The Project Gutenberg EBook of Ehstnische Märchen, by Friedrich Kreutzwald This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org Title: Ehstnische Märchen Author: Friedrich Kreutzwald Commentator: Anton Schiefner Reinhold Köhler Translator: Ferdinand Löwe Release Date: June 1, 2007 [EBook #21658] Language: German Character set encoding: ISO-8859-1 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHSTNISCHE MÄRCHEN *** Produced by Taavi Kalju and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned images of public domain material from the Google Print project.) Ehstnische Märchen. Aufgezeichnet von Friedrich Kreutzwald. Aus dem Ehstnischen übersetzt von F. Löwe, ehem. Bibliothekar a. d. Petersb. Akad. d. Wissenschaften. Nebst einem Vorwort von _Anton Schiefner_ und Anmerkungen von _Reinhold Köhler_ und _Anton Schiefner_. Halle, Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses. 1869. Vorwort. Im dritten Bande der Kinder- und Hausmärchen hat _Wilhelm Grimm_ auf S. 353 der Ausgabe von 1856 auf die ihm bis zu der Zeit bekannt gewordenen ehstnischen Märchen hingewiesen, und auf S. 385 namentlich die zuerst von _Fählmann_ im Jahre 1842 in dem ersten Bande der Verhandlungen der gelehrten ehstnischen Gesellschaft zu Dorpat veröffentlichte anmuthige Dichtung Koit und Ämmarik hervorgehoben. In ausführlicherer Fassung ist die letztere später (1854) von =Dr.= _Friedrich Kreutzwald_ mir mitgetheilt und von mir im Bulletin der St. Petersburger Akademie =T. XII.= Nr. 3, 4 (auch in den =Mélanges russes= =T. II.= S. 409) in dem Aufsatz »zur ehstnischen Mythologie« abgedruckt worden. Ebendaselbst habe ich auch auf die Möglichkeit einer Entlehnung dieser Dichtung von einem Nachbarvolke aufmerksam gemacht. An solchen Entlehnungen sind die Ehsten nicht ärmer als andere Völker, und es gewährt ein eigenthümliches Interesse, mehr oder minder anderswoher bekannte Stoffe in ihrer ehstnischen Einkleidung zu betrachten. Allein nicht bloß die Freude an der poetischen Behandlung der einzelnen Märchen ist es, was uns auffordert, denselben unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es knüpfen sich eine ganze Anzahl rein ethnographischer und historischer Fragen an die Betrachtung ihres Inhalts. Der Uebersetzer hat es für angemessen erachtet, auf so manche Züge hinzuweisen, welche die einzelnen Märchen mit der von =Dr.= _Kreutzwald_ ins Leben gerufenen Dichtung »Kalewipoëg« gemein haben. Manches ist allerdings aus den nicht bloß bei den Ehsten in Umlauf befindlichen Märchen erst in die Sage und daraus in die epischen Lieder gewandert, anderes bietet uns aber treulichst erhaltene Spuren altscandinavischer Mythen dar. Habe ich bereits im Jahre 1860 bei Gelegenheit der Besprechung des Kalewipoëg (Bulletin B. =II.= S. 273-297 = =Mélanges russes= B. =II.= S. 126-161) darauf aufmerksam gemacht, wie im Kalewipoëg vielfach Nachklänge des alten Thor-Cultus vorliegen, so kann man das mit gleichem Recht von den in vorliegender Sammlung dargebotenen Märchen behaupten. Man berücksichtige außer dem von Herrn Löwe S. 2 angeführten z. B. S. 113 die dem Donnerer gehörige Gerte aus Ebereschenholz, sowie auch S. 137 das Ruder aus demselben Holze. Vgl. über die auch S. 18 vorkommende Eberesche als dem Donnerer heilig Mannhardt Germanische Mythen S. 13 f. Als ich im Jahre 1855 über den Mythengehalt der finnischen Märchen (=Bullet. hist. philol. T. XII.= Nr. 24) kurz berichtete, waren von den ehstnischen Märchen nur sehr wenige bekannt, und die ganze reiche Märchenliteratur der Russen, von der uns die von _Afanasjew_ in den Jahren 1855-1863 erschienene Sammlung in acht Bänden eine Ahnung giebt, war nur in wenigen Proben zugänglich. Bei einem eingehenden Studium der ebengenannten Sammlung dürften nicht allein die finnischen Märchen in einem andern Lichte erscheinen, sondern auch die ehstnischen richtiger gewürdigt werden können. Sicher ist es wenigstens, daß, wenn wir die ehstnischen Märchen betrachten, wir es mit den Einflüssen der verschiedensten Zeiten und Völker zu thun haben. Manche Züge weisen unverkennbar auf litauische Berührungen hin, andere zahlreichere und wohl auch jüngere auf russische Elemente; da die Küstenstriche Ehstlands und namentlich die zunächst liegenden Inseln schwedische Bevölkerung gehabt und zum Theil auch noch gegenwärtig haben, ist der letzteren nebst manchem Märchen auch mancher aus der ältesten Zeit stammende Mythus entnommen. Aber auch die neueste Zeit hat aus der Kinderstube der deutschen Familien sowohl in der Stadt als auf dem Lande so manches Märchen in die Bauerhütten verpflanzt. Nicht minder haben die aus dem Kriegsdienste heimkehrenden Ehsten so manche Erzählung, die sie früher im schwedischen oder später im russischen Heere vernommen hatten, den hörlustigen Leuten in der Heimath zugetragen. Außer den von _W. Grimm_ a. a. O. namhaft gemachten Sammlungen sind verschiedene ehstnische Märchen veröffentlicht worden, namentlich in den Jahrgängen 1846, 1848, 1849, 1852 und 1858 des »Inlands«, im illustrirten revalschen Almanach 1855 und 1856 und anderswo; eine ziemlich genaue Aufzählung derselben wird man in =Dr.= _Winkelmanns_ nun im Druck befindlicher =Bibliotheca Livoniae historica= S. 39 f. finden. Am beachtenswertesten sind die von den auch sonst um die Literatur der Ehsten hochverdienten beiden Männern Heinrich _Neus_ in Reval und Friedrich _Kreutzwald_ in Werro mitgetheilten Märchen. Der letztere der beiden genannten Herren erhielt auch von der finnischen Literaturgesellschaft in Helsingfors den ehrenvollen Auftrag, eine umfassende Sammlung von ehstnischen Märchen herauszugeben. Diese Sammlung, welche auf 368 Seiten 43 größere und 18 kleinere Stücke umfaßt, erschien im Jahre 1866 zu Helsingfors im Verlage der Literaturgesellschaft mit Bewilligung der letzteren und des Herrn _Kreutzwald_ hat Herr _Löwe_, welcher sich während seines Aufenthalts in Ehstland anerkennenswerthe Kenntnisse der ehstnischen Sprache erworben hat, vorliegende Uebersetzung unternommen, die sich durch sich selbst so sehr empfiehlt, daß eine Empfehlung von meiner Seite überflüssig sein dürfte. Die Leser dieser freundlichen Schöpfungen der Volkspoesie werden es nicht minder als ich wünschen, daß baldigst eine Fortsetzung der Uebersetzung erscheine. Schließlich kann ich die erfreuliche Nachricht mittheilen, daß in kurzer Zeit die Veröffentlichung mehrerer durch die Herren _Hurt_ und _Jakobson_ aus dem Volksmunde aufgezeichneter ehstnischer Märchen in den Schriften der gelehrten ehstnischen Gesellschaft in Dorpat zu erwarten ist. St. Petersburg, den 8. (20.) Februar 1869. A. Schiefner. _Inhalt._ Seite 1. Die Goldspinnerinnen 1-24 2. Die im Mondschein badenden Jungfrauen 25-31 3. Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge 32-58 4. Der Tontlawald 59-76 5. Der Waise Handmühle 77-81 6. Die zwölf Töchter 82-91 7. Wie eine Waise unverhofft ihr Glück fand 92-101 8. Schlaukopf 102-121 9. Der Donnersohn 122-132 10. Pikne's Dudelsack 133-140 11. Der Zwerge Streit 141-147 12. Die Galgenmännlein 148-159 13. Wie eine Königstochter sieben Jahre geschlafen 160-173 14. Der dankbare Königssohn 174-202 15. Rõugatajas Tochter 203-211 16. Die Meermaid 212-229 17. Die Unterirdischen 230-240 18. Der Nordlands-Drache 241-261 19. Das Glücksei 262-272 20. Der Frauenmörder 273-284 21. Der herzhafte Riegenaufseher 285-297 22. Wie ein Königssohn als Hüterknabe aufwuchs 298-317 23. Dudelsack-Tiidu 318-340 24. Die aus dem Ei entsprossene Königstochter 341-355 Anmerkungen 356-365 Berichtigungen und Zusätze 366 1. Die Goldspinnerinnen.[1] Ich will euch eine schöne Geschichte aus dem Erbe der Vorzeit erzählen, welche sich zutrug, als noch die Anger nach alter Weise von der Weisheit-Sprache der Vierfüßer und der Befiederten wiederhallten. Es lebte einmal vor Zeiten in einem tiefen Walde eine lahme Alte mit drei frischen Töchtern: ihre Hütte lag im Dickicht versteckt. Die Töchter blühten schönen Blumen gleich um der Mutter verdorrten Stumpf; besonders war die jüngste Schwester schön und zierlich wie ein Bohnenschötchen. Aber in dieser Einsamkeit gab es keine andern Beschauer als am Tage die Sonne, und bei Nacht den Mond und die Augen der Sterne. »Brennend heiß mit Jünglingsaugen Schien die Sonn' auf ihren Kopfputz, Glänzte auf den bunten Bändern, Röthete die bunten Säume.« Die alte Mutter ließ die Mädchen nicht müßig gehen, noch säumig sein, sondern hielt sie vom Morgen bis zum Abend zur Arbeit an; sie saßen Tag für Tag am Spinnrocken und spannen Goldflachs zu Garn. Den armen Dingern wurde weder Donnerstag noch Sonnabend[2] Abend Muße gegönnt, den Gabenkasten zu bereichern,[3] und wenn nicht in der Dämmerung oder im Mondenschein verstohlener Weise die Stricknadel zur Hand genommen wurde, so blieb der Kasten ohne Zuwachs. War die Kunkel abgesponnen, so wurde sofort eine neue aufgesetzt, und überdies mußte das Garn eben, drall und fein sein. Das fertige Garn verwahrte die Alte hinter Schloß und Riegel in einer geheimen Kammer, wohin die Töchter ihren Fuß nicht setzen durften. Von wo der Goldflachs in's Haus gebracht wurde, oder zu was für einem Gewebe die Garne gesponnen wurden, das war den Spinnerinnen nicht bekannt geworden; die Mutter gab auf solche Fragen niemals Antwort. Zwei oder drei Mal in jedem Sommer machte die Alte eine Reise, man wußte nicht wohin, blieb zuweilen über eine Woche aus und kam immer bei nächtlicher Weile zurück, so daß die Töchter niemals erfuhren, was sie mitgebracht hatte. Ehe sie abreiste, theilte sie jedesmal den Töchtern auf so viel Tage Arbeit aus, als sie auszubleiben gedachte. Jetzt war wieder die Zeit gekommen, wo die Alte ihre Wanderung unternehmen wollte. Gespinnst auf sechs Tage wurde den Mädchen ausgetheilt, und dabei abermals die alte Ermahnung eingeschärft:»Kinder laßt die Augen nicht schweifen und haltet die Finger geschickt, damit der Faden in der Spule nicht reißt, sonst würde der Glanz des Goldgarns verschwinden und mit eurem Glücke würde es auch aus sein!« Die Mädchen verlachten diese mit Nachdruck gegebene Ermahnung; ehe noch die Mutter auf ihrer Krücke zehn Schritte weit vom Hause gekommen war, fingen sie alle drei an zu höhnen. »Dieses alberne Verbot, das immer wiederholt wird, hätten wir nicht nöthig gehabt,« sagte die jüngste Schwester. »Der Goldgarnfaden reißt nicht beim Zupfen, geschweige denn beim Spinnen.« Die andere Schwester setzte hinzu: »Eben so wenig ist es möglich, daß der Goldglanz sich verliere.« Oft schon hat Mädchen-Vorwitz Manches voreilig verspottet, woraus doch endlich nach vielem Jubel Thränenjammer erwuchs. Am dritten Tage nach der Mutter Abreise ereignete sich ein unerwarteter Vorfall, der den Töchtern anfangs Schrecken, dann Freude und Glück, auf lange Zeit aber Kummer bereiten sollte. Ein Kalew-Sproß,[4] eines Königs Sohn, war beim Verfolgen des Wildes von seinen Gefährten abgekommen, und hatte sich im Walde so weit verirrt, daß weder das Gebell der Hunde noch das Blasen der Hörner ihm einen Wegweiser herbeischaffte. Alles Rufen fand nur sein eigenes Echo,[5] oder fing sich im dichten Gestrüpp. Ermüdet und verdrießlich stieg der königliche Jüngling endlich vom Pferde und warf sich nieder, um im Schatten eines Gebüsches auszuruhen, während das Pferd sich nach Gefallen auf dem Rasen sein Futter suchen durfte. Als der Königssohn aus dem Schlaf erwachte, stand die Sonne schon niedrig. Als er jetzt von neuem in die Kreuz und in die Quer nach dem Wege suchte, entdeckte er endlich einen kleinen Fußsteig, der ihn zur Hütte der lahmen Alten brachte. Wohl erschracken die Töchter, als sie plötzlich den fremden Mann sahen, dessen Gleichen ihr Auge nie zuvor erblickt hatte. Indeß hatten sie sich nach Vollendung ihres Tagewerks in der Abendkühle mit dem Fremden befreundet, so daß sie gar nicht einmal zur Ruhe gehen mochten. Und als endlich die älteren Schwestern sich schlafen gelegt hatten, saß die jüngste noch mit dem Gaste auf der Thürschwelle, und es kam ihnen diese Nacht kein Schlaf in die Augen. Während die Beiden im Angesicht des Mondes und der Sterne sich ihr Herz öffnen und süße Gespräche führen, wollen wir uns nach den Jägern umsehen, die ihren Anführer im Walde verloren hatten. Unermüdlich war der ganze Wald nach allen Seiten hin von ihnen durchsucht worden, bis das Dunkel der Nacht dem Suchen ein Ziel setzte. Dann wurden zwei Männer in die Stadt zurückgeschickt, um die traurige Botschaft zu überbringen, während die Uebrigen unter einer breiten ästigen Fichte ihr Nachtlager aufschlugen, um am nächsten Morgen wieder weiter zu suchen. Der König hatte gleich Befehl gegeben, am andern Morgen ein Regiment zu Pferde und eins zu Fuß ausrücken zu lassen, um seinen verlorenen Sohn aufzusuchen. Der lange weite Wald dehnte die Nachforschungen bis zum dritten Tage aus; dann erst wurden in der Frühe Fußstapfen gefunden, die man verfolgte und dadurch den Fußsteig entdeckte, der zur Hütte führte. Dem Königssohne war in Gesellschaft der Mädchen die Zeit nicht lang geworden, noch weniger hatte er Sehnsucht nach Hause gehabt. Ehe er schied, gelobte er der Jüngsten heimlich, daß er in kurzer Zeit wiederkommen und dann, sei es im Guten oder mit Gewalt, sie mit sich nehmen und zu seiner Gemahlin machen wolle. Wenn gleich die ältern Schwestern von dieser Verabredung nichts gehört hatten, so kam die Sache doch heraus und zwar in einer Weise, die Niemand vermuthet hätte. Nicht gering war nämlich der jüngsten Tochter Bestürzung, als sie, nachdem der Königssohn fortgegangen war, sich an den Rocken setzte und fand, daß der Faden in der Spule gerissen war. Zwar wurden die Enden des Fadens im Kreuzknoten wieder zusammengeknüpft und das Rad in rascheren Gang gebracht, damit emsige Arbeit die im Kosen mit dem Bräutigam verlorene Zeit wieder einbrächte. Allein ein unerhörter und unerklärlicher Umstand machte das Herz des Mädchens beben: das Goldgarn hatte nicht mehr seinen vorigen Glanz. -- Da half kein Scheuern, kein Seufzen und kein Benetzen mit Thränen; die Sache war nicht wieder gut zu machen. Das Unglück springt zur Thür in's Haus, kommt durch's Fenster herein und kriecht durch jede Ritze, die es unverstopft findet, sagt ein altes weises Wort; so geschah es auch jetzt. Die Alte war in der Nacht nach Hause gekommen. Als sie am Morgen in die Stube trat, erkannte sie augenblicklich, daß hier etwas Unrechtes vorgegangen sei. Ihr Herz entbrannte in Zorn; sie ließ die Töchter eine nach der andern vor sich kommen und verlangte Rechenschaft. Mit Leugnen und Ausreden kamen die Mädchen nicht weit, Lügen haben kurze Beine; die schlaue Alte brachte bald heraus, was der Dorfhahn hinter ihrem Rücken der jüngsten Tochter in's Ohr gekräht hatte. Das alte Weib fing nun an so gräulich zu fluchen, als wollte sie Himmel und Erde mit ihren Verwünschungen verfinstern. Zuletzt drohte sie, dem Jüngling den Hals zu brechen und sein Fleisch den wilden Thieren zur Speise vorzuwerfen, wenn er sich gelüsten ließe, noch einmal wieder zu kommen. --Die jüngste Tochter wurde roth wie ein gesottener Krebs, fand den ganzen Tag keine Ruhe und konnte auch die Nacht kein Auge zuthun; immer lag es ihr schwer auf der Seele, daß der Jüngling, wenn er zurück käme, seinen Tod finden könnte. Früh am Morgen, als die Mutter und die Töchter noch im Morgenschlummer lagen, verließ sie heimlich das Haus, um in der Thaueskühle aufzuathmen. Zum Glück hatte sie als Kind von der Alten die Vogelsprache gelernt, und das kam ihr jetzt zu Statten. In der Nähe saß auf einem Fichtenwipfel ein Rabe, der mit dem Schnabel sein Gefieder zurechtzupfte. Das Mädchen rief. »_Lieber Lichtvogel, klügster_ des Vogelgeschlechts! willst du mir zu Hülfe kommen?« »Was für Hülfe begehrst du?« fragte der Rabe. Das Mädchen erwiederte: »Flieg' aus dem Walde heraus über Land, bis dir eine prächtige Stadt mit einem Köuigssitz aufstößt. Suche mit dem Königssohn zusammenzukommen und melde ihm, was für ein Unglück mir widerfahren ist.« Darauf erzählte sie dem Raben die Geschichte ausführlich, vom Reißen des Fadens an bis zu der gräßlichen Drohung der Mutter, und sprach die Bitte aus, daß der Jüngling nicht mehr zurückkommen möchte. Der Rabe versprach, den Auftrag auszurichten, wenn er Jemand fände, der seiner Sprache kundig wäre und flog sogleich davon. Die Mutter ließ die jüngste Tochter nicht mehr am Spinnrocken Platz nehmen, sondern hielt sie an, das gesponnene Garn abzuwickeln. Diese Arbeit wäre dem Mädchen leichter gewesen als die frühere, aber das ewige Fluchen und Zanken der Mutter ließ ihr vom Morgen bis zum Abend keine Ruhe. Versuchte die Jungfrau, sich zu entschuldigen, so wurde die Sache noch ärger. Wenn einem Weibe einmal die Galle überläuft, und der Zorn ihre Kinnladen geöffnet hat, so vermag keine Gewalt sie wieder zu schließen. Gegen Abend rief der Rabe vom Fichtenwipfel her kraa, kraa! und das gequälte Mädchen eilte hinaus, um den Bescheid zu hören. Der Rabe hatte glücklicherweise in des Königs Garten eines Windzauberers[6] Sohn gefunden, der die Vogelsprache vollkommen verstand. Ihm meldete der schwarze Vogel die von der Jungfrau ihm anvertraute Botschaft, und bat ihn, die Sache dem Königssohn mitzutheilen. Als der Gärtnerbursche dem Königssohn alles erzählt hatte, wurde diesem das Herz schwer, doch pflog er mit seinen Freunden heimlich Rath über die Befreiung der Jungfrau. »Sage dem Raben,« so unterwies er dann des Windzauberer's Sohn -- »daß er eilig zurückfliege und der Jungfrau melde: sei wach in der neunten Nacht, dann erscheint ein Retter, der das Küchlein den Klauen des Habichts entreißen wird.« Zum Lohn für die Bestellung erhielt der Rabe ein Stück Fleisch, um seine Flügel zu kräftigen, und dann wurde er wieder zurück geschickt. Die Jungfrau dankte dem schwarzen Vogel für seine Besorgung, verbarg aber das Gehörte in ihrem Herzen, damit die andern nichts davon erführen. Aber je näher der neunte Tag kam, desto schwerer wurde ihr das Herz, wenn sie bedachte, daß ein unvorhergesehenes Unglück alles zu Schanden machen könnte. In der neunten Nacht, als die alte Mutter und die Schwestern sich zur Ruhe gelegt hatten, schlich die jüngste Schwester auf den Zehen aus dem Hause, und setzte sich unter einen Baum auf den Rasen, um des Bräutigams zu harren. Hoffnung und Furcht erfüllten zugleich ihr Herz. Schon krähte der Hahn zum zweiten Mal, aber vom Walde her war weder ein Geräusch von Tritten noch ein Rufen zu hören. Zwischen dem zweiten und dritten Hahnenschrei drang von weitem ein Geräusch wie leises Pferdegetrappel an ihr Ohr. Sie ließ sich durch dies Geräusch leiten und ging den Kommenden entgegen, damit deren Annäherung die im Hause Schlafenden nicht wecken möchte. Bald erblickte sie die Kriegerschaar, an deren Spitze der Königssohn selbst als Führer ritt, denn er hatte, als er von hier fortgegangen war, an den Bäumen heimliche Zeichen gemacht, durch die er den rechten Weg erkannte. Als er die Jungfrau gewahr wurde, sprang er vom Pferde, half ihr in den Sattel, setzte sich selbst vor sie hin, damit sie sich an ihn lehne und dann ging es schleunig heimwärts. Der Mond gab zwischen den Bäumen so viel Licht, daß der bezeichnete Pfad ihnen nicht verloren ging. Das Frühroth hatte überall der Vögel Zungen gelöst und ihr Gezwitscher geweckt. Hätte die Jungfrau auf sie zu achten und aus ihrer Zwiesprach Belehrung zu schöpfen gewußt, es hätte den Beiden mehr genügt als die honigsüße Schmeichelrede, welche aus des Königssohnes Munde floß und das Einzige war, was in ihr Ohr drang. Sie hörte und sah nichts Anderes als den Bräutigam, der sie bat, alle eitle Furcht aufzugeben und dreist auf den Schutz der Krieger zu bauen. Als sie in's Freie kamen, stand die Sonne schon ziemlich hoch. Zum Glück hatte die alte Mutter am Morgen früh der Tochter Flucht nicht gleich bemerkt; erst etwas später, als sie die Garnwinde nicht abgewickelt fand, fragte sie, wohin die jüngste Schwester gegangen sei. Darauf wußte Niemand Antwort zu geben. Aus mancherlei Zeichen ersah jetzt die Mutter, daß die Tochter entflohen war; sofort faßte sie den tückischen Vorsatz, der flüchtigen die Strafe auf dem Fuße nachzusenden. Sie holte vom Boden herunter eine Handvoll aus neunerlei Arten gemischter Hexenkräuter, schüttete Salz, das besprochen war, dazu und band Alles in ein Läppchen, daß es ein Quast wurde; dann hauchte sie Flüche und Verwünschungen darauf und ließ nun das Hexenknäuel mit dem Winde davon ziehen, während sie sang: »Wirbelwind! verleihe Flügel! Windesmutter! deinen Fittig! Treibet dieses Knäulchen vorwärts, Daß es windesschnell dahin saust, Daß es todverbreitend hinfährt, Seuchenbringend weiter fliege!« Zwischen Mittmorgen und Mittag gelangte der Königssohn mit der Kriegerschaar an das Ufer eines breiten Flusses, über welchen eine schmale Brücke geschlagen war, so daß die Männer nur einzeln herüber konnten. Der Königssohn ritt eben mitten auf der Brücke, als mit dem Winde das Hexenknäuel daher fuhr und wie eine Bremse auf das Pferd traf. Das Pferd schnaubte vor Schreck, stellte sich plötzlich hoch auf die Hinterbeine, und eh' noch jemand zu Hülfe kommen konnte, glitt die Jungfrau vom Sattel herab jählings in den Fluß. Der Königssohn wollte ihr nachspringen, aber die Krieger verhinderten ihn daran, indem sie ihn festhielten; denn der Fluß war grundlos tief und menschliche Hülfe konnte dem Unglück, das einmal geschehen war, doch nicht mehr abhelfen. Schrecken und tiefe Betrübnis hatten den Königssohn ganz betäubt; die Krieger führten ihn gegen seinen Willen nach Hause zurück, wo er Wochen lang in stiller Kammer über das Unglück trauerte, so daß er anfangs nicht einmal Speise noch Trank zu sich nahm. Der König ließ aus allen Orten von nah und fern Zauberer zusammenrufen, aber keiner konnte die Krankheit erklären, noch wußte einer ein Mittel dagegen anzugeben. Da sagte eines Tages des Windzauberers Sohn, der in des Königs Garten Gärtnerbursch war: »Sendet nur nach Finnland, daß der uralte Zauberer komme, der versteht mehr als die Zauberer eures Landes.« Alsbald sandte der König eine Botschaft an den alten Zauberer Finnlands, und dieser traf schon nach einer Woche auf Windesflügeln ein. Er sagte zum König: »Geehrter König! die Krankheit ist vom Winde angeweht. Ein böses Hexen-Knäuel hat des Jünglings bessere Herzenshälfte hingerafft, und darüber grämt er sich beständig. Schicket ihn oft in den Wind, damit der Wind die Sorgen in den Wald treibt.«[7] So kam es auch wirklich; der Königssohn fing an sich zu erholen, Nahrung zu nehmen und Nachts zu schlafen. Zuletzt gestand er seinen Eltern seinen Herzenskummer; der Vater wünschte, daß der Sohn wieder auf die Freite gehen und ein junges Weib nach seinem Sinne heim führen möchte, aber der Sohn wollte nichts davon wissen. Schon über ein Jahr war dem Jüngling in Trauer verstrichen, als er eines Tages zufällig an die Brücke kam, wo seine Liebste ihr Ende gefunden hatte. Als er sich das Unglück in's Gedächtniß zurückrief, traten ihm bittere Thränen in die Augen. Mit einem Male hörte er einen schönen Gesang anstimmen, obwohl nirgends ein menschliches Wesen zu sehen war. Die Stimme sang: »Durch der Mutter Fluch beschworen Nahm das Wasser die Unsel'ge, Barg das Wellengrab die Kleine, Deckte Ahti's[8] Fluth das Liebchen.« Der Königssohn stieg vom Pferde und spähte nach allen Seiten, ob nicht Jemand unter der Brücke versteckt sei, aber soweit sein Auge reichte, war nirgends ein Sänger zu sehen. Auf der Wasserfläche schaukelte zwischen breiten Blättern ein Teichröschen, das war der einzige Gegenstand, den er erblickte. Aber ein schaukelndes Blümchen konnte doch nicht singen, dahinter mußte irgend ein wunderbares Geheimniß stecken. Er band sein Pferd am Ufer an einen Baumstumpf, setzte sich auf die Brücke und lauschte, ob Auge oder Ohr nähere Auskunft geben würden. Eine Zeitlang blieb Alles still, dann sang wieder der unsichtbare Sänger: »Durch der Mutter Fluch beschworen Nahm das Wasser die Unsel'ge, Barg das Wellengrab die Kleine, Deckte Ahti's Fluth das Liebchen.« Wie dem Menschen nicht selten ein guter Gedanke unerwartet vom Winde zugeweht wird, so geschah es auch hier. Der Königssohn dachte: wenn ich ungesäumt zur Waldhütte reite, wer weiß, ob mir nicht die Goldspinnerinnen diesen wunderbaren Fall deuten können. So stieg er zu Pferde und schlug den Weg zum Walde ein. An den früheren Zeichen hoffte er sich leicht zurecht zu finden, allein der Wald war gewachsen und er hatte über einen Tag lang zu suchen, ehe er auf den Fußsteig gelangte. In der Nähe der Hütte hielt er an, um zu warten, ob eine der Jungfrauen herauskommen würde. Früh Morgens kam die älteste Schwester zur Quelle, um sich das Gesicht zu waschen. Der Jüngling trat näher, erzählte das Unglück, welches sich voriges Jahr auf der Brücke zugetragen, und was für einen Gesang er vor einigen Tagen dort gehört habe. Die alte Mutter war glücklicher Weise gerade nicht daheim, deßwegen lud die Jungfrau den Königssohn in's Haus. Als die Mädchen die ausführliche Erzählung angehört hatten, begriffen sie ohne Weiteres, daß das Unglück des vorigen Jahres durch ein Hexenknäuel der Mutter entstanden war, und daß die Schwester jetzt noch nicht gestorben sei, sondern in Zauberbanden liege. Die älteste Schwester fragte: »Ist euren Blicken auf dem Wasserspiegel nichts begegnet, was einen Gesang hätte können ertönen lassen?« »Nichts,« erwiederte der Königssohn. »So weit mein Auge reichte, war auf dem Wasserspiegel nichts weiter zu sehen, als ein gelbes Teichröschen zwischen breiten Blättern, aber Blümchen und Blätter können doch nicht singen.« Die Töchter muthmaßten sogleich, daß das Teichröschen nichts Anderes sein könne, als ihre in den Wellen versunkene und durch Hexenkunst in ein Blümchen verwandelte Schwester. Sie wußten, wie die alte Mutter das fluchbehaftete Hexenknäuel hatte fliegen lassen, welches die Schwester, wenn es sie nicht tödtete, in jeglicher Weise verwandeln konnte. Von dieser Vermuthung sagten sie indeß dem Königssohne nichts, denn so lange sie noch nicht Rath wußten zu ihrer Befreiung, wollten sie keine eitle Hoffnung erwecken. Da die Rückkehr der Mutter erst in einigen Tagen erwartet wurde, hatten sie Zeit sich zu berathen. Die älteste Schwester holte nun am Abend eine Handvoll gehörig gemischter Zauberkräuter vom Boden herunter, zerrieb sie, machte daraus mit Mehl einen Teig, buck einen Kuchen und gab ihn dem Jüngling zu essen, ehe er sich am Abend zur Ruhe legte. Der Königssohn hatte in der Nacht einen wunderbaren Traum, als ob er im Walde unter den Vögeln lebte und die einem jeden derselben eigene Sprache verstünde. Als er am Morgen seinen Traum den Jungfrauen erzähle, sagte die älteste Schwester: »Zur guten Stunde habt ihr euch zu uns aufgemacht, zur guten Stunde habt ihr den Traum gehabt, der euch auf eurem Heimwege zur Wirklichkeit werden wird. Mein Schweinefleischkuchen von gestern, den ich euch zum Frommen buck und zu essen gab, war mit Zauberkräutern gefüllt, welche euch in den Stand setzen, Alles zu verstehen, was die klugen Vögel unter einander reden. In diesen Männlein im Federkleide steckt viel verborgene Weisheit, die den Menschen unbekannt ist, deßhalb gebt scharf Acht, was die Vögelschnäbel verkünden. Und wenn dann eure Leidenszeit vorüber ist, so denkt auch an uns arme Kinder, die wir hier wie in einem ewigen Kerker am Rocken sitzen.« Der Königssohn dankte den Mädchen für ihre gute Gesinnung und versprach, sie später aus ihrer Knechtschaft zu befreien, sei es für ein Lösegeld oder mit Gewalt; nahm Abschied und trat eilig die Rückreise an. Die Mädchen freuten sich, als sie sahen, daß ihnen der Faden nicht gerissen und der Goldglanz nicht verblichen sei; die alte Mutter konnte, wenn sie heim kam, ihnen nichts vorwerfen. Um so spaßhafter ging die Sache mit dem Königssohne, der im Walde wie mitten in zahlreicher Gesellschaft dahin ritt, weil der Gesang und das Gezwitscher der Vögel ganz verständlich wie Worte an sein Ohr schlugen. Hier sah er voll Verwunderung, wie viel Weisheit dem Menschen dadurch unbekannt bleibt, daß er die Vogelsprache nicht versteht. Von dem, was das Federvolk anfangs redete, konnte der Wanderer das Meiste nicht recht fassen; es wurde über vielerlei Menschen dies und jenes ausgeplaudert, aber diese Menschen und ihr Treiben waren ihm fremd. Da sah er plötzlich auf einem hohen Föhrenwipfel eine Elster und eine Drossel, deren Unterhaltung auf ihn gemünzt war. »Die Dummheit der Menschen ist groß,« sagte die Drossel. »Sie wissen auch die geringfügigsten Dinge nicht recht anzufassen. Dort sitzt neben der Brücke in Gestalt einer Teichrose des alten lahmen Weibes Pflegekind schon ein ganzes Jahr, klagt singend den Vorübergehenden ihre Noth, aber Niemand kommt sie zu erlösen. Vor einigen Tagen erst ritt ihr ehemaliger Bräutigam über die Brücke, und hörte den sehnsüchtigen Gesang der Jungfrau, war aber auch nicht klüger als die Andern.« Die Elster erwiederte: »Und gleichwohl muß das Mädchen um seinetwillen von der Mutter die Strafe erdulden. Wenn ihm keine größere Weisheit zu Theil wird, als die, welche er aus dem Munde der Menschen vernimmt, so bleibt das Mädchen ewig ein Blümlein.« »Des Mädchens Befreiung würde eine Kleinigkeit sein,« sagte die Drossel, »wenn die Sache dem alten Zauberer von Finnland gründlich dargelegt würde. Er könnte die Jungfrau leicht aus ihrem nassen Kerker und ihrem Blumenzwang befreien.« Dieses Gespräch machte den Jüngling nachdenklich; indem er weiter ritt, ging er mit sich zu Rathe, wo er wohl einen Boten hernähme, den er nach Finnland schicken könnte. Da hörte er über seinem Haupte, wie eine Schwalbe zur andern sagte: »Komm, laß uns nach Finnland ziehen, dort ist besser nisten als hier!« »Haltet, Freunde!« rief der Königssohn in der Vogelsprache. »Bringt dem alten Zauberer in Finnland tausend Grüße von mir und bittet ihn um Bescheid, wie es wohl möglich wäre, eine in eine Teichrose verwandelte Jungfrau wieder zu einem Menschenbilde zu machen.« Die Schwalben versprachen den Auftrag auszurichten und flogen davon. Als er an's Ufer des Flusses kam, ließ er sein Pferd verschnaufen und blieb auf der Brücke stehen, um zu horchen, ob nicht der Gesang sich wieder hören lasse. Aber Schweigen herrschte ringsum und es war nichts zu hören, als das Rauschen der Wellen und das Sausen des Windes. Unmuthig setzte sich der Jüngling wieder zu Pferde, und ritt heim, sagte aber Niemanden ein Wort von dieser Wanderung und ihrem Abenteuer. Eine Woche später saß er eines Tages im Garten, und dachte, die Schwalben müßten seine Botschaft wohl vergessen haben, als ein großer Adler hoch in den Lüften über seinem Haupte kreiste. Allmählich stieg der Vogel immer tiefer herunter, bis er sich endlich auf einem Lindenast in der Nähe des Königssohnes niederließ. »Der alte Zauberer in Finnland,« so ließ der Adler sich vernehmen, »sendet euch viele Grüße, und bittet es ihm nicht zu verübeln, daß er nicht früher Antwort ertheilt hat. Es war gerade Niemand zu finden, der hierher wollte. Um die Jungfrau aus ihrem Blumenzustande zu erlösen, ist nur dies nöthig: Gehet an das Ufer des Flusses, werfet eure Kleider ab und schmiert euch den Körper über und über mit Schlamm ein, so daß kein weißer Fleck bleibt; dann nehmt die Nasenspitze zwischen die Finger und rufet: »»Aus dem Mann ein Krebs!«« Augenblicklich werdet ihr zum Krebs, dann geht in die Tiefe des Flusses; Ertrinken habt ihr nicht zu befürchten. Drängt euch dreist unter die Wurzeln des Teichröschens, und löset sie von Schlamm und Schilf, so daß sie nirgends mehr fest sitzen. Hängt euch dann mit euren Scheeren an ein Zweiglein der Wurzel an, so wird euch das Wasser sammt dem Blümchen auf die Oberfläche heben. Dann treibet mit dem Strom so lange fort, bis euch links am Ufer eine Eberesche mit beblätterten Zweigen zu Gesicht kommt. Nicht weit von der Eberesche steht ein Stein von der Höhe einer kleinen Badstube. Beim Steine müßt ihr die Worte ausstoßen: »»Aus der Teichrose die Jungfrau, aus dem Krebs der Mann!«« In demselben Augenblick wird es so geschehen.« Als der Adler geendigt hatte, hob er die Fittige und flog davon. Der Jüngling sah ihm eine Weile nach und wußte nicht, was er davon halten sollte. Unter zweifelnden Gedanken verstrich ihm über eine Woche; er hatte weder Muth noch Vertrauen genug, die Befreiung in dieser Weise zu versuchen. Da hörte er eines Tages aus dem Munde einer Krähe: »Was zögerst du, der Weisung des Alten nachzukommen? Der alte Zauberer hat noch nie falschen Bescheid geschickt, und auch die Vogelsprache hat noch nie getrogen. Eile an das Ufer des Flusses und trockne die Sehnsuchtsthränen der Jungfrau.« Die Rede der Krähe machte dem Jünglinge Muth; er dachte: Größeres Unglück kann mir nicht widerfahren als der Tod, aber leichter ist der Tod als unaufhörliches Trauern. Er setzte sich zu Pferde und ritt den bekannten Weg zum Ufer des Flusses. Als er an die Brücke kam, hörte er den Gesang: »Durch der Mutter Fluch beschworen Muß ich hier im Schlummer liegen, Muß das junge Kind verwelken, In der Wellen Schoos hinsiechen. Feucht und kalt das tiefe Bette Decket jetzt die zarte Jungfrau.« Der Königssohn legte seinem Pferde die Fußfessel an, damit es sich nicht zu weit von der Brücke entfernen könnte, warf die Kleider ab, schmierte den Körper über und über mit Schlamm, so daß nirgends ein weißer Fleck blieb, faßte sich dann an die Nasenspitze und sprang in's Wasser mit dem Rufe: »Aus dem Mann ein Krebs!« Einen Augenblick zischte das Wasser auf, dann war Alles wieder still wie zuvor. Das in einen Krebs verwandelte Männlein begann die Wurzeln der Teichrose aus dem Flußbette loszumachen, brauchte aber viel Zeit dazu. Die Würzelchen saßen im Schlamm und Schilf fest, so daß der Krebs sieben Tage schwere Arbeit hatte, bis die Sache von Statten ging. Als die Arbeit beendigt war, hakte das Krebsmännlein seine Scheeren in ein Zweiglein der Wurzel ein, und das Wasser hob ihn sammt dem Blümchen auf die Oberfläche des Flusses. Die schaukelnden Wellen trieben Krebs und Teichrose nur allmählich vorwärts, und wiewohl Bäume und Sträuche genug am Ufer sichtbar wurden, so kam doch immer die Eberesche mit dem großen Stein nicht zum Vorschein. Endlich sah er links am Ufer den Baum mit seinem Laube und den rothen Beerenbüscheln, und etwas weiterhin stand auch der Fels, der die Höhe einer kleinen Badstube hatte. Jetzt stieß das Krebsmännlein die Worte aus: »Aus der Teichrose die Jungfrau, aus dem Krebse der Mann!« -- Augenblicklich schwammen auf dem Wasser zwei Menschenhäupter, ein männliches und ein weibliches, das Wasser trieb sie an's Ufer, aber Beide waren splitternackt, wie Gott sie geschaffen. Die verschämte Jungfrau bat nun: »Lieber Jüngling, ich habe keine Kleider anzuziehen, darum mag ich nicht aus dem Wasser steigen.« -- Der Jüngling bat dagegen: »Tretet an's Ufer unter die Eberesche, ich mache so lange die Augen zu, bis ihr hinauf klettert und euch unter dem Baume berget. Dann eile ich zur Brücke, wo ich mein Pferd und meine Kleider ließ, als ich in den Fluß sprang.« Die Jungfrau hatte sich unter der Eberesche verborgen, und der Jüngling eilte zur Brücke, wo er Kleider und Pferd gelassen hatte; aber er fand dort weder das Eine noch das Andere. Daß sein Krebszustand so viele Tage gedauert hatte, wußte er nicht, vielmehr glaubte er nur einige Stunden auf dem Grunde des Wassers gewesen zu sein. Siehe, da kommt ihm am Ufer eine prächtige mit sechs Pferden bespannte Kutsche langsam entgegen. In der Kutsche fand er alles Nöthige, sowohl für sich, wie für die aus dem Wasserkerker erlöste Jungfrau; sogar ein Diener und eine Zofe waren mit der Kutsche angekommen. Den Diener behielt der Königssohn für sich, das Mädchen schickte er mit der Kutsche und den Kleidern dahin, wo sein nacktes Liebchen unter der Eberesche harrte. Es verging über eine Stunde, da kam die hochzeitlich geschmückte Jungfrau in der Kutsche an die Stelle, wo der Königssohn ihrer wartete. Er war gleichfalls prächtig als Bräutigam gekleidet und setzte sich zu ihr in die Kutsche. Sie fuhren gradeswegs zur Stadt und vor die Kirchenthür. Der König und die Königin saßen in Trauerkleidern in der Kirche, denn sie trauerten über den theuren verlorenen Sohn, den man im Flusse ertrunken glaubte, da man Pferd und Kleider am Ufer gefunden hatte. Groß war der Eltern Freude, als der für todt beweinte Sohn lebend an der Seite einer schönen Jungfrau vor sie trat, beide in Prunkgewändern. Der König führte sie selbst zum Altar und sie wurden getraut. Dann wurde ein Hochzeitsfest veranstaltet, das in Saus und Braus sechs Wochen lang dauerte. Im Gange der Zeit ist zwar kein Stillstand und keine Ruhe, dennoch scheinen die Tage der Freude rascher dahin zu fließen als die Stunden der Trübsal. Nach dem Hochzeitsfeste war der Herbst eingetreten, dann kam Frost und Schnee, so daß das junge Paar nicht viel Lust hatte, den Fuß aus dem Hause zu setzen. Als aber der Frühling wiederkehrte und neue Freuden brachte, ging der Königssohn mit seiner jungen Gattin im Garten spazieren. Da hörten sie, wie eine Elster vom Wipfel eines Baumes herab rief: »O du undankbares Geschöpf, das in den Tagen des Glücks seine hülfreichen Freunde vergessen hat. Sollen die beiden armen Jungfrauen ihr Lebelang Goldgarn spinnen? Die lahme Alte ist nicht die Mutter der Mädchen, sondern eine Zauberhexe, welche die Jungfrauen als Kinder aus fernen Landen gestohlen hat. Der Alten Sünden sind groß, sie verdient keine Barmherzigkeit. Gekochter Schierling wäre für sie das beste Gericht; sonst würde sie wohl das gerettete Kind abermals mit einem Hexenknäuel verfolgen.« Jetzt fiel es dem Königssohne wieder ein und er bekannte seiner Gattin, wie er zur Waldhütte gegangen sei, die Schwestern um Rath zu fragen, dort die Vogelsprache gelernt und den Jungfrauen versprochen habe, sie aus ihrer Gefangenschaft zu erlösen. Die Gattin bat mit Thränen in den Augen, den Schwestern zu Hülfe zu eilen. Als sie den andern Morgen erwachte, sagte sie: »Ich hatte einen bedeutungsvollen Traum. Die alte Mutter war von Hause gegangen und hatte die Töchter allein gelassen; jetzt wäre gewiß die rechte Zeit ihnen zu Hülfe zu kommen.« Der Königssohn ließ sofort eine Kriegerschaar sich rüsten und zog mit ihnen zur Waldhütte. Am andern Tage langten sie dort an. Die Mädchen waren, wie der Traum geweissagt hatte, allein zu Hause und kamen mit Freudengeschrei den Errettern entgegen. Einem Kriegsmanne wurde Befehl gegeben, Schierlingswurzeln zu sammeln und daraus für die Alte ein Gericht zu kochen, so daß, wenn sie nach Hause käme und sich daran satt äße, ihr die Lust am Essen für immer verginge. Sie blieben zur Nacht in der Waldhütte und machten sich am andern Morgen in der Frühe mit den Mädchen auf den Weg, so daß sie Abends die Stadt erreichten. Der Schwestern Freude war groß, als sie sich hier nach zwei Jahren wieder vereinigt fanden. Die Alte war in derselben Nacht nach Hause gekommen; sie verzehrte mit großer Gier die Speise, welche sie auf dem Tische fand und kroch dann in's Bett um zu ruhen, wachte aber nicht wieder auf: der Schierling hatte dem Leben des Unholds ein Ende gemacht. Als der Königssohn eine Woche später einen zuverlässigen Hauptmann hinschickte, sich die Sache anzusehen, fand man die Alte todt. In der heimlichen Kammer wurden funfzig Fuder Goldgarn aufgehäuft gefunden, welche unter die Schwestern vertheilt wurden. Als der Schatz weggeführt war, ließ der Hauptmann den Feuerhahn auf's Dach setzen. Schon streckte der Hahn seinen rothen Kamm zum Rauchloch[9] heraus, als eine große Katze mit glühenden Augen vom Dache her an der Wand herunterkletterte. Die Kriegsleute jagten der Katze nach und wurden ihrer bald habhaft. Ein Vögelchen gab von einem Baumwipfel herab die Weisung: »Heftet der Katze eine Falle an den Schwanz, dann wird Alles an den Tag kommen!« Die Männer thaten es. »Peinigt mich nicht, ihr Männer!« bat nun die Katze. »Ich bin ein Mensch wie ihr, wenn ich auch jetzt durch Hexenzauber in Katzengestalt gebannt bin. Es war der Lohn für meine Schlechtigkeit, daß ich in eine Katze verwandelt wurde. Ich war weit von hier in einem reichen Königsschlosse Haushälterin, und die Alte war der Königin erste Kammerjungfer. Von Habgier getrieben machten wir mit einander den heimlichen Anschlag, des Königs drei Töchter und außerdem einen großen Schatz zu stehlen und dann zu entfliehen. Nachdem wir allmählich alle goldenen Geräthe bei Seite geschafft hatten, welche die Alte in goldenen Flachs verwandelte, nahmen wir die Kinder, deren ältestes drei Jahre, das jüngste sechs Monate alt war. Die Alte fürchtete dann, daß ich bereuen und anderen Sinnes werden möchte, und verwandelte mich deshalb in eine Katze; zwar wurde mir in ihrer Todesstunde die Zunge gelöst, aber die frühere Gestalt habe ich nicht wieder erhalten.« Der Kriegshauptmann sagte, als die Katze ausgesprochen hatte: »Du brauchst kein besseres Ende zu nehmen, als die Alte!« und ließ sie in's Feuer werfen. Die beiden Königstöchter aber bekamen bald, wie ihre jüngste Schwester, Königssöhne zu Männern, und das von ihnen in der Waldhütte gesponnene Goldgarn war ihnen reiche Mitgift. Ihr Geburtsort und ihre Eltern blieben unbekannt. Man erzählt sich, daß das alte Weib noch manches Fuder Goldgarn unter der Erde vergraben hatte, aber Niemand konnte die Stelle angeben. [Fußnote 1: Die Goldspinnerinnen erinnern an die Pflegetöchter der Hölle, die dort gefangen gehalten werden, arbeiten und auch spinnen müssen, s. _Kalewipoëg_ (myth. Heldensagen vom Kalew-Sohn) =XIII.= 521 ff. =XIV.= 470 ff. L.] [Fußnote 2: Donnerstag und Sonnabend galten den Ehsten in vorchristlicher Zeit für heilig. Im _Kalewipoëg_, Gesang =XIII=, V. 423 kocht der Höllenkessel am Donnerstag stärkende Zauberspeise. Nach _Rußwurm_, Sagen aus Hapsal und der Umgegend, Reval 1856, S. 20, erhalten die Unterirdischen (vgl. Märchen 17), was am Sonnabend oder am Donnerstag Abend ohne Licht gearbeitet wird. Vgl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_, der Ehsten abergläubische Gebräuche &c. (St. Petersburg 1854) S. 97-104. Wenn der oberste Gott der Ehsten, Taara, sich sachlich und lautlich an den germanischen Thor anschließt, so ist aus der jetzigen ehstnischen Bezeichnung des Thortags, Donnerstags, jede Erinnerung an Taara-Thor getilgt; der Donnerstag heißt ehstnisch einfach =nelja-päew=, d. i. der vierte Tag. (Montag der erste, Dienstag der zweite, Mittwoch der dritte oder auch Mittwoch, Freitag = Reede, corrumpirt aus plattd. Frêdag, Sonnabend = Badetag, Sonntag = heiliger Tag, Feiertag.) L.] [Fußnote 3: Der Sinn ist: Sie durften nicht für sich arbeiten, um den Kasten zu füllen, aus welchem die Braut am Hochzeitstage Geschenke vertheilt. Vgl. _Boecler_, der Ehsten abergl. Gebräuche, ed. _Kreutzwald_, =p.= 37. _Neus_, Ehstn. Volkslieder, S. 284. L.] [Fußnote 4: Nicht zu verwechseln mit dem Kalew-_Sohn_ (=Kalewipoëg=), dem Herkules des ehstnischen Festlandes. Auf der Insel Oesel heißt dieser Töll od. Töllus. Vgl. _Rußwurm_, Eibofolke oder die Schweden an den Küsten Ehstland's und auf Runö. Reval 1855. Th. 2, S. 273. _Neus_ in den Beiträgen zur Kunde Ehst-, Liv- und Kurlands, ed. Ed. Pabst. Reval 1866. Bd. =I=, Heft =I=, =p.= 111. L.] [Fußnote 5: wörtlich: fiel in das Ohr das Echo. Das Echo wird bildlich »Schielauge« genannt. S. Kreutzwald zu Boecler, S. 146.] [Fußnote 6: Vgl. die folgende Anm. und die Nota S. 25 zu 2. »die im Mondschein badenden Jungfrauen.« L.] [Fußnote 7: Die alte Anschauung der Ehsten unterscheidet feindliche und günstige Winde und schreibt beiden den weitgreifendsten Einfluß zu. Die unaufhörlichen Windströmungen, welche an dem ehstnischen Küstenstrich ihr Spiel treiben und von der größten Bedeutung für das Naturleben sind, erklären dies vollkommen. In unserer Stelle ist die Krankheit nicht »von Gott, sondern vom Winde gekommen« und soll auch wieder (homöopathisch) durch den Wind vertrieben werden. Vergl. _Kreutzwald_ zu _Boecler_, ehstn. Aberglaube, S. 105 ff. u. _Kreutzwald_ u. _Neus_, Myth. u. mag. Lieder der Ehsten, S. 13. L.] [Fußnote 8: Ahti oder Ahto (sprich Achti, Achto) ist in der finnischen Mythologie der über alles Wasser herrschende Gott: ein alter ehrwürdiger Mann mit einem Grasbart und einem Schaumgewand. Er wird, characteristisch genug, als begehrlich nach fremdem Gut geschildert. Im ehstnischen Epos vom _Kalewi-Poëg_ Ges. =XVI.=, V. 72 ist von Ahti's Sohn und seinen (Wasser) Gruben die Rede. L.] [Fußnote 9: Loch am Giebel des Hauses (zum Hinauslassen des Rauches). L.] 2. Die im Mondschein badenden Jungfrauen. Es lebte einmal ein Jüngling, der nirgends Ruhe hatte, sondern sich abmühte, alle verborgenen Dinge zu erforschen, die andern Leuten unbekannt geblieben waren. Als er die Vogelsprache und andere geheime Weisheit genugsam erlernt hatte, hörte er zufällig, daß unter der Decke der Nacht sich Manches zutragen solle, was den Augen Sterblicher zu schauen verwehrt sei. Jetzt sehnte er sich darnach, solche Heimlichkeiten der Nacht zu ergründen, und mochte sich nicht eher zufrieden geben, als bis ihm diese verborgene Kunde geworden wäre. Wohl ging er eine Zeit lang von einem Zauberer zum andern, und lag ihnen an, ihm zu seinem Zwecke die Augen zu schärfen, aber keiner konnte helfen. Da kam er durch einen glücklichen Zufall endlich mit einem Mana-Zauberer[10] aus Finnland zusammen, der über diese verborgenen Dinge Auskunft zu geben wußte. Als er diesem seinen Wunsch kund gethan hatte, sagte der Zauberer warnend: »Söhnlein! jage nicht allerlei leerer Weisheit nach, welche dir kein Glück bringen kann, wohl aber Unglück. Manches ist den Augen der Menschen verhüllt, weil es dem Frieden des Herzens ein Ende machen müßte, wenn es erkannt würde. Wer alle geheimen Dinge schauen lernt, der findet keine Freude mehr an dem, was ihm die Alltagswelt vor Augen bringt. Dies bedenke, ehe du später bereuest. --Dennoch will ich, falls du meiner Abmahnung nicht achtest und dein Unglück wünschest, dich unterweisen, wie du die unter der Decke der Nacht geschehenden Dinge gewahr werden kannst. Aber du mußt mehr als Mannesmuth haben, sonst kannst du nie geheimer Weisheit inne werden.« Darauf gab ihm der Zauberer aus Finnland einen Ort an und nannte ihm die, zum Glück nahe bevorstehende Nacht,[11] wo der Schlangenkönig immer nach sieben Jahren mit seinem Hofstaat zusammenkommt, um ein großes Festgelage zu halten. »Der Schlangenkönig hat ein Goldschüsselchen mit Himmelsziegenmilch vor sich; wenn es dir nur gelingt, ein Stückchen Brot in diese Milch zu tunken und den eingetunkten Bissen in den Mund zu stecken, ehe du dich wieder auf die Flucht begiebst, so kannst du alles Geheime schauen, was unter der Decke der Nacht geschieht, ohne daß die Menschen Kunde davon haben. Als einen glücklichen Zufall kannst du es ansehen, daß des Schlangenkönigs Fest gerade in dieses Jahr fällt, sonst hättest du sieben Jahre auf die Wiederkehr desselben warten müssen. Sei aber dreist, beherzt und rasch, sonst geht die Sache schief.« -- Der Jüngling dankte für diese Belehrung und ging mit dem festen Vorsatz, derselben nachzukommen, und müßte er auch dabei sein Leben einbüßen. Als nun die bezeichnete Nacht herangekommen war, ging er Abends auf ein großes Moor, wo der Schlangenkönig mit seinen Unterthanen zusammenkommen sollte, um das Fest zu feiern. Obwohl aber der Jüngling seine Augen nach allen Seiten scharf umhergehen ließ, so sah er doch im Mondenschein nichts weiter, als eine Anzahl Rasenhügel, die unbeweglich da lagen. Schon wurde ihm die Zeit lang, Mitternacht konnte nicht mehr fern sein, als plötzlich mitten auf dem Moor ein heller Feuerschein aufstieg, etwa wie wenn ein Stern des Himmels auf einem der Rasenhügel schimmerte. In demselben Augenblicke, wo der Feuerschein aufglänzte, fingen sämmtliche Rasenhügelchen an zu krimmeln und zu wimmeln, und von jedem derselben kamen Hunderte von Schlangen herunter und krochen alle auf den Feuerschein zu -- und jetzt war nur noch flaches Moor vorhanden. Die vermeintlichen Hügelchen waren nichts weiter als Haufen lebendiger Schlangen gewesen, die hier ihren König erwartet hatten. Als nun sämmtliche Schlangen sich an der Stelle, wo der Feuerschein glänzte, versammelt und sich dort zu _einem_ Haufen zusammengeknäult hatten, war dieser so hoch und breit wie ein kleiner Heuschober geworden, und auf der Spitze desselben hielt sich der helle Feuerschein. Das Gewirre und Geschwirre in dem Schlangenhaufen war so groß, daß der Jüngling vor Furcht keinen Schritt näher zu treten wagte, sondern lange von weitem stehen blieb, und das Wunder betrachtete. Allmählich aber faßte er sich ein Herz, und ging fein sachte Schritt vor Schritt auf den Zehen vorwärts. Was er da sah, war gräulicher als gräulich, und ging über alle Begriffe. Tausende von Schlangen, groß und klein, von allen Farben, waren hier wie in einem Traubenbündel um eine große Schlange gelagert, deren Körper die Dicke eines tüchtigen Balkens zu haben schien, und die auf dem Kopfe eine prächtige goldene Krone[12] trug, von welcher jener Glanz ausstrahlte. Hunderte und Tausende von Schlangenhäuptern, die aus dem Haufen hervorragten, züngelten und zischten wie böse Gänse und machten ein so arges Geräusch, daß es zum Taubwerden war. Der Jüngling hatte lange nicht das Herz, an den Schlangenhaufen heranzugehen, wo jeder Augenblick ihm Tod drohte; als er aber plötzlich das Goldschüsselchen, von dem er gehört hatte, vor dem Schlangenkönig erblickte und an den daran geknüpften Gewinn dachte, durfte er nicht länger zaudern. Obwohl ihm die Haare zu Berge standen und das Blut im Herzen erstarrte, so stachelte ihn doch sein Verlangen und trieb ihn vorwärts. -- O was für ein Gewirr und Geschwirr sich jetzt in dem Schlangenhaufen erhob! Alle die Tausend Köpfe sperrten die Mäuler weit auf und suchten den Mann zu stechen, aber zum Glück konnten sie ihre Leiber nicht so schnell aus dem Knäuel los wickeln. Der Jüngling hatte mit Blitzesschnelle einen Bissen Brot in das Goldschüsselchen getunkt, ihn in den Mund gesteckt und dann Fersengeld gegeben, als ob Feuer hinter ihm drein jagte. Aber der Verfolger war schlimmer als Feuer, darum ließ er sich nicht Zeit, hinter sich zu blicken, obgleich ihm war, als ob Tausende von Feinden ihm auf der Ferse wären und er stets das Geräusch derselben zu hören glaubte. Endlich stockte ihm der Athem und seine Kraft erlahmte; er fiel ohne Bewußtsein auf den Rasen und blieb starr wie ein Todter liegen. Wohl war er in Schlaf gefallen, aber schreckliche Traumbilder ließen die Gefahr noch viel größer erscheinen. So träumte ihm, als wäre der Schlangenkönig mit der funkelnden Goldkrone auf ihn gefallen und wollte ihn verschlingen. Mit lautem Geschrei sprang er auf und zur Seite, um dem Feinde zu entkommen und sah, daß der Strahl der aufgehenden Sonne ihn geweckt hatte. Er riß die Augen weit auf, sah aber nirgends die nächtlichen Feinde, und das Moor, wo er in so großer Gefahr gewesen, mußte zum mindesten eine Meile weit entfernt sein. Sicherlich hatte die Himmelsziegenmilch seine Kraft gestählt, daß er so weit hatte laufen können. Als er dann seine Gliedmaßen prüfte, fand er sie unversehrt; und nun war seine Freude groß, daß er mit heiler Haut davon gekommen war. Nach Mittag ruhte er mehrere Stunden vom Schrecken und der Ermüdung der vergangenen Nacht aus, dann beschloß er, noch in dieser Nacht in den Wald zu gehen, um den Nutzen der Himmelsziegenmilch zu erproben, ob ihm nun wirklich verborgene Dinge offenbar werden würden. Im Walde sah er alsbald, was noch kein sterbliches Auge gesehen hatte und auch gewiß nicht wieder sehen wird. Unter den Baumwipfeln zeigten sich goldene, röthlich schimmernde Badebänke, silberne Quäste und silberne Eimer fehlten nicht, aber nirgends waren lebende Wesen sichtbar, welche hätten baden wollen. Der Vollmond glänzte und gab so viel Licht, daß der Mann Alles deutlich sehen konnte. Nach einiger Zeit hörte er ein Geräusch im Laube, als ob ein Wind sich erhoben hätte, dann kamen von allen Seiten nackte Jungfrauen, viel schöner und stattlicher anzuschauen, als sie irgendwo in unsern Dörfern aufwachsen. Sie waren alle des Waldelfen und der Rasenmutter[13] Töchter und kamen, um zu baden. Der hinter dem Gebüsch spähende Jüngling hätte sich diese Nacht hundert Augen gewünscht, denn seine zwei konnten all' die Schönheit nicht erschauen. Endlich, als es schon gegen Morgen ging, verlor der Schauende Badegerüste und badende Jungfrauen aus dem Gesichte, als wären sie in Nebel verschwommen. Er blieb noch, bis die Sonne aufging; dann erst ging er wieder heim. Wohl dehnte sich seinem Sehnen der Tag länger als ein Jahr, bis wieder Abend und Nacht hereinbrachen, wo er hoffte, der im Mondschein badenden Jungfrauen abermals ansichtig zu werden; doch endlich war auch diese Zeit des Sehnens verstrichen. Aber im Walde fand er nichts mehr, weder Badegerüst noch Jungfrauen. Dennoch wurde er nicht müde, Nacht für Nacht hinzugehen, aber jeder Gang war vergeblich. Jetzt nagte der Kummer an ihm, es gab nichts mehr auf der Welt, was ihm hätte Freude machen können; er nahm weder Speise noch Trank zu sich, sondern verzehrte sich vor Sehnsucht. Gewiß ist es für den Menschen ein Glück, wenn er dergleichen Geheimnisse nimmer schaut. [Fußnote 10: Mana ist in der finnischen Mythologie gleich Hades-Pluto; er wird als ein alter Mann mit drei Fingern und einem auf die Schulter herabhängenden Hute geschildert. In einer ehstnischen Gebetsformel aus dem Heidenthum ist von »Manas wahrem Bekenntnisse« die Rede. S. _Kreutzwald_ u. _Neus_, Myth. u. mag. Lieder der Ehsten. S. 8. Die Mana-Zauberer kommen auch im _Kalewipoëg_ vor: =XVI=, 284. Der Kalewsohn nimmt sie mit, als er auf seinem Schiffe Lennok das Weltende aufsuchen will. -- Der Mana-Zauberer ist der stärkste, und stärker als Spruch- und Wind-Zauberer -- nur durch den Manazauber gelingt es dem Entführer der Linda, das Schwert von der Seite des Kalewsohnes hinwegzulocken. _Kalewipoëg_, =XI=, 334. Mana's Hand hält den nach dem Tode zum Höllenwächter bestellten, auf weißem Roß sitzenden Kalewsohn fest, so daß dieser seine im Felsen steckende Rechte nicht losreißen und davon reiten kann. S. den Schluß des Kalewipoëg. -- Die Mana-Zauberer heißen ehstnisch =Mana targad=; das Wort =tark=, pl. =targad=, bedeutet eigentlich den Klugen, Weisen und zugleich den Heil-und Zauberkundigen. L.] [Fußnote 11: Nach dem estnischen Volksglauben findet immer in der Nacht des 25. April (des St. Markustages) ein allgemeiner Schlangenconvent statt: als die Localität wird der =sirtsosoo= (Heimchenmoor) westlich vom Peipussee genannt. S. _Kreutzwald_ u. _Neus_, Mythische u. mag. Lieder der Ehsten, S. 77. L.] [Fußnote 12: Diese Krone ist von den unterirdischen Zwergen geschmiedet. S. die Anm. zu Märchen 17. L.] [Fußnote 13: S. die betreffende Nota zu dem Märchen 8 vom Schlaukopf. L.] 3. Schnellfuß, Flinkhand und Scharfauge. Es lebte einmal ein wohlhabender Bauerwirth mit seinem Weibe; es mangelte ihnen an Nichts, vielmehr hatte Gott sie mit Allem reichlich gesegnet, so daß sie in den Augen der Menschen als glücklich galten. Aber eins fehlte ihnen doch, was kein Reichthum geben konnte, sie waren kinderlos, wiewohl ihre Ehe schon über zehn Jahre dauerte. Da geschah es eines Abends, als der Mann von Hause gegangen war und die Frau allein im Zimmer saß, daß ihr die Zeit lang wurde und Unmuth sie überfiel. »Da sind doch die Nachbarweiber viel glücklicher als ich,« dachte die Frau. »Sie haben das Zimmer voll Kinder, um sich die Zeit zu vertreiben; ist auch der Mann einmal von Hause, so brauchen sie doch nicht allein zu sitzen. Ich aber habe Niemand weiter, den ich mein nenne, wie ein verdorrter Baumstamm muß ich allein im leeren Gemache hausen.« Während sie so dachte, traten ihr die Thränen in die Augen, und ich weiß nicht, wie lange die Frau schon so kummervoll da gesessen hatte, ohne zu bemerken, daß ein unerwarteter Gast in's Zimmer getreten war. Plötzlich fühlte sie, daß etwas ihre Fußknöchel kitzele und meinte, es sei die Katze, als sie aber die Augen an den Boden heftete, sah sie einen zierlichen Zwerg zu ihren Füßen. »Ach!« rief sie erschreckt und wollte aufspringen und fliehen, aber des Zwergleins Hände hielten sie fest wie mit eisernen Zangen, so daß sie nicht von der Stelle konnte. »Erschrick nicht, liebes junges Weib!« sagte der Zwerg freundlich -- »daß ich ungerufen kam deinen Sinn zu erheitern und deinen Gram zu stillen; du bist allein, der lange Abend schleicht dem Menschen so träge hin, dein Mann ist verreist und kommt erst nach einigen Tagen zurück. Liebes junges Weib.« -- Die Frau unterbrach ihn unwillig: »Spotte nur nicht, die Haube, welche ich bei der Hochzeit trug, schimmelt schon über zehn Jahre in der Truhe und beweint, verwaist, die frühere bessere Zeit.«[14] »Was thut's,« erwiederte der Zwerg, »Wenn die Frau noch keinen Schweif hinter sich hat, und noch jugendlich und frisch ist wie du, dann ist sie immer noch »junges Weib«, und du hast ja bis jetzt keine Kinder gehabt, darfst dich also auch so nennen lassen.« »Ja,« sagte die Frau, »das ist es eben, was mich oft so bekümmert, daß mein Mann mich schon längst gering achtet, da er mich fruchtlos umarmt wie einen dürren Stamm, der keine Zweige mehr treibt.« Der Zwerg aber sagte tröstend: »Sorge nicht, du stehst noch nicht am Abend deiner Tage, und ehe du ein Jahr älter geworden bist, werden deinem Stamm, den du für vertrocknet hältst, drei Zweige entsprießen und den Eltern zur Freude aufwachsen. Du mußt nun aber Alles so machen, wie ich dir jetzt anzeigen werde. Wenn dein Mann wieder nach Hause kommt, so mußt du ihm drei Eier von einer schwarzen Henne sieden und Abends zu essen geben. Wenn er dann schlafen geht, so mache dir etwas auf dem Hofe zu schaffen und verweile dort einige Zeit, bevor du an die Seite deines Mannes ins Bette schlüpfst. Wenn die Zeit da ist, daß meine Worte in Erfüllung gehen, so komme ich wieder. Bis dahin bleibe mein heutiger Besuch Allen ein Geheimniß. Leb' wohl, liebes junges Weib, bis ich wiederkehre und: Mutter! sage.« Darauf entschwand der Zwerg den Blicken der Frau, als wäre er in die Erde gesunken. Das junge Weib -- ihr war der Name kränkend -- rieb sich lange die Augen, als ob sie hinter die Wahrheit kommen und sehen wollte, ob es Wirklichkeit oder Traum gewesen sei. Wonach der Mensch sich sehnt, das hält er meist für wahr, und so war es auch mit der Frau. Der seltsame Vorfall mit dem Zwerge kam ihr nicht mehr aus dem Sinn, und als der Mann nach einigen Tagen heimkehrte, sott die Frau drei Eier von einer schwarzen Henne gab sie ihm am Abend zu essen und that sonst, wie ihr vorgeschrieben war. Nach einigen Wochen traf ein, was der Zwerg vorausgesagt hatte. Mann und Frau waren froh und konnten zuletzt kaum die lange Frist abwarten, binnen welcher sich ihr Verlangen erfüllen sollte. Zur rechten Zeit kam die Frau in die Wochen und brachte Drillinge zur Welt, lauter Knaben, schön und gesund. Als die Wöchnerin schon wieder in der Genesung und der Mann eines Tages von Hause gegangen war, um Taufgäste und Gevattern zusammen zu bitten, kam der glückbringende Zwerg, die Wöchnerin zu besuchen. »Guten Tag, Goldmutter!« rief der Zwerg in's Zimmer tretend. »Siehst du jetzt, wie Gott deinen Herzenswunsch mit einem Male erfüllt hat? Du bist Mutter dreier Knaben geworden. Da siehst du, daß meine Prophezeiung keine leere war, und du kannst jetzt um so leichter glauben, was ich dir heute sagen werde. Deine Söhne werden weltberühmte Männer werden und werden dir noch viele Freude machen vor deinem Tode. Zeige mir doch deine Bübchen!« Mit diesen Worten war er wie eine Katze auf den Rand der Wiege geklettert, nahm ein Knäulchen rothen Garns aus der Tasche und band dem einen Knaben einen Faden um beide Fußknöchel, dem andern wieder um die Handgelenke und dem dritten über die Augenlieder um die Schläfen herum. »Diese Fäden,« so lautete des Zwerges Vorschrift, mußt du so lange an ihrer Stelle belassen, bis die Kinder zur Taufe geführt werden; dann verbrenne die Fäden, sammle die Asche in einem kleinen Löffel und netze sie, wenn die Kinder nach Hause gebracht werden, mit etwas Milch aus deiner Brust. Von dieser stärkenden Aschenmilch mußt du jedem Knaben ein Paar Tropfen auf die Zunge gießen, ehe du ihm die Brust reichst. Dadurch wird jeder von ihnen da stark werden, wo der Faden haftete, der eine an den Füßen, der andere an den Händen und der dritte an den Augen, so daß ihres Gleichen nicht sein wird auf der Welt. Jeder wird schon mit seiner eigenen Glücksgabe Ehre und Reichthum finden, wenn sie aber selbdritt etwas unternehmen, so können sie Dinge ausrichten, die man nicht für möglich halten würde, wenn man sie nicht vor Augen sähe. Mich wirst du nicht mehr wiedersehen, aber du wirst dich wohl noch manches Mal dankbar meiner erinnern, wenn deine Knäblein zu Männern herangewachsen sind und dir Freude machen werden. Und jetzt sage ich dir zum letzten Male Lebewohl, liebe junge Mutter! -- Mit diesen Worten war der Zwerg wieder, wie das erste Mal, plötzlich verschwunden. Die Wöchnerin that sorgfältig Alles, was ihr in Betreff der Kinder vorgeschrieben war. Sie verbrannte am Tauftage die rothen Fäden zu Asche, ließ, als die Kinder aus der Kirche nach Hause gebracht wurden, Milch aus ihrer Brust auf die Asche fließen und goß von dieser Kraftmilch jedem Kinde ein Paar Tropfen auf die Zunge, ehe sie ihm die Brust reichte. Doch sagte sie Anfangs weder ihrem Manne noch sonst jemanden ein Wort von den wunderbaren Dingen, die ihr mit dem Zwerge begegnet waren. Die Kinder wuchsen alle drei blühend heran und gaben, als sie fest auf ihren Füßen standen, Proben großer Klugheit. Doch zeigte sich schon von früh auf, daß bei jedem die durch den Wunderfaden gekräftigten Glieder am tüchtigsten waren: bei dem einen die Augen, bei dem andern die Hände und bei'm dritten die Füße. Deßhalb nannten die Eltern sie später je nach ihrer Hauptstärke, den ersten _Scharfauge_, den zweiten _Flinkhand_ und den dritten _Schnellfuß_. Als nach einigen Jahren die Brüder in's Jünglingsalter getreten waren, beschlossen sie, im Einvernehmen mit ihren Eltern, in die Fremde zu ziehen, wo jeder durch seine Stärke und Geschicklichkeit Dienste und Lohn zu finden hoffte. Und zwar wollte jeder der Brüder für sich allein den Weg zum Glücke antreten, der eine gen Morgen, der andere gen Mittag und der dritte gen Abend; nach drei Jahren aber wollten sie alle drei wieder zu den Eltern zurückkommen und melden, wie es ihnen in fremden Landen ergangen sei. _Schnellfuß_ nahm den Weg gen Morgen, von ihm müssen wir nun zuerst erzählen. Daß er mit seinen mächtigen Schritten viel rascher vorwärts kam als seine Brüder, das kann Jeder leicht ermessen, denn wo die Meilen einem Manne unter den Füßen schwinden, ohne daß diese ermüden, da wird ihm das Wandern nicht beschwerlich. Gleichwohl sollte er die Erfahrung machen, daß flinke Beine wohl überall einen Menschen aus einer Gefahr befreien können, aber nicht so leicht zu Amt und Brod verhelfen: denn Hände sind aller Orten nöthiger als Füße. _Schnellfuß_ fand erst nach geraumer Zeit bei einem Könige in Ostland einen festen Dienst. Der König besaß große Roßherden, unter denen viele stätische Renner waren, die kein Mensch fangen konnte, auch nicht einmal zu Roß. Aber mit _Schnellfuß_ konnte kein Pferd Schritt halten, der Mann war immer schneller als das Roß. Was früher funfzig Pferdehirten zusammen nicht ausrichten konnten, das besorgte er ganz allein und ließ nie ein Pferd von der Herde wegkommen. Darum zahlte ihm der König unweigerlich den Lohn von funfzig Hirten, und machte ihm außerdem noch Geschenke. Die flüchtigen Schritte des neuen Roßhirten hatten Windesschnelle, und wenn er vom Abend bis zum Morgen die ganze Nacht durch oder vom Morgen bis zum Abend den Tag über gelaufen war, ohne auszuruhen, so war er doch nicht müde, sondern konnte am andern und am dritten Tage wieder eben so viel laufen. Es geschah oft, daß die Rosse, bei heißem Wetter von Bremsen gestochen, nach allen Seiten hin auseinander fuhren und viele Meilen weit rannten: aber dennoch war am Abend die ganze Herde wieder beisammen. Da gab einst der König ein großes Gastmahl, zu welchem viele vornehme Herren und Fürsten geladen waren. Während des Festes hatte der König seinen Gästen viel von seinem schnellfüßigen Roßhirten erzählt, so daß alle den Wundermann zu sehen begehrten. Manche meinten, es dürfe wohl nicht Wunder nehmen, wenn die in der Herde aufgezogenen und an den Hirten gewöhnten Rosse sich einfangen ließen; das allerstörrigste Pferd höre auf des Herrn Wort und komme auf dessen Ruf. Aber gebt ihm einmal ein Pferd aus einem fremden Stalle, das ihn nicht kennt, dann werden wir sehen, wie weit die Schnelligkeit des Mannes gegen die des Rosses kommt. Da ließen einige fremde Herren die bestgefütterten und feurigsten Rosse aus ihren Ställen herführen und dann ins Freie treiben, auf daß _Schnellfuß_ sie einfange. Das war dem Hirten mit den beflügelten Füßen eine Kleinigkeit, denn auch ein gestandennes, wohlgenährtes Pferd kann doch nicht mit Einem um die Wette laufen, der wie ein Vogel des Waldes gewohnt ist, Nacht und Tag sich zu rühren. Die fremden Herrschaften priesen die Schnellfüßigkeit des Mannes und schenkten ihm viel goldene und silberne Münzen, versprachen auch daheim von ihm zu reden, damit man erfahre, wo solch' ein Mann zu finden sei. Bald darauf war im ganzen Ostlande der Name _Schnellfuß_ berühmt geworden, und wenn irgend ein König einmal einen schnellen Boten brauchte, so wurde _Schnellfuß_ gemiethet, der dann reichen Lohn und außerdem noch Geschenke erhielt, damit er sich ein anderes Mal wieder willig finden ließe. Als er nach drei Jahren sich aufmachte um in die Heimath zurückzukehren, hatte er soviel Geld und Schätze gesammelt, daß er zwanzig Pferde damit beladen konnte, welche ihm der König geschenkt hatte. Der zweite Bruder, _Flinkhand_, der gen Mittag gezogen war, fand aller Orten lohnenden Dienst; alle Meister brauchten seine Arbeit, weil kein anderer Gesell so geschickt war und so viel fertig machte wie er. Obwohl er nicht in einer Zunft ein bestimmtes Handwerk erlernt hatte, so gerieth in seiner geschickten Hand doch jegliche Arbeit; er war Schneider, Schuster, Tischler, Drechsler, Gold- und Grobschmied, oder was sonst dergleichen, und es war auf der Welt kein Meister zu finden, dem er nicht zum Gesellen getaugt hätte. Einmal war er bei einem Schneidermeister auf Stücklohn in Arbeit und nähte in einem Tage zwanzig Paar Hosen, ein anderes Mal machte er für einen Schuster in eben der Zeit ebensoviel Paar Stiefel fertig. Dabei war Alles, was er machte, so vollkommen, daß, wer einmal seine Arbeit kennen gelernt hatte, von derjenigen anderer Meister und Gesellen nichts mehr wissen wollte. _Flinkhand_ hätte bei jedem Handwerk ein reicher Mann werden können, wenn er irgendwo längere Zeit hätte aushalten können, allein er sehnte sich darnach, die weite Welt zu sehen und streifte deßhalb gewöhnlich von einem Ort zum andern. So kam er auch einmal in eine Königsstadt, wo er Alles in großer Bewegung fand. Es sollten Truppen gegen den Feind ausgesandt werden, aber es mangelte an Kleidern, an Fuß- und Kopfbedeckung und auch an Waffen. Und obgleich überall Meister und Gesellen von früh Morgens bis Mitternacht eifrig arbeiteten und sogar Sonntags und Montags nicht feierten, so konnten sie doch in der kurzen Zeit nicht soviel anfertigen, wie der König wollte. Zwar wurde nah und fern nach Gesellen gesucht, die helfen sollten, aber des Fehlenden war so viel, daß all' die Arbeit nicht hinreichend schien, es herzustellen. Eines Tages nun trat _Flinkhand_ in des Königs Schloß und wünschte den König zu sprechen. Dann sagte er: »Geehrter König! ich höre von den Leuten, daß ihr sehr eilige Arbeiten braucht. Ich bin ein weitgereister Meister und kann vielleicht die Arbeiten übernehmen, wenn wir Handels einig werden und ihr mir die Frist nennt, binnen welcher sie fertig sein müssen.« Als der König die Frist genannt hatte, sagte _Flinkhand_: »Lasset alle Meister der Stadt zusammenrufen und befragt sie, ob sie bis zu dem genannten Tage mit den Arbeiten fertig werden können, wenn das nicht der Fall ist, so übernehme ich Alles, aber den Arbeitslohn habt ihr dann mir allein zu zahlen.« -- »Das wäre schon recht,« erwiederte der König, »wenn ihr so viele Gesellen bekommen könntet, aber das ist ja eben, was unsern städtischen Meistern fehlt, sie finden nicht genug Arbeiter.« -- »Das sei meine Sorge,« erwiederte _Flinkhand_. Den andern Tag wurden alle Meister der Stadt in das Schloß gerufen und gefragt, wann Jeder mit seiner Arbeit fertig zu werden glaube, worauf einige vier und fünf Monate, andere noch mehr Zeit verlangten. »Nun,« sagte _Flinkhand_ zum Könige, »wenn ihr mir für drei Monate den doppelten Lohn versprecht, so will ich allein all' die Arbeit übernehmen, mit der die Andern wohl erst in einem halben Jahre zu Stande kämen.« Das schien indeß dem Könige so wunderbar und so unglaublich, daß er besorgte, man wolle ihm einen Possen spielen und deßhalb fragte: »Was für eine Bürgschaft kannst du mir geben, daß du deine Versprechungen erfüllen wirst?« _Flinkhand_ erwiederte: »Geld und Kostbarkeiten, die ich als Schadenersatz bieten könnte, habe ich freilich nicht, aber wenn ihr mein Leben zum Pfande wollt, so ist unser Handel bald geschlossen. Damit ihr aber auch nicht die Katze im Sack zu kaufen braucht, will ich euch morgen eine Probearbeit bringen.« Das war der König zufrieden. Die Gesellen aber meinten untereinander, wenn er doppelte Zahlung erhält, so muß er uns auch doppelten Arbeitslohn geben, sonst werden wir ihm nicht helfen. Als der König am folgenden Tage die Probearbeit gesehen hatte, war er sehr zufrieden damit, und obwohl alle übrigen Meister vor Neid bersten wollten, konnte doch keiner die Arbeit tadeln. Jetzt machte sich _Flinkhand_ wie ein Mann an's Werk. War ihm auch früher schon alle Arbeit von der Hand geflogen, so war doch die Hurtigkeit, die er jetzt von früh bis spät entfaltete, mehr als wunderbar; kaum nahm er sich soviel Zeit, um zu essen und in der Nacht ein wenig, wie ein Vogel auf dem Ast, zu ruhen. Zwei Wochen vor der bedungenen Frist war aller Bedarf für die Soldaten fertig und dem Könige abgeliefert. Der König zahlte den für drei Monate bedungenen Preis doppelt, und fügte fast eben soviel noch als Geschenk hinzu. Dann sagte er: »Lieber kluger Meister! ich möchte mich von dir nicht so schnell trennen. Hast du nicht Lust mit dem Heere gegen die Feinde zu ziehen? Wer so geschickt alle Arbeiten anzufertigen weiß, aus dem kann sicher auch der allerbeste Kriegsmann werden.« _Flinkhand_ erwiederte: »Vielleicht verhält sich die Sache so, wie ihr, geehrter König, meint, aber aufrichtig gesagt: ich habe, so lang ich lebe, das Kriegshandwerk noch nicht versucht, sondern bis jetzt nur unblutige Arbeit gethan. Ueberdieß rückt auch die Zeit heran, wo die Eltern mich zu Hause erwarten; nehmt es darum nicht übel, wenn ich eurem Verlangen diesmal nicht entsprechen kann.« So schied er von der Königsstadt, wo er in kurzer Zeit zum reichen Manne geworden war. Er hatte noch über ein halbes Jahr bis zur Heimreise, darum streifte er von einem Orte zum andern und wenn er sich irgendwo länger aufhielt, so arbeitete er, um das Reisegeld zusammenzubringen, denn er wollte sein angesammeltes Vermögen nicht angreifen. Der dritte Bruder, _Scharfauge_, der seinen Weg gen Abend genommen hatte, schweifte lange von einem Orte zum andern, ohne einen passenden und lohnenden Dienst zu finden. Als geschickter Schütze konnte er zwar allenthalben soviel erwerben, um seinen täglichen Unterhalt zu bestreiten, aber was hatte er dann bei der Heimkehr mit nach Hause zu bringen? Mit der Zeit war er auf seiner Wanderung in eine große Stadt gerathen, wo man nur von dem Unglück sprach, das den König schon drei Mal getroffen hatte, und das Niemand zu begreifen, geschweige zu verhüten vermochte. Die Sache verhielt sich so. Der König hatte in seinem Garten einen kostbaren Baum, der wie ein Apfelbaum aussah, aber goldene Aepfel trug, von denen manche so groß waren wie ein großes Knäuel Garn, und viele tausend Rubel werth sein mochten. Es läßt sich denken, daß ein solches Obst nicht ungezählt blieb, und daß Nacht und Tag Wachen rings umher standen, um jeden Diebstahl zu verhüten. Trotzdem war schon drei Nächte hintereinander immer einer der größeren Aepfel gestohlen worden; man schätzte den Werth eines solchen auf sechstausend Rubel. Die Wachen hatten weder den Dieb gesehen noch seine Spur gefunden. _Scharfauge_ dachte sich gleich, daß hier eine ganz besondere List obwalte, die er mit seinem durchdringenden Blick wohl herausbringen könnte. Er meinte, wenn der Dieb nicht körperlos und unsichtbar zum Baume kommt, so wird er meinem scharfen Auge nicht entgehen. Er bat deßhalb den König um die Erlaubniß, sich in den Garten begeben zu dürfen, um ohne Vorwissen der Wächter seine Beobachtungen anzustellen. Als er die Erlaubniß erhalten hatte, machte er sich im Wipfel eines hohen Baumes, der nicht weit von dem Goldapfelbaume stand, ein Versteck zurecht, wo Niemand ihn gewahr werden konnte, während sein scharfes Auge überall hin reichte und Alles, was vorging, sehen konnte. -- Brotsack und Milchfäßchen nahm er mit sich, damit er nicht genöthigt wäre seinen Schlupfwinkel zu verlassen, falls das Wachen sich in die Länge zöge. Den Goldapfelbaum und was rings um denselben vorging, behielt er nun unausgesetzt im Auge. Die Wachtsoldaten hatten um den Baum herum drei so dichte Kreise geschlossen, daß kein Mäuslein unbemerkt hätte durchschlüpfen können. Wenn der Dieb nicht etwa Flügel hatte, auf dem Boden konnte er nicht an den Baum gelangen. Den ganzen Tag über bemerkte Scharfauge nichts, was einem Diebe ähnlich gesehen hätte. Bei Sonnenuntergang flatterte ein kleiner gelber Schmetterling um den Apfelbaum herum, bis er sich endlich auf einen seiner Zweige niederließ, an welchem gerade ein sehr schöner Apfel hing. Daß ein kleiner Schmetterling keinen goldenen Apfel vom Baume fortbringen konnte, begreift Jeder so gut wie _Scharfauge_, allein da dieser nichts Größeres gewahr wurde, so verwandte er kein Auge von dem gelben Schmetterling. Die Sonne war längst untergegangen und auch die Abendröthe verschwand allmählich vom Horizont, aber die um den Baum herum aufgestellten Laternen gaben so viel Licht, daß man Alles sehen konnte. Der gelbe Schmetterling saß immer noch unbeweglich auf seinem Zweige. Es mochte um Mitternacht sein, als dem Wächter auf dem Baume die Augen ein wenig zufielen. Wie lange er geschlummert hatte, wußte er nicht, als aber seine Augen wieder auf den Apfelbaum fielen, sah er, daß der gelbe Schmetterling nicht mehr auf dem Zweige saß, -- noch mehr erschrak er, als er entdeckte, daß auch der herrliche Goldapfel von diesem Zweige verschwunden war. Ein Diebstahl war geschehen, daran war nicht zu zweifeln, allein wenn der geheime Wächter die Sache erzählt hätte, so würden die Leute ihn für verrückt gehalten haben, denn soviel konnte ein Kind einsehen, daß ein Schmetterling nicht im Stande war, den Goldapfel weg zu tragen. Am Morgen gab es wieder großen Lärm, als man fand, daß ein Apfel fehle, ohne daß einer der Wächter eine Spur vom Diebe gesehen hätte. Da trat _Scharfauge_ abermals vor den König und sagte: »Ich habe zwar den Apfeldieb ebensowenig gesehen wie eure Wachen, aber wenn ihr in der Stadt oder in der Nähe derselben einen zauberkundigen Mann habt, so weiset mich zu ihm, mit seiner Hülfe hoffe ich künftige Nacht des Diebes habhaft zu werden.« Als er erfahren hatte, wo der Zauberer zu finden sei, ging er unverzüglich zu ihm. Die Männer rathschlagten dann, wie sie die Sache wohl am besten anfangen könnten. Nach einiger Zeit rief _Scharfauge_ »Ich habe einen Plan! kannst du durch Zauber einem Spinngewebe solche Festigkeit geben, daß die Fäden auch das stärkste Geschöpf festhalten, dann legen wir den Dieb in Fesseln, so daß er uns nicht wieder entrinnt.« Der Zauberer sagte, das sei möglich; nahm drei große Kreuzspinnen, machte sie durch Hexenkraft so stark, daß kein Geschöpf sich aus ihrem Gewebe losmachen konnte, that sie in ein Schächtelchen und gab sie dem _Scharfauge_. »Setze diese Spinnen, wohin du willst, und zeige ihnen mit dem Finger an, wie sie ihr Netz ziehen sollen, so spinnen sie alsbald einen Käfig um den Gefangenen, aus welchem nur Mana's[15] Weisheit erlösen kann; übrigens eile ich dir zu Hülfe, wenn es dessen bedarf.« _Scharfauge_ schlüpfte mit dem Schächtelchen im Busen wieder auf seinen Baum, um den Verlauf der Sache zu überwachen. Zu derselben Zeit wie gestern sah er den gelben Falter wieder um den Apfelbaum her schweben, aber es dauerte heute viel länger als gestern, ehe sich der Schmetterling auf einen Zweig setzte, an welchem ein großer Goldapfel hing. Sofort ließ sich Scharfauge von seinem Baume herunter, näherte sich dem Goldapfelbaum, ließ eine Leiter anlegen, kletterte sachte hinauf, um den Schmetterling nicht zu scheuchen, und setzte seine kleinen Weber je auf drei Zweige. Eine Spinne kam so einige Spannen über dem Schmetterling, die andere zu seiner Rechten, die dritte zu seiner Linken zu sitzen; dann beschrieb Scharfauge mit dem Finger eine Linie in die Kreuz und die Quer um den Schmetterling herum. Dieser saß mit aufgerichteten Flügeln unbeweglich da. Mit Sonnenuntergang war der Wächter wieder in seinem Baumversteck. Von da aus sah er zu seiner Freude, wie die drei Gesellen um den Schmetterling her von allen Seiten ein Gehege machten, aus welchem das Männlein nicht hoffen durfte zu entkommen, wenn anders die Kraft, deren der Zauberer sich gerühmt hatte, sich bewähren würde. Wohl suchte unser Mann auf seinem Baume sich vor dem Einschlummern zu hüten, aber dennoch waren ihm mit einem Male die Augen zugefallen. Wie lange er geschlummert hatte, wußte er nicht, aber ein großer Lärm hatte ihn plötzlich aufgeweckt. Als er hinsah, nahm er wahr, daß die Wachtsoldaten wie die Ameisen um den Goldapfelbaum herum liefen und tobten; auf dem Baume aber saß ein alter graubärtiger Mann, einen Goldapfel in der Faust, in einem eisernen Netze. Hurtig stieg _Scharfauge_ von seinem Wipfel herunter, aber ehe er den Goldapfelbaum erreicht hatte, war auch schon der König da, der bei dem Lärm der Wachen aus dem Bette gesprungen und herbeigeeilt war, um zu sehen, was sich Unerwartetes in seinem Garten zutrug. Da saß nun der Dieb im Eisenkäfig und konnte nirgends hin »Geehrter König,« sagte dann _Scharfauge_: »jetzt könnt ihr euch ruhig niederlegen und bis zum hellen Morgen schlafen, der Dieb entkommt uns nicht mehr. Wäre er auch noch so stark, so kann er doch die durch Hexenkraft entstandenen Maschen seines Käfigs nicht zerreißen.« Der König dankte und befahl dem Haupthaufen der Wachtsoldaten ebenfalls schlafen zu gehen, so daß nur noch einige unter dem Baume auf Wache blieben; _Scharfauge_, der zwei Nächte und zwei Tage gewacht hatte, ging ebenfalls um auszuschlafen. Am andern Morgen ging er mit dem Zauberer in des Königs Schloß. Der Zauberer war froh, als er den Dieb im Käfig fand und wollte ihn auch nicht eher herauslassen, als bis das Männlein seine wahre Gestalt gezeigt haben würde. Zu dem Ende schnitt er ihm den halben Bart unter dem Kinne ab, ließ Feuer bringen und fing an die Barthaare zu sengen. O der Pein und Qual, welche der Vogel im Eisenkäfig jetzt auszustehen hatte![16] Er schrie jämmerlich und überschlug sich vor Schmerz, aber der Zauberer ließ nicht ab, sondern sengte immer mehr Haare, um den Dieb mürber zu machen. Dann rief er: »Bekenne, wer du bist?« Das Männlein antwortete: »Ich bin des Hexenmeisters _Piirisilla_ Knecht, den sein Herr ausgeschickt hat zu stehlen.« Der Zauberer begann wieder die Barthaare zu sengen. »Au, au!« schrie der Hexenmeister, »laßt mir Zeit, ich will bekennen! Ich bin nicht der Knecht, ich bin des Hexenmeisters Sohn.« Abermals wurden Haare gesengt, da rief der Gefangene heulend: »Ich bin der Hexenmeister Piirisilla selbst.« »Zeige uns deine natürliche Gestalt -- oder ich senge wiederum,« befahl der mächtige Zauberer. Da begann das Männlein im Käfig sich zu strecken und auszudehnen, und war in wenig Augenblicken zu einem gewöhnlichen Manne angewachsen, der die Entwendung der Goldäpfel ohne Umschweife eingestand. Jetzt wurde er sammt dem Käfige vom Baume heruntergenommen und gefragt, wo das Gestohlene versteckt sei? Er versprach die Stelle selbst zu zeigen, aber _Scharfauge_ bat den König, den Dieb ja nicht aus dem Käfig zu lassen, denn sonst könnte er sich wieder in einen Schmetterling verwandeln und ihnen entkommen. Ehe er aber alle Diebslöcher angab, mußte er noch manches Mal gesengt werden, und als endlich alle Goldäpfel herbeigeschafft waren, wurde der böse Dieb im Käfig verbrannt und seine Asche in die Luft gestreut. Als der König seinen Schatz wieder hatte, zahlte er dem _Scharfauge_ einen sehr großen Lohn, so daß er auf ein Mal wohl noch reicher ward als seine beiden Brüder. Der König hätte ihn gern in seine Dienste genommen, aber _Scharfauge_ sagte: »Ich kann jetzt keinen Dienst mehr annehmen, sondern muß nach Hause, um meine Eltern zu sehen.« Darauf schenkte ihm der König Pferde, Wagen und Diener, welche ihm seine Reichthümer nach Hause brachten. Als nun die Brüder im elterlichen Hause wieder beisammen waren, fanden sie sich so reich, daß sie mehr als ein halbes Königreich hätten kaufen können. Die Mutter erinnerte sich jetzt, wie der glückbringende Zwerg das Alles zu Wege gebracht hatte, aber sie verschwieg den wunderbaren Vorfall. Reichthum war jetzt in solchem Maße vorhanden, daß die Söhne gewiß nicht nöthig gehabt hätten sich einen neuen Dienst zu suchen; aber wo fände man wohl auf der Welt den Reichen, der mit seiner Habe zufrieden wäre und dieselbe nicht immer noch zu mehren suchte? Als die Brüder später erfuhren, daß eines überaus reichen Königs Tochter im Nordlande demjenigen zu Theil werden sollte, der drei besonders schwierige Dinge ausführen könnte, die bis dahin noch keinem möglich gewesen waren -- beschlossen sie einmüthig, die Sache zu versuchen. Es waren schon Leute genug von weit und breit erschienen, um sich daran zu versuchen, aber Keiner war im Stande gewesen die Aufgaben zu lösen, denen ihre Kräfte nicht gewachsen waren. Einem Einzelnen zumal war es ganz unmöglich das Verlangte zu vollbringen. Als die Brüder den Entschluß gefaßt hatten, machten sie sich selbdritt auf den Weg, und damit sie rascher vorwärts kämen, trug _Schnellfuß_ die beiden Andern von Zeit zu Zeit auf seinem Rücken weiter. Weil nun aber die Arbeit von _einem_ Manne gethan werden sollte, so konnten sie nicht alle drei zugleich vor den König treten. _Schnellfuß_ wurde ausgesandt, Erkundigungen einzuziehen. Die drei Probestücke, welche der künftige Schwiegersohn des Königs ausführen sollte, waren folgende: Erstens sollte er einen Tag mit einer großen Rennthierkuh auf die Weide gehen und Sorge tragen, daß ihm das windschnelle Thier nicht davon laufe; Abends mit Sonnenuntergang sollte er es wieder in den Stall bringen. Zweitens sollte er Abends das Schloßthor verschließen. Das dritte Probestück erschien als das schwerste. Er sollte nämlich mit seinem Bogen einen Apfel wegschießen, dessen Stiel ein Mann auf einem hohen Berge im Munde hielt, ohne daß der Mann Schaden nähme, und so, daß der Pfeil mitten durch den Apfel ginge. Die beiden ersten Arbeiten schienen wohl nicht so schwer, doch hatte Niemand sie bisher ausführen können, und zwar deßhalb, weil es nicht mit rechten Dingen zuging. Die Rennthierkuh besaß nämlich eine so wunderbare Schnelligkeit, daß sie in einem Tage von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang durch die ganze Welt hätte laufen können. Wie konnte ein Mensch mit ihr aushalten? Bei dem zweiten Probestück war Hexerei im Spiel. Eine Hexe hatte sich in den eisernen Pfortenriegel verwandelt, und wenn der Mann die Leiter hinanstieg, um den Riegel anzufassen, so packte sie mit höllischer Kraft die Hand des Unglücklichen, und keine Gewalt konnte sie befreien, bis die Hexe selber los ließ. Das war aber noch nicht Alles -- in demselben Augenblicke, wo die Hand festgeklemmt war, fing der Pfortenflügel an, wie vom Winde geschüttelt hin und her zu tanzen. So mußte der an der Hand festgehaltene Mann bis zum Morgen wie ein Glockenschwengel hin und her baumeln, und wenn er endlich losgelassen wurde, war er mehr todt als lebendig. Obendrein lachten der König und die Leute über sein Unglück und er mußte mit Schande abziehen; auch hatten sich Viele die Schultern so verrenkt, daß sie zeitlebens nicht mehr arbeiten konnten. Die dritte Aufgabe konnte nur einem geschickten Schützen gelingen, dessen Hand und Auge gleich fest und sicher waren. Als Schnellfuß dies Alles erfahren hatte, ging er nicht gleich zum Könige, sondern suchte erst seine Brüder wieder auf, die ihn vor der Stadt erwarteten. Nachdem sich die Männer berathen hatten, fanden sie, daß sie zu Dreien diese Dinge wohl zu Stande bringen könnten, das Verdrießliche war nur, daß sie in den Augen des Königs als Einer erscheinen mußten, wenn sie den versprochenen Kampflohn erringen wollten. Die schlauen[17] Brüder beschnitten also ihre Bärte auf gleiche Weise, so daß keinem weder auf der Oberlippe noch unter dem Kinn die Haare dichter standen als dem andern; und da sie als Söhne einer Mutter und als Drillinge an Körperbildnug und Geberde wenig verschieden waren, so konnte ein fremdes Auge den Betrug nicht herausfinden. Sie ließen sich dann einen gar prächtigen fürstlichen Anzug machen, der aus Seide und dem kostbarsten Sammet bestand und mit Gold und blitzenden Edelsteinen verziert war, so daß Alles glänzte und schimmerte, wie der Sternenhimmel in einer klaren Winternacht. Ehe sie sich anschickten, die Probearbeiten zu unternehmen, gelobten sich die Brüder mit einem Eide, daß nur das Loos entscheiden solle, wer von ihnen des Königs Schwiegersohn werden sollte. Da nun die starken Brüder auf diese Weise allen künftigen Mißhelligkeiten vorgebeugt hatten, schmückten sie eines Tages _Schnellfuß_ mit den prächtigen Kleidern und schickten ihn zum Könige, damit er die Rennthierkuh auf die Weide führe. Ging die Sache nach Wunsch, so war der erste große Stein hinweggewälzt, der bis jetzt alle dreier verhindert hatte, die Brautkammer zu betreten. _Schnellfuß_ trat so stolz vor den König hin, als wäre er ein geborener Königssohn, grüßte mit Anstand und bat um Erlaubniß, das Probestück am andern Morgen zu versuchen. Der König gab sie, fügte aber hinzu: »Gut wäre es, wenn ihr schlechtere Kleider anzöget, denn unsere Rennthierkuh läuft unbekümmert durch Sumpf und Moor, immer gerade aus, da könntet ihr die theuren Kleider verderben.« _Schnellfuß_ erwiederte: »Wer eure Tochter freien will, was macht sich der aus Kleidern?« und ging dann zur Ruhe, um den andern Tag desto munterer zu sein. Des Königs Tochter, die heimlich durch eine Thürspalte nach dem stattlichen Manne gespäht hatte, sagte seufzend: »Wenn ich doch dem Rennthier Fußfesseln anlegen könnte, ich thäte es, um diesen Mann zum Gemahle zu erhalten.« Als den andern Morgen die Sonne aufgegangen war, band _Schnellfuß_ der Rennthierkuh einen Halfterstrang[18] um den Hals und nahm das andere Ende in die Faust, damit die Kuh sich nicht zu weit entfernen könnte. Als die Stallthür geöffnet wurde, schoß die Kuh wie der Wind davon, der Hirte aber lief den Halfter festhaltend neben ihr her, und blieb keinen Schritt zurück. Der König und die Zuschauer aus der Stadt erstaunten über die wunderbare Schnelligkeit des Mannes, denn bis hierzu hatte noch Keiner auch nur ein paar hundert Schritt weit neben der Kuh herlaufen können. Wiewohl _Schnellfuß_ sobald keine Ermüdung zu fürchten hatte, so hielt er es doch für gerathen, die Kuh zu besteigen, sobald er den Leuten aus den Augen war. Er sprang auf den Rücken des Thieres, hielt sich am Halfter fest und ließ sich weiter tragen. Es war noch früh am Morgen, als die Rennthierkuh schon merkte, daß von diesem Hirten nicht loszukommen sei; sie hielt den Schritt an und rupfte das Gras vom Boden. _Schnellfuß_ sprang ab und warf sich unter einen Busch, um auszuruhen, hielt aber den Halfter fest, damit die Kuh nicht davon liefe. Als die Sonne um Mittag brannte, legte sich auch die Kuh neben ihn in den Schatten und fing an wiederzukäuen. Nach Mittag versuchte das Thier noch einige Mal die Schnelligkeit seiner Beine, um dem Hirten zu entkommen, aber dieser war wie der Wind wieder auf dem Rücken der Kuh, so daß er seine Beine nicht anzustrengen brauchte. Sehr groß war das Erstaunen des Königs und der Leute, als sie bei Sonnenuntergang sahen, wie die störrige Rennthierkuh gleich dem frömmsten Lamme mit ihrem Hirten heim kehrte. _Schnellfuß_ führte sie in den Stall, verschloß die Thür und speiste dann auf Einladung des Königs an dessen Tafel. Nach dem Abendessen verabschiedete er sich, indem er sagte, er wollte zeitig zur Ruhe gehen, um die Ermüdung des Tages los zu werden. Allein er ging nicht zur Ruhe, sondern begab sich zu seinen Brüdern, die seiner im Walde harrten. Den anderen Tag sollte _Flinkhand_ die prächtigen Kleider anziehen und zum Könige gehen, um das zweite Probestück auszuführen. Der König, welcher ihn für den Mann von gestern hielt, lobte seine Hirtenarbeit und wünschte ihm Glück zu seiner heutigen Aufgabe, nämlich am Abend die Pforte zu verschließen. Des Königs Tochter hatte wieder durch die Thürspalte nach dem stattlichen Manne gespäht und sagte seufzend: »Wenn ich könnte, ich schaffte die böse Hexe von der Pforte fort, damit diesem theuren Jünglinge kein Leid geschähe, den ich mir zum Gemahl wünsche.« _Flinkhand_, der genau wußte, wie es sich mit dem Pfortenriegel verhielt, ging vom Könige gerades Wegs zum Schmied und ließ sich eine starke eiserne Hand machen. Als am Abend alle Welt im Schlosse zur Ruhe gegangen war, machte er Feuer an und ließ darin die Eisenhand rothglühend werden. Darauf stellte er eine Leiter gegen die Pforte, denn seine Körperlänge reichte nicht hinan. Von der Leiter aus legte er die glühende Eisenhand an den Riegel, und in demselben Augenblick hatte die Hexe, die darin steckte, zugepackt und die Hand ergriffen, welche sie für eine natürliche hielt. Als sie aber den brennenden Schmerz fühlte, fing sie so an zu brüllen, daß alle Wände bebten und viele Schläfer im Schloß durch den Lärm aufgeweckt wurden. Aber _Flinkhand_ hatte in demselben Augenblick, wo die Eisenhand ihn selbst vor dem Griffe der Hexe geschützt hatte, den Riegel vorgeschoben, so daß die Pforte verschlossen war. Gleichwohl blieb er wach, bis der König am Morgen aufstand und die Sache selbst in Augenschein nahm. Die Pforte war noch verriegelt. Der König lobte die Geschicklichkeit des Jünglings, der schon zwei schwierige Arbeiten ausgeführt hatte und lud ihn zu Mittag zu Gaste. _Flinkhand_ aß sich an des Königs Tafel satt und wußte sich auch angenehm zu unterhalten, bis er endlich um Erlaubniß bat, nach Hause zu gehen, und auszuruhen, da er die ganze vorige Nacht kein Auge zugethan, auch noch mancherlei Vorbereitungen für den kommenden Tag zu treffen habe. Er ging dann in den Wald, wo die Brüder ihn längst erwarteten und wissen wollten, wie das Probestück abgelaufen wäre. Da nun die starken Brüder sich einander nicht beneideten und keiner voraus wissen konnte, wen endlich das Glück treffen würde, Schwiegersohn des Königs zu werden, so freuten sie sich gemeinschaftlich des gelungenen Werkes. Am folgenden Morgen wurde _Scharfauge_ mit dem prächtigen königlichen Anzuge bekleidet und ausgeschickt, um das dritte Probestück auszuführen. Nicht minder stolz und anmuthig wie die beiden andern Brüder trat er vor den König, und bat um die Erlaubniß, das letzte Probestück zu unternehmen. Der König sagte: »Ich freue mich sehr, daß es euch möglich gewesen ist zwei Arbeiten zu vollbringen, welche bis auf den heutigen Tag noch Keiner ausführen konnte, so viel ihrer auch von allen Seiten zusammenströmten, um den Versuch zu machen. Dennoch fürchte ich, daß ihr die dritte Arbeit nicht zu Stande bringen werdet, denn das Ziel, welches ihr treffen müßt, steht sehr hoch und ist ein kleiner Körper.« _Scharfauge_ erwiederte: »Wer euer Schwiegersohn werden will, der darf nichts für schwer achten, denn so großes Glück fällt Niemanden im Schlafe zu.« Darauf gab der König die Erlaubniß, am folgenden Morgen das Probestück zu unternehmen. Aber des Königs Tochter, welche wiederum durch die Thürspalte nach dem Jüngling gespäht hatte, seufzte mit Thränen in den Augen: »Könnte ich etwas für diesen Jüngling thun, daß er morgen zum dritten Male Sieger bliebe, ich gäbe Hab' und Gut dafür --um ihn zum Gemahl zu erhalten.« War schon das erste und zweite Mal eine große Menge Volks von allen Seiten herbei gekommen, um die Wunderwerke zu sehen, so waren heute die Tausende gar nicht mehr zu zählen. Auf dem Gipfel eines Berges stand der Apfelträger, der in solcher Höhe nicht viel größer aussah als eine Krähe, und ihm sollte _Scharfauge_ den Apfel vom Munde weg schießen, so daß der Pfeil ihn in der Mitte spaltete. Niemand hielt die Sache für möglich. Gleichwohl fürchtete der Mann oben, der den Apfel am Stiele im Munde zu halten hatte, der Schütze könnte doch vielleicht in's Ziel treffen, darum beschloß er in seinem mißgünstigen Sinne, dem Schützen die an sich schwere Aufgabe noch schwerer zu machen. Er faßte nicht, wie vorgeschrieben war, den Apfel mit den Zähnen am Stiele, sondern steckte den halben Apfel in den Mund und dachte: je kleiner ich den Gegenstand mache, auf den er zielen muß, desto weniger kann er sehen und treffen. Aber für _Scharfauge_ war der halbe Apfel nicht minder deutlich als der ganze. Er zielte einige Augenblicke mit seinem durchdringenden Blicke, schnellte den Pfeil vom Bogen und o Wunder! der Apfel war mitten durchgespalten, so daß beide Hälften genau gleiche Größe hatten. Der neidische Apfelhüter hatte zugleich den verdienten Lohn für seine Bosheit erhalten, denn da _Scharfauge_ gerade auf die Mitte des Apfels gezielt hatte, der Mann aber dessen größere Hälfte im Munde hielt, so hatte der Pfeil von beiden Seiten des Mundes ein Stück Fleisch mit weggerissen. Als der entzwei geschossene Apfel dem Könige zum Beweise überreicht wurde, brach die Menge in ein Freudengeschrei aus. Ein solches Wunder hatte sich noch nicht begeben. Des Königs Tochter vergoß Freudenthränen, da ihres Herzens Wunsch in Erfüllung gegangen war; der König aber lud _Scharfauge_ ein, zu ihm zu kommen, damit er ihn sofort seiner Tochter verloben könne. Scharfauge lehnte es ehrfurchtsvoll ab mit den Worten: »Vergönnt mir, den heutigen Tag mich nach der Arbeit zu erholen! morgen wollen wir uns der Freude ergeben!« Er wollte sich nämlich keines Fehls gegen seine Brüder schuldig machen, welche gleich ihm ihren Theil der Arbeit gethan hätten: das Loos mußte entscheiden, welchem von ihnen der Lohn zufallen sollte. Als Scharfauge zu seinen Brüdern kam, erzählte er ihnen den Hergang, und sie freuten sich erst noch mit einander wie die Kinder, ehe sie das Loos warfen. Nach Gottes Fügung brachte das Loos dem _Scharfauge_ Glück; er sollte nun des Königs Schwiegersohn werden. Noch einmal schliefen die Brüder beisammen, dann schlug die bittere Trennungsstuude, _Scharfauge_ begab sich in die Königsstadt, _Schnellfuß_ und _Flinkhand_ machten sich in die Heimath zu ihren Eltern auf. Nach ihrer Rückkehr kauften die beiden reichen Brüder sich viele Güter und Ländereien, so daß ihr Gebiet bald einem kleinen Königreiche glich. _Scharfauge_ hatte Alles seinen Eltern und Brüdern geschenkt, da er, als Schwiegersohn des Königs, seines eigenen Vermögens nicht mehr bedurfte. Die Eltern freuten sich über das Glück ihrer Kinder, nur war der Mutter das Herz oft schwer, weil ihr dritter Sohn so weit von ihnen in der Fremde lebte, daß sie nicht hoffen durfte ihn wieder zu sehen. Als aber die Eltern später gestorben waren, da hatten _Schnellfuß_ und _Flinkhand_ keine Ruhe mehr in der Heimath, sie verpachteten ihre Besitzungen und streiften wieder in fremden Landen umher, um neue Reichthümer und Schätze durch ihre Gaben zu erwerben. Wie weit ihre Wanderung reichte, was für Thaten sie auf derselben verrichteten und ob sie später wieder in die Heimath zurückkehrten, darüber kann ich euch nichts weiter melden. Aber _Scharfauge's_ Geschlecht muß noch heutiges Tages in dem Lande wohnen, wo der Stammvater einst das Glück hatte, Schwiegersohn des Königs zu werden. [Fußnote 14: Die »Haube« steht für die Trägerin derselben verwaist, wie das lat. =orba=, ohne Kinder gehabt zu haben. Vgl. auch _Neus_, ehstn. Volkslieder, S. 276. F. Z. 4. L.] [Fußnote 15: Ueber Mana s. d. Anm. zu S. 25 in dem Märchen von den im Mondschein badenden Jungfrauen. L.] [Fußnote 16: Vgl. _Boecler_, der Ehsten Gebräuche ed. Kreutzwald, S. 139. L.] [Fußnote 17: Der Text sagt =Rootsi wennaksed= d. h. schwedische Brüder. Das Colorit des Märchens ist aber ganz ehstnisch; Belege für meine Uebersetzung finde ich nicht. L.] [Fußnote 18: Dieser wird gebildet durch Klötzchen, die an einer Schnur hängen und mit Ringen wechseln. L.] 4. Der Tontlawald. Zu alten Zeiten stand in Allentacken[19] ein schöner Hain, der Tontlawald hieß, den aber kein Mensch zu betreten wagte. Dreistere, die zufällig einmal näher gekommen waren und gespäht hatten, erzählten, sie hätten unter dichten Bäumen ein verfallenes Haus gesehen und um dasselbe herum menschenähnliche Wesen, von denen der Rasen wie von einem Ameisenhaufen wimmelte. Die Geschöpfe hätten rußig und zerlumpt ausgesehen wie die Zigeuner, und es wären namentlich viel alte Weiber und halbnackte Kinder darunter gewesen. Als einst ein Bauer, der in finsterer Nacht von einem Schmause nach Hause ging, etwas tiefer in den Tontlawald hineingerathen war, hatte er seltsame Dinge gesehen. Um ein helles Feuer war eine Unzahl Weiber und Kinder versammelt, einige saßen am Boden, die andern tanzten auf dem Plan. Ein altes Weib hatte einen breiten eisernen Schöpflöffel in der Hand, mit welchem sie von Zeit zu Zeit die glühende Asche über den Rasen hinstreute, worauf die Kinder mit Geschrei in die Luft hinauf fuhren und wie Nachteulen um den aufsteigenden Rauch flatterten, bis sie zuletzt wieder herabkamen. Dann trat aus dem Walde ein kleiner alter langbärtiger Mann, der auf dem Rücken einen Sack trug, der länger war als er selbst. Weiber und Kinder liefen dem Männlein lärmend entgegen, tanzten um ihn herum und suchten ihm den Sack vom Rücken zu reißen, aber der Alte machte sich von ihnen los. Jetzt sprang eine schwarze Katze, so groß wie ein Fohlen, die mit glühenden Augen auf der Thürschwelle gesessen, auf des Alten Sack und verschwand dann in der Hütte. Weil aber dem Zuschauer schon der Kopf brannte und es ihm vor den Augen flimmerte, so blieb auch seine Erzählung unsicher, und man konnte nicht recht dahinter kommen, was daran wahr und was falsch sei. Auffallend war es, daß von Geschlecht zu Geschlecht solche Dinge vom Tontlawalde erzählt wurden; aber Niemand wußte genauere Auskunft zu geben. Der Schwedenkönig hatte mehr als einmal befohlen, den gefürchteten Wald zu fällen, aber die Leute wagten es nicht den Befehl zu vollziehen. Einmal hieb ein dreister Mann mit einer Axt in einige Bäume, da floß sogleich Blut und man hörte Jammergeschrei wie von gequälten Menschen.[20] Der erschreckte Holzfäller nahm zitternd und bebend die Flucht; seitdem war kein noch so strenger Befehl, kein noch so reichlicher Lohn im Stande, wieder einen Holzfäller in den Tontlawald zu locken. --Sehr wunderbar erschien es auch, daß weder ein Weg aus dem Walde heraus noch einer hinein führte; auch sah man das ganze Jahr durch keinen Rauch aufsteigen, der das Dasein menschlicher Wohnstätten verrathen hätte. Groß war der Wald nicht, und rings um ihn her war flaches Feld, so daß man freien Ausblick auf den Wald hatte. Hausten wirklich hier von Alters her lebende Wesen, so konnten sie doch nicht anders in dem Walde ein- und ausgehen als auf unterirdischen Schlupfwegen, oder sie mußten auch wie die Hexen bei nächtlicher Weile, wo Alles ringsum schlief, durch die Luft fahren. Das Letztere ist, dem Erzählten zufolge, das Wahrscheinlichere. Vielleicht erhalten wir über diese Wundervögel mehr Auskunft, wenn wir den Wagen der Erzählung etwas weiterlenken und im nächsten Dorfe ausruhen. Einige Werst vom Tontlawalde lag ein großes Dorf. Ein verwittweter Bauer hatte unlängst wieder ein junges Weib genommen und, wie das wohl oft vorkommt, ein rechtes Schüreisen in's Haus gebracht, so daß Verdruß und Zank kein Ende nahmen. Das von der ersten Frau nachgebliebene siebenjährige Mädchen, mit Namen Else, war ein kluges sinniges Geschöpf. Dieser Armen machte aber die böse Stiefmutter das Leben ärger als die Hölle, sie puffte und knuffte das Kind vom Morgen bis zum Abend und gab ihm schlechteres Essen als den Hunden. Da die Frau die Hosen anhatte, so konnte die Tochter sich auf ihren Vater nicht stützen: der Hansdampf mußte ja selbst nach des Weibes Pfeife tanzen. Länger als zwei Jahre hatte Else dieses schwere Leben ertragen und hatte viele Thränen vergossen. Da ging sie eines Sonntags mit andern Dorfkindern aus, um Beeren zu pflücken. Schlendernd, nach Kinderart, waren sie unvermerkt an den Rand des Tontlawaldes gekommen, wo sehr schöne Erdbeeren wuchsen, so daß der Rasen ganz roth davon war. Die Kinder aßen von den süßen Beeren und pflückten noch soviel in ihre Körbchen, als jedes konnte. Plötzlich rief ein älterer Knabe, der die gefürchtete Stelle erkannt hatte: »Fliehet, fliehet! wir sind im Tontlawalde!« Dies Wort war schlimmer als Donner und Blitz, alle Kinder nahmen Reißaus, als wären ihnen die Tontla-Unholde schon auf den Fersen. Else, welche etwas weiter gegangen war als die Andern, und unter den Bäumen sehr schöne Beeren gefunden hatte, hörte wohl das Rufen des Knaben, mochte sich aber nicht von dem Beerenfleck trennen. Sie dachte wohl: Die Tontla-Bewohner können doch nicht schlimmer sein als meine Stiefmutter daheim. Da kam ein kleiner schwarzer Hund mit einem silbernen Glöcklein um den Hals bellend auf sie zu. Auf dies Gebell eilte ein kleines Mädchen in prächtigen seidenen Kleidern herbei, verwies den Hund zur Ruhe und sagte dann zur Else: »Sehr gut, daß du nicht mit den andern Kindern davongelaufen bist. Bleibe mir zur Gesellschaft hier, dann wollen wir gar schöne Spiele spielen und alle Tage miteinander gehen Beeren zu pflücken; die Mutter wird es mir gewiß nicht abschlagen, wenn ich sie darum bitte. Komm, laß uns sogleich zu ihr gehen!« Damit faßte das prächtige fremde Kind Else bei der Hand und führte sie tiefer in den Wald hinein. Der kleine schwarze Hund bellte jetzt vor Vergnügen, sprang an Elsen herauf und leckte ihr die Hand, als wären sie alte Bekannte. Ach du liebe Zeit, was für Wunder und Herrlichkeit tauchten jetzt vor Else's Augen auf. Sie glaubte sich im Himmel zu befinden. Ein prächtiger Garten, mit Obstbäumen und Beerensträuchern angefüllt, stand vor ihnen; auf den Zweigen der Bäume saßen Vögel, bunter als die schönsten Schmetterlinge, manche mit Gold- und Silberfedern bedeckt. Und die Vögel waren nicht scheu, die Kinder konnten sie nach Belieben in die Hand nehmen. Mitten im Garten stand das Wohnhaus, aus Glas und Edelsteinen aufgeführt, so daß Wände und Dach glänzten wie die Sonne. Eine Frau in prächtigen Kleidern saß vor der Thür auf einer Bank und fragte die Tochter: »Was bringst du da für einen Gast?« Die Tochter antwortete: »Ich fand sie allein im Walde und nahm sie mir zur Gesellschaft mit. Erlaubst du, daß sie hier bleibt?« Die Mutter lächelte, sagte aber kein Wort, sondern musterte Else mit scharfem Blick vom Kopf bis zu den Füßen. Dann hieß sie Else näher treten, streichelte ihre Wangen und fragte freundlich, wo sie zu Hause sei, ob ihre Eltern noch lebten, und ob sie den Wunsch habe, hier zu bleiben? Else küßte der Frau die Hand, fiel vor ihr nieder, umfaßte ihre Kniee und erwiederte dann unter Thränen: »Die Mutter ruht schon lange unter dem Rasen. Mutter ward hinweg getragen Liebe zog mit ihr von dannen![21] Der Vater lebt wohl noch, aber was hilft mir das, die Stiefmutter haßt mich und schlägt mich unbarmherzig alle Tage. Nichts kann ich ihr recht machen. Bitte, Goldfrauchen, laßt mich hier bleiben! Laßt mich die Herde hüten, oder gebt mir andere Arbeit, ich will Alles thun und euch gehorchen, aber schickt mich nur nicht zur Stiefmutter zurück! Sie schlüge mich halb todt, weil ich nicht mit den anderen Dorfkindern gekommen bin.« Die Frau lächelte und sagte: »Wir wollen sehen, was mit dir zu machen ist.« Dann erhob sie sich von der Bank und trat in's Haus. Die Tochter aber sagte zur Else: »Sei getrost, meine Mutter ist freundlich! Ich sah an ihrem Blicke, daß sie unsere Bitte gewähren wird, wenn sie die Sache näher überlegt hat.« Sie ging dann ihrer Mutter nach und hieß Else warten. Diese bebte zwischen Furcht und Hoffnung, und ungeduldig harrte sie des Bescheides, den die Tochter bringe würde. Nach einer Weile kam die Tochter mit einem Schächtelchen in der Hand zurück und sagte: »Die Mutter will, daß wir heute mit einander spielen, derweil sie deinetwegen Weiteres beschließen wird. Ich hoffe, du bleibst uns, ich möchte dich nicht mehr von mir lassen. Bist du schon zur See gefahren?« Else machte große Augen und fragte dann: »Zur See? was ist das? davon habe ich noch nie etwas gehört.« »Du sollst es sogleich sehen,« erwiederte das Fräulein und nahm den Deckel vom Schächtelchen. Da lagen ein Blatt von Frauenmantel, eine Muschelschale und zwei Fischgräten; auf dem Blatte schimmerten ein Paar Tropfen, diese schüttete das Kind auf den Rasen. Augenblicklich waren Garten, Rasen und was sonst noch da gestanden hatte, verschwunden, als hätte die Erde es verschlungen: und soweit das Auge reichte, war nur Wasser sichtbar, das in der Ferne mit dem Himmel zusammenzustoßen schien. Nur unter ihren Füßen war ein kleiner Fleck trocken geblieben. Jetzt setzte das Fräulein die Muschelschale auf's Wasser und nahm die Fischgräten zur Hand. Die Muschelschale schwoll an, und dehnte sich zu einem hübschen Nachen aus, worin ein Duzend Kinder und wohl noch mehr Platz gehabt hätten. Die Kinder setzten sich nun selbander in den Nachen, Else mit Zagen, das Fräulein aber lachte; die Gräten, welche sie hielt, wurden zu Rudern. Von den Wellen wurden die Mädchen fortgeschaukelt, wie in einer Wiege; nach und nach kamen andere Kähne in ihre Nähe, in jedem saßen Menschen, welche sangen und fröhlich waren. »Wir müssen ihren Gesang beantworten,« sagte das Fräulein, aber Else verstand nicht zu singen. Um so schöner sang das Fräulein. Von dem, was die andern sangen, konnte Else nicht viel verstehen, nur ein Wort kehrte immer wieder, nämlich »Kiisike.« Else fragte, was es bedeute, und das Fräulein antwortete: »Das ist mein Name.« Ich weiß nicht, wie lange sie so spazieren gefahren waren, da hörten sie rufen: »Kinder, kommt nach Hause, es wird Abend.« Kiisike nahm ihr Körbchen aus der Tasche, in welchem das Blatt lag, und tauchte es in's Wasser, so daß einige Tropfen daran hängen blieben, -- augenblicklich waren sie in der Nähe des prächtigen Hauses, mitten im Garten; Alles ringsum erschien trocken und fest wie zuvor, Wasser war nirgends. Die Muschelschale und die Fischgräten wurden sammt dem Blatte in's Körbchen gelegt, und die Kinder gingen in's Haus. In einem großen Gemache saßen um einen Eßtisch vier und zwanzig Frauen, alle in prächtigen Kleidern, als wären sie auf einer Hochzeit. Oben am Tische saß die Herrin auf einem goldenen Stuhle. Else wußte nicht, woher die Augen nehmen, um all die Herrlichkeit zu betrachten, die ihr hier entgegenschimmerte. Auf dem Tische standen dreizehn Gerichte, alle in goldenen und silbernen Schüsseln; ein Gericht aber blieb unberührt und wurde abgetragen, wie es aufgetragen war, ohne daß man den Deckel gelüftet hätte. Else aß von den köstlichen Speisen, die noch besser schmeckten als Kuchen, und es kam ihr wieder vor, als müßte sie im Himmel sein; auf Erden konnte sie sich dergleichen nicht denken. Bei Tische wurde leise gesprochen, aber in einer fremden Sprache, von der Else kein Wort verstand. Die Frau sagte jetzt einige Worte zu einer Magd, die hinter ihrem Stuhle stand; die Magd eilte hinaus und kam bald mit einem kleinen alten Manne wieder, dessen Bart länger war als er selber. Der Alte machte einen Bückling und blieb am Thürpfosten stehen. Die Frau deutete mit dem Finger auf Else und sagte: »Betrachte dir dieses Bauermädchen, ich will es als Pflegekind annehmen. Forme mir ein Abbild von ihr, welches wir morgen statt ihrer in's Dorf schicken können.« Der Alte sah Else scharf an, als wolle er das Maaß nehmen, verbeugte sich dann wieder vor der Frau und verließ das Gemach. Nach Tische sagte die Frau freundlich zu Else: »Kiisike hat mich gebeten, ich möchte dich ihr zur Gesellschaft hier behalten und du selbst sagtest, du hättest Lust hier zu bleiben. Ist dem nun wirklich so?« Else fiel auf die Kniee, und küßte der Frau Hände und Füße zum Dank für die barmherzige Rettung aus den Klauen der bösen Stiefmutter. Die Frau aber hob sie vom Boden auf, streichelte ihr den Kopf und die thränenfeuchten Wangen und sagte: »Wenn du immer ein folgsames gutes Kind bleibst, so wird es dir gut gehen, ich will für dich sorgen und dir allen nöthigen Unterricht geben lassen, bis du erwachsen bist und dich selbst fortbringen kannst. Meine Fräulein, welche Kiisike unterrichten, werden auch dir behilflich sein, alle feinen Handarbeiten zu erlernen und dir andere Kenntnisse zu erwerben.« Nach einem Weilchen kam der Alte zurück mit einer langen mit Lehm gefüllten Mulde auf der Schulter, und einem kleinen Deckelkörbchen in der linken Hand. Er setzte Mulde und Körbchen an die Erde, nahm ein Stück Lehm und machte daraus eine Puppe, welche Menschengestalt hatte. In den Leib, der hohl geblieben war, legte der Alte drei gesalzene Strömlinge und ein Stückchen Brot. Dann machte er in der Brust der Puppe ein Loch, nahm aus dem Korbe einen ellenlangen schwarzen Wurm und ließ ihn durch das Loch hineinkriechen. Die Schlange zischte und wand sich mit dem Schwanze, als sträubte sie sich, aber sie mußte doch hinein. Nachdem die Frau die Puppe von allen Seiten betrachtet hatte, sagte der Alte: »Jetzt brauchen wir nichts weiter als ein Tröpflein von dem Blute des Bauermädchens.« Else wurde blaß vor Schrecken, als sie das hörte; sie meinte ihre Seele damit dem Bösen zu verkaufen.[22] Aber die Frau tröstete sie: »Fürchte nichts! Wir wollen dein Blut nicht zu etwas Bösem sondern lediglich zu etwas Gutem und zu deinem künftigen Glücke.« Dann nahm sie eine kleine goldene Nadel, stach damit der Else in den Arm und gab die Nadel dem Alten, der sie in das Herz der Puppe bohrte. Darauf legte er diese in den Korb, damit sie darin wachse und versprach, am nächsten Morgen der Frau zu zeigen, was für ein Werk aus seinen Händen hervorgegangen sei. Man ging hernach zur Ruhe, und auch Else wurde von einer Stubenmagd in ihre Schlafkammer gebracht, wo ihr ein weiches Bett bereitet wurde. Als sie am andern Morgen in dem seidenen Bette auf weichem Pfühl erwachte und ihre Augen weit auf machte, fand sie sich mit einem feinen Hemde bekleidet und sah reiche Gewänder auf einem Stuhle vor dem Bette liegen. Dann trat ein Mädchen in's Zimmer und hieß Else sich waschen und kämmen, worauf es sie vom Kopf bis zum Fuß mit den schönen Kleidern schmückte, als wäre sie das stolzeste deutsche Kind. Nichts machte Elsen so viel Freude als die Schuhe. Sie war ja bis jetzt fast immer barfuß gegangen. Nach Else's Meinung konnten auch des Königs Töchter keine schöneren Schuhe haben. In ihrer Freude über die Schuhe hatte sie nicht Zeit die übrigen Stücke des Anzugs zu beachten, obschon Alles prachtvoll war. Die Bauernkleider, welche sie mitgebracht hatte, waren in der Nacht fortgenommen worden, weshalb? das sollte sie später erfahren. Ihre Kleider waren nämlich der Lehmpuppe angelegt worden, welche an ihrer Statt in's Dorf gehen sollte. Die Puppe war in der Nacht in ihrem Behälter angeschwollen und am Morgen ein vollständiges Ebenbild der Else geworden, und ging einher wie ein von Gott geschaffenes Wesen. Else erschrack, als sie die Puppe erblickte, die ganz so aussah, wie sie selbst gestern ausgesehen hatte. Als die Frau Else's Erschrecken bemerkte, sagte sie: »Fürchte dich nicht, Kind! Das Lehmbild kann dir keinen Schaden zufügen, wir jagen es zu deiner Stiefmutter, damit es ihr als Prügelklotz diene! Mag sie es schlagen, so viel sie will, das steinharte Lehmbild fühlt keinen Schmerz. Aber wenn das böse Weib nicht andern Sinnes wird, so kann dein Ebenbild einmal die verdiente Strafe an ihr vollziehen.« Von diesem Tage an lebte Else so glücklich wie ein verwöhntes deutsches Kind, das in goldener Wiege geschaukelt worden; sie hatte weder Sorge noch Mühe; das Lernen wurde ihr von Tag zu Tage leichter und das vorige harte Leben im Dorfe erschien ihr nur noch wie ein böser Traum. Aber je tiefer sie das Glück dieses Lebens empfand, desto wunderbarer erschien ihr auch Alles. Auf natürliche Weise konnte es nicht zugehen -- es mußte eine unbekannte unerklärliche Macht hier walten. Auf dem Hofe stand ein Granitblock etwa zwanzig Schritt vom Hause. Wenn die Essenszeit heranrückte, ging der Alte mit dem langen Barte an den Block, zog ein silbernes Stäbchen aus dem Busen und klopfte damit dreimal an, so daß es hell wiederklang. Dann sprang ein großer goldener Hahn heraus und setzte sich auf den Block. So oft er in dieser Stellung mit den Flügeln schlug und krähte, kam aus dem Block etwas hervor, zuerst ein langer gedeckter Tisch, auf dem so viel Teller standen als essende Personen waren; der Tisch ging von selbst in's Haus, als trügen ihn des Windes Flügel. Wenn der Hahn zum zweiten Male krähte, kamen Stühle dem Tische nachgegangen; darauf eine Schüssel mit Speise nach der andern -- Alles sprang aus dem Block heraus und flog wie der Wind zum Eßtisch. Desgleichen Methflaschen, Aepfel und Beeren; Alles schien beseelt, so daß Niemand zu heben noch zu tragen brauchte. Wenn Alle sich satt gegessen hatten, klopfte der Alte zum zweiten Male mit dem Silberstäbchen an den Block, und dann krähte der goldene Hahn Flaschen, Schüsseln, Teller, Stühle und Tisch wieder in den Block hinein. Wenn aber die dreizehnte Schüssel kam, aus welcher niemals gegessen wurde, so lief eine große schwarze Katze der Schüssel nach, und beide blieben auf dem Block neben dem Hahn, bis der Alte sie forttrug. Er nahm die Schüssel in die Hand, die Katze in den Arm und den goldenen Hahn auf die Schulter, und verschwand mit ihnen unter dem Block. Nicht nur Speisen und Getränke, sondern auch alle übrigen Bedürfnisse des Haushalts, selbst Kleider kamen auf das Krähen des Hahns aus dem Block hervor. -- Obwohl bei Tische wenig und immer in einer fremden Sprache gesprochen wurde, welche Else nicht verstand, so wurde dafür desto mehr geredet und gesungen, wenn die Frau mit ihren Fräulein in Zimmer und Garten weilte. Allmählich lernte Else auch die Sprache ihrer Gefährtinnen auffassen; sie verstand fast Alles, was gesagt wurde, aber Jahre verstrichen, ehe ihre eigne Zunge sich den fremden Lauten gewöhnte. Einst hatte Else die Kiisike gefragt, warum die dreizehnte Schüssel täglich auf den Tisch komme, da doch Niemand daraus esse, aber Kiisike konnte es ihr nicht erklären. Sie mußte es aber ihrer Mutter gesagt haben, denn nach einigen Tagen ließ diese Elsen zu sich rufen und sprach zu ihr mit ernstem Ausdruck: »Beschwere dein Herz nicht mit unnützen Grübeleien. Du möchtest wissen, warum wir niemals aus der dreizehnten Schüssel essen. Sieh, liebes Kind, das ist die Schüssel _verborgenen_ Segens; wir dürfen sie nicht anrühren, sonst würde es mit unserem glücklichen Leben zu Ende sein. Auch mit den Menschen würde es auf dieser Welt viel besser stehn, wenn sie nicht in ihrer Habsucht alle Gaben an sich rissen, ohne dem himmlischen Segenspender irgend etwas zum Danke zu lassen.[23] Habsucht ist der Menschen größter Fehler!« Die Jahre verstrichen Elsen in ihrem Glücke pfeilgeschwind, sie war zur blühenden Jungfrau herangewachsen und hatte Vieles gelernt, womit sie in ihrem Dorfe ihr Leben lang nicht bekannt geworden wäre. Kiisike aber war immer noch dasselbe kleine Kind wie an dem Tage, wo sie das erste Mal mit Elsen im Walde zusammen getroffen war. Die Fräulein, welche bei der Frau vom Hause lebten, mußten Kiisike und Else täglich einige Stunden im Lesen und Schreiben und in allerlei feinen Handarbeiten unterweisen. Else begriff Alles gut, aber Kiisike hatte mehr Sinn für kindliche Spiele als für nützliche Beschäftigung. Wenn ihr die Laune kam, so warf sie die Arbeit weg, nahm ihr Schächtelchen und lief in's Freie, um See zu spielen, was ihr Niemand übel nahm. Manchmal sagte sie zu Elsen: »Schade, daß du so groß geworden bist, du kannst nun nicht mehr mit mir spielen.« Als jetzt neun Jahre in dieser Weise verflossen waren, ließ die Frau eines Abends Else in ihr Schlafzimmer rufen. Else wunderte sich darüber, denn um diese Zeit hatte die Frau sie noch niemals zu sich kommen lassen. Das Herz schlug ihr so heftig, daß es zu springen drohte. Als sie über die Schwelle trat, sah sie, daß die Wangen der Frau geröthet waren, ihre Augen voll Thränen standen, welche sie rasch trocknete, als wollte sie dieselben vor Elsen verbergen. »Liebes Pflegkind,« begann die Frau, »die Zeit ist gekommen, wo wir scheiden müssen.« »_Scheiden_?« rief Else und warf sich schluchzend der Frau zu Füßen. »Nein, theure Frau, das kann nimmermehr geschehen, bis uns einst der Tod trennt. Ihr habt mich einmal huldreich aufgenommen, darum verstoßt mich nicht wieder!« Die Frau sagte beschwichtigend: »Kind, sei ruhig! Du weißt ja noch gar nicht, was ich für dein Glück thun will. Du bist herangewachsen und ich darf dich hier nicht länger in Haft halten. Du mußt wieder unter Menschen gehen, wo Glückspfade deiner warten.« Else aber bat flehentlich: »Theure Frau, verstoßet mich nicht. Ich sehne mich nach keinem anderen Glücke, als bei euch zu leben und zu sterben. Macht mich zur Stubenmagd oder gebt mir andere Arbeit, nach eurem Belieben, aber schickt mich nicht fort in die weite Welt. Da wäre es besser gewesen, ihr hättet mich bei der Stiefmutter im Dorfe gelassen, als daß ihr mich auf so viele Jahre in den Himmel brachtet, um mich jetzt wieder in die Hölle zu stoßen.« »Still, liebes Kind!« sagte die Frau -- »du begreifst nicht, was ich zu deinem Glücke zu thun verpflichtet bin, wie sehr es mich auch schmerzt. Aber Alles muß so sein, wie ich es mache. Du bist ein sterbliches Menschenkind, deine Jahre nehmen zu ihrer Zeit ein Ende und deshalb darfst du nicht länger hier bleiben. Ich und die mich umgeben haben wohl Menschengestalt, aber wir sind nicht Menschen, wie ihr, sondern Geschöpfe höherer Art und euch unbegreiflich. Du wirst in der Ferne einen lieben Gemahl finden, der für dich geschaffen ist, und wirst glücklich mit ihm sein, bis eure Tage sich zu Ende neigen. Die Trennung von dir wird mir nicht leicht, aber es muß sein, und deßhalb mußt du dich ruhig darein fügen.« Dann strich sie mit ihrem goldenen Kamme durch Elsens Haar und hieß sie zu Bette gehen; aber wo sollte die arme Else in dieser Nacht den Schlaf hernehmen? Das Leben kam ihr vor wie ein dunkler sternenloser Nachthimmel. Während wir Else ihrem Kummer überlassen, wollen wir uns ins Dorf begeben, um zu sehen, wie die Sachen auf dem väterlichen Hofe gehen, wo das _Lehmbild_ an ihrer Statt der Prügelklotz ihrer Stiefmutter war. Daß ein böses Weib im Alter nicht besser wird, ist eine bekannte Sache; man erfährt wohl, daß aus einem hitzigen Jünglinge im Alter ein frommes Lamm wird, aber kommt ein Mädchen, das kein gutes Herz hat, unter die Haube, so wird sie auf die alten Tage wie ein reißender Wolf. Wie ein Höllenbrand quälte die Stiefmutter das Lehmbild Tag und Nacht, aber dem starren Geschöpfe, dessen Körper keinen Schmerz empfand, schadete es nicht. Wollte der Mann einmal dem Kinde zu Hülfe kommen, so setzte es für ihn gleichfalls Prügel, zum Lohn für seinen Versuch Frieden zu stiften. Eines Tages hatte die Stiefmutter ihre Lehmtochter wieder fürchterlich geschlagen und drohte ihr dann, sie umzubringen. Wüthend packte sie das Lehmbild mit beiden Händen an der Gurgel, um es zu erwürgen, siehe, da fuhr eine schwarze Schlange zischend aus des Kindes Munde, und stach der Stiefmutter in die Zunge, so daß sie todt niederfiel, ohne einen Laut von sich zu geben. Als der Mann Abends nach Hause kam, fand er die todte Frau dick aufgeschwollen am Boden liegen; die Tochter war nirgends zu finden. Auf sein Geschrei kamen die Dorfbewohner herbei. Die Nachbarn hatten wohl um Mittag einen großen Lärm im Hause gehört, aber da so etwas fast täglich dort vorfiel, war Niemand hingegangen. Nachmittags war Alles still geblieben, aber Niemand hatte die Tochter erblickt. Der Körper der todten Frau wurde nun gewaschen und gekleidet, und es wurden für die Todtenwächter zur Nacht Erbsen in Salz gekocht. Der müde Mann ging in seine Kammer, um zu ruhen, und dankte sicherlich seinem Glücke, daß er diesen Höllenbrand los war. Auf dem Tische fand er drei gesalzene Strömlinge und einen Bissen Brot, verzehrte Beides und legte sich zu Bette. Am andern Morgen wurde er todt auf dem Platze gefunden, und zwar ebenso aufgeschwollen wie die Frau. Nach einigen Tagen wurden beide in ein Grab gelegt, wo sie einander kein Leid mehr anthun konnten. Von der verschwundenen Tochter erfuhren die Bauern seitdem nichts weiter. Else hatte die ganze Nacht kein Auge zugethan, sie weinte und beklagte die harte Notwendigkeit, so schnell und unerwartet von ihrem Glücke scheiden zu müssen. Am Morgen steckte ihr die Frau einen goldenen Siegelring an den Finger und hing ihr eine kleine goldene Schachtel an einem seidenen Bande um den Hals, rief dann den Alten, zeigte mit der Hand auf Else, und nahm darauf mit betrübter Miene von ihr Abschied. Eben wollte Else danken, als der Alte dreimal mit seinem Silberstäbchen sanft ihren Kopf berührte. Else fühlte alsbald, daß sie zum Vogel geworden war; aus den Armen wurden Flügel und aus den Beinen Adlerfüße mit langen Klauen, aus der Nase ein krummer Schnabel, Federn bedeckten den ganzen Leib. Dann hob sie sich plötzlich in die Luft und schwebte ganz wie ein aus dem Ei gebrüteter Adler unter den Wolken dahin. So war sie schon mehrere Tage gen Süden geflogen und hatte wohl zuweilen gerastet, wenn die Flügel ermatteten, aber Hunger hatte sie nicht gefühlt. Da geschah es, daß sie eines Tages über einem niedrigen Walde schwebte, wo Jagdhunde sie anbellten, die freilich dem Vogel nichts anhaben konnten, weil ihnen Flügel fehlten. Mit einem Male fühlte sie ihr Gefieder von einem scharfen Pfeile durchbohrt und fiel zu Boden. Vor Schrecken war sie ohnmächtig geworden. Als Else aus ihrer Ohnmacht erwachte und die Augen weit öffnete, fand sie sich in menschlicher Gestalt unter einem Gebüsche. Wie sie dahin gekommen und was ihr sonst Seltsames begegnet war, lag wie ein Traum hinter ihr. Da kam ein stolzer junger Königssohn daher geritten, sprang vom Pferde und bot Elsen freundlich die Hand, indem er sagte: »Zur glücklichen Stunde bin ich heute Morgen ausgeritten! Von euch, theures Fräulein, träumte mir ein halbes Jahr lang jede Nacht, daß ich euch hier im Walde finden würde. Obschon ich den Weg wohl hundert Mal umsonst gemacht hatte, ließ doch meine Sehnsucht und meine Hoffnung nicht nach. Heute schoß ich einen großen Adler, der hierher gefallen sein mußte; ich ging der erlegten Beute nach und fand statt des Adlers -- euch.« Dann half er Elsen auf's Pferd und ritt mit ihr zur Stadt, wo der alte König sie freudig empfing. Einige Tage später ward eine prachtvolle Hochzeit gefeiert; am Morgen des Hochzeitstages waren funfzig Fuder mit Kostbarkeiten angekommen, welche die liebe Pflegemutter Elsen geschickt hatte. Nach des alten Königs Tode wurde Else Königin und hat dann im Alter die Ereignisse ihrer Jugend selbst erzählt. Aber vom Tontlawald hat man seitdem Nichts mehr gesehen noch gehört. [Fußnote 19: Ein Landstrich nördlich vom Peipus-See. L.] [Fußnote 20: Es haben sich also auch die Ehsten, gleich den Finnen, ganze Naturgebiete unter dem Schutze bestimmter Gottheiten, und dann wieder einzelne Naturindividuen von Schutzgeistern oder Elfen (ehstnisch =hallijas=, finnisch =haltia=) beseelt gedacht. Was hier blutet und jammert, ist die Dryas, die sich der Ehste jedoch männlich denkt. L.] [Fußnote 21: Aus der Klage des verwaisten Hirtenknaben im _Kalewipoëg_ (=XII.= 876). Auch bei _Neus_, Volkslieder, =passim.= L.] [Fußnote 22: Vgl. über den Abscheu der Ehsten vor dem Hingeben ihres Blutes zu zauberischen Zwecken _Boecler_ u. _Kreutzwald_, der Ehsten abergläubische Gebräuche =p.= 145 und _Kreutzwald_ und _Neus_, mythische und magische Lieder der Ehsten =p.= 111. In unserm 9. Märchen betrügt der Donnersohn den Teufel (den »alten Burschen«), indem er statt des eigenen Blutes Hahnenblut zur Besiegelung des Vertrages nimmt. L.] [Fußnote 23: »Heidnische Altäre haben sich unter den Ehsten einzeln bis in unsere Zeiten erhalten. Von einem solchen bei dem Landgut Kawershof im Felliner Kreise berichtet _Hupel_, »er stehe unter einem heiligen Baume, in dessen Höhlung noch oft kleine Opfer gefunden würden; sei aus einem Granitblock kunstlos gehauen.« _Kreutzwald_ u. _Neus_, mythische u. magische Lieder der Ehsten S. 17. L.] 5. Der Waise Handmühle. Ein armes elternloses Mädchen war allein nachgeblieben wie ein Lamm, und dann als Pflegekind in eine böse Wirthschaft gekommen, wo es keinen andern Freund hatte als den Hofhund, dem es zuweilen eine Brotrinde gab. Das Mädchen mußte vom Morgen bis zum Abend für die Wirthin auf der Handmühle mahlen, und stand einmal die Mühle stille, weil die müde Hand ausruhen wollte, so war gleich der Stock da, um das arme Kind anzutreiben. Des Abends waren die Hande der Waise so starr wie die Klötze. Das Gnadenbrot, welches die Waisen essen, muß fast immer mit Schweiß und Blut bezahlt werden. Gott im Himmel allein hört die Seufzer der Waisen und zählt die Thränen, die von ihren Wangen rollen! -- Eines Tages, als das schwache Mädchen wieder die schwere Mühle drehte und voller Unmuth war, weil die Wirthin sie den Morgen nüchtern gelassen hatte, kam ein hinkender einäugiger Bettler in zerlumpten Kleidern heran. Es war aber kein wirklicher Bettler, sondern ein berühmter Zauberer aus Finnland, der sich, um nicht erkannt zu werden, in einen Bettler verwandelt hatte. Der Bettler setzte sich auf die Schwelle, sah sich die schwere Arbeit des Kindes an, nahm ein Stück Brot aus seinem Schultersack, steckte es dem Kinde in den Mund und sagte: »Mittag ist noch weit, iß etwas Brot zur Stärkung.« Die Waise nahm den trockenen Bissen und er schmeckte ihr besser als Weißbrot, auch fühlte sie gleich ihre Kräfte wieder zunehmen. Der Bettler sagte dann: »Dir Armen müssen wohl von dem ewigen Umdrehen der schweren Mühle die Hände recht müde sein?« Das Mädchen sah den Alten ungewiß an, wie um zu forschen, ob seine Frage ernsthaft oder spöttisch gemeint sei. Da sie aber fand, daß sein Antlitz einen liebreichen und ernsthaften Ausdruck hatte, so erwiederte sie: »Wer kümmert sich um die Hände einer Waise? Das Blut dringt mir immer unter die Nägel, und der Stock fährt mir über den Rücken, wenn ich nicht so viel arbeiten kann, als die Wirthin verlangt.« Der Bettler ließ sich nun ausführlich erzählen, was für ein Leben das Kind führe. Als die Waise geendigt hatte, nahm der Alte aus seinem Sacke ein altes Tuch, gab es ihr und sagte: »Wenn du dich heut Abend schlafen legst, so binde dies Tuch um deinen Kopf und seufze aus der Tiefe des Herzens: »Süßer Traum, trage mich dahin, wo ich eine Handmühle finde, welche von selbst mahlt, so daß ich mich nicht mehr abmühen darf!« Die Waise steckte das Tuch in ihren Busen und dankte dem Alten, der sich sogleich entfernte. Als sich das Waisenkind Abends schlafen legte, that es nach Vorschrift des Bettlers, band das Tuch um den Kopf und stieß unter Seufzern und Thränen seinen Wunsch aus, obgle