmlischen Englein getan, sondern oft auch die kleinen Unterirdischen. Das sagen aber viele Leute, die es wissen, dass sie oft unsichtbar um die Kinder sind und sie behueten, besonders damit sie nicht im Feuer und Wasser umkommen. Wenn sie ja jemand necken und schrecken, so sind es faule Knechte und schmutzige Maegde, die sie mit boesen Traeumen aengstigen, als Alp druecken, als Floehe stechen, als Hunde und Katzen ungesehen beissen und kratzen, oder es sind Diebe und Buhler, welchen sie, wenn sie des Nachts auf verbotenen Wegen schleichen, als Eulen in den Nacken stossen, oder die sie als Irrlichter in Suempfe und Moraeste locken oder gar ihren Verfolgern entgegenbringen. Aber das, denke ich, ist keine Suende. Die Schwarzjacken aber sind boesartig und ueben gern arge Tuecken. Die duerfen aber den Haeusern der Menschen nicht nahe kommen, auch ueberhaupt wenig auf der Erde sein, es sei denn in Wuesten und Einoeden, wohin selten Menschen kommen. Sie kommen auch nicht zu den Menschen, ausser wenn diese ihnen selbst die Gewalt ueber sich gegeben oder sich ihnen verpfaendet und verschrieben haben. Denn darauf sinnen diese schwermuetigen und grueblerischen Geister Tag und Nacht, wie sie arme Narren und listige Schelme verstricken und sich endlich an ihrer Not ergoetzen moegen. Und diese schwarzen sind auch nicht schoen wie die andern Unterirdischen, sondern grundhaesslich, haben truebe und triefende Augen wie die Koehler und Grobschmiede, sind stumm und heimlich bei ihrer Arbeit, leben einsam und hoechstens zu zweien und dreien und kennen keinen Tanz und Musik, sondern nur Geheul und Gewimmer. Und wenn es in Waeldern und Suempfen schreit wie eine Menge schreiender Kinder, oder wie ein Haufe Katzen miauen und eine Schar Eulen kreischen und wehklagen wuerde--das sind ihre naechtlichen Versammlungen, das ist ihre Musik, das sind sie. Doch haben die Menschen vor allen Unterirdischen ein Grauen, und das ist wohl natuerlich. Denn dem Menschen ist das Licht angeboren und die Liebe zu allem Lichten und Hellen, und es schaudert ihm vor dem Dunklen und Verborgenen und vor allen geheimen Kraeften, die unsichtbar umherschleichen und walten. Auch wissen sie ja, dass die Unterirdischen allenthalben sein und sich verwandeln und zaubern koennen. Freilich erzaehlt man vielmehr von ihren Zaubereien, als wahr ist; das meiste machen sie durch ihre Unsichtbarkeit und Kuenstlichkeit, wodurch sie so feine Arbeit als Spinnen und Wespen weben und wirken und den Menschen allerlei Gaukelei und Einbildung vormachen koennen. Und wenn sie ja viel zaubern, tun sie es mehr zur Freude und zum Spiel als zum Boesen. Die Schwarzen aber koennen auch hexen und sind schlimme Hexenmeister, und wenn die sich verwandeln, sind sie die scheusslichsten Tiere und Gewuerme, Baeren, Woelfe, Hyaenen, Tiger, Katzen, Schlangen, Kroeten, Skorpione, Kraehen und Eulen; und wehe den armen Menschen, die sich mit ihnen eingelassen haben! Denn von ihnen muss man dreifache Pfaender nehmen, und auch der Kluegste wird von ihnen betrogen, wenn er nicht kurzen Kauf mit ihnen haelt. Dass diese Hexenkappen und Nebelkappen weben, womit man sich unsichtbar machen und in einem Hui ueber Land und Meer fahren kann, das ist wahr. Dem Doktor Faust haben sie seinen Mantel gemacht, womit er in einer Sekunde von Strassburg nach Rom und von Mainz nach Paris gefahren ist. Aber wie ist es diesem armen Doktor Faust auch ergangen! Er ist mit diesen schwarzen Kuenstlern, weil er zu weise werden wollte, ein Schwarzkuenstler geworden und endlich zu dem Allerschwaerzesten gefahren. Die Schwarzen machen auch Zauberwaffen, Harnische, die gegen Stahl und Hieb fest sind, Degen, die nie Scharten bekommen koennen und vor welchen sein Helm und Panzer aushaelt, duenne Kettenhemde leicht wie Spinnweben, wodurch keine Kugel dringt. Der Gebrauch derselben ist aber sehr abgekommen, seit die meisten Menschen Christen sind, und war mehr in der heidnischen Zeit. Das ist einmal wahr, kuenstliche Schmiede und Waffenschmiede sind sie und wissen eine Haertung und zugleich eine Schmeidigung des Stahls, die ihnen kein irdischer Schmied nachmachen kann; denn ihre Klingen sind zugleich biegsam wie Rohrhalme und scharf wie Diamanten. Auch wirken sie noch viel anderes Zaubergeschmeide aus Stahl und Eisen, das zu mancherlei verborgenen Kuensten gebraucht wird und zum Teil die seltsamsten und unbegreiflichsten Eigenschaften hat. Die Braunen sind aber die Juweliere der Berge, die mehr in Gold und Silber und Edelsteinen arbeiten. Die feinsten und kuenstlichsten aller Unterirdischen sind die Weissen; die wirken ihre Arbeiten so fein und duenn wie die zartesten Blumen aus, so fein und zart, dass viele Augen sie gar nicht sehen koennen; und sie koennen aus Silber und Gold Roeckchen weben, von denen man schwoeren sollte, sie seien aus Sonnenstrahlen oder Mondschein gewebt; denn sie sind leichter als die leichtesten Spinnweben. Johann Dietrich kam die ersten Wochen, die er in dem glaesernen Berge verlebte, nicht weiter als in sein Kaemmerchen und von dem Kaemmerchen in den Speise- und Tanzsaal und wieder zurueck. Er konnte gar kein Ende finden, die schoenen und koestlichen Sachen zu betrachten und zu loben, die in seinem Zimmer und in dem Schraenkchen aufgestellt waren. Am meisten aber ergoetzte er sich an den schoenen Bildern und an seinem Buecherschranke, wo viele hundert der sauberst gebundenen Buecher mit goldenem Schnitte nebeneinander standen, und in welchen er die allerfeinsten und lustigsten Maerchen fand, an welchen er sich nicht satt lesen konnte. Als aber die ersten Wochen vergangen waren, da spazierte er oft aus und liess sich von seinem Diener alles zeigen und erzaehlen. Es gab da unten aber die allerlieblichsten Spaziergaenge nach allen Seiten hin, und er konnte viele Meilen weit wandeln, und sie nahmen kein Ende; und man sieht daraus, wie unendlich gross der Berg war, worin die Unterirdischen wohnten, und doch erschien die Spitze oben nur wie ein kleiner Huegel, worauf einige Baeume und Straeuche stehen. Und daraus kann man auch wissen, wieviele Meilen seine Tiefe nach unten hinabgehen musste. Das war aber das Besondere, dass zwischen jeder Au und jedem Anger, die man hier mit Huegeln und Baeumen und Blumen und Inseln und Seen durchsaeet in der groessten Mannigfaltigkeit hatte, gleichsam eine schmale Gasse war, durch welche man wie durch eine kristallene Felsenmauer gehen musste, bis man zu etwas Neuem gelangte. Die einzelnen Anger und Auen waren aber wohl oft eine Meile lang. Von den Baeumen habe ich schon erzaehlt, wie sie voll koestlicher Fruechte hingen, und von den Quellen, in welchen Milch und Wein aus den Felsen rieselte. Da konnten die Wanderer sich nie so weit vergehen, sie fanden immer, womit sie sich erquicken konnten. Aber das Allerlustigste waren die bunten Voegel, die immer von Zweig zu Zweig flatterten und wie tausend himmlische Nachtigallen sangen, und die Blumen, so wunderschoen von Farben und Dueften, dass Johann ihresgleichen nimmer auf Erden gesehen hatte. Kurz, es war hier alles zauberisch, lustig und anmutig und bei aller der Lust und dem Jubel ein so stilles Leben. Es wehete, und man fuehlte keinen Wind; es schien hell, und man fuehlte keine Hitze; die Wellen brauseten, und man fand keine Gefahr, sondern die niedlichsten Nachen und Gondeln, als schneeweisse Schwaene gestaltet, kamen, wann man ueber einen Strom wollte, von selbst ans Land geschwommen und fuehrten an das jenseitige Ufer, und ebenso fuehrten sie ueber die Seen zu den Inseln. Woher das alles kam, wusste niemand, und der Diener durfte es nicht sagen; das aber sah Johann wohl und konnte es mit Haenden greifen, dass die grossen Karfunkel und Diamanten, womit die hohe Decke statt des Himmels gewoelbt war, und womit alle Waende des Berges geschmueckt standen, fuer Sonne, Mond und Sterne leuchteten. Diese lieblichen Fluren und Auen waren meist einsam. Man sah wenige Unterirdische auf ihnen, und die man sah, schienen immer nur so vorueberzuschluepfen, als haetten sie die groesste Eile, davonzukommen. Selten geschah es, dass einige hier im Freien einmal einen Reigen auffuehrten, etwa zu dreien, hoechstens zu einem halben Dutzend: mehr hat Johann hier nie beisammen gesehen. Nur dann ging es lustig her, wann die Schar der Diener und Dienerinnen, die wohl ein paar Hundert sein mochten, ausgelassen und spazieren gefuehrt wurden. Das geschah aber alle Woche nur zweimal; meistens waren sie da drinnen in dem grossen Saale oder in den anstossenden Zimmern beschaeftigt oder mussten auch in der Schule sitzen. Das war hier auch noch besonders, dass, wie die Diamanten und Edelsteine oben die Sonne und den Mond und die Sterne vorstellen mussten, es hier eigentlich keine Jahreszeiten gab; sondern die Luft war immer gleich, d. h. es war jahraus, jahrein eine milde, linde Fruehlingsluft, von Bluetenatem durchwehet und von Vogelgesang durchklungen. Doch zwei Tageszeiten gab es, Tag und Nacht, und diese teilten sich wieder in vier Teile, in Morgen, Mittag, Abend und Nacht; doch war der Mittag nicht waermer als die anderen Tageszeiten. Das aber hatte es hier besonders, dass die Nacht nie so dunkel und der Tag nie so hell ward, als sie oben auf der Erde sind. Johann hatte viele Monate hier verlebt (ich glaube, es waren zehn), und sie waren ihm hingeschwunden wie ein Tag. Da begegnete ihm etwas, das ihn in die Schule brachte. Ich will erzaehlen, wie das zuging. Er wandelte einst nach seiner Gewohnheit mit seinem Diener herum. Da sah er in der Abenddaemmerung etwas Schneeweisses in eine kristallene Felswand hineinschluepfen und dann ploetzlich verschwinden. Und es hatte ihm gedeucht, dass es von den kleinen Leuten war und dass ihm auch schneeweisse Locken von den Schultern herabhingen. Er fragte denn seinen Begleiter: "Was war das? Gibt es auch unter euch, die in weissen Kleidern gehen wie die Diener und Dienerinnen, die ihr uns abgefangen habt?" Der Diener antwortete: "Ja, es gibt deren, aber wenige, und sie erscheinen nie bei dem Tanze noch an den grossen Tafeln ausser einmal im Jahre, wann des grossen Bergkoenigs, der viel tausend Meilen unter uns in der innersten Tiefe wohnt, Geburtstag ist. Darum hast du sie noch nie gesehen. Das sind die aeltesten Maenner unter uns, und einige von ihnen sind wohl manches Jahrtausend alt und wissen vom Anfange der Welt und vom Ursprung der Dinge zu erzaehlen und werden die Weisen genannt. Sie leben sehr einsam fuer sich und kommen nur aus ihren Kammern, dass sie unsere Kinder und die Diener und Dienerinnen unterweisen, fuer welche hier auch eine grosse Schule ist; sonst sind sie meist mit der Betrachtung der innerlichen und himmlischen Dinge und mit der Sternkunde und Alchemie beschaeftigt. "--"Was? Gibt es hier auch Schulen?" rief Johann. "Das ist nicht recht, Diener, dass du mir das verschwiegen hast; ich habe immer grosse Lust gehabt, in die Schule zu gehen und etwas Ordentliches zu lernen. "--"Das kannst du haben, wie du willst", antwortete der Diener; "du bist hier der Herr, und was du haben willst, muessen wir dir schon zu Gefallen tun. Du kannst dir einen der schneeweissen Weisen in die Kammer kommen lassen, wenn dir das gefaellt, oder kannst auch in eine der Schulen gehen."--"Das will ich gleich morgenden Tages tun", sprach Johann, "und ich will mit in die Schule gehen, wo die Diener und Dienerinnen unterwiesen werden. Denn ich will mit denen lernen, die auf der Erde geboren sind; ihr moechtet mir zu fein sein, und ich kaeme nicht mit, und der hinterste zu sein waere unlustig." Und gleich den andern Morgen liess Johann sich von dem Diener in die Schule fuehren, und es gefiel ihm da so gut, dass er nachher nie einen Tag versaeumt hat. Das ist naemlich sehr loeblich von den Unterirdischen, dass die Kinder, welche zu ihnen herabkommen, immer sehr gut unterwiesen werden, so dass sehr kluge und geschickte Leute aus den Bergen gekommen sind, Maenner und Frauen, die ihre Wissenschaft bei den Unterirdischen gelernt haben. Hier waren Meister in allerlei Kuensten. Die Kinder lernten schreiben, lesen, rechnen, zeichnen, malen, Geschichten und Maerchen aufschreiben und erzaehlen und wurden zugleich in mancherlei feiner und kuenstlicher Arbeit unterwiesen. Die Groesseren und Faehigeren erhielten auch Unterricht von der Natur und von den Gestirnen und wurden auch in der Dichtkunst und Raetselkunst geuebt, welche beiden Kuenste die Unterirdischen ueber alles lieben, und womit sie sich bei der Tafel und bei Festen untereinander viel reizen und ergoetzen. Der kleine Johann war sehr fleissig und ward bald einer der geschicktesten Zeichner und Maler; auch arbeitete er sehr fein in Silber und Gold und Stein, ja er konnte aus Stein zuletzt so feine Fruechte und Blumen wirken, dass man glauben sollte, der liebe Gott, der doch alles auf das schoenste und kuenstlichste geschaffen hat, koenne es kaum besser machen; er machte auch huebsche Reimlein, und im Raetselkampf war er so gewandt, dass er fast allen antworten konnte und ihm mancher die Antwort schuldig blieb. Manches liebe Jahr hatte Johann hier verlebt, ohne dass er an seine schoene Erde gedacht haette und an diejenigen, welche er dort oben zurueckgelassen hatte; so angenehm verfloss ihm die Zeit, und es waehrte nicht lange, dass er die Schule viel lieber hatte als den Tanzsaal und alle seine anderen Freuden. Auch hatte er hier unter den Kindern manchen lieben Gespielen und Gespielin gefunden. Nur war das betrueblich, dass diese gewisse Stunden immer dienen mussten und dann nicht mit ihm sein durften, obgleich sie keineswegs hart gehalten wurden und einen sehr leichten und meistens nur spielenden Dienst hatten, denn schwere und schmutzige und muehevolle Arbeit gab es hier unten gar nicht. Unter allen seinen Gesellen und Gesellinnen hatte Johann niemand lieber als ein kleines, blondes Maedchen, welches Lisbeth Krabbin hiess. Diese war mit ihm aus demselben Dorfe; es war die Tochter des Pfarrers Friedrich Krabbe in Rambin. Sie war als ein vierjaehriges Kind weggekommen, und Johann erinnerte sich wohl, wie sie ihm von ihr erzaehlt hatten. Sie war aber nicht gestohlen von den Unterirdischen, sondern einen Sommertag mit den andern Kindern ins Feld gelaufen. Sie waren zu den Neun Bergen gegangen; da war die kleine Lisbeth eingeschlafen und von den andern vergessen und des Nachts, als sie erwachte, unter die Unterirdischen und mit ihnen unter die Erde gekommen. Johann aber hatte sie nicht bloss deswegen so lieb, weil sie mit ihm aus einem Dorfe war, sondern Lisbeth war von Natur ein ausnehmend freundliches und liebes Kind mit hellblauen Aeuglein und blonden Loeckchen und dem allerenglischesten Laecheln, und als sie gross ward, war sie ausbuendig schoen. Mit diesem niedlichen Kinde hatte Johann hier seine Kinderjahre recht lustig verspielt und gar nicht mehr daran gedacht, dass da oben ueber den Bergen auch noch Leute wohnten. So war er achtzehn Jahre alt geworden und Lisbeth sechzehn. Und was bis jetzt ein unschuldiges Kinderspiel gewesen war, ward nun eine suesse Liebe. Sie konnten nicht mehr voneinander lassen und nannten sich Braut und Braeutigam und waren lieber allein als unter den andern Gespielen. Die Unterirdischen sahen das aber sehr gern, denn die hatten den Johann alle sehr lieb und haetten ihn gern auch als ihren Diener gehabt--denn Herrschsucht ist ihr Laster bei manchen Tugenden. Und sie dachten: "Durch diese huebsche Dienerin werden wir ihn fangen, und er wird sich um ihretwillen zuletzt wohl gefallen lassen, bei Tische aufzuwarten und Aepfel und Trauben von den Baeumen zu lesen und Blumen zu streuen und das Estrich zu kehren." Sie irrten sich aber sehr. Der kleine Diener, dem er die Muetze genommen und den die Langeweile oft bei ihm geplagt, hatte ihm zuviel erzaehlt: dass er hier nur das Befehlen habe und dass sie alles tun muessten, was er wolle; denn wer Meister von einem Unterirdischen geworden, sei dadurch auch soweit Meister aller uebrigen, dass sie ihm alles zu Gefallen tun muessen, was in ihrer Macht stehe. Johann ging nun viel spazieren mit seiner suessen, kleinen Braut und liess den Diener oft zu Hause, denn jetzt waren dort keine Wege und Stege mehr, die er nicht kannte. Und sie spazierten viel in der Daemmerung und oft bis in die sinkende Nacht hinein, ohne dass sie es merkten, wo ihnen die Zeit blieb; denn die Liebe ist eine Zeitdiebin, die ihresgleichen nicht hat. Der Johann war bei diesen Spaziergaengen immer froehlich und munter; aber die Lisbeth war oft stumm und traurig und erinnerte ihn oft des Landes da droben, wo die Menschen wohnen und Sonne, Mond und Sterne scheinen. Weil er das aber immer wegschob durch andere Gespraeche, so verstummte sie wieder und seufzte still in sich, vergass es endlich auch wohl wieder durch das Glueck, dass sie an seinen Armen wandeln durfte. Nun begab es sich einmal, dass sie bei einem Spaziergange ueber ihrer Liebe und dem lustigen Gekose und Gefluester derselben ganz der Zeit vergessen hatten und Gott weiss wie weit geschlendert waren. Es war schon nach Mitternacht, und sie waren zufaellig unter die Stelle gekommen, wo die Spitze des glaesernen Berges sich aufzutun und wo die Unterirdischen heraus und herein zu schluepfen pflegten. Als sie nun da wandelten, hoerten sie mit einem Male mehrere irdische Haehne laut kraehen. Bei diesem suessen Klange, den sie nun in zwoelf Jahren nicht gehoert hatte, ward der kleinen Lisbeth gar wundersam um das Herz; sie konnte sich nicht laenger halten, sie umfasste ihren Johann, als wollte sie ihn totdruecken, und netzte ihm mit heissen Traenen die Wangen. So hing sie lange sprachlos an seiner Brust; dann kuesste sie ihn wieder und bat ihn, dass er ihnen den unterirdischen Kerker doch aufschliessen sollte. Sie sprach ungefaehr also zu ihm: "Lieber Johann, es ist hier unten wohl schoen, und die kleinen Leute sind auch freundlich und tun einem nichts zuleide, aber geheimelt hat es mir hier nie, sondern ist doch immer schauerlich zumute gewesen, und eigentlich froh bin ich hier erst geworden, seit ich dich so lieb habe, und doch nicht recht froh, denn es ist hier doch kein rechtes Leben, wie es fuer Menschen sein soll. Ich habe hier doch keine Ruhe Tag und Nacht, und ich will es dir nun sagen, was ich immer verschwiegen habe: alle Nacht traeumt mir von meinem lieben Vater und von meiner Mutter und von unserm Kirchhofe, wo die Leute so andaechtig an den Kirchtueren stehen und auf den Vater warten; und mir ist es dann so sehnsuechtig im Herzen, dass ich Blut weinen moechte, weil ich nicht mit ihnen in die Kirche gehen und beten und Gott loben und preisen kann, wie Menschen sollen. Denn ein christliches Leben ist hier unten einmal nicht, sondern nur so ein buntes, kuenstliches in der Mitte, wobei einem doch nicht ganz wohl wird, weil es wohl halb heidnisch ist. Und, lieber Johann, auch das musst du bedenken, wir koennen hier ja nie Mann und Frau werden, denn es ist hier ja kein Priester, der uns vertrauen kann; und so muessen wir immerfort Brautleute bleiben und koennen alt und grau darueber werden. Darum denke darueber und mache Anstalt, dass wir von hier kommen; mich verlangt unbeschreiblich, wieder bei meinem Vater und unter frommen Christen zu sein." Auch fuer Johann hatten die Haehne ganz wunderbar gekraehet, und er empfand etwas, was er hier unten noch nie empfunden hatte, naemlich eine tiefe Sehnsucht nach dem schoenen Sonnenlande, und er antwortete seiner Braut: "Liebe, suesse Lisbeth, du ermahnest mich ganz recht! Ich empfinde nun auch, dass es Suende ist fuer Christen, hier zu bleiben, und mir ist im Herzen fast, als haette der Herr Christus uns mit diesem Hahnenkrei als mit seiner Liebesstimme gerufen: Kommt herauf, ihr Christenkinder, aus der Bezauberung und aus den Wohnungen der Verblendung! Kommt herauf an das Sternenlicht und wandelt wie die Kinder des Lichts! Ja, Lisbeth, mir ist zum erstenmal recht weh um das Herz geworden, und ich sehe wohl, dass es ein grosser Fuerwitz und eine schreckliche Suende war, dass ich so mit den Unterirdischen hinabgefahren bin. Das mag Gott meinen jungen Jahren vergeben, weil ich ein Kind war und nicht wusste, was ich tat. Und nun will ich auch keinen Tag laenger warten, sondern geschwinde Anstalt machen, dass ich fortkomme. Mich duerfen sie hier nicht halten." Und er war sehr bewegt in seiner Seele und fuehrte sein liebes Kind eilends von dannen. So trieb ihn der Vorsatz fort, der schon in ihm lebendig war. Er hatte aber nicht bemerkt, dass Lisbeth bei seinen letzten Worten totenblass geworden war, und wie schwer sie ihr aufs Herz gefallen waren; denn sie hatte vorher nicht bedacht, dass sie Dienerin war und ihre fuenfzig Jahre aushalten musste, und dass sie mit ihm nicht fort konnte. Und der Schmerz ward so gewaltig in ihr, dass sie endlich laut weinen und schluchzen musste und er sie nun fragte, was ihr sei; er wolle ja gern mit ihr fortziehen, ja durch die ganze Welt mit ihr, wohin sie wolle. Da antwortete sie ihm: "Ach! Du bist hier der Herr und kannst es; aber ich bin die Dienerin und muss nach dem strengen Gesetze, das hier gilt, aushalten, bis die fuenfzig Jahre um sind. Und was soll ich dann auf der Erde tun, wenn Vater und Mutter lange tot und die Gespielen alt und grau sind? Und du bist dann auch grau und alt; was kann es mir da helfen, dass ich hier jung bleibe und nicht aelter werden kann als zwanzig Jahre? Ach, ich arme Lisbeth!" Sie sprach diese Worte so klaeglich aus, dass sie einen Stein haetten ruehren koennen. Und in Johanns Ohren toenten sie wie Donnerschlaege, und er ward auch sehr traurig. Denn das fuehlte er wohl, ohne sie konnte er von hier nicht gehen--und er konnte doch in seiner Seele nirgends einen Ausweg finden. Sie schieden also, als sie heimgekommen waren, sehr traurig voneinander. Johann aber drueckte Lisbeths Hand an sein Herz und kuesste sie viel tausendmal und sagte ihr: "Nein, liebe Lisbeth, ohne dich geh ich nimmer von hier, das glaube mir!" Und Lisbeth ward sehr getroestet durch diese Worte. Johann waelzte sich die ganze Nacht auf seinen Kissen hin und her und konnte kein Auge zutun, denn die Gedanken liessen ihm keine Ruhe, sondern flogen, wie aufgescheuchte Voegel, hinter welchen der Falke ist, immer rundum in seiner Seele. Endlich, als der Morgen schon grauete, fuhr er geschwind aus dem Bette und sprang hoch auf vor Freuden und jauchzete in seiner Stube hin und her und schrie ueberlaut: "Nun hab' ich's! Nun hab' ich's! Diener! Diener! Du hast mir zuviel erzaehlt." Und er klingelte, und der Diener kam, und er befahl: "Diener, geschwind! Geschwind! Bringe mir Lisbeth!" Und in einigen Augenblicken war der Diener da und fuehrte die schoene Lisbeth an der Hand. Und er hiess den Diener hinausgehen und kuesste seine Lisbeth und sprach zu ihr: "Liebe Lisbeth, nun freue dich mit mir! Ich hab' es gefunden! Ich hab' es gefunden! Wir werden nun beide bald wieder zu Christen kommen, und sie koennen uns hier nicht festhalten. Verlass dich nur drauf, ich kann es machen. Und nun gehe, mein Herzchen, und sei froh." Und er kuesste sein liebes Kind, rief darauf dem Diener und hiess ihn die Lisbeth wieder heimfuehren und auf dem Rueckwege die sechs Vornehmsten zu ihm rufen. Der Diener aber verwunderte sich ueber diese Sendung, und die sechs wunderten sich noch mehr, als er ihnen die Mutung Johanns brachte, und munkelten und fluesterten untereinander, gingen aber mit ihm. Und als die sechse in Johanns Zimmer traten, empfing er sie sehr freundlich, denn es waren ja die, mit welchen er alle Tage zu Tische zu sitzen pflegte, und sprach also zu ihnen: "Liebe Herren und Freunde, euch ist wohl bewusst, auf welche Weise ich hierher gekommen bin, nicht als ein Gefangener und Ueberlisteter oder Diener, sondern als ein Herr und Meister ueber einen von euch und dadurch ueber alle; nur dass dieser eine immer mein leiblicher und stuendlicher, ja sekundlicher Diener sein muss. Ihr habt mich die zehn Jahre, welche ich bei euch lebe, wie einen Herrn empfangen und gehalten, und dafuer bin ich euch Dank schuldig. Ihr seid mir aber noch groessern Dank schuldig, denn ich haette euch mit allerlei Befehlen und Einfaellen manche Muehe und Arbeit, Neckerei und Plage antun, ja ich haette ein recht tueckischer und unfreundlicher Tyrann gegen euch sein koennen, und ihr haettet es alles in Gehorsam leiden und tun muessen und nicht mucksen duerfen. Ich habe das aber nicht getan, sondern mich wie euresgleichen aufgefuehrt und mehr mit euch gejubelt und gespielt, als dass ich unter euch geherrscht haette. Nun bitte ich euch, seid wieder freundlich gegen mich, wie ich gegen euch gewesen bin, und gewaehret mir eine Bitte. Es ist hier unter den Dienerinnen eine feine Dirne, die ich lieb habe, Lisbeth Krabbin aus Rambin, wo auch ich geboren bin. Diese gebt mir und lasset sie mit mir ziehen! Denn ich will nun wieder hinauf, wo die Sonne scheint und der Pflug ins Feld geht. Weiter begehre ich nichts, als dieses schoene Kind und den Geschmuck und das Geraet meines Zimmers mitzunehmen." So sprach er mit sehr lebendigem und kraeftigem Ton, dass sie den Ernst wohl fuehlten. Sie aber schlugen die verlegenen und bedenklichen Blicke zu Boden und schwiegen alle; darauf nahm der aelteste unter ihnen das leise Wort und lispelte: "Herr, du begehrst, was wir nicht geben koennen; es tut uns leid, dass du Unmoegliches verlangest. Es ist ein unverbruechliches Gesetz, dass nie ein Diener oder eine Dienerin entlassen werden kann von hier vor der bestimmten Zeit. Braechen wir das Gesetz, so wuerde unser ganzes unterirdisches Reich einen Fall tun. Sonst alles, denn du bist uns sehr lieb und ehrenwert; aber die Lisbeth koennen wir dir nicht herausgeben." "Ihr koennt die Lisbeth herausgeben, und ihr sollt sie herausgeben!" rief Johann im Zorn. "Nun geht und bedenkt euch bis morgen! Ich wisst meinen Befehl; es ist keine Bitte mehr. Morgen kommt zu dieser Stunde wieder. Ich will euch zeigen, ob ich ueber eure schmeichlischen und fuechsischen Listen herrschen kann." Die sechs verneigten sich und gingen; den begleitenden Diener aber schalten sie, dass er zuviel erzaehlt habe. Er aber entschuldigte sich und verneinte es und sagte: "Ich wisst ja, wie klug er mich ueberlistet hat mit der Muetze und wie er von den Geheimnissen unserer Herrschaft alles gewusst hat durch den alten Kuhhirten aus Rothenkirchen; er hat ihm dies auch erzaehlt." Und sie glaubten ihm und schalten ihn nicht mehr. Als die sechse den andern Morgen zur befohlenen Stunde wiederkamen, empfing Johann sie doch freundlich und sprach: "Ich habe euch gestern hart angeredet; aber ich habe es nicht so schlimm gemeint, als ich ausgesehen habe. Aber die Lisbeth will und muss ich haben; dabei bleibt es! Und ich weiss wohl, dass ihr auch mich nicht gern misset, weil ihr die Menschenkinder gern habet, besonders wenn sie freundlich und lustig sind, wie ich bin. Aber ich kann's nun einmal nicht helfen, ich muss wieder zu Christen und wie ein Christ leben und sterben, und es ist eine grosse Suende, wenn ich hier laenger saeume. Und deswegen verlasse ich euch, und nicht aus Widerwillen oder Hass. Und meine liebe Lisbeth will ich auch mitnehmen; dabei bleibt es! Und nun gebaerdet euch nicht laenger widerwaertig und widerspenstig und tut wie Freunde dem Freunde, was ihr sonst aus Not tun muesset und gebet mir die schoene Dirne heraus und lasset uns freundlich voneinander scheiden und hier und dort ein freundliches Andenken in den Herzen bewahren!" Und die sechs taten sehr freundlich und redeten nun einer nach dem andern und machten sehr schoene Wendungen und Schlingungen der Worte, womit sie ihn zu bestricken hofften, denn darin sind sie sehr geschickt. Auch hatten sie sich heute vorbereitet, dass sie wussten, was sie sprechen wollten. Aber es half ihnen nichts, und ihre Worte verflogen sich in den Winden und beruehrten Johann nicht staerker, als haetten sie Spreu aus dem Munde geblasen. Und das Ende vom Liede war wieder, nachdem er alle die schoenen und kuenstlichen Worte angehoert hatte: "Gebt die Lisbeth heraus! Ich gehe nicht ohne die Lisbeth." Denn Johann war zu sterblich verliebt, als dass er die schoene Dirne hier gelassen haette. Die sechs aber verweigerten es standhaft und gebaerdeten sich, als haetten sie recht und wuerden es nimmer tun. Johann aber sagte ihnen laechelnd: "Geht nun! Fahrt wohl bis morgen! Morgen seid ihr wieder zu dieser Stunde hier! Ich gebe euch nun das dritte und letzte Mal. Wollt ihr meinen Befehl dann nicht in Guete erfuellen, sollt ihr sehen, ob ich verstehe, Herr zu sein." Er hatte aber, da er sie so hartnaeckig sah, in sich beschlossen, sie durch Plagen zum Gehorsam zu zwingen, falls sie nicht unterdessen auf bessere Gedanken kaemen. Und sie kamen den dritten Morgen, und Johann sah sie mit ernstem und strengem Blick an und erwiderte ihre Verbeugungen nicht, sondern fragte kurz: "Ja oder nein?" Und sie antworteten einstimmig nein. Darauf befahl er dem Diener, er solle noch vierundvierzig der Vornehmsten rufen und solle ihre Frauen und Toechter mitkommen heissen und auch die Frauen und Toechter von diesen sechsen, die vor ihm standen. Und der Diener fuhr dahin wie der Wind, und in wenigen Minuten standen die vierundvierzig da mit ihren Frauen und Toechtern und auch die Frauen und Toechter der sechse, und waren in allem wohl fuenfhundert Maenner, Frauen und Kinder da. Und Johann liess sie hingehen und Hauen, Karsten und Stangen holen und dann flugs wiederkommen. Und sie taten, wie er befohlen hatte, und waren bald wieder da. Er aber gedachte sie nun zu plagen, damit sie aus Not taeten, was sie aus Liebe nicht tun wollten. Er fuehrte sie auf einen Felsenberg, der auf einem der Anger lag. Da mussten diese feinen und zarten Wesen, die fuer schwere Arbeit nicht geschaffen waren, Steine hauen, sprengen und schleppen. Sie taten das ganz geduldig und liessen sich nichts merken, sondern gebaerdeten sich, als sei es ihnen ein leichtes und gewohntes Spiel. Er aber liess sie sich plagen vom Morgen bis an den Abend, und sie mussten schwitzen und arbeiten, dass ihnen der Atem fast ausging, denn er stand immer dabei und trieb sie an. Sie aber hofften, er werde die Geduld verlieren, und der Jammer werde ihn ueberwinden, dass er sie und ihre Frauen und Kinder so bleich und welk werden sah, die sonst so schoen und lustig waren. Und wirklich war Johann zu keinem Koenig Pharao und Nebukadnezar geboren, denn nachdem er es einige Wochen so getrieben hatte, ging ihm die Geduld aus, und der Jammer, dass er die schoenen kleinen Menschen so misshandeln musste, tat auch sein Teil dazu. Sie aber wurden nicht muerb, denn es ist ein gar eigensinniges Voelkchen. Sie brauchten aber immer die List, dass die schoensten unter ihnen immer zunaechst bei Johann arbeiten mussten; besonders stellten sie die niedlichen, kleinen Dirnen dahin, die sonst seine Tischgesellinnen waren, und die mussten auf seine Mienen und Gebaerden achtgeben und hatten bald bemerkt, dass er sich oft verstohlen wegwendete und eine Traene aus den Augen wischte. Johann dachte nun darauf, wie er eine Plage erfaende, die ihn geschwinder zum Ziele fuehrte. Und er machte sich hart und gebaerdete sich noch viel haerter und rief sie einen Abend zusammen und sprach: "Ich sehe, ihr seid ein hartnaeckiges Geschlecht; so will ich denn viel hartnaeckiger sein, denn ihr seid. Morgen, wann ihr zur Arbeit kommt, bringe sich jeder eine neue Geissel mit!" Und sie gehorchten ihm und brachten die Geisseln mit. Und er hiess sie sich alle entkleiden und einander mit den Geisseln zerhauen, bis das Blut danach floss; und er sah grimmig und grausam dabei aus, als haette ihn eine Tigerin gesaeugt oder ein schwarzer Galgenvogel das Futter zugetragen. Aber die kleinen Leute zerhieben sich und bluteten und hohnlachten dabei und taten ihm doch nicht den Willen. So taten sie drei, vier Tage. Da konnte er es nicht laenger aushalten; es jammerte und ekelte ihn, und er hiess sie ablassen und schickte sie nach Hause. Und er dachte auf viele andere Plagen und Martern, die er ihnen antun koennte. Da er aber von Natur weich und mitleidig war und diese Wochen wirklich mehr ausgestanden hatte, dass er sie plagen musste, als sie, die geplagt wurden, so gab er den Gedanken daran ganz auf; fuer sich und fuer seine Lisbeth wusste er aber auch gar keinen Rat und ward so traurig, dass sie ihn oft troesten und aufrichten musste, der sonst immer so froehlich und beherzt war. So lieb er die kleinen Leute sonst gehabt hatte, so unlieb wurden sie ihm jetzt. Er schied sich ganz aus ihrer Gesellschaft und von ihren Festen und Taenzen und lebte einsam mit seiner Dirne und ass und trank einsam in seinem Zimmer, so dass er fast ein Einsiedler ward und ganz in Truebsinn und Schwermut versank. Als er einmal in dieser Stimmung in der Daemmerung spazierte, warf er im Unmut, wie man zu tun pflegt, kleine Steine, die ihm vor den Fuessen lagen, gegeneinander, dass sie zerspraengen. Vielleicht erquickte es seinen schweren Mut auch, dass er die Steine sich so aneinander zerschlagen sah, denn wenn ein Mensch in sich uneins und zerrissen ist, moechte er im Unmut oft die ganze Welt zerschlagen. Genug, Johann, der nichts Besseres tun mochte, zerwarf die armen Steine, und da geschah es, dass aus einem ziemlich grossen Stein, der auseinandersprang, ein Vogel schluepfte, der ihn erloesen sollte. Es war dies eine Kroete, deren Haus in dem Stein mit ihr gewachsen war, und die vielleicht seit der Schoepfung der Welt darin gesessen hatte. Kaum sah Johann die Kroete springen, so ward er ganz freudenfroh und sprang hinter sie drein und haschte sie und rief ein Mal ueber das andere: "Nun, hab' ich sie! Nun hab' ich meine Lisbeth! Nun will ich euch schon kirr machen, nun sollt ihr's kriegen, ihr tueckischen kleinen Gesellen! Habt ihr euch mit Ruten nicht wollen zum Gehorsam geisseln lassen, so will ich euch mit Kroeten und Skorpionen geisseln." Und er barg die Kroete wie einen kostbaren Schatz in seiner Tasche und lief eilends nach Hause und nahm ein festes, silbernes Gefaess und setzte sie darein, damit sie ihm nicht entrinnen koennte. Und in seiner Freude sprach er ueberlaut fuer sich viele Worte und gebaerdete sich so wunderlich, als sei er naerrisch geworden, und sprang dann ins Freie hinaus. "Komm mit, mein Voeglein", rief er, "nun will ich dich versuchen, ob du echt bist!" Und er nahm das Gefaess mit der Kroete unter den Arm und lief hin, wo ein paar Unterirdische in der Einsamkeit des Weges gingen. Und als er ihnen naeher kam, stuerzten sie wie tot auf den Boden hin und winselten und heulten jaemmerlich. Er aber liess flugs von ihnen und rief: "Lisbeth, Lisbeth, nun hab' ich dich! Nun bist du mein!" Und so stuermte er zu Hause, schellte den Diener herein und liess ihn Lisbeth holen. Und als Lisbeth kam, war sie ganz erstaunt, dass sie ihn so munter fand, denn seit einem halben Jahre hatte sie ihn nicht mehr froh gesehen. Und er lief auf sie zu und umhalsete sie und sprach: "Lisbeth! Suesse Lisbeth! Nun bist du mein, nun nehme ich dich mit; uebermorgen soll der Auszug sein, und juchhe, wie bald die lustige Hochzeit!" Sie aber erstaunte noch mehr und sagte: "Lieber Johann, du bist geck geworden? Wie soll das moeglich sein?" Er aber laechelte und sprach: "Ich bin nicht geck geworden, aber die kleinen Schlingel will ich geck machen, wenn sie sich nicht zum Ziele legen wollen. Sieh hier! Hier ist dein und mein Erloeser." Und er nahm das silberne Geschirr und oeffnete es und zeigte ihr die Kroete, vor deren Garstigkeit es ihr fast geschwunden haette. Nun erzaehlte er ihr, wie er zu dem seltenen Vogel gekommen war, und wie herrlich ihm die Probe geglueckt war, die er mit ihm an den Unterirdischen angestellt hatte, und wohlgefaellig rief er noch einmal: "Sei froh, meine liebe Lisbeth! Du sollst es sehen, wie ich sie mit dieser zu Paaren treiben will." Nun muss ich auch das Geheimnis erzaehlen, das in der Kroete steckte. Klas Starkwolt hatte dem kleinen Johann oft erzaehlt, dass die Unterirdischen keinen Gestank vertragen koennten, und dass sie bei dem Anblick, ja bei dem Geruch von Kroeten sogleich in Ohnmacht fielen und die entsetzlichsten Schmerzen litten; mit Gestank und mit diesen garstigen und scheusslichen Tieren koenne man sie zu allem zwingen. Daher findet man auch nie etwas Stinkendes in dem ganzen glaesernen Reiche, und die Kroeten sind dort etwas Unerhoertes, und man muss daher diese Kroete, die so wunderbar in einem Stein eingehaeuft und fast ebenso wunderbar aus diesem ihrem steinernen Hause herausgekommen war, fast ansehen als von Gott von Ewigkeit her zu solcher geheimen Wohnung verdammt, damit Johann und Lisbeth zusammen aus dem Berge kommen und Mann und Frau werden koennten. Johann und Lisbeth glaubten auch gern an ein solches Wunder, besonders Lisbeth, die Gottes liebes, frommes Kind war. Und als Johann ihr alles erzaehlt und erklaert hatte, was er ferner tun und wie er die Kleinen endlich zu seinem Willen zwingen wollte, da fiel sie ganz entzueckt und geruehrt auf ihr Gesichtchen zur Erde und betete und dankete Gott, dass er sie endlich von den kleinen Heiden erloesen und wieder zu Christenmenschen bringen wolle. Und sie ging ganz froehlich heim und faltete ihre Haendchen im Bette noch viel zum Gebete und hatte die Nacht die allersuessesten Traeume. Johann legte sich auch nicht traurig nieder, und er ueberdachte und ueberlegte sich alles, wie er die Kleinen erschrecken und endlich mit seiner geliebten Braut aus dem Berge ziehen wollte. Und den folgenden Morgen, als es getagt hatte, rief er seinen Diener und hiess ihn die fuenfzig Vornehmsten holen mit ihren Frauen und Toechtern. Und sie erschienen alsbald vor Johann, und er sprach zu ihnen: "Ihr wisset alle, und ist euch nicht verborgen, wie ich hierher gekommen bin, und wie ich diese manchen Jahre mit euch gelebt habe, nicht als ein Herr und Gebieter, sondern als ein Freund und Genosse. Und ich habe es wohl gewusst, wie ich haette Herr sein und meiner Herrschaft gegen euch gebrauchen koennen; und das habe ich nicht getan, sondern nur einen einzigen von euch hab' ich als Diener gebraucht, und auch nicht als Diener, sondern mehr als Freund. Und ihr schienet mit mir zufrieden zu sein und mich lieb zu haben; als es aber dahin gekommen ist, dass ich endlich eine einzige kleine Freundlichkeit von euch begehren musste, habt ihr euch gebaerdet, als forderte ich Leben und Reich von euch, und mir sie trotzig abgeschlagen. Ihr wisset auch, was ich da ergriffen habe, und wie ich angefangen habe, euch mit Arbeit und Streichen zu plagen, damit ihr einsaehet, dass ihr unrecht haettet, und mir die Liebe taetet. Aber ihr seid trotziger und hartnaeckiger gewesen, als ich strenge, und aus Barmherzigkeit habe ich ablassen muessen von der Strafe. Ihr habt das aber nicht erkannt, sondern habt mich ausgelacht als einen Dummen, der keinen Rat wisse, euch zum Gehorsam zu zwingen. Ich aber weiss wohl Rat und will es euch bald zeigen, wenn ihr in eurer Verstocktheit bleibet und mir die Lisbeth nicht losgeben wollt. Darum zum letzten Male, besinnet euch noch eine Minute, und sagt ihr dann nein, so sollt ihr die Pein fuehlen, die euch und euren Kindern von allen Peinen die fuerchterlichste ist!" Und sie saeumten nicht lange und sagten mit einer Stimme nein und dachten bei sich: "Welche neue List hat der Juengling erdacht, womit er so weise Maenner einzuschrecken meint?" Und sie laechelten, als sie nein sagten. Dies Laecheln aergerte Johann mehr als alles andere und voll Zorns rief er: "Nun denn, da ihr nicht hoeren wollt, sollt ihr fuehlen", und lief geschwind wie ein Blitz einige hundert Schritt weg, wo er das Gefaess mit der Kroete unter einem Strauch versteckt hatte. Und er kam zurueck, und als er sich ihnen auf hundert Meter genahet hatte, stuerzten sie alle hin, als waeren sie mit einem Schlage zugleich vom Donner geruehrt, und begannen zu heulen und zu winseln und sich zu kruemmen, als ob sie von den entsetzlichsten Schmerzen gefoltert wuerden. Und sie streckten die Haende aus und schrien einer um den andern: "Lass ab, Herr! Lass ab, und sei barmherzig! Wir fuehlen, dass du eine Kroete hast, und dass kein Entrinnen ist. Nimm die greulichen Plagen weg; wir wollen ja alles tun, was du befiehlst." Und er liess sie noch einige Sekunden zappeln; dann entfernte er das Gefaess mit der Kroete, und sie richteten sich wieder auf, und ihre Zuege erheiterten sich wieder, denn die Pein war weg, wie das Tier weggenommen war. Johann behielt nur die sechs Vornehmsten bei sich und liess die Weiber und Kinder und die uebrigen Maenner alle gehen, wohin jeder wollte. Zu den sechsen aber sprach er seinen Willen also aus: "Diese Nacht zwischen zwoelf und ein Uhr ziehe ich mit der Lisbeth von dannen, und ihr beladet mir drei Wagen mit Silber und Gold und edlen Steinen. Wiewohl ich alles nehmen koennte, was ihr in den Bergen habt, da ihr so widerspenstig und ungehorsam gegen mich gewesen seid, will ich euch doch so hart nicht strafen, sondern barmherziger gegen euch sein, als ihr gegen mich und die Lisbeth gewesen seid. Auch alle meine Herrlichkeiten und Kostbarkeiten und Bilder und Buecher und Geraete, die in meinem Zimmer sind, werden auf zwei Wagen geladen, also dass in allem fuenf Frachtwagen bereit gemacht werden. Mir selbst aber ruestet ihr den schoensten Reisewagen, den ihr in euren Bergen habt, mit sechs schwarzen Rappen, worauf ich und meine Braut sitzen und zu den Unsrigen einfahren wollen. Zugleich befehle ich euch, dass von den Dienern und Dienerinnen alle diejenigen freigelassen werden, welche solange hier gewesen sind, dass sie droben zwanzig Jahre und drueber alt sein wuerden; und ihr sollt ihnen soviel Silber und Gold mitgeben, dass sie auf der Erde reiche Leute heissen koennen. Und das soll kuenftig ein ewiges Gesetz sein, und ihr sollt mir es hier diesen Augenblick beschwoeren, dass nimmer ein Menschenkind hier laenger festgehalten werden soll als bis zu seinem zwanzigsten Jahre." Und die sechse leisteten ihm den Schwur und gingen dann traurig weg; er aber nahm jetzt die Kroete und vergrub sie tief in die Erde. Und sie und die uebrigen Unterirdischen ruesteten alles zu, und auch Johann und Lisbeth bereiteten sich zur Reise und schmueckten sich festlich gegen die Nacht, damit sie als Braut und Braeutigam erscheinen koennten. Es war aber jetzt beinahe dieselbe Zeit, in welcher er einst in den Berg hinabgestiegen war, die Zeit der laengsten Tage, also Mittsommerszeit, die sie die Sonnengicht nennen. Und er war etwas ueber zwoelf Jahre in dem Berge gewesen und Lisbeth etwas ueber dreizehn, und er ging in sein einundzwanzigstes Jahr und Lisbeth in ihr achtzehntes. Die kleinen Leute taten mit grossem Gehorsam, aber sehr still alles, wie er ihnen befohlen hatte; desto lauter aber war die Schar der Diener und Dienerinnen, welche sein neues Gesetz ueber das zwanzigste Jahr mit erloeset hatte. Diese jubelten um ihn und um seine Lisbeth her und freueten sich sehr, dass sie mit ihnen auf die Oberwelt ziehen durften. Und als alle Kostbarkeiten herausgeschafft und die erloeseten Diener und Dienerinnen hinaufgefahren waren, setzten Johann und seine Lisbeth sich zuletzt in die silberne Tonne und liessen sich hinaufziehen. Es mochte wohl eine Stunde nach Mitternacht sein. Und es deuchte ihnen ebenso als vormals, wie sie hinabgefahren waren. Sie waren von Jubel umrauscht und von Musik umtoent, und endlich klang es ueber ihren Koepfen, und sie sahen den glaesernen Berg sich oeffnen, und die ersten Himmelsstrahlen blinkten zu ihnen hinab nach so manchen Jahren, und bald waren sie draussen und sahen das Morgenrot schon im Osten daemmern. Johann sah eine Menge Unterirdischer, die um ihn und Lisbeth und die Wagen geschaeftig waren, dort hin und her wallen, und er sagte ihnen das letzte Lebewohl; dann nahm er seine braune Muetze, schwang sie dreimal in der Luft um und warf sie unter sie. Und in demselben Augenblick sah er nichts mehr von ihnen, sondern erblickte nun nichts weiter als einen gruenen Huegel und bekannte Buesche und Felder und hoerte die Glocke vom Rambiner Kirchturme eben zwei schlagen. Und als es still geworden war und er von dem unterirdischen und ueberirdischen Getummel nichts weiter hoerte als einige Lerchen, die ihre ersten Morgenlieder anstimmten, da fiel er mit seiner Lisbeth im Grase auf die Knie, und sie beteten beide recht andaechtig und gelobten Gott ein recht christliches Leben, weil er sie so wunderbar von den Unterirdischen errettet hatte. Und alle Diener und Dienerinnen, welche durch sie miterloeset waren, taten desgleichen. Darauf erhuben sie sich alle, und die Sonne ging eben auf, und Johann ordnete nun den Zug seiner Wagen. Voran fuhren zwei Wagen, jeder mit vier Rotfuechsen bespannt, die waren mit eitel Gold und Dukaten beladen, so schwer, dass die Pferde von der Last stoehneten; diesen folgte ein anderer Wagen mit sechs schneeweissen Pferden, welche alles Silber und Kristall zogen; hinter diesem fuhren zwei letzte Wagen, jeder mit vier Grauschimmeln bespannt, und diese waren mit den herrlichsten Geraeten und Gefaessen und Edelgesteinen und mit der Bibliothek Johanns beladen. Er mit seiner Braut fuhr zuletzt in einem offenen Wagen aus lauter gruenem Smaragd, dessen Decke und Vorderseite mit vielen grossen Diamanten besetzt waren, und sechs mutige, wiehernde Rappen zogen ihn. Er war aber nebst seiner Braut auf das kostbarste geschmueckt, damit sie den Ihrigen auch durch den Schmuck und die Pracht als ein rechtes Wunder Gottes kaemen. Denn beide waren von ihnen lange als tot betrauert und wer haette wohl gedacht, dass sie jemals wiederkommen wuerden? Die erloesten Diener und Dienerinnen in glaesernen Schuhen und weissen Kleidern und Jaeckchen mit silbernen Guerteln gingen vor und hinter und neben den Wagen und geleiteten sie; einige fuehrten auch die Pferde. Denn sie wollten sie alle bis Rambin begleiten und von da jeder seines Weges weiter ziehen. Es waren ihrer in allem zwischen fuenfzig und sechzig. Und sie jauchzeten vor Freuden, und einige, welche Geigen und Pfeifen und Trompeten mit hatten, spielten lustig auf. So zogen sie mit Jauchzen und Klingen die Huegel hinab auf die Strasse, welche von Rambin nach Garz fuehrt. Es war aber dem Johann und der Lisbeth gar wundersam zumute, als sie den Turm von Rambin wiedersahen und die Sturmweiden von Drammendorf und Giesendorf aus der Ferne, wo sie als Kinder soviel gespielt hatten. Als sie vor Rothenkirchen hinzogen, kam eben die Kuhherde ueber den Berg, und Klas Starkwolt mit seinem treuen Hurtig zog ihr langsamen Schrittes nach. Johann sah ihn und erkannte ihn stracks und dachte bei sich: "Den treuen Alten wirst du nicht vergessen." Und so zog er mit seiner Begleitung weiter, und alle Leute, die auf der Strasse waren, hielten oder standen still, und viele liefen ihnen nach, ja einige liefen voraus und meldeten in Rambin, welche blanke und praechtige Wagen dort auf der Landstrasse fuehren, und brachten das ganze Dorf auf die Beine. Der Zug ging aber sehr langsam wegen der schwer beladenen Wagen. So zogen sie etwa um vier Uhr morgens in Rambin ein und hielten still mitten im Dorf, etwa zwanzig Schritt von dem Hause, wo Johann geboren war. Und es war alles Volk zusammengelaufen und aus den Haeusern gegangen, damit sie die glaenzende Herrlichkeit mit eigenen Augen saehen. Johann entdeckte bald seinen alten Vater und seine Mutter und erkannte unter den vielen auch seinen Bruder Andres und seine Schwester Trine. Auch der alte Pfarrer Krabbe stand da in schwarzen Pantoffeln und einer weissen Schlafmuetze, wie er eben aus dem Bette gekommen war, und gaffte mit den andern; aber Lisbeth erkannt ihn nicht mehr, denn sie war zu klein gewesen, als sie in den Berg entfuehrt worden. So hielten sie etwa zehn Minuten still, ohne sich etwas merken zu lassen. Und man kann wohl sagen, dass in dem Dorfe Rambin nie eine solche Herrlichkeit erschienen war und auch nicht erscheinen wird bis an der Welt Ende. Johann und seine Braut funkelten von Diamanten und edlen Steinen; die Wagen, die Pferde, die Geschirre waren auf das praechtigste geziert, die Begleiter und Begleiterinnen alle in der Bluete der Jahre, mit den schoenen, weissen Kleidern angetan und den sonderbaren Muetzen und glaesernen Schuhen. Alles war wie aus einer andern Welt, so dass der Kuester, seines Handwerks ein Schuhmacher, der in seiner Jugendwanderschaft bis nach Moskau und Konstantinopel gekommen war, sagte: "Sind es keine tatarische und persische und asiatische Prinzen, so muessen sie vom Mond heruntergekommen sein, denn in dem Lande Europa habe ich dergleichen nie gesehen und bin doch auch in vielen Staedten gewesen, wo Kaiser und Koenige wohnen!" Der gute Kuester irrte sich aber; sie kamen weder aus Persien noch aus der Tatarei, sondern ganz aus der Naehe, aber freilich aus einer sehr wenig entdeckten Welt. Als Johann nun glaubte, es sei genug, und sie haetten ihre Augen bis zur Saettigung geweidet, sprang er rasch vom Wagen und hob sein schoenes Kind auch heraus und drang durch die Menge hin, die ihm ehrerbietig Platz machte. Und ohne sich lange zu besinnen, eilte er zu dem niedrigen, strohenen Haeuschen, wo Jakob Dietrich mit seiner Frau stand, und umhalsete sie beide und kuessete sie, die sich vor ihm zur Erde werfen und seine Knie kuesse wollten. Er aber wehrte ihnen und sprach: "Mitnichten! Das darf nicht sein! Kennt ihr mich denn nicht? Ich bin euer verlornen Sohn Johann Dietrich, und diese hier ist meine Braut." Und die beiden Alten erstaunten und wussten nicht, ob sie wachten oder traeumten; alles Volk aber, das dies sah und hoerte, verwunderte sich und rief: "Johann Dietrich, der verlorne Johann Dietrich ist von den Unterirdischen wiedergekommen, und seht, was er mitgebracht hat!" Johann Dietrich aber stand dort nicht lange muessig bei seinen Eltern, sondern, als er den alten Pfarrer Krabbe in der weissen Schlafmuetze erblickte, lief er eilends hin und holte ihn fast mit Gewalt herbei; denn der alte Mann wusste nicht, was der ungestueme Juengling im Sinn hatte. Und er fuehrte den alten, ehrwuerdigen Herrn zu Lisbeth und fragte ihn: "Kennst du diese?" Ehe er aber noch antworten konnte, zog er ihm Lisbeth in die Arme und sprach: "Dies ist deine verlorene Tochter und meine Braut, die bringe ich dir wieder. Und nun sollst du uns segnen und christlich zusammensprechen, da wir auf eine so wundersame Weise wieder zu den Unsern gekommen sind." Und der alte Mann war lange sprachlos und hing an der Brust seiner Lisbeth und weinte vor Freude; denn sie war sein einziges Kind, und er hatte sie lange als eine Tote beweint. Und als er sich besonnen hatte von dem ersten Erstaunen, nahm er die Haende seines Kindes und legte sie in die Haende Johanns und hiess Jakob Dietrich und seine Frau auch hinzutreten und sprach: "So segnet euch denn der Gott des Friedens und der Barmherzigkeit, der euch so wunderbar zusammengebracht hat, und lasse euch Kinder und Kindeskinder sehen und in seiner Furcht wandeln bis ans Ende eures Lebens! Siehe, ich preise ihn, dass er mich diesen Tag hat sehen lassen." Als dies vorbei und noch viel gefragt und erzaehlt war, und als die Nachbarn und die Gespielen und Gespielinnen sich den Johann und die Lisbeth wieder besehen und jeder auf seine Weise an seinen Zeichen wieder erkannt hatten, da gingen die beiden zu den Eltern in die Haeuser. Johann aber saeumte nicht mit der Hauptlust, mit der Hochzeit, die binnen acht Tagen sein sollte. Und er schickte viele hundert Wagen in den Wald, welche Baeume und Zweige in unendlicher Menge herbeifuhren. Und er liess viele Zimmerleute und Schreiner und Tapezierer kommen. Und wo jetzt das Kloster steht, einige hundert Schritt vor dem Dorfe, da liess er einen hohen und weiten Laubsaal bauen und von beiden Seiten Tische aufschlagen und in der Mitte eine Tanzbuehne, und der Saal war so gross, dass er wohl fuenftausend Menschen fassen konnte. Zu gleicher Zeit schickte er nach Stralsund und Greifswald und liess ganze Boete von Wein, Zucker und Kaffee laden; auch wurden ganze Herden Ochsen, Schweine und Schafe zur Hochzeit hergetrieben, und wieviele Hirsche, Rehe und Hasen dazu geschossen sind, das ist nicht zu sagen, sowenig als die Fische zu zaehlen sind, die dazu bestellt wurden. In ganz Ruegen und Pommern ist auch kein einziger Musikant geblieben, der nicht dazu verdungen wurde. Denn Johann war sehr reich und wollte seine Pracht sehen lassen. Auch hatte er das ganze Kirchspiel zur Hochzeit geladen und auch alle die schoenen, weissen Juenglinge und Jungfrauen dabehalten, die er erloeset hatte, und die nun seinen Ehrentag mitfeiern wollten. Dies war die Ordnung der Hochzeit: Als der Morgen angebrochen war, gingen alle Gaeste in die Kirche, und der alte Krabbe dankete Gott und erzaehlte die wunderbare Erhaltung und Errettung und Verlobung der Kinder; darauf segnete er sie ein und gab sie feierlich zusammen. Nun gingen sie in zierlicher Reihe alle in den grossen Laubsaal, so dass Jakob Dietrich und seine Frau Lisbeth zwischen sich fuehrten, Johann aber zwischen Vater Krabbe und seinem alten Klas Starkwolt ging. Denn diesen hatte er sogleich kommen lassen und ihn reichlich beschenkt, so dass er fuer seine uebrigen Lebenstage geborgen war; auch hatte er ihm die schoensten Hochzeitskleider anmessen lassen. Und Klas hatte ihm versprechen muessen, bei ihm zu bleiben und mit ihm zu leben, so oft und viel er wollte; und das hat er redlich gehalten. Nach diesen Ehrenpaaren folgten die feinen Weissen aus dem Berge Paar um Paar, und darauf die ganze uebrige Freundschaft, Nachbarschaft und Kirchspielschaft, nach Stand und Wuerden und Alter, wie es sich gebuehrte. Und sie hielten eine Hochzeit, wie sie in Rambin nie wieder gehalten worden, und wovon noch die Urenkel zu erzaehlen wissen. Vierzehn ausschlagene Tage und Naechte ist geschmaust und getanzt worden, und da hat man ueber vierzig Paare auf glaeserne