Project Gutenberg's Die Biene Maja und ihre Abenteuer, by Waldemar Bonsels This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org Title: Die Biene Maja und ihre Abenteuer Author: Waldemar Bonsels Release Date: April 10, 2007 [EBook #21021] Language: German Character set encoding: ISO-8859-1 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE BIENE MAJA UND IHRE ABENTEUER *** Produced by Louise Hope, Norbert H. Langkau and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net +Die Biene Maja und ihre Abenteuer+ Von diesem Buch ist eine Sonderausgabe erschienen, die auf bestem, holzfreien Hadernpapier gedruckt, in Halbleder gebunden und mit einem Bild des Verfassers nach einer Radierung von K. Wilczynski versehen ist. Sie ist einmalig, in der Anzahl beschränkt und durch alle Buchhandlungen sowohl wie durch den Verlag direkt zu beziehen. Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. +Waldemar Bonsels+ +Die Biene Maja+ und ihre Abenteuer 121. bis 130. Auflage 1919 Schuster & Loeffler, Berlin und Leipzig +Die russische Ausgabe+ bei G. Sabsowitsch, Verlag, Moskau +Die englische Ausgabe+ bei Ch. E. J. Kidd, Lenares +Die dänische Ausgabe+ bei E. Jespersen, Verlag, Kopenhagen +Die schwedische Ausgabe+ bei C. W. K. Gleerup, Verlag, Lund +Die finnische Ausgabe+ bei Werner Söderström Osakeyhtiö Porvoo, Suomi +Die holländische Ausgabe+ im Verlag »Patria«, Amersfort Copyright 1912 by Schuster & Loeffler, Berlin Spamersche Buchdruckerei in Leipzig +Kapitelfolge+ Seite I. Kapitel: Majas Flucht aus der Heimatstadt 9 II. Kapitel: Peppis Rosenhaus 18 III. Kapitel: Der Waldsee und seine Leute 27 IV. Kapitel: Iffi und Kurt 41 V. Kapitel: Der Grashüpfer 54 VI. Kapitel: Puck 63 VII. Kapitel: Majas Gefangenschaft bei der Spinne 74 VIII. Kapitel: Die Wanze und der Schmetterling 88 IX. Kapitel: Hannibals Kampf mit dem Menschen 94 X. Kapitel: Die Wunder der Nacht 110 XI. Kapitel: Die Elfenfahrt 125 XII. Kapitel: Der Dichter Alois Siebenpunkt 132 XIII. Kapitel: Die Räuberburg 139 XIV. Kapitel: Die Flucht 146 XV. Kapitel: Die Heimkehr 154 XVI. Kapitel: Die Schlacht der Bienen und Hornissen 162 XVII. Kapitel: Die Freundin der Königin 173 Erstes Kapitel +Majas Flucht aus der Heimatstadt+ Die ältere Bienendame, die der kleinen Biene Maja behilflich war, als sie zum Leben erwachte und aus ihrer Zelle schlüpfte, hieß Kassandra und hatte großes Ansehen im Stock. Es waren damals sehr aufgeregte Tage, weil im Volk der Bienen eine Empörung ausgebrochen war, die die Königin nicht unterdrücken konnte. Während die erfahrene Kassandra der kleinen Maja, deren Erlebnisse ich erzählen werde, die großen blanken Augen trocknete und ihr die zarten Flügel etwas in Ordnung zu bringen suchte, brummte der große Bienenstock bedrohlich, und die kleine Maja fand es sehr warm und sagte es ihrer Begleiterin. Kassandra sah sich besorgt um, aber sie antwortete der Kleinen nicht gleich. Sie wunderte sich darüber, daß das Kind schon so früh etwas auszusetzen fand, aber im Grunde war es richtig, die Wärme und das Gedränge waren beinahe unerträglich. Maja sah ununterbrochen Biene auf Biene an sich vorübereilen, das Geschiebe und die Eile waren so groß, daß zuweilen die eine über die andere fortkletterte und wieder andere sich wie zu Klumpen geballt vorüberwälzten. Einmal war die Königin in ihrer Nähe gewesen. Kassandra und Maja wurden etwas beiseitegedrängt, aber eine Drohne, ein freundlicher junger Bienenherr von gepflegtem Aussehen, war ihnen behilflich. Er nickte Maja zu und strich sich etwas erregt mit dem Vorderbein, das bei den Bienen als Arm und Hand gebraucht wird, über seine glänzenden Brusthaare. »Das Unheil wird hereinbrechen«, sagte er zu Kassandra. »Der Schwarm der Revolutionäre wird die Stadt verlassen. Sie haben schon eine neue Königin ausgerufen.« Kassandra beachtete ihn fast gar nicht. Sie hatte sich nicht einmal für die Hilfe bedankt, und Maja empfand deutlich, daß die alte Dame recht unfreundlich gegen den jungen Herrn war. Sie wagte nicht recht zu fragen, die Eindrücke kamen alle so rasch hintereinander und drohten sie zu überwältigen. Die Erregung teilte sich ihr mit, und sie begann ein feines helles Summen. »Was fällt dir ein«, sagte Kassandra. »Ist nicht schon Lärm genug?« Maja war sofort still und richtete ihre Augen fragend auf ihre ältere Freundin. »Komm hierher,« sagte diese zu Maja, »wir wollen versuchen, uns hier etwas zu sammeln.« Sie schob Maja bei ihrem schönen glänzenden Flügel, der noch weich und ganz neu und wundervoll durchsichtig war, in eine wenig besuchte Ecke vor ein paar Wabenschränke, die mit Honig gefüllt waren. Maja blieb stehn und hielt sich an einem der Schränke fest. »Hier riecht es ausgezeichnet«, sagte sie zu Kassandra. Die Alte wurde wieder ganz nervös: »Du mußt warten lernen«, antwortete sie. »Kind, ich habe in diesem Frühling schon viele hundert junge Bienen erzogen und für ihre erste Ausfahrt unterrichtet, aber mir ist noch keine vorgekommen, die so naseweis gewesen wäre. Du scheinst eine Ausnahmenatur zu sein.« Maja errötete und fuhr mit den beiden zarten Fingerchen ihrer Hand in den Mund: »Was ist das?« fragte sie schüchtern, »eine Ausnahmenatur.« »O, das ist etwas durchaus Unschickliches«, rief Kassandra, die allerdings die Handbewegung der kleinen Biene meinte und ihre Frage nicht beachtet hatte. »Jetzt merke genau auf alles, was ich dir sage, denn ich kann dir nur kurze Zeit widmen, es sind schon wieder neue Junge ausgeschlüpft und meine einzige Gehilfin in dieser Etage, Turka, ist ohnehin aufs äußerste überarbeitet und klagte in den letzten Tagen über Ohrensausen. Setz dich hier.« Maja gehorchte und schaute mit ihren großen braunen Augen auf ihre Lehrerin. »Die erste Regel, die eine junge Biene sich merken muß,« sagte Kassandra und seufzte, »ist, daß jede in allem, was sie denkt und tut, den anderen gleichen und an das Wohlergehn aller denken muß. Es ist bei der Staatsordnung, die wir seit undenkbar langer Zeit als die richtige erkannt haben und die sich auch aufs beste bewährt hat, die einzige Grundlage für das Wohl des Staates. Morgen wirst du ausfliegen. Eine ältere Gefährtin wird dich begleiten. Du darfst zuerst nur kleine Strecken fliegen und mußt dir die Gegenstände genau merken, an denen du vorüberkommst, damit du immer zurückfliegen kannst. Deine Begleiterin wird dir die hundert Blumen und Blüten beibringen, die den besten Honig haben, die mußt du auswendig lernen, das bleibt keiner Biene erspart. Die erste Zeile kannst du dir gleich merken: 'Heidekraut und Lindenblüte.' Sag es nach.« »Das kann ich nicht,« sagte die kleine Maja, »das ist furchtbar schwer. Ich werde es ja später auch schon sehn.« Die alte Kassandra riß die Augen auf und schüttelte den Kopf. »Mit dir wird es schlecht hinausgehn,« seufzte sie, »das sehe ich schon jetzt.« »Soll ich denn später den ganzen Tag Honig sammeln?« fragte die kleine Maja. Kassandra seufzte tief und sah die kleine Biene einen Augenblick ernst und traurig an. Es erschien, als erinnerte sie sich ihres eigenen Lebens, das von Anfang bis zu Ende voll Mühe und Arbeit gewesen war. Und dann sagte sie mit veränderter Stimme und sah Maja liebreich an: »Meine kleine Maja, du wirst den Sonnenschein kennenlernen, hohe grüne Bäume und blühende Wiesen voller Blumen, Silberseen und schnelle glitzernde Bäche, den strahlenden blauen Himmel, und zuletzt vielleicht sogar den Menschen, der das Höchste und Vollkommenste ist, was die Natur hervorgebracht hat. Über allen diesen Herrlichkeiten wird dir deine Arbeit zur Freude werden. Sieh, dies alles steht dir ja noch bevor, mein Herzelein, du hast Grund, glücklich zu sein.« »Gut,« sagte die kleine Maja, »das will ich denn auch.« Kassandra lächelte gütig. Sie wußte nicht recht, woher es kam, aber sie hatte plötzlich eine ganz besondere Liebe zur kleinen Maja gefaßt, wie sie sich kaum erinnerte jemals für eine andere junge Biene gefühlt zu haben. Und so mag es denn wohl gekommen sein, daß sie der kleinen Maja mehr sagte und erzählte, als für gewöhnlich die Bienen an ihrem ersten Lebenstag hören. Sie gab ihr vielerlei besondere Ratschläge, warnte sie vor den Gefahren der argen Welt draußen und nannte ihr die gefährlichsten Feinde, die das Volk der Bienen hat. Endlich sprach sie auch lange von den Menschen und legte in das Herz der keinen Biene die erste Liebe zu ihnen und den Keim einer großen Sehnsucht, sie kennenzulernen. »Sei höflich und gefällig gegen alle Insekten, die dir begegnen,« sagte sie zum Schluß, »dann wirst du mehr von ihnen lernen, als ich dir heute sagen kann, aber hüte dich vor den Hornissen und Wespen. Die Hornissen sind unsere mächtigsten und bösesten Feinde, und die Wespen sind ein unnützes Räubergeschlecht ohne Heimat und Glauben. Wir sind stärker und mächtiger als sie, aber sie stehlen und morden, wo sie können. Du kannst deinen Stachel gegen alle Insekten brauchen, um dir Achtung zu verschaffen und um dich zu verteidigen, aber wenn du ein warmblütiges Tier stichst oder gar einen Menschen, so mußt du sterben, weil dein Stachel in ihrer Haut hängenbleibt und zerbricht. Steche solche Wesen nur im Falle der höchsten Not, aber dann tu es mutig und fürchte den Tod nicht, denn wir Bienen verdanken unser großes Ansehen und die Achtung, die wir überall genießen, unserem Mut und unserer Klugheit. Und nun leb wohl, kleine Maja, hab Glück in der Welt und sei deinem Volk und deiner Königin treu.« Die kleine Biene nickte und erwiderte den Kuß und die Umarmung ihrer alten Lehrerin. Sie legte sich mit heimlicher Freude und Erregung zum Schlaf nieder und konnte vor Neugierde kaum einschlummern, denn mit dem kommenden Tag sollte sie die große weite Welt kennenlernen, die Sonne, den Himmel und die Blumen. In der Bienenstadt war es inzwischen ruhig geworden. Ein großer Teil der jüngeren Bienen hatte das Reich verlassen, um einen neuen Staat zu begründen. Lange hörte man den großen Schwarm im Sonnenschein brausen. Es war nicht aus Übermut oder böser Gesinnung gegen die Königin geschehn, sondern das Volk hatte sich so stark vermehrt, daß die Stadt nicht mehr Raum genug für alle Bewohner bot und daß unmöglich so viel Honigvorräte eingebracht werden konnten, daß alle über den Winter ihr Auskommen hatten. Denn ein großer Teil des Honigs, der im Sommer gesammelt wurde, mußte an den Menschen abgetreten werden. Das waren alte Staatsverträge, dafür sicherten die Menschen das Wohlergehn der Stadt, sorgten für Ruhe und Sicherheit und im Winter für Schutz gegen die Kälte. Am anderen Morgen hörte Maja an ihrem Lager den fröhlichen Ruf: »Die Sonne ist aufgegangen!« Sofort sprang sie empor und schloß sich einer Honigträgerin an. »Gut,« sagte diese freundlich, »du kannst mit mir fliegen.« Am Tor hielten die Wächter sie an. Es war ein rechtes Gedränge. Einer der Torhüter sagte der kleinen Maja das Losungswort ihres Volkes, ohne das keine Biene in die Stadt gelassen wird. »Merk es dir«, sagte er, »und viel Glück auf deinen ersten Weg.« Als die kleine Biene vor das Stadttor trat, mußte sie die Augen schließen vor der Fülle von Licht, die ihr entgegenströmte. Es war ein Leuchten von Gold und Grün, so über alles reich und warm und strahlend, daß sie vor Seligkeit nicht wußte, was sie tun oder sagen sollte. »Das ist aber wirklich großartig«, sagte sie zu ihrer Begleiterin. »Fliegt man da hinein?!« »Nur zu!« sagte die andere. Da hob die kleine Maja ihr Köpfchen, bewegte ihre schönen neuen Flügel und empfand plötzlich, daß das Flugbrett, auf dem sie saß, zu versinken schien. Und zugleich war ihr, als glitte das Land unter ihr fort, nach hinten hin fort, und als kämen die großen grünen Kuppeln vor ihr auf sie zu. Ihre Augen glänzten, ihr Herz jubelte. »Ich fliege,« rief sie, »das kann nur Fliegen sein, was ich tue! Das ist aber in der Tat etwas ganz Ausgezeichnetes.« »Ja, du fliegst«, sagte die Honigträgerin, die Mühe hatte, an Majas Seite zu bleiben. »Das sind die Linden, auf die wir zufliegen, unsere Schloßlinden, daran kannst du dir die Lage unserer Stadt merken. Aber du fliegst wirklich sehr schnell, Maja.« »Das kann man gar nicht rasch genug«, sagte Maja. »O, wie duftet der Sonnenschein!« »Nein,« sagte die Trägerin, die etwas außer Atem war, »das sind die Blüten. Aber nun fliege langsamer, sonst bleibe ich zurück, und du kannst dir auch auf diese Art die Gegend nicht für den Rückweg merken.« Aber die kleine Maja hörte nicht. Sie war wie in einem Rausch von Freude, Sonne und Daseinsglück. Ihr war, als glitte sie pfeilgeschwind durch ein grünleuchtendes Meer von Licht, einer immer größeren Herrlichkeit entgegen. Die bunten Blumen schienen sie zu rufen, die stillen beschienenen Fernen lockten sie und der blaue Himmel segnete ihren jauchzenden Jugendflug. So schön wird es nie mehr, wie es heute ist, dachte sie, ich kann nicht umkehren, ich kann an nichts denken, als an die Sonne. Unter ihr wechselten die bunten Bilder, langsam und breit zog das friedliche Land im Licht dahin. Die ganze Sonne muß aus Gold sein, dachte die kleine Biene. Als sie über einem großen Garten angelangt war, der in lauter blühenden Wolken von Kirschbäumen, Rotdorn und Flieder zu ruhn schien, ließ sie sich zu Tode erschöpft nieder. Sie fiel in ein Beet von roten Tulpen und hielt sich an einer der großen Blüten fest, preßte sich an die Blumenwand, atmete tief und beseligt und sah über den schimmernden Lichträndern der Blume den strahlend blauen Himmel. »O, wie tausendmal schöner ist es in der großen Welt draußen,« rief sie, »als in der dunklen Bienenstadt. Niemals werde ich nach dort zurückkehren, um Honig zu tragen oder Wachs zu bereiten. O nein, niemals werde ich das tun. Ich will die blühende Welt sehen und kennenlernen, ich bin nicht, wie die andern Bienen sind, mein Herz ist für Freude und Überraschungen, für Erlebnisse und Abenteuer bestimmt. Ich will keine Gefahren fürchten, habe ich nicht Kraft und Mut und einen Stachel?« Sie lachte vor Übermut und Freude und nahm einen tiefen Schluck Honigsaft aus dem Kelch der Tulpe. Großartig, dachte sie, es ist wirklich herrlich, zu leben. Ach, wenn die kleine Maja geahnt hätte, wie vielerlei an Gefahren und Not ihrer wartete, hätte sie sich sicherlich besonnen. Aber sie ahnte es nicht und blieb bei ihrem Vorsatz. Ihre Müdigkeit überwältigte sie bald, und sie schlief ein. Als sie erwachte, war die Sonne fort, und das Land lag in Dämmerung. Ihr Herz schlug doch ein wenig, und sie verließ zögernd die Blume, die im Begriff war, sich für die Nacht zu schließen. Unter einem großen Blatt, hoch im Wipfel eines alten Baums, versteckte sie sich, und im Einschlafen dachte sie zuversichtlich: Ich will nicht gleich am Anfang den Mut verlieren. Die Sonne kommt wieder, das ist bestimmt, Kassandra hat es gesagt, man muß nur fest und ruhig schlafen. Zweites Kapitel +Peppis Rosenhaus+ Als die kleine Maja erwachte, war es schon hell geworden. Sie fror ein wenig unter ihrem großen grünen Blatt, und die ersten Bewegungen, die sie machte, gelangen ihr nur schwerfällig und langsam. Sie hielt sich an einem Äderchen des Blattes fest und ließ ihre Flügel zittern und flimmern, damit sie geschmeidig und frei von Staub werden möchten. Dann glättete sie ihre blonden Haare und wischte sich die großen Augen blank. Vorsichtig kroch sie etwas weiter, bis an den Rand des Blattes, und schaute sich um. Sie war ganz geblendet von der Pracht und dem Glanz der Morgensonne umher. Die Blätter leuchteten wie grünes Gold hoch über ihr, da wo sie selbst saß, war es noch kühl im Schatten. O du herrliche Welt, dachte die kleine Biene. Nur langsam entsann sie sich aller Erlebnisse des vergangenen Tags, aller Gefahren und aller Schönheiten, die sie gesehn hatte. Aber sie blieb entschlossen, nicht in den Stock zurückzukehren. Freilich, wenn sie an Kassandra dachte, klopfte ihr Herz. Aber es war ja unmöglich, daß Kassandra sie jemals finden würde. Nein, es war nun einmal ihre Freude nicht, immer ein und ausfliegen zu müssen, Honig zu tragen oder Wachs zu bereiten. Sie wollte glücklich und frei sein und das Leben auf ihre Art genießen, mochte kommen was wollte, sie würde es ertragen. So leichtsinnig dachte Maja, jedenfalls auch deshalb, weil sie keine rechte Vorstellung von allem hatte, was ihrer noch wartete. Irgendwo fern in der Sonne schimmerte es rot. Maja sah es glänzen und leuchten, und eine heimliche Ungeduld befiel sie. Sie verspürte auch, daß sie hungrig war. Da schwang sie sich mutig mit einem hellen frohen Summen aus ihrem Versteck, weit hinein in die helle flimmernde Luft und in den warmen Sonnenschein. Sie steuerte in ruhigem Flug grade auf das rote Blumenlicht zu, das ihr zu winken schien, und als sie in die Nähe kam, spürte sie den Hauch eines so süßen Duftes, daß sie beinahe betäubt wurde und die große rote Blume nur mit Mühe erreichte. Sie schwang sich auf das äußerste, gewölbte Blumenblatt und hielt sich fest. Da rollte ihr, mit der leisen Bewegung, in die das Blatt geraten war, eine funkelnde silberne Kugel entgegen, fast so groß wie sie selbst, durchsichtig und flimmernd in allen Farben des Regenbogens. Maja erschrak furchtbar, obgleich die Pracht dieser kühlen Silberkugel sie entzückte. Der durchsichtige Ball rollte vorüber, neigte sich über den Rand des Blattes, sprang in den Sonnenschein und fiel nieder ins Gras. Maja stieß einen leisen Ruf des Schreckens aus, als sie sah, daß die schöne Kugel unten in viele winzige Perlchen zersprungen war. Aber es flimmerte nun im Gras so belebt und frisch, rann in zitternden Tröpflein an den Halmen nieder und funkelte, wie Diamanten im Lampenlicht blitzen. Maja hatte erkannt, daß es ein großer Wassertropfen gewesen war, der sich im Kelch der Blume in der feuchten Nacht gebildet hatte. Als sie sich dem Kelch wieder zuwandte, sah sie einen Käfer mit braunen Flügeldecken und einem schwarzen Brustschild am Eingang zum Blumenkelch sitzen. Er war etwas kleiner als sie, behauptete seinen Platz ruhig und sah sie ernst, aber durchaus nicht unfreundlich an. Maja begrüßte ihn höflich. »Gehörte die Kugel Ihnen?« fragte sie. Und als der Käfer nicht antwortete, fügte sie hinzu. »Es tut mir sehr leid, sie hinabgeworfen zu haben.« »Meinen Sie den Tautropfen?« fragte der Käfer und lächelte etwas überlegen. »Deswegen brauchen Sie sich keine Sorge zu machen. Ich hatte bereits getrunken, und meine Frau trinkt niemals Wasser, weil sie mit den Nieren zu tun hat. Was wollen Sie hier?« »Was ist dies für eine herrliche Blume?« sagte Maja, ohne auf seine Frage zu antworten. »Würden Sie so gütig sein, mich zu unterrichten, wie sie heißt?« Sie erinnerte sich der Ratschläge Kassandras und war so höflich als möglich. Der Käfer bewegte seinen blanken glänzenden Kopf im Rückenschild. Dies ließ sich leicht und angenehm bewerkstelligen, da er ganz prächtig hineinpaßte und lautlos hin und her glitt. »Sie sind wohl erst von gestern?« fragte er und lachte, nicht grade höflich, über Majas Unkenntnis. Überhaupt hatte er etwas, was Maja als unfein auffiel, die Bienen waren gebildeter und wußten sich besser zu benehmen. Aber gutmütig schien der Käfer doch zu sein, denn als er sah, wie Majas Wangen sich mit einer feinen Röte der Verlegenheit überzogen, wurde er nachsichtiger gegen ihre Unwissenheit. »Es ist eine Rose,« sagte er, »damit Sie es denn also nun wissen. Wir haben sie vor vier Tagen bezogen und sie ist inzwischen unter unsrer Pflege auf das prächtigste gediehen. Darf ich Sie bitten näher zu treten?« Maja zögerte, aber sie überwand ihre Besorgnis und machte ein paar Schritte. Der Käfer drückte ein helles Blättchen beiseite, und sie betraten nebeneinander die schmalen Gemächer mit ihren hellroten, duftenden Wänden und ihrem gedämpften Licht. »Sie haben es wirklich reizend«, sagte Maja, die ehrlich entzückt war. »Und dieser Duft hat etwas gradezu Betörendes.« Dem Käfer machte es Freude, daß Maja Gefallen an seiner Wohnstätte fand. »Man muß wissen, wo man sich aufhält«, sagte er und lächelte wohlwollend. »'Sage mir, wo du umgehst, und ich werde dir sagen, wieviel du wert bist', sagt ein altes Sprichwort. Ist etwas Honig gefällig?« »Ach,« platzte Maja heraus, »das wäre mir wirklich sehr angenehm.« Der Käfer nickte und verschwand hinter einer der Wände. Maja sah sich glücklich um. Sie schmiegte ihre Wange und ihre Händchen an die zarten rotleuchtenden Vorhänge, atmete den köstlichen Duft tief ein und war beseligt vor Freude, sich in einer so schönen Wohnung aufhalten zu dürfen. Es ist doch wirklich ein großer Genuß zu leben, dachte sie, und diese Behausung ist den dumpfen und überfüllten Etagen nicht zu vergleichen, in denen wir leben und arbeiten. Schon diese Stille ist ganz herrlich. Da hörte sie den Käfer hinter den Wänden in ein lautes Schelten ausbrechen. Er brummte erregt und böse, und es war Maja, als packte er jemanden, den er unsanft vor sich herstieß. Dazwischen vernahm sie ein helles Stimmchen voll Angst und Verdruß und sie verstand die Worte: »Natürlich, wenn ich allein bin, dürfen Sie sich herausnehmen, mir zu nahe zu treten; aber warten Sie, wie es Ihnen ergehn wird, wenn ich meine Gefährten hole. Sie sind ein Grobian. Gut, ich gehe. Aber Sie werden die Bezeichnung, die ich Ihnen gegeben habe, niemals vergessen.« Maja war sehr erschrocken über die eindringliche Stimme des Fremden, die scharf und böse klang. Sie hörte dann noch, wie jemand sich eilig entfernte. Der Käfer kam zurück und warf mürrisch ein Klümpchen Honig hin. »Es ist ein Skandal,« sagte er, »nirgends hat man Ruhe vor diesem Gesindel.« Maja vergaß vor Hunger zu danken, sie nahm rasch einen Mund voll und kaute, während der Käfer sich den Schweiß von der Stirn trocknete und seinen oberen Brustring etwas lockerte, um leichter atmen zu können. »Wer war denn da?« fragte Maja mit vollem Mund. »Essen Sie bitte erst den Mund leer, schlucken Sie erst herunter,« sagte der Käfer, »so versteht man Sie nicht.« Maja gehorchte, aber der erregte Hausbesitzer ließ ihr keine Zeit zu einer neuen Frage. Ärgerlich fuhr er heraus: »Eine Ameise war es. Glauben denn diese Leute, man sparte und sorgte sich Stunde für Stunde nur für sie. Und so ohne Gruß und Anstand in die Vorratskammern zu dringen! Es empört mich. Wenn ich nicht wüßte, daß es bei diesen Tieren in der Tat Mangel an Lebensart ist, würde ich keinen Augenblick anstehen, sie als Diebe zu kennzeichnen.« -- Er besann sich plötzlich und wandte sich Maja zu: »Sie verzeihen, ich vergaß mich Ihnen vorzustellen, ich heiße Peppi, von der Familie der Rosenkäfer.« »Ich heiße Maja,« sagte die kleine Biene schüchtern, »es freut mich sehr, Sie kennengelernt zu haben.« Sie betrachtete den Käfer Peppi genau. Er verbeugte sich wiederholt und breitete dabei seine Fühler wie zwei kleine braune Fächer aus. Das gefiel Maja außerordentlich. »Sie haben entzückende Fühler,« sagte sie, »einfach süß ...« »Nun ja,« meinte Peppi geschmeichelt, »darauf hält man. Wollen Sie auch die Rückseite sehn?« »Wenn ich bitten darf«, sagte Maja. Der Käfer drehte die gefächerten Fühler zur Seite und ließ einen Sonnenstrahl darüber gleiten. »Famos, nicht?« fragte er. »Ich hätte so was nicht für möglich gehalten«, entgegnete Maja. »Meine eigenen Fühler sind sehr unscheinbar.« »Nun ja,« meinte Peppi, »jedem das Seine. Dafür haben Sie zweifellos schöne Augen und die goldene Färbung Ihres Körpers hat viel für sich.« Die kleine Maja strahlte vor Glück. Es hatte ihr noch niemand gesagt, daß etwas an ihr schön sei. Sie wurde ganz übermütig vor Lebensfreude und nahm rasch noch ein Klümpchen Honig. »Es ist eine ausgezeichnete Qualität«, sagte sie. »Bitte nehmen Sie nur noch,« sagte Peppi, etwas erstaunt über den Appetit seines Gastes, »es ist Rosenhonig erster Ernte. Man muß sich etwas in acht nehmen, damit man sich nicht den Magen verdirbt. Es ist auch noch Tau da, wenn Sie vielleicht Durst verspüren.« »Vielen Dank«, sagte Maja. »Ich möchte nun fliegen, wenn Sie erlauben.« Der Käfer lachte. »Fliegen und immer fliegen,« sagte er, »das liegt euch Bienen im Blut. Ich begreife diese ruhlose Art nicht recht. Es hat doch viel für sich, am Platze zu bleiben, finden Sie nicht?« »Ach, ich fliege so gern«, sagte die kleine Maja. Der Käfer öffnete ihr höflich den roten Vorhang. »Ich will Sie noch hinausbegleiten. Ich führe Sie zu einem Aussichtsblatt, von dem Sie bequem abfliegen können.« »O, danke,« sagte Maja, »ich kann abfliegen, wo ich will.« »Das haben Sie vor mir voraus,« sagte Peppi, »ich habe etwas Mühe mit der Entfaltung der unteren Flügel.« Er drückte ihr die Hand und schob den letzten Vorhang zur Seite. »O Gott, der blaue Himmel,« jubelte Maja, »leben Sie wohl.« »Auf Wiedersehn«, sagte Peppi und blieb eine Weile auf dem höchsten Rosenblatt sitzen, um der kleinen Maja nachzusehn, die schnell in einer geraden Linie hoch in den Himmel hinaufflog, in den goldenen Sonnenschein und in die reine Morgenluft. Dann seufzte er heimlich auf und zog sich nachdenklich wieder in den kühlen Rosenkelch zurück. Es wurde ihm etwas warm, obgleich es noch früh war. Er summte sein Morgenlied vor sich hin, das im roten Schein der Rosenblätter und im warmen Sonnenglanz erklang: Alles steht in gold und grün warm und sommerlich. Nur solang die Rosen blühn, ist es schön für mich. Meine Heimat weiß ich nicht, köstlich ist mir dies: daß ich so im Rosenlicht meinen Tag genieß'. Wenig weiß ich von der Welt, wo ich glücklich bin. Wenn die Rose welkt und fällt, muß auch ich dahin. Und draußen zog langsam der strahlende Frühlingstag über die blühende Erde herauf. Drittes Kapitel +Der Waldsee und seine Leute+ Ach, dachte die kleine Maja im Dahinfliegen, nun habe ich vergessen, Peppi nach den Menschen zu fragen. Ein so erfahrener Mann, wie er, hätte mir sicherlich die beste Auskunft geben können. Aber vielleicht würde sie heute noch selbst einem Menschen begegnen. Voll Unternehmungslust und Frohsinn ließ sie ihre blanken Augen über das weite bunte Land schweifen, das sich unter ihr in seiner sommerlichen Pracht ausbreitete. Sie kam an einem großen Garten vorüber, in dem es von tausend Farben leuchtete. Es begegneten ihr vielerlei Insekten, die ihr Wandergrüße zuriefen und frohe Fahrt und gute Ernte wünschten. Jedesmal wenn sie einer Biene begegnete, schlug anfänglich ihr Herz ein wenig, denn sie fühlte sich in ihrer Untätigkeit doch etwas schuldig und fürchtete sich, Bekannte zu treffen. Aber sie merkte bald, daß die Bienen sich weiter nicht um sie kümmerten. Da sah sie plötzlich den blauen Himmel in unendlicher Tiefe unter sich leuchten. Sie dachte zuerst in großem Schrecken, sie wäre vielleicht viel zu hoch geflogen und hätte sich im Himmel verirrt, aber da sah sie, daß sich am Rande dieses unterirdischen Himmels die Bäume spiegelten, und sie erkannte zu ihrem Entzücken, daß es ein großes, stilles Wasserbecken war, das blau und klar im ruhigen Morgen dalag. Sie ließ sich voll Freude bis dicht auf die Oberfläche nieder und konnte nun sich selbst im Spiegelbild im Wasser fliegen sehen, sie sah ihre hellen Flügel wie reines flimmerndes Glas blinken, gewahrte, daß ihre Beinchen richtig am Körper lagen, wie Kassandra es sie gelehrt hatte, und sah die schöne Goldfarbe ihres Körpers im Wasser scheinen. Es ist wirklich eine Wonne, so über eine Wasserfläche dahinzufliegen, jubelte sie. Sie erblickte große und kleine Fische, die in der hellen Flut dahinschwammen, oder ganz ruhig darin zu schweben schienen. Maja hütete sich wohl, ihnen zu nahe zu kommen, denn sie wußte, daß ihr vom Geschlecht der Fische Gefahr drohte. Als sie am andern Ufer des Sees anlangte, lockte das warme Schilf sie und die riesengroßen Blätter der Seerosen, die wie grüne Teller auf dem Wasser lagen. Sie wählte eines der verborgensten Blätter, über dem die hohen blanken Schilfhalme sich in der Sonne wiegten, und das selbst beinahe ganz im Schatten lag. Nur ein paar runde Sonnenflecke lagen darauf, wie Goldmünzen. »Herrlich,« sagte die kleine Biene, »also wirklich ganz herrlich.« Sie begann sich ein wenig zu säubern, indem sie mit beiden Armen hinter ihren Kopf griff und ihn etwas nach vorn zog, als ob sie ihn abreißen wollte. Aber sie hütete sich, zu fest zu ziehn, es handelte sich nur darum, den Staub zu entfernen. Dann strich sie mit den Hinterbeinchen über die Flügeldecken, so daß sie sich nach unten bogen und wundervoll blank wieder in ihre alte Lage zurückschnellten. Da kam ein kleiner stahlblauer Brummer zu ihr, ließ sich neben ihr auf dem Blatt nieder und schaute sie erstaunt an. »Was wollen Sie hier auf meinem Blatt?« fragte er. Maja erschrak. »Man wird sich doch wohl einen Augenblick ausruhen dürfen«, sagte sie. Sie erinnerte sich, daß Kassandra ihr mitgeteilt hatte, daß das Volk der Bienen überall in der Insektenwelt in großem Ansehen stehe. Nun wollte sie einmal eine Probe machen, ob es ihr gelänge, sich in Respekt zu setzen. Aber ihr Herz klopfte doch etwas, weil sie sehr laut und entschieden geantwortet hatte. Der Brummer erschrak in der Tat sichtlich, als er merkte, daß Maja nicht willens war, sich etwas vorschreiben zu lassen. Mit verdrossenem Summen schwang er sich auf einen Schilfhalm, der sich über das Blatt neigte, auf dem Maja saß, und sagte um vieles höflicher von oben herunter aus dem Sonnenschein: »Sie sollten lieber einiges arbeiten, wie es sich für Sie gehört, aber wenn Sie der Ruhe bedürfen ... immerhin. Ich werde hier warten.« »Es sind doch wirklich Blätter genug da«, meinte Maja. »Alles vermietet«, sagte er. »Man ist heutzutage froh, wenn man ein kleines Grundstück sein eigen nennt. Wäre mein Vorgänger nicht vor zwei Tagen vom Frosch gefangen worden, so hätte ich heute noch keine rechte Unterkunft. Immer bald hier, bald dort zu übernachten, hat viel gegen sich. Es hat halt nicht jeder ein so geordnetes Staatswesen, wie Sie es pflegen. Übrigens mein Name ist Hans Christoph, mit Verlaub mich Ihnen vorzustellen.« Maja schwieg und dachte mit Schrecken darüber nach, wie furchtbar es sein müsse, in die Gewalt des Frosches zu geraten. »Gibt es in diesem Gewässer viele Frösche?« fragte sie den Brummer und setzte sich genau in die Mitte des Blattes, damit man sie vom Wasser aus nicht erblickte. Der Brummer lachte. »Geben Sie sich keine Mühe,« spottete er, »der Frosch kann Sie von unten sehn, wenn die Sonne leuchtet, weil das Blatt dann durchscheint. Er sieht ganz genau, wie Sie auf meinem Blatt sitzen.« Maja, die von der bösen Vorstellung befallen wurde, dicht unter ihrem Blatt säße vielleicht ein großer Frosch und schaute sie mit seinen vorquellenden, hungrigen Augen an, wollte rasch auffliegen, als etwas ganz Furchtbares geschah, worauf sie in der Tat in keiner Weise vorbereitet war. Anfangs konnte sie in der ersten Verwirrung nicht genau unterscheiden, was eigentlich vor sich ging, sie hörte nur ein helles, klirrendes Sausen über sich, das so klang, als schwirrte der Wind in welken Blättern; dazu hörte sie ein singendes Pfeifen, einen hellen zornigen Jagdruf, und ein feiner, durchsichtiger Schatten huschte über ihr Blatt. Und dann erkannte sie, und ihr Herz stand still vor Angst, daß eine große, schillernde Libelle sich des armen Hans Christophs bemächtigt hatte und den verzweifelt Schreienden in ihren großen, messerspitzen Fängen hielt. Sie ließ sich mit ihrer Beute auf dem Schilfhalm nieder, der sich unter ihrer Last etwas niederbeugte, so daß Maja die beiden über sich schweben sah und zugleich das Spiegelbild im klaren Wasser. Hans Christophs Geschrei zerriß ihr Herz. Ohne Besinnen rief sie laut: »Lassen Sie sofort den Brummer los, wer immer Sie sein mögen. Sie haben nicht das geringste Recht, in so eigenmächtiger Weise in die Gewohnheiten anderer einzugreifen.« Die Libelle ließ den Brummer aus ihren Fängen, hielt ihn aber sorgfältig mit den Armen fest und drehte den Kopf nach Maja um. Maja erschrak sehr über die großen ernsten Augen der Libelle und über die bösen Beißzangen, die sie hatte, aber das Glitzern ihrer Flügel und ihres Leibes entzückte sie. Es blitzte wie Wasser, Glas und Edelsteine. Nur die ungeheure Größe der Libelle entsetzte sie, sie begriff ihren Mut nicht mehr und begann auf das heftigste zu zittern. Aber die Libelle sagte ganz freundlich: »Kind, was ist denn mit Ihnen?« »Lassen Sie ihn los,« rief Maja und in ihre Augen kamen Tränen, »er heißt Hans Christoph ...« Die Libelle lächelte. »Weshalb denn, Kleine?« fragte sie und machte ein interessiertes Gesicht, das aber einen Ausdruck von großer Herablassung hatte. Maja stotterte hilflos: »Ach, er ist doch ein so netter, sauberer Herr und hat Ihnen, soviel ich weiß, nichts zuleide getan.« Die Libelle sah Hans Christoph nachdenklich an: »Ja, er ist ein lieber, kleiner Kerl«, antwortete sie zärtlich und biß ihm den Kopf ab. Maja glaubte die Besinnung zu verlieren, so sehr erschütterte sie dieser Vorgang. Sie konnte lange kein Wort hervorbringen und mußte nun, voll Grauen, die krachenden und knuspernden Laute hören, unter denen der Körper des stahlblauen Hans Christoph über ihr zerlegt wurde. »Stellen Sie sich doch nicht an,« sagte die Libelle mit vollem Mund und kaute weiter, »Ihre Empfindsamkeit macht nur geringen Eindruck auf mich. Machen Sie es denn besser? Augenscheinlich sind Sie noch sehr jung und haben sich im eigenen Hause nur wenig umgesehn. Wenn im Sommer das Drohnenmorden in Ihrem Stock beginnt, empört sich die Umwelt nicht weniger, und ich meine, mit mehr Recht.« Maja fragte: »Sind Sie fertig da oben?« Sie konnte sich nicht entschließen hinaufzusehen. »Ein Bein ist noch da«, sagte die Libelle. »Schlucken Sie es bitte herunter, dann werde ich Ihnen antworten«, rief Maja, die genau wußte, weshalb die Drohnen im Sommer im Bienenstock getötet werden mußten, und die sich über die Dummheit der Libelle ärgerte. »Aber unterstehen Sie sich nicht, mir auch nur um einen Schritt näher zu treten. Ich würde mich nicht besinnen, unverzüglich von meinem Stachel Gebrauch zu machen.« Die kleine Maja war wirklich sehr ärgerlich geworden. Zum erstenmal erwähnte sie ihren Stachel und zum erstenmal freute sie sich dieser Waffe. Die Libelle machte böse Augen. Sie hatte ihre Mahlzeit beendet und saß nun, etwas geduckt, da, schaute Maja lauernd an und sah aus wie ein Raubtier, das im Begriff ist, sich auf seine Beute zu stürzen. Aber die kleine Biene blieb nun ganz ruhig. Sie konnte nicht recht begreifen, woher ihr Mut kam, aber sie empfand keine Furcht mehr. Sie ließ ein ganz feines helles Summen hören, wie sie es einmal im Stock vom Wächter gehört hatte, als eine Wespe sich dem Flugloch näherte. Die Libelle sagte drohend und langsam: »Die Libellen leben in bestem Einvernehmen mit dem Volk der Bienen.« »Sie tun auch gut daran«, sagte Maja rasch. »Meinen Sie etwa, ich hätte Furcht vor Ihnen, ich -- vor Ihnen?« fragte die Libelle. Sie ließ mit einem Ruck den Schilfhalm los, der in seine alte Lage zurückschnellte, und sauste mit einem klirrenden, blitzenden Flügelschlag bis dicht auf die Oberfläche des Wassers nieder. Es sah ganz herrlich aus, wie sie sich im See spiegelte, man glaubte zwei Libellen zu sehn, und beide bewegten ihre gläsernen Flügel so rasch und fein, daß es aussah, als fließe ein heller Silberschein um sie her. Es sah so herrlich aus, daß die kleine Maja ihren ganzen Verdruß um den armen Hans Christoph und jede Gefahr vergaß. Sie klatschte in die Hände und rief ganz begegeistert: »Wie wunderschön. Wie wunderschön!« »Meinen Sie mich?« fragte die Libelle ganz erstaunt. Aber dann fügte sie rasch hinzu: »Ja, ich kann mich sehn lassen, das ist wahr. Sie hätten die Begeisterung erleben sollen, in die gestern einige Menschen gerieten, die mich am Bach sahn, wo sie sich hingelegt hatten.« »Menschen?« fragte Maja, »ach, Menschen haben Sie gesehn?« »Natürlich,« sagte die Libelle, »aber es wird Sie zweifellos auf das lebhafteste interessieren, wie ich heiße, mein Name ist Schnuck, von der Familie der Netzflügler, im besonderen der Libellen.« »Ach, erzählen Sie von den Menschen«, bat Maja, nachdem sie ihren Namen genannt hatte. Die Libelle schien versöhnt. Sie setzte sich neben Maja auf das Blatt, und die kleine Biene ließ es zu. Sie wußte, daß Schnuck sich hüten würde, ihr zu nahe zu treten. »Haben die Menschen einen Stachel?« fragte Maja. »Mein Gott,« sagte Schnuck, »was sollten sie wohl damit anfangen. Nein, sie haben schlimmere Waffen gegen uns und sie sind uns sehr gefährlich. Es gibt niemand, der nicht Angst vor ihnen hätte, besonders vor den kleinen, bei denen man die beiden Beine deutlich unterscheiden kann. Diese heißen Knaben.« »Stellen sie Ihnen nach?« fragte Maja, ganz atemlos vor Erregung. »Ja, ist Ihnen denn das nicht verständlich?« fragte Schnuck mit einem Blick über ihre Flügel. »Ich bin nur selten einem Menschen begegnet, der nicht den Versuch gemacht hätte, mich zu greifen.« »Weshalb denn nur?« fragte Maja ängstlich. »Wir haben eben etwas sehr Anziehendes«, sagte Schnuck mit einem bescheidenen Lächeln und sah schräg vor sich nieder. »Einen andern Grund weiß ich nicht. Es ist vorgekommen, daß Leute unserer Familie, die sich haben greifen lassen, die furchtbarsten Qualen und zuletzt den Tod haben erleiden müssen.« »Sind sie aufgefressen worden?« »Nein, nein,« sagte Schnuck beruhigend, »das grade nicht. Soviel bekannt ist, nährt sich der Mensch nicht von Libellen. Aber im Menschen leben zuweilen Mordgelüste, die wohl ewig unaufgeklärt bleiben. Es mag Ihnen unglaublich erscheinen, aber in der Tat sind Fälle vorgekommen, in denen sogenannte Knabenmenschen Libellen gefangen haben und ihnen aus purem Vergnügen die Flügel oder die Beine ausgerissen haben. Sie zweifeln?« »Natürlich zweifle ich daran«, rief Maja entrüstet. Schnuck zuckte die glitzernden Achseln, ihr Gesicht sah ganz alt aus vor Erkenntnis. »Ach, wenn man einmal offen sein dürfte,« sagte sie, ganz blaß vor Traurigkeit, »ich hatte einen Bruder, er berechtigte zu den besten Hoffnungen, nur war er etwas leichtsinnig und leider sehr neugierig. Er fiel in die Hände eines Knaben, der ihm unversehens ein Netz überwarf, das an einer langen Stange befestigt war. Sagen Sie selbst, wer denkt an so was?« »Nein,« antwortete die kleine Maja, »an so etwas habe ich niemals gedacht.« Die Libelle sah sie an. »Es ist ihm dann ein schwarzes Seil um die Brust gebunden worden, mitten zwischen seinen Flügeln, so daß er wohl auffliegen, aber niemals entrinnen konnte. Jedesmal, wenn mein armer Bruder glaubte, seine Freiheit zurückgewonnen zu haben, sah er sich auf die grausamste Weise an jenem bereits erwähnten Seil wieder in das Bereich des Knaben zurückgezerrt.« Maja schüttelte nur den Kopf. »Man darf es sich gar nicht vorstellen«, flüsterte sie traurig. »Wenn ich einmal einen Tag nicht daran gedacht habe, so träume ich sicher davon«, fuhr Schnuck fort. »Es kam damals sehr viel zusammen. Schließlich starb mein Bruder.« Schnuck seufzte tief auf. »Woran starb er?« fragte Maja in aufrichtiger Teilnahme. Schnuck konnte nicht gleich antworten, große Tränen brachen aus ihren Augen und liefen langsam über die Wangen: »Er ist in die Tasche gesteckt worden,« schluchzte sie, »das hält niemand aus ...« »Was ist das?« fragte Maja ängstlich, die kaum in der Lage war, so viel Neues und Böses auf einmal zu verstehn und zu bewältigen. »Die Tasche«, erklärte ihr Schnuck, »ist eine Vorratskammer, die die Menschen in ihrem äußeren Fell haben. Aber was glauben Sie, das sonst noch darin war? O, in welch furchtbarer Gesellschaft mußte mein armer Bruder seine letzten Atemzüge tun. Sie werden niemals darauf kommen!« »Nein,« sagte Maja mit bebendem Atem, »ich werde es nicht ... vielleicht Honig?« »Nein, nein«, meinte Schnuck, sehr wichtig und sehr traurig zugleich. »Honig werden Sie selten in den Taschen der Menschen finden. Ich will Ihnen sagen, was darin war: es war ein Frosch, ein Taschenschwert und eine gelbe Rübe. Nun?« »Schaurig,« flüsterte Maja, »was ist ein Taschenschwert?« »Es ist gewissermaßen der künstliche Stachel des Menschen. Da ihm die Natur diese Waffe versagt hat, sucht er sie nachzubilden. Der Frosch war gottlob bereits im Begriff, das Zeitliche zu segnen. Er hatte ein Auge verloren, ein Bein gebrochen und sein Unterkiefer war ausgerenkt. Aber sobald mein Bruder in der Tasche erschien, zischte der Frosch aus seinem schiefen Maul: 'Wenn ich genesen bin, werde ich Sie unverzüglich verschlingen.' Dabei schielte er mit dem übriggebliebenen Auge auf den bedauernswerten Ankömmling. Dieser Blick muß in der Dämmerung des Gefängnisses auf das furchtbarste gewirkt haben. Mein Bruder hat die Besinnung verloren, als er gleich darauf durch eine unerwartete Erschütterung so gegen den Frosch gepreßt wurde, daß seine Flügel an dem kalten nassen Leib des Sterbenden kleben blieben. O, man kann keine Worte finden, um dies Elend in der treffendsten Weise zu kennzeichnen.« »Woher wissen Sie das alles?« stotterte Maja aufs äußerste entsetzt. »Später warf der Knabe meinen Bruder und den Frosch fort, als er Hunger bekam und die Rübe suchte, um sie zu verzehren. Ich fand sie nebeneinander im Gras liegen, angelockt durch die Hilferufe meines Bruders. Aber ich kam nur noch zeitig genug, um alles zu hören und ihm die Augen zuzudrücken. Er legte seinen Arm um meinen Hals und küßte mich zum Abschied. Dann starb er tapfer und ohne Klage, als ein kleiner Held. Als das letzte Beben seiner zerknitterten Flügel aufgehört hatte, legte ich Eichblätter über ihn und suchte ein erblühtes Männertreu, dessen blaue Blume zu seiner Ehre auf dem Hügel verwelken sollte. 'Leb wohl,' rief ich, 'schlaf gut, mein kleiner Bruder', und flog in den stillen Abend hinaus, den beiden roten Sonnen entgegen, denn man sah die Sonne zweimal, am Abendhimmel und im See. So traurig und feierlich ist noch niemandem zumut gewesen. -- Ist Ihnen auch schon etwas Trauriges passiert? Dann erzählen Sie es mir vielleicht ein andermal.« »Nein,« sagte Maja, »ich bin eigentlich bis jetzt immer froh gewesen.« »Da können Sie Gott danken«, meinte Schnuck, etwas enttäuscht. Maja fragte nach dem Frosch. »Ach so, der«, sagte Schnuck. »Er erlitt voraussichtlich den Tod, den er verdiente. Wie konnte er nur die Herzenshärtigkeit aufbringen, einen Sterbenden zu ängstigen? Er versuchte damals zu entkommen, aber da sein eines Bein sowohl als auch sein eines Auge völlig außer Tätigkeit gesetzt waren, hüpfte er ununterbrochen im Kreise herum. Es sah außerordentlich komisch aus. 'So wird der Storch Sie bald gefunden haben', rief ich ihm zu, bevor ich davonflog.« »Der arme Frosch«, sagte die kleine Maja. »Nun, ich muß doch bitten,« meinte die Libelle nicht ohne Entrüstung, »Sie gehn zu weit. Einen Frosch bedauern, heißt sich in den eigenen Flügel schneiden. Sie sind eine gewissenlose Person, wie mir scheint.« »Das kann ja sein,« antwortete Maja, »aber es wird mir sehr schwer, jemanden leiden zu sehn.« »O,« tröstete sie Schnuck, »das liegt an Ihrer Jugend, Sie werden es lernen, nur Mut, meine Freundin. Aber ich muß nun fort in die Sonne. Es ist hier reichlich kühl. Leben Sie wohl!« Es klirrte leise, und tausend helle Farben blitzten auf, blasse, liebliche Farben, wie rinnendes Wasser sie hat und klare Edelsteine. Schnuck schwang sich durch die grünen Schilfhalme bis auf die Oberfläche des Wassers, und Maja hörte sie in der Morgensonne singen. Sie lauschte dem feinen Gesang, der etwas von der schwermütigen Süßigkeit eines Volksliedes hatte und das Herz der kleinen Maja fröhlich stimmte und traurig zugleich. Es klang zu ihr herüber: Lieblich ist der stille Fluß, wenn der Morgensonne Gruß seine Flut getroffen. Wo der grüne Schilfhalm weht und die Wasserrose steht, weiß und gelb und offen. Warmer Duft und Wind und Flut, auf den Flügeln Sonnenglut und im Herzen Freude. Ach, das Leben ist nicht lang, goldner Sommer, habe Dank, herrlich ist es heute. »Horch, das Lied der Libelle erschallt«, rief ein weißer Schmetterling seiner Freundin zu. Sie schaukelten sich dicht an Maja vorüber durch das strahlende Blau des schönen Tags. Da hob auch die kleine Biene ihre Flügel, und mit leisem Summen begrüßte sie den silbernen See zum Abschied und flog landeinwärts davon. Viertes Kapitel +Iffi und Kurt+ Als die kleine Maja am anderen Morgen im Kelch einer blauen Glockenblume erwachte, hörte sie, daß die Luft von einem feinen leisen Rauschen erfüllt war, und sie spürte, daß die Blume sich bewegte, als bekäme sie heimlich kleine Stöße. Durch ihren geöffneten Kelch zog ein feuchter Geruch von Gras und Erde, und es war sehr kühl. Maja nahm ängstlich ein wenig Blütenstaub von den gelben Staubgefäßen der Blume, machte dann sorgfältig Morgentoilette und wagte sich vorsichtig Schritt für Schritt bis an den äußersten Rand des hängenden Kelches. Da sah sie, daß es regnete. Ein feiner kühler Regen ging mit leisem Rauschen nieder und bedeckte alles umher mit Millionen heller Silberperlen. Sie lagen auf den Blättern und Blumen, rollten im Gras die schmalen grünen Wege der Halme nieder und erfrischten den braunen Erdboden. Maja sah mit großem Erstaunen und voll tiefer Verwunderung diese Veränderung der Welt, es war der erste Regen, den sie in ihrem jungen Dasein erlebte. Aber obgleich es ihr wohl gefiel und sie beglückte, stellte sich doch eine leichte Besorgnis bei ihr ein, denn sie erinnerte sich der Warnung Kassandras, niemals im Regen auszufliegen. Sie begriff, daß es schwer sein mußte, die Flügel im Tropfenfall zu bewegen, auch tat ihr die Kälte weh, und sie vermißte den ruhigen goldenen Sonnenschein, der die ganze Erde heiter und sorglos stimmte. Es mußte noch sehr früh sein, denn das Leben im Gras unter ihr nahm erst seinen Anfang. Unter ihrer blauen Glocke war sie wohlgeborgen und konnte den erwachenden Verkehr unter sich prächtig beobachten. Darüber vergaß sie für eine Weile ihren Kummer und das Heimweh, das sich in ihrem Herzen einstellte. Es war gar zu unterhaltend, so von einem sicheren Versteck aus, von oben her, auf das Leben und Treiben der Grasbewohner herabzuschaun. Aber allmählich zog es ihre Gedanken doch nach ihrer verlassenen Heimat, nach dem Schutz und der starken Gemeinschaft des Bienenstocks. Dort saßen sie nun beieinander, des Ruhetags froh, bauten vielleicht hier und da ein wenig an den Zellen, oder fütterten die kleinen Maden. Aber im allgemeinen war es recht ruhig und beschaulich im Stock an Regentagen. Nur zuweilen flogen Kundschafter aus, sahen nach dem Stand des Wetters und erforschten, von welcher Seite der Wind kam. Die Königin ging im Reiche umher, von Etage zu Etage, prüfte alles, lobte oder tadelte, legte wohl hin und wieder ein Ei und beglückte alle durch ihre königliche Gegenwart. Wie froh machte es, einen Blick von ihr aufzufangen oder ein huldvolles Wort. Es kam vor, daß sie den jüngeren Bienen, die ihre ersten Leistungen hinter sich hatten, freundlich über die Köpfchen strich oder sich nach ihren Erlebnissen erkundigte. Ach, wie glücklich machte es, sich dazu rechnen zu dürfen, sich von allen geachtet zu wissen und den starken Schutz der Gemeinschaft genießen zu können. Hier an ihrem einsamen und ausgesetzten Platz war sie gefährdet und fror. Und wenn der Regen anhielt, was sollte sie dann beginnen und wodurch sollte sie sich ernähren? Honigsaft war kaum in der Glockenblume zu finden, und der Blütenstaub würde auch nicht allzulange vorhalten. Sie empfand zum ersten Male, wie notwendig zu allem Wanderleben und zum Vagabundentum der Sonnenschein war. Ohne den Sonnenschein wäre wohl niemand leichtsinnig, dachte sie. Aber, wenn sie sich nur des Sonnenscheins erinnerte, erfüllte es sie schon wieder mit Freude und heimlichem Stolz, daß sie so mutig gewesen war, ihr Leben auf eigene Faust zu beginnen. Was hatte sie in der kurzen Zeit ihres Wanderns nicht schon alles gesehn und erfahren! Davon wußten die andern wohl ihr Leben lang nur wenig. Erfahrung ist doch das höchste Lebensgut und ihrer Opfer wert, dachte sie. Unten zog ein Trupp Wanderameisen im Gras vorüber. Sie schritten singend durch den kühlen Graswald und schienen Eile zu haben. Ihr frisches Morgenlied erklang im Marschtakt und stimmte das Herz der kleinen Maja wehmütig und nachdenklich. Bald ist unsre kurze Frist auf der Erde aus. Was ein rechter Räuber ist, macht sich nichts daraus. Sie waren außerordentlich gut bewaffnet und sahen keck und gefährlich aus. Ihr Lied verklang unter den Huflattichblättern. Aber dort schienen sie mit ihrem Gesang etwas Rechtes angerichtet zu haben, denn es erklang nun eine rauhe heisere Stimme, und die kleinen Blättchen eines jungen Löwenzahns wurden energisch auseinandergedrängt. Maja sah einen großen blauen Käfer hervordringen, der wie eine Halbkugel aus glänzendem, dunklem Metall aussah und bald bläulich, bald grünlich, zuweilen auch ganz schwarz schimmerte. Er war wohl zwei- oder dreimal so groß wie sie. Sein harter Panzer schien ihr von unzerstörbarer Festigkeit, und seine tiefe Stimme hatte etwas gradezu Einschüchterndes. Er schien durch den Gesang der Soldaten erwacht und bei sehr schlechter Laune zu sein. Sein Haar war noch nicht geordnet, und er rieb sich den Schlaf aus den blauen listigen Äuglein. »Ich komme,« schrie er, »das genügt für alle, um Platz zu machen.« Gottlob stehe ich ihm nicht im Wege, dachte Maja, die sich in ihrem hohen schwebenden Versteck sicher fühlte. Aber ihr Herz klopfte doch ein wenig, und sie zog sich leise einen Schritt weiter in die Blütenglocke zurück. Der Käfer bewegte sich schwerfällig und schaukelnd durch das nasse Gras. Eine sehr elegante Erscheinung war er eben nicht. Bei einem welken Blatt, grade unter ihrer Blüte, machte er halt, schob es zur Seite und trat etwas zurück. Da erkannte Maja darunter den Eingang zu einer Höhle. Nein, was es nicht alles gibt, dachte sie neugierig, davon habe ich mir keine Vorstellung gemacht. Man kann gar nicht lange genug leben, um alles zu erfahren, was auf der Welt möglich ist. Sie verhielt sich ganz still. Nur der Regen rieselte leise nieder. Da hörte sie den Käfer in die Höhle hineinrufen: »Wenn Sie mit mir auf die Jagd wollen, müssen Sie sich schon entschließen aufzustehn. Es ist heller Tag.« Weil er zuerst erwacht war, fühlte er sich so überlegen, daß es ihm schwer wurde, freundlich zu sein. Es dauerte eine Weile, bis Antwort kam, dann hörte Maja eine dünne zirpende Stimme aus dem Loch schallen: »Um Gottes willen, machen Sie oben zu, es regnet herein.« Der Käfer gehorchte, neigte abwartend den Kopf etwas zur Seite und schielte durch die Spalte. »Eilen Sie sich, wenn ich bitten darf«, sagte er mürrisch. Maja war sehr gespannt, wer herauskommen würde. Sie kroch so weit vor, daß ein großer Regentropfen auf ihre Schulter fiel. Sie erschrak sehr und trocknete sich ab. Unten hob sich das welke Blatt, und langsam kroch ein braunes Tier hervor, das ihr im hohen Maße absonderlich vorkam. Es hatte einen plumpen Leib und einen ganz ungewöhnlich dicken Kopf mit kleinen aufrechten Fühlhörnern. Die Beinchen waren sehr dünn und bewegten sich langsam, und der Ausdruck des Gesichts war sorgenvoll. »Guten Morgen, meine Iffi«, sagte der Käfer und wurde vor Höflichkeit ganz schlank. »Wie haben Sie geschlafen?« und dann fügte er hinzu: »mein alles!« Iffi nahm seine Hand etwas gleichgültig. »Es geht nicht, Kurt,« sagte sie, »ich kann nicht mit. Die Leute reden zu viel.« Der arme Käfer schien wirklich sehr zu erschrecken. »Ich verstehe wohl nicht richtig,« stammelte er, »sollte das junge Glück unserer Freundschaft an so gleichgültigen Dingen scheitern? Bedenken Sie doch, Iffi, was kümmern die Leute Sie? Sie haben Ihr Loch, können hineinkriechen, wenn Sie wollen, und wenn Sie tief genug steigen, hören Sie nichts.« Iffi lächelte wehmütig und überlegen. »Kurt, davon verstehn Sie nichts. Ich habe da meine eigene Anschauung. Übrigens kommt noch etwas hinzu: Sie haben meine Unkenntnis in sehr wenig feiner Weise ausgebeutet, Sie haben sich für einen Rosenkäfer ausgegeben, und gestern sagte mir die Wegschnecke, Sie seien ein Mistkäfer. Das ist ein gewaltiger Unterschied. Die Wegschnecke hat Sie bei einer Tätigkeit beobachtet, die ich hier nicht weiter kennzeichnen will; Sie werden verstehen, daß ich mich zurückziehe.« Als Kurt sich von seinem Schreck erholt hatte, wurde er ärgerlich: »Nein, das verstehe ich nicht,« rief er heftig, »ich wünsche um meiner selbst willen geliebt zu sein, und nicht um meiner Beschäftigung willen. Wie können Sie einen Mann danach beurteilen, wo er sich aufhält!« »Wenn es nicht grade der Mist wäre, würde ich ein Auge zudrücken«, sagte Iffi zurückhaltend. »Sie müssen auch bedenken, daß eine junge Witwe, deren Gatte erst vor drei Tagen von der Spitzmaus gefressen worden ist, sich die denkbar größte Zurückhaltung auferlegen muß. Also -- leben Sie wohl.« Und Iffi war plötzlich mit einem Ruck in ihrer Höhle verschwunden, so rasch, daß es erschien, als habe ein Windstoß sie davongerissen. Maja hatte nicht für möglich gehalten, daß jemand so rasch in einem Loch verschwinden könnte. Jetzt war Iffi fort, und der Käfer starrte mit verblüfftem Gesicht in die leere dunkle Öffnung und sah so dumm dabei aus, daß Maja lachen mußte. Endlich besann er sich und begann betrübt und zornig seinen kleinen rundlichen Kopf zu schütteln, und die Fühler hingen traurig nieder, wie zwei verregnete Fächer. »Für Charakter und gediegene Lebensführung hat heute niemand mehr Sinn«, seufzte er. »Iffi ist herzlos, ich habe nicht gewagt, es mir einzugestehn, aber es ist der Fall. Aber wenn sie in der Tat nicht das Herz hat, meine Freundin zu sein, so sollte sie wenigstens den Verstand dazu haben.« Maja sah, wie Tränen in seine Augen traten, und ihr Herz wurde von Mitleid ergriffen. Aber plötzlich kam Bewegung in Kurt. Er wischte die Tränen aus den Augen und trat vorsichtig hinter einen Erdhaufen, den seine Freundin wahrscheinlich aus ihrer Wohnung geschaufelt hatte, und Maja sah einen kleinen rötlichen Regenwurm durch die Gräser kommen. Er hatte eine sehr ungewöhnliche Art der Fortbewegung, bald machte er sich lang und dünn, dann wieder kurz und dick, und seine rote Körperspitze bestand aus lauter zarten Ringen, die sich lautlos verschoben und vorantasteten. Sie erschrak sehr, als Kurt plötzlich einen Schritt aus seinem Versteck hervor machte, den Wurm ergriff und ihn in zwei Hälften zerbiß. Er begann gelassen die eine Hälfte zu verzehren und kümmerte sich wenig um die verzweifelten Windungen, die die beiden Wurmhälften am Boden und in seinen Armen ausführten. Es war ein ganz kleiner Wurm. »Nur Geduld,« sagte Kurt, »gleich ist es vorüber.« Aber während er kaute, schien er wieder an Iffi zu denken, die er für alle Zeit verloren hatte, und große Tränen rollten über seine Backen. Die kleine Maja in ihrem Versteck bedauerte ihn herzlich. Es gibt doch sehr viel Trauriges in der Welt, dachte sie. Da sah sie, daß die eine Wurmhälfte, die Kurt in seiner Bekümmernis zur Seite gelegt hatte, sich eilig entfernte. »Nein, so was!« rief sie, und sie tat es vor Schrecken so laut, daß Kurt sich verwundert umschaute. »Machen Sie Platz!« rief er, als er es hörte. »Aber ich sitze Ihnen ja gar nicht im Weg«, antwortete Maja. »Wo sitzen Sie denn?« fragte er, »Sie müssen doch irgendwo sitzen.« »Hier oben,« rief Maja, »über Ihnen in der Blume.« »Ich will es Ihnen glauben,« sagte Kurt, »aber ich bin kein Grashüpfer, ich kann mich unmöglich so weit nach oben umdrehn, daß ich Sie sehe. Weshalb haben Sie denn geschrien?« »Die eine Hälfte vom Wurm läuft fort«, rief Maja. »Ja, ja,« sagte Kurt und sah dem halben Würmchen nach, »diese Tiere sind sehr regsam. Ich habe keinen Appetit mehr.« Damit warf er den Rest des Wurms fort, den er noch in seinen Händen gehalten hatte, und dieser übriggebliebene Teil entfernte sich nach der andern Seite. Maja wurde ganz verwirrt, aber Kurt schien mit dieser Eigenart des Wurms vertraut zu sein. »Sie müssen nicht denken, daß ich immer Wurm esse,« sagte er, »aber es finden sich nicht überall Rosen.« »Sagen Sie doch wenigstens dem Kleinen, wo seine andere Hälfte hingelaufen ist«, antwortete Maja in großer Erregung. Kurt schüttelte ernst den Kopf. »Was das Schicksal trennt, soll man nicht wieder zusammenfügen«, meinte er. »Wer sind Sie?« »Ich bin Maja, vom Volk der Bienen.« »Das ist mir angenehm,« sagte Kurt, »ich habe nichts gegen die Bienen. Weshalb sitzen Sie denn da herum? Das tun doch sonst Bienen nicht. Sitzen Sie da schon lange?« »Ich habe hier geschlafen.« »So«, machte Kurt mißtrauisch. »Hoffentlich haben Sie einen tiefen und gesunden Schlaf. Sie sind wohl eben erst erwacht?« Maja bestätigte es, denn sie merkte, daß Kurt nicht gerne gesehn hätte, wenn sein Gespräch mit der Grille Iffi belauscht worden wäre, und sie wollte ihn nicht noch einmal betrüben. Kurt lief hin und her und versuchte hinaufzuschaun. »Warten Sie,« sagte er, »wenn ich mich etwas an jenem Grashalm aufrichte, werde ich Sie sehn können, und Sie können mir in die Augen schaun. Das wollen Sie doch jedenfalls gern.« »Doch,« sagte Maja, »das wäre mir sehr angenehm.« Kurt fand einen geeigneten Halm, es war der Stiel einer Butterblume, und da die Blüte sich etwas zur Seite neigte, konnte Maja ihn ansehn, als er sich nun auf die Hinterbeinchen stellte und zu ihr emporschaute. Sie fand, daß er ein freundliches und liebes Gesicht hatte; ganz jung schien er nicht mehr zu sein; und er war etwas voll in den Backen. Nun verbeugte er sich, so daß die Blume ein wenig schaukelte, und stellte sich vor: »Kurt, von der Familie der Rosenkäfer.« Die kleine Maja mußte heimlich lachen, denn sie wußte nur zu gut, daß Kurt ein Mistkäfer war, aber da sie ihn nicht kränken wollte, sagte sie nichts darüber. »Macht Ihnen der Regen nichts aus?« fragte Maja. »O nein, das bin ich von den Rosen her gewohnt, da regnet es meistens.« Maja dachte: ein wenig muß ich ihn doch für seine dreisten Lügen strafen, er ist doch ein recht eitler Geselle. »Kurt,« sagte sie und lächelte vorsichtig, »was ist das da eigentlich für ein Loch unter dem Blatt?« Kurt erschrak. »Ein Loch?« fragte er, »sprechen Sie von irgendeinem Loch? Es gibt sehr viele Löcher, es wird so ein Loch sein, irgendsoeins. Sie machen sich keine Vorstellung, wie viele Erdlöcher es gibt.« Aber in der heimlichen Bestürzung, in die er geraten war, ereignete sich etwas ganz Furchtbares. Kurt hatte in seinem Eifer und in seinem Bemühen, sich möglichst gleichgültig zu stellen, das Übergewicht verloren. Maja hörte ihn verzweifelt aufschreien und gleich darauf sah sie ihn auf dem Rücken liegen und mit Armen und Beinen hilflos und kläglich in der Luft zappeln. »Es ist aus mit mir!« schrie er, »ich bin nicht in der Lage, mich wieder aufzurichten. Ich werde sterben müssen. Ein bejammernswerteres Geschick ist nie vorgekommen.« Er klagte so laut, daß er Majas Trostworte nicht verstand. Dabei versuchte er mit seinen Füßen den Boden zu gewinnen, aber jedesmal, wenn er sich festzuhalten glaubte, gaben die kleinen Erdballen nach, die er mühsam ergriffen hatte, und er fiel wieder auf seinen hohen, runden Rücken zurück. Es war wirklich ein außerordentlich trostloser Anblick, und die kleine Maja hatte ehrlich Angst um ihn, zumal er schon ganz bleich im Gesicht war und sein Geschrei in der Tat herzzerreißend klang. »Ich halte diese Lage nicht aus,« rief er, »schauen Sie wenigstens fort. Quälen Sie nicht einen Sterbenden durch zudringliche Blicke. Ach wenn ich wenigstens einen der Grashalme erreichen könnte, oder den Stiel der Butterblume. Wer kann sich an der Luft festhalten? Das kann niemand.« Das Herz der kleinen Maja zitterte vor Erbarmen. »Warten Sie,« rief sie, »ich will versuchen Sie aufzurichten. Es muß doch gehn, wenn ich mich anstrenge. Oder Kurt, lieber Kurt, schreien Sie doch nicht so, hören Sie mich an: Wenn ich einen kleinen Grashalm niederbiege und reiche Ihnen das äußerste Ende, würden Sie sich dann helfen können?« Kurt jammerte nur und verstand sie nicht, er war vor Todesangst ganz von Sinnen. Da flog die kleine Maja trotz des rieselnden Regens aus ihrem Versteck nieder, suchte einen schmalen grünen Grashalm, der in Kurts Nähe wuchs, und klammerte sich an der äußersten dünnen Spitze fest. Sie jubelte vor Freude, als der Halm sich unter ihrer Last so niederbog, daß er grade quer über den zappelnden Kurt sank. »Halten Sie sich fest«, schrie Maja. Kurt fühlte etwas über seinem Gesicht und griff hastig zu, erst mit einer Hand, dann mit beiden und endlich auch mit den Beinchen, die prächtige scharfe Krallen hatten, jedes zwei. Langsam zog er sich immer weiter daran hin, bis er die Wurzel des Halms erreicht hatte, und dort, wo er stärker und dicker war, konnte er sich aufrichten. Er atmete tief auf. »Mein Gott«, sagte er. »Das war ganz schrecklich. Ohne meine Geistesgegenwart wäre ich zweifellos ein Opfer Ihrer Geschwätzigkeit geworden.« »Geht es Ihnen besser?« fragte die kleine Maja. Kurt hielt seine Stirn. »Danke, danke, wenn dieses Schwindelgefühl weicht, werde ich Ihnen genaue Auskunft geben.« Aber Maja erfuhr die Antwort auf ihre Frage nicht mehr, denn es kam eine Grasmücke durch die Halme geflattert, die auf der Jagd nach Insekten war. Die kleine Biene drückte sich fest an den Boden und verhielt sich ganz still, bis der Vogel vorüber war. Als sie sich später nach Kurt umsah, war er verschwunden, und da machte auch sie sich auf und flog davon, denn es hatte aufgehört zu regnen, und der Tag war hell und warm. Fünftes Kapitel +Der Grashüpfer+ Das war einmal ein Tag! Morgens ganz früh hatte es getaut, dann war die Sonne über dem Wald aufgegangen und hatte ihre Strahlen schräg über den grünen Graswald geschickt, so daß ein Glitzern und Funkeln begann, daß man vor Seligkeit und Entzücken über einen Anblick von solcher Pracht nicht wußte, was man sagen oder tun sollte. Die kleine Maja hatte schon gleich beim Erwachen lauter helle Jubelrufe um sich her vernommen. Teils kamen sie hoch aus den Bäumen von den gefürchteten Vögeln, deren Stimmen doch so lieblich erklingen konnten, oder aus der Luft von vorüberfliegenden Insekten oder aus Büschen und Gras von Käfern, Schmetterlingen und kleinen und großen Fliegen. Maja hatte es sich in einem Baumloch recht behaglich eingerichtet. Es war sicher und trocken und blieb auch nachts recht lange warm, da den Tag über die Sonne auf den Eingang schien. Zwar hatte sie einmal in aller Frühe den Specht am Stamm ihres Baums klopfen hören und sich schleunigst davon gemacht. Denn den Specht klopfen zu hören, das ist für ein kleines Insekt, das sich in der Baumrinde verborgen hält, so schlimm, als wenn unsereins nachts die Geräusche eines Einbrechers hört, der die Fensterläden aufbricht. Aber in der Nacht war sie sicher, dann suchte niemand sie in ihrem hohen Versteck. In einem zurückliegenden Spältchen, in dem es dunkel und kühl war, hatte sie sich ein kleines Honiglager angelegt, um für Regentage mit Nahrung versorgt zu sein; und den Eingang zu ihrer Waldburg hatte sie mit Wachs ein wenig zugeklebt, so daß er nicht größer als eben nötig war, um bequem hineinschlüpfen zu können. Und mit einem hellen Jubel voll Lebensfreude schwang sich die kleine Maja an diesem Morgen in den Sonnenschein hinaus, um zu erfahren, was dieser neue schöne Tag ihr bringen würde. Sie segelte gradaus durch das goldene Licht der Luft, so daß sie wie ein kleines rasches Pünktchen aussah, das der Wind dahintrieb. »Heute werde ich einem Menschen begegnen,« rief sie, »an solchen Tagen sind sicher auch die Menschen unterwegs, um sich in der hellen Natur zu erfreuen.« Es waren ihr noch niemals so viele Insekten begegnet, es war ein Kommen und Treiben, ein Summen, Lachen und Jubeln in der Luft, daß man unwillkürlich mit einstimmen mußte. Die kleine Maja ließ sich endlich in einem Graswald nieder, in dem vielerlei Blumen und Pflanzen wuchsen. Die höchsten waren die weißlichen Blütenbüschel der Schafgarbe und Mohnblumen, die knallrot und leuchtend eine große Anziehungskraft ausübten. Als Maja ein wenig Honig aus einer Akeleiblume genommen hatte und eben im Begriff war, weiterzufliegen, begegnete ihr auf einem Grashalm, der sich zu ihrer Blume hinüberbog, ein ganz seltsamer Geselle. Anfangs erschrak sie sehr, weil sie nicht für möglich gehalten hatte, daß solch ein grünes hageres Ungetüm vorkommen könnte, aber dann wurde doch ihr ganzes Interesse in so hohem Maße wach, daß sie wie angewurzelt sitzenblieb und den langbeinigen Fremdling anstarrte. Es sah aus, als habe er Hörner, aber es war nur seine seltsam vorgerückte Stirn, die es so erscheinen ließ. Zwei unendlich lange, fadendünne Fühler waren daran, er erschien sehr schlank und hatte zierliche Vorderbeinchen und ganz dünne unauffällige Flügelchen, mit denen sich nach Majas Meinung nicht viel anfangen ließ. Das Merkwürdigste aber waren seine zwei großen, hohen Hinterbeine, die ihn wie zwei riesige geknickte Stelzen weit überragten. Er war über und über grün, und seine listigen Augen hatten etwas Freches und Erstauntes zugleich, aber man konnte wohl sagen, daß sie nicht boshaft, sondern viel eher gutmütig waren. »Nun, Mamsell,« sagte er zu Maja, offenbar durch ihren verwunderten Gesichtsausdruck geärgert, »Sie haben wohl noch keinen Grashüpfer gesehn? Oder legen Sie Eier?« »Was fällt Ihnen ein«, rief Maja zornig. »Wie sollte ich auf diesen Gedanken kommen? Auch wenn ich es könnte, würde ich es niemals tun. Wie sollte ich den heiligen Pflichten der Königin in so leichtsinniger Weise vorgreifen?« Der Grashüpfer duckte sich etwas zusammen und machte ein ganz unbeschreiblich komisches Gesicht, so daß Maja trotz ihres Verdrusses laut lachen mußte. »Mamsell«, rief er, aber dann mußte er selber lachen und sagte nur noch: »Nein so was! Sie sind aber Eine!« Maja wurde ganz ungeduldig durch das Benehmen dieses seltsamen Gesellen. »Warum lachen Sie denn?« fragte sie nicht grade freundlich, »Sie können doch nicht im Ernst verlangen, daß ich Eier legen soll, und noch dazu hier auf den Rasen.« Da knackte es, der Grashüpfer sagte: »Hoppla«, und fort war er. Maja war ganz verdutzt. Hoch in die Luft hatte er sich geschwungen, ohne seine Flügel zu brauchen, in einem riesigen Bogen und, wie es Maja erschien, in einer an Wahnsinn grenzenden Tollkühnheit. Aber da war er schon wieder. Sie hatte nicht sehen können, woher er kam, aber nun saß er neben ihr auf dem Blatt der Akeleiblume. Er betrachtete sie von allen Seiten, von hinten und von vorn: »Nein,« sagte er dann schnippisch, »Sie können allerdings keine Eier legen, Sie sind nicht darauf eingerichtet. Sie haben keinen Legestachel.« »Was,« sagte Maja, »keinen Legestachel?« Sie deckte sich etwas mit ihren Flügeln zu und drehte sich so um, daß der Fremde nur ihr Gesicht sehn konnte. »Ja natürlich. Fallen Sie nur nicht von Ihrem Podium, Mamsell. Sie sind eine Wespe, nicht wahr?« Etwas Schlimmeres hätte nun der kleinen Maja in aller Welt nicht begegnen können. »Schockschwerenot!« rief sie. »Hoppla!« antwortete der Grashüpfer und fort war er. »Ich werde ganz nervös über so einer Person«, sagte Maja und beschloß fortzufliegen. Solange sie denken konnte, war ihr eine solche Beleidigung noch nicht widerfahren. Mit einer Wespe verwechselt zu werden, bedeutete ihr die größte Schmach, mit diesem nutzlosen Raubgesindel, mit diesem Diebsvolk, diesen Landstreichern. Es war in der Tat empörend. Aber da war der Grashüpfer plötzlich wieder da. »Mamsell«, rief er, und drehte sich langsam ein wenig, wobei seine langen Hinterbeine aussahen wie Uhrzeiger, wenn es fünf Minuten vor halb sieben ist, »Mamsell, Sie müssen entschuldigen, daß ich zuweilen das Gespräch unterbreche. Aber plötzlich packt es mich. Ich muß springen, um die Welt muß ich springen, wohin es immer sei. Kennen Sie das nicht auch?« Er zog seinen Mund von einem Ohr zum anderen, indem er Maja anlächelte. Sie konnte nicht anders, sie mußte lachen. »Nicht wahr?« sagte der Grashüpfer und nickte ermutigend. »Wer sind Sie denn nur?« fragte Maja, »Sie sind schrecklich aufregend.« »Aber man kennt mich doch überall«, sagte der Grüne und grinste wieder, so erschöpfend, wie Maja noch niemals jemanden hatte grinsen sehn. Sie wußte nie recht, ob er etwas im Ernst oder im Scherz meinte. »Ich bin in dieser Gegend fremd,« sagte sie freundlich, »sonst würde ich Sie sicher kennen, aber ich bitte Sie, sich zu merken, daß ich zur Familie der Bienen gehöre, und daß ich durchaus keine Wespe bin.« »Ach Gott,« sagte der Grashüpfer, »das ist doch dasselbe.« Maja konnte vor Aufregung kaum sprechen. »Sie sind ungebildet«, stieß sie endlich hervor. »Schaun Sie sich doch einmal eine Wespe an.« »Was könnte mich wohl dazu veranlassen?« antwortete der Grüne. »Wohin würde es führen, wenn ich mir Unterschiede merkte, die nur in der Einbildung existieren? Sie fliegen in der Luft herum, stechen alles, was in Ihre Nähe kommt, und können nicht springen. Genau so ist es mit den Wespen. Wo liegt also der Unterschied? Hoppla!« Und fort war er. Jetzt flieg ich aber, dachte Maja. Da war er wieder. »Mamsell,« rief er, »morgen ist Wettspringen im Garten des Pfarrers Sündepiek. Wollen Sie eine Freikarte, um zuschauen zu können? Meine Alte hat deren noch zwei, gegen ein Kompliment gibt sie eine her. Ich hoffe den bestehenden Rekord zu schlagen.« »Ich interessiere mich nicht für so ein Gehüpfe«, sagte Maja nicht ohne Verdruß. »Wer fliegen kann, hat höhere Interessen.« Der Grashüpfer grinste, daß man es förmlich zu hören glaubte. »Überschätzen Sie sich nicht, Mamsell. Die meisten Tiere der Welt können fliegen, aber springen können die wenigsten. Sie haben keinen Überblick über die Interessen der Mitwelt. Den Wunsch nach einem hohen, eleganten Sprung finden Sie sogar bei den Menschen. Kürzlich sah ich den Pfarrer Sündepiek fast einen Meter hoch springen, um einer kleinen Schlange zu imponieren, die vor ihm über den Weg lief. Seine Verachtung gegen alles, was nicht Springen war, ging dabei so weit, daß er seine Pfeife fortschleuderte, ohne die kein Pfarrer leben kann. Begreifen Sie diesen Ehrgeiz! -- Ich habe Grashüpfer gekannt, und sie gehörten zu meiner Familie, die dreihundertmal so hoch sprangen, als sie selbst groß waren. Ja, nun staunen Sie und sagen kein Wort mehr, und bereuen innerlich alles, was Sie eben vorgebracht haben, und was Sie eventuell noch hätten behaupten wollen. Dreihundertmal so hoch, als er groß war! Muten Sie so etwas mal jemandem zu! Selbst das größte Tier der Welt, der Elefant, ist nicht in der Lage, einen solchen Sprung auszuführen. Nun? Da schweigen Sie! Habe ich nicht gesagt, daß Sie schweigen würden?« »Aber wie soll ich denn reden, wenn Sie nicht einen Augenblick still sind«, rief Maja. »Reden Sie also«, sagte der Grashüpfer freundlich, und dann rief er »Hoppla« und war fort. Da mußte die kleine Maja trotz ihres Verdrusses doch lachen. So etwas war ihr noch niemals begegnet. So sehr der Grashüpfer sie durch sein scherzhaftes Benehmen in Erstaunen setzte, so bewunderte sie doch seine Welterfahrenheit und seine großen Kenntnisse. Wenn sie es auch mit dem Springen nicht hielt wie er, so war sie doch verwundert über alle die Neuigkeiten, die sie in der kurzen Unterhaltung erfahren hatte. Wenn der Grüne nur etwas zuverlässiger gewesen wäre, sie hätte ihn gar zu gern nach diesem oder jenem gefragt. Oft erleben wirklich diejenigen am meisten, dachte sie, die am wenigsten damit anzufangen wissen. Ob er die Sprache der Menschen verstehen konnte, da er doch ihre Namen wußte? Danach wollte sie ihn fragen, wenn er noch einmal zurückkam, und auch danach, wie er über eine Annäherung dachte und über den Versuch, den Menschen in seiner Behausung aufzusuchen. »Mamsell!« rief es neben ihr, und ein Grashalm schwankte. »Mein Gott,« sagte Maja, »wo kommen Sie nur immer her?« »Aus der Umgegend«, sagte der Grashüpfer. »Aber ich bitte Sie,« rief Maja, »springen Sie denn so aufs Geratewohl in die Welt, ohne zu wissen, wohin es Sie führt, ohne den Ort zu kennen, wo Sie ankommen?« »Natürlich«, sagte der Grüne. »Was denn sonst? Können etwa Sie in die Zukunft sehn? Das kann niemand. Nur der Laubfrosch kann es, aber er sagt nicht wie.« »Was Sie alles wissen,« rief die kleine Maja, »das ist einfach großartig. Verstehn Sie auch die Sprache der Menschen?« »Das ist eine Frage, die schwer zu beantworten ist, Mamsell, denn es ist noch nicht nachgewiesen, ob die Menschen eine Sprache haben. Sie stoßen zuweilen Laute aus, deren abscheuliche Klanglosigkeit mit nichts zu vergleichen ist. Offenbar verständigen sie sich dadurch. Was man ihnen lassen muß, ist ein aufrichtiges Verlangen nach erträglichen Stimmen. Ich beobachtete zwei Knaben, die Grashalme zwischen ihre Finger nahmen und mit ihrem Mund Luft darauf bliesen, so daß ein surrender Ton entstand, der dem Zirpen einer Grille vielleicht verglichen werden könnte. Aber er blieb weit dahinter zurück. Jedenfalls tun sie, was sie können. Wollen Sie sonst noch etwas wissen? Ich weiß immerhin mancherlei.« Und er grinste die kleine Maja an, daß man es förmlich hörte. Aber als er nun das nächste Mal unversehens davonsprang, blieb er aus, und die Biene wartete eine Weile vergeblich auf ihn. Sie suchte ringsumher im Gras und in den Blumen, aber es war unmöglich, ihn wiederzufinden. Sechstes Kapitel +Puck+ Die Mittagshitze dieses schönen Sommertags machte die kleine Maja recht müde, sie flog gemächlich an grell beschienenen Gartenbüschen vorüber, bis die großen Blätter eines riesigen Kastanienbaums ihr Schutz und Kühle boten. Es standen Tische und Bänke unter der Kastanie auf dem zertretenen Rasen; offenbar war es eine Sommerwirtschaft, die unter der Baumkrone aufgeschlagen war. In der Nähe schimmerte das rote Ziegeldach eines Bauernhauses, aus dessen Schornsteinen ein bläulicher Rauch in den Sonnenschein emporzog. Nun schien es der kleinen Maja ganz unvermeidlich, daß sie endlich einem Menschen begegnen müßte, war sie nicht bis unmittelbar in sein Machtbereich vorgedrungen? Sicherlich war dieser Baum sein Eigentum, und die seltsamen Holzgeräte im Schatten drunten gehörten zu seinem Stock. Da summte es neben ihr, und eine Fliege ließ sich auf ihrem Blatt nieder. Sie lief eine Weile auf dem grünen Geäder herum, immer in kleinen Stößen, so daß man die Bewegungen ihrer Beine nicht sah und fast glauben konnte, sie rutschte rasch und aufgeregt hin und her. Dann flog sie von einem Teil des großen gefingerten Blattes zum andern, aber so schnell und unversehens, daß jeder geglaubt hätte, sie wäre gesprungen statt geflogen. Aber es sah nur so aus. Offenbar war ihr daran gelegen, herauszubekommen, auf welchem Teil des Blattes es am angenehmsten war. Zuweilen schwang sie sich für ein ganz kleines Stückchen urplötzlich in die Luft, brummte dabei geradezu leidenschaftlich, als sei etwas Unerhörtes geschehen, oder als bewegte sie das größte Vorhaben der Welt, ließ sich aber dann wieder nieder und machte wieder ihre sprunghaften Laufstrecken, als sei nichts geschehn, dann wieder saß sie ganz still, als ob sie plötzlich erstarrt wäre. Maja sah zu, was die Fliege da in der Sonne tat. Endlich näherte sie sich ihr und sagte höflich: »Ich wünsche guten Tag und heiße Sie auf meinem Blatt willkommen; soviel ich weiß, sind Sie eine Fliege.« »Was denn sonst?« fragte die Kleine, »ich heiße Puck, ich bin sehr beschäftigt. Wollen Sie mich vertreiben?« »O nein. Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen«, entgegnete Maja. »Das glaub' ich«, sagte Puck nur, und versuchte sich den Kopf abzureißen. »Um Gottes willen,« rief Maja, »schonen Sie sich!« »Das muß sein, davon verstehn Sie nichts«, entgegnete Puck gelassen, und fuhr sich mit den Beinen über die Flügel, so daß sie sich hinten tief um den Leib bogen. »Ich bin übrigens eine Stubenfliege,« fügte sie nicht ohne Stolz hinzu, »ich weile hier nur in der Sommerfrische.« »Wie interessant,« rief die kleine Maja glücklich, »da kennen Sie sicherlich den Menschen?« »Den kenne ich wie meine Hosentasche,« warf Puck geringschätzig ein, »ich sitze täglich darauf. Ja, aber wissen Sie denn das nicht? Ihr Bienen seid doch sonst so gescheit, ihr glaubt es wenigstens zu sein.« »Ich heiße Maja«, antwortete die kleine Biene etwas schüchtern. Sie begriff nicht recht, wo die andern Insekten ihr Selbstbewußtsein, ihre Sicherheit und oft sogar ihre Frechheit hernahmen. »Es ist schon gut,« wehrte Puck ab, »heißen Sie, wie Sie wollen, dumm sind Sie jedenfalls.« Puck saß da, wie eine Kanone, die grade abgefeuert werden soll, der Kopf und die Brust ragten empor, und die unterste Spitze ihres Leibes berührte das Blatt. Dann plötzlich duckte sie sich zusammen, so daß es aussah, als habe sie keine Beine. »Vorsichtig muß man sein,« sagte sie, »darauf kommt es an.« Aber in der kleinen Maja wallte es nach der Kränkung, die Puck ausgesprochen hatte, zornig empor. Ohne daß sie recht wußte, was sie eigentlich trieb, schwang sie sich blitzschnell auf Puck zu, ergriff sie beim Kragen und hielt sie fest. »Ich werde Sie lehren, gegen eine Biene höflich zu sein«, rief sie. Puck fing ein fürchterliches Geschrei an. »Stechen Sie nicht,« schrie sie, »das ist das einzige, was Sie können, aber es schadet. Bitte nehmen Sie Ihren Hinterleib weg, soweit als möglich, darin sitzt der Stachel. Und lassen Sie mich los, wenn es Ihnen möglich ist, ich will alles tun, was Sie wollen. Verstehen Sie denn keinen Scherz!? Es weiß doch jeder, daß Ihr Bienen unter den Insekten die angesehensten seid, die mächtigsten und die zahlreichsten. Nur nicht töten, wenn ich bitten darf, es wäre nachher nicht mehr gutzumachen. Herrgott, daß niemand für meinen Humor Verständnis hat.« »Gut,« sagte Maja, nicht ohne ein wenig Verachtung im Herzen, »ich werde Sie leben lassen, wenn Sie mir vom Menschen alles sagen, was Sie wissen.« »Gern,« rief Puck, »ich hatte es ohnehin vor, aber jetzt lassen Sie los.« Maja tat es. Es war ihr plötzlich gleichgültig geworden, sie hatte Vertrauen und Achtung vor der Fliege verloren. Was so ein Gesindel in Erfahrung bringt, dachte sie, hat für ernste Leute wenig Wert, ich werde wohl doch selbst sehen müssen, welche Beschaffenheit es mit dem Menschen hat. Aber die kleine Fliege Puck wurde doch um vieles erträglicher, nachdem sie diese ernste Lehre empfangen hatte. Zu Anfang ordnete sie unter Gebrumm und Schelten ihre Fühler, Flügel und die Härchen ihres schwarzen Körpers. Alles war sehr in Unordnung geraten, denn die kleine Maja hatte fest zugepackt. Zum Schluß ließ Puck seinen Rüssel ein und aus fahren, etwas, das Maja noch niemals gesehn hatte. »Verstaucht! Total verstaucht ist der Rüssel,« rief sie schmerzlich, »das kommt von dieser Erregtheit, mit der Sie vorgehen. Sehen Sie selbst, unten die Saugplatte sieht aus wie ein verbogener Blechteller!« »Haben Sie eine Saugplatte?« fragte Maja. »Ach Gott, selbstverständlich! Was wollen Sie also über den Menschen wissen? Das mit dem Rüssel wird sich schon geben. Ich denke, am besten erzähle ich Ihnen aus meinem Leben. Da ich unter Menschen groß geworden bin, werden Sie schon erfahren, was Sie wissen wollen.« »Sie sind unter Menschen groß geworden?« »Aber ja doch. In ihre Stubenecke legte meine Mutter das Ei, aus dem ich gekrochen bin, auf ihren Gardinen habe ich die ersten Gehversuche gemacht, und von Schiller bis Goethe probierte ich die Kraft meiner Flügel zum erstenmal.« Maja fragte, was Schiller und Goethe seien, und Puck erklärte es ihr überlegen. Das seien die Statuen zweier Menschen, die sich offenbar besonders ausgezeichnet hätten. Sie stünden unter dem Spiegel, rechts und links, und würden von niemand beachtet. Nun wollte Maja wissen, was ein Spiegel sei und warum diese beiden Statuen darunter stünden. »Im Spiegel sieht man sich an seinem Bauch, wenn man darauf kriecht«, erklärte Puck. »Es ist sehr amüsant. Wenn die Menschen vor ihn hintreten, fahren sie sich entweder in die Haare, oder sie reißen an ihrem Bart. Wenn sie allein sind, lächeln sie hinein, aber wenn noch jemand im Zimmer ist, so machen sie ernste Angesichter. Den Zweck weiß ich nicht, ich habe ihn nie ergründen können, er scheint eine unnötige Spielerei der Menschen zu sein. Ich selbst habe in meinen ersten Lebenstagen sehr darunter gelitten, weil ich hineinflog und natürlich auf das heftigste zurückgeschleudert wurde.« Es war der kleinen Puck sehr schwer, Maja weitere Fragen über den Spiegel genau zu beantworten. »Sehen Sie,« sagte sie endlich, »Sie sind doch sicher einmal über eine blanke Wasserfläche geflogen? So etwa ist ein Spiegel, nur aufrecht und hart.« Die kleine Fliege wurde um vieles freundlicher, nun da sie merkte, daß Maja ihr zuhörte und daß ihre Erfahrungen Beachtung fanden. Und wenn Maja auch keineswegs alles glaubte, was sie von der Fliege hörte, so bereute sie es doch, so gering von ihr gedacht zu haben. Andere sind oft um vieles gescheiter, als wir anfangs glauben, dachte sie. Und Puck fuhr fort zu erzählen: »Es dauerte lange, bis ich die Sprache der Menschen verstehen lernte. Man lernt sie schwer, ohne gewissermaßen mit den Menschen auf du zu stehen. Jetzt weiß ich endlich, was sie wollen. Viel ist es nicht, für gewöhnlich sagen sie jeden Tag dasselbe.« »Aber das kann ich mir gar nicht denken«, sagte Maja. »Die Menschen haben doch so vielerlei Interessen, sie sind reich an Gedanken und groß an Taten. Ich habe von Kassandra gehört, daß sie Städte bauen, die größer sind, als daß man sie an einem Tag umfliegen kann, Türme, die so hoch sind wie der Brautflug unserer Königin, Häuser, die auf dem Wasser schwimmen, und andere, die schneller als ein Vogel über das Land dahingleiten, auf zwei schmalen silbernen Straßen.« »Halt!« sagte Puck energisch, »wer ist denn überhaupt Kassandra? Wer ist das, wenn ich fragen darf? Nun?« »Ach so,« sagte Maja, »es ist meine Erzieherin gewesen.« »Eine Erzieherin,« wiederholte Puck geringschätzig, »wahrscheinlich also eine Biene. Wer anders könnte zu solcher Überschätzung des Menschen kommen. Dieses Fräulein Kassandra, oder wie sie sich rufen läßt, hat keine geschichtliche Kenntnis. Die Einrichtungen der Menschen, von denen Sie eben gesprochen haben, sind sämtlich ohne besonderen Wert für uns. Wer wird die Welt so unpraktisch sehen, wie Sie es tun. Wenn Sie nicht von der Voraussetzung ausgehen, daß die Erde von den Fliegen beherrscht wird, daß die Fliegen das verbreitetste und wichtigste Geschlecht sind, werden Sie die Welt kaum richtig erkennen lernen.« Puck machte ein paar aufgeregte Zickzackwege auf dem Blatt und riß an ihrem Kopf, so daß Maja ganz besorgt wurde. Aber die kleine Biene hatte nun doch gemerkt, daß sie nicht gar zuviel Gescheites von der Fliege erfahren würde. »Wissen Sie, woran Sie sehen können, daß ich recht habe?« fragte Puck, und rieb sich die Hände, als ob sie sie miteinander verknoten wollte, »zählen Sie in einer Stube die Menschen und die Fliegen. Das Resultat wird Sie in ungeahnter Weise in Erstaunen setzen.« »Vielleicht haben Sie recht,« sagte Maja, »aber darauf kommt es nicht an.« »Glauben Sie übrigens, ich sei diesjährig?« fragte Puck plötzlich. »Ich weiß es nicht«, antwortete Maja. »Ich habe überwintert«, berichtete Puck stolz. »Meine Erfahrungen gehen bis in die Eiszeit. Sie führen gewissermaßen mitten hindurch. Darum weile ich hier jetzt zur Erholung.« »Mut haben Sie jedenfalls«, meinte Maja. »O ja«, rief Puck und machte einen kleinen Luftsprung in die Sonne. »Die Fliegen sind das kühnste Geschlecht, das die Erde bevölkert. Sie werden überall sehen, daß wir stets nur dann flüchten, wenn es besser ist, aber wir kommen immer wieder. Haben Sie schon einmal auf einem Menschen gesessen?« Maja verneinte und sah schräg und mißtrauisch auf die Fliege. Sie wußte immer noch nicht recht, was sie von ihr halten sollte. »Nein,« sagte sie nun, »ich habe kein Interesse daran.« »Weil Sie es nicht kennen, meine Liebe! Wenn Sie einmal das muntere Spiel beobachtet hätten, das ich daheim mit dem Menschen treibe, so würden Sie vor Neid auswandern. Trotzdem will ich es Ihnen erzählen. In meinem Zimmer wohnt ein älterer Mensch, der die Farbe seiner Nase durch ein eigenartiges Getränk pflegt, das in einem Eckschrank verborgen ist. Es duftet betäubend und süß; wenn er darauf zugeht, um es sich zu holen, lächelt er, und die Augen werden klein. Er nimmt ein Gläschen, und wenn er trinkt, schaut er zur Decke herauf, ob ich schon da bin. Ich nicke ihm zu, und er fährt sich mit der Hand über Stirn, Nase und Mund, um mir anzudeuten, wo ich später sitzen soll. Dann blinzelt er und reißt den Mund auf, so weit er kann, und zieht die Vorhänge am Fenster zu, damit die Nachmittagssonne uns nicht stört. Endlich legt er sich auf ein Ruhebett, das Sofa genannt wird, und stößt nach kurzer Zeit dumpfe krächzende Laute aus, die er sicher für schön hält. Darüber wollen wir ein andermal reden, es ist der Schlummergesang des Menschen. Für mich ist es das Zeichen, mich zu nähern. Zunächst nehme ich meinen Anteil aus dem Glase, den er für mich zurückgelassen hat. Solch ein Tröpflein hat etwas außerordentlich Belebendes, ich verstehe den Menschen. Dann fliege ich hinzu und nehme auf der Stirn des Ruhenden Platz. Sie liegt zwischen der Nase und dem Haar und dient zum Denken. Man sieht es an den langen Falten, die sich wie Furchen von rechts nach links ziehen, und die beim Denken bewegt werden müssen, wenn etwas Rechtes dabei herauskommen soll. Auch wenn der Mensch verdrießlich ist, zeigt es sich dort, aber dann laufen die Furchen von oben nach unten und über der Nase bildet sich eine runzelige Erhöhung. Sobald ich sitze und in den Furchen hin und her laufe, fängt der Mensch an, mit der Hand in die Luft zu greifen. Er meint, ich sei dort irgendwo. Weil ich auf seinen Denkfalten sitze, kann er nicht so rasch herausbringen, wo ich mich eigentlich befinde. Aber endlich kommt er dahinter. Er knurrt und greift nach mir. Na, wissen Sie, Fräulein Maja, oder wie Sie sich rufen lassen, da muß man sich vorsehen. Ich sehe die Hand kommen, aber ich warte bis zuletzt, dann mache ich rasch einen geschickten Flug zur Seite, setze mich und schau zu, wie er nachfühlt, ob ich noch da bin. So geht es oft eine halbe Stunde lang, Sie haben keine Ahnung, welch eine Ausdauer der Mensch hat. Endlich springt er auf und läßt allerlei Worte hören, die von seiner Undankbarkeit Zeugnis ablegen. Aber was wollen Sie? Ein edles Herz rechnet nicht auf Entgelt. Ich bin dann schon wieder oben an der Zimmerdecke und höre zu, wie er undankbar ist.« »Ich kann nicht eben sagen, daß mir das sonderlich gefällt«, meinte Maja. »Ist es nicht recht unnütz?« »Soll ich etwa eine Honigwabe auf seiner Nase anbauen?« rief Puck. »Sie haben keinen Humor, meine Liebe. Was tun +Sie+ denn Nützliches?« Die kleine Maja wurde über und über rot. Aber sie faßte sich schnell, um Puck ihre Verlegenheit nicht merken zu lassen. »Es wird ein Tag kommen, an dem ich etwas Schönes und Großes tue, das gut und nützlich ist,« sagte sie schnell, »aber erst will ich sehn, was in der Welt vorgeht. Ich fühle es tief im Herzen, daß es so kommen muß!« Und als die kleine Maja dies ausrief, fühlte sie, wie es heiß in ihr emporwallte vor Hoffnung und Begeisterung, aber Puck schien gar nicht zu verstehn, wie ernst es ihr war und was sie innerlich bewegte. Sie machte ihre aufgeregten kurzen Laufstrecken hin und her und meinte endlich: »Haben Sie vielleicht etwas Honig bei sich, meine Gute?« »Es tut mir sehr leid,« antwortete Maja, »ich würde Ihnen gern etwas geben, zumal Sie mich so freundlich unterhalten haben, aber ich habe nichts. Dürfte ich vielleicht noch eine Frage stellen?« »Schießen Sie los,« sagte Puck, »ich antworte immer.« »Ich möchte von Ihnen wissen, wie ich in die Behausung des Menschen gelangen kann.« »Sie müssen hineinfliegen«, sagte Puck weise. »Aber wie gelingt es mir ohne Gefahr?« »Warten Sie, bis eins der Fenster geöffnet ist, aber merken Sie sich den Ausgang. Sollten Sie ihn nicht wiederfinden, so fliegen Sie später am besten dem Licht nach. Fenster finden Sie an jedem Haus genug, Sie brauchen nur darauf zu achten, wo die Sonne sich spiegelt. Wollen Sie denn schon fort?« »Ja«, antwortete Maja und gab Puck die Hand. »Leben Sie wohl und erholen Sie sich recht. Ich habe noch allerlei vor.« Und mit ihrem vertrauten leisen Summen, das immer ein wenig sorgenvoll klang, hob die kleine Maja ihre glänzenden Flügel und flog in den Sonnenschein hinaus auf die Blumenwiesen, um ein wenig Nahrung zu sich zu nehmen. Puck sah ihr nach, überlegte alles vorsichtig, was man etwa noch äußern könnte, und sagte dann nachdenklich: »Nun, schließlich, also! -- Warum auch nicht?« Siebentes Kapitel +Majas Gefangenschaft bei der Spinne+ Nach dieser Begegnung mit der Fliege Puck war der kleinen Maja nicht sonderlich froh zumute. Sie konnte sich unmöglich denken, daß Puck in allem recht haben sollte, was sie über den Menschen gesagt hatte und wie sie sich zu ihm stellte. Maja dachte so ganz anders vom Menschen. Sie hatte ein hohes und schönes Bild von ihm und sträubte sich dagegen, etwas Geringes und Lächerliches von ihm zu glauben. Aber sie wagte es doch nicht, sich in seine Behausung zu begeben. Wie sollte sie wissen, ob es ihm angenehm war, und um alles in der Welt wollte sie niemandem zur Last fallen. Sie dachte noch einmal über alles nach, was Kassandra ihr erzählt hatte: »Die Menschen sind gut und weise«, hatte sie ihr gesagt. »Sie sind sehr stark und mächtig, aber sie mißbrauchen ihre Kräfte nicht, sondern überall, wo sie hinkommen, entsteht Ordnung und Wohlstand. Sie sind dem Volk der Bienen wohlgesinnt, darum vertrauen wir Bienen uns ihrem Schutz an und teilen unseren Honig mit ihnen. Sie lassen uns genug für den Winter und sorgen dafür, daß der Frost und die große Schar der Feinde, die wir unter den Tieren haben, uns nicht stören oder vernichten. Es gibt wenig freie Tiere in der Welt, die solch ein Verhältnis von Freundschaft und freiwilliger Dienstbarkeit mit den Menschen eingegangen sind. Du wirst immer wieder unter den Insekten Stimmen hören, die dem Menschen Böses nachsagen. Höre nicht auf sie. Wenn ein betörtes Bienenvolk sich einmal in die Wildnis begibt und sein Heil ohne den Menschen versucht, geht es rasch zugrunde. Es gibt zu viele Wesen, die Verlangen nach unserm Honig tragen, und oft ist ein ganzer Staat ruchlos vernichtet worden, mit seinen Bauten und seiner Brut, nur weil ein unvernünftiges Tier seine Begierde nach dem Honig stillen wollte.« So hatte ihr Kassandra damals erzählt, und solange sich Maja nicht vom Gegenteil überzeugt hatte, wollte sie an die Wahrheit dieser Worte glauben. Es war schon Nachmittag geworden, und die Sonne stand hinter den Obstbäumen eines großen Gemüsegartens, den Maja durchflog. Die Bäume waren längst verblüht, aber die kleine Biene entsann sich noch gut, sie alle in ihrem leuchtenden Glanz von unzähligen Blüten gesehen zu haben, die sich heller als das Licht und betörend rein und lieblich gegen den blauen Himmel emporgehoben hatten. Der süße Duft und der lichte Schimmer hatten sie zu einer Seligkeit berauscht, die sie in ihrem Leben niemals vergessen wollte. Sie dachte nun im Dahinfliegen darüber nach, daß das alles wiederkommen sollte, und ihr Herz wurde weit vor Glück über die Herrlichkeit der großen Erde, auf der sie leben durfte. Am Ende des Gartens schimmerten die weißen Sternenbüschel des Jasmin, mit ihren zarten gelben Angesichtern, mitten im Strahlenkranz von reinem Weiß. Der sanfte Wind trug ihr den süßen Duft entgegen. Und gab es nicht auch noch Linden, die in dieser Jahreszeit in voller Blüte standen? Und Maja dachte beglückt an die großen, ernsten Linden, in deren Wipfel bis zuletzt das rötliche Glühen der Abendsonne stand. Sie flog zwischen Brombeerranken hindurch, die schon grüne Beeren angesetzt hatten, aber auch noch Blüten trugen. Als sie wieder empor wollte, um zum Jasmin zu gelangen, legte sich plötzlich etwas Fremdartiges über ihre Stirn und über ihre Schultern, ebenso rasch bedeckte es die Flügel, so daß sie wie gelähmt wurden und Maja in dem seltsamen Wunder dieser fremden Erscheinung das Bewußtsein hatte, plötzlich in ihrem Flug gehemmt zu sein und das Gefühl, zu fallen, kraftlos niederzufallen, als hielte eine heimliche, böse Gewalt ihre Fühler, ihre Beine und ihre Flügel in unsichtbarer Gefangenschaft. Aber sie fiel nicht. Obgleich sie ihre Flügel nicht mehr bewegen konnte, schwebte sie doch, wunderbar weich und zart und nachgiebig hielt es sie, hob sie ein wenig, senkte sie wieder und trieb sie hin und her, als spielte ein sanfter Wind mit einem gelösten Blatt. Die kleine Maja überkam ein Gefühl von Beängstigung, aber recht fürchten konnte sie sich noch nicht, da sie weder Schmerzen empfand, noch eigentlich ein Unbehagen verspürte. Nur seltsam war es, ganz seltsam, und dahinter lauerte etwas Böses. Sie wollte doch sehn, daß sie weiter kam. Wenn sie sich recht anstrengte, so würde es ihr sicher gelingen. Da sah sie quer über ihrer Brust einen unendlich feinen, dehnbaren Silberfaden, und als sie rasch und in heißem Schreck danach griff, blieb er an ihrer Hand hängen, klebte fest und ließ sich nicht mehr lösen. Und dort lief ein zweiter Silberfaden über ihre Schulter, zog sich über die Flügel hin und verband sie miteinander, so daß sie sie nicht mehr heben konnte. Und dort und dort, überall in der Luft und über ihren Körper hin liefen diese hellen, glitzernden, klebrigen Fäden. Die kleine Maja schrie laut auf vor Entsetzen, denn nun hatte sie erkannt, was ihr geschehn war und wo sie sich befand. Sie war im Netz der Spinne. Ihr Weinen und Rufen scholl laut und angstvoll in die stille sommerliche Runde, in der der Sonnenschein auf goldgrünen Blättern blinkte, in der Insekten hin und her flogen und Vögel sich durch die Luft warfen. Ganz nah duftete der Jasmin im Blau. Dorthin hatte sie gewollt, nun war es mit ihr zu Ende. Ein kleiner bläulicher Schmetterling, der braune Pünktchen, die wie Kupfer schimmerten, auf seinen Flügeln hatte, kam ganz dicht an Maja vorüber. »Ach Arme«, rief er, als er das Jammern der kleinen Maja hörte und sie verzweifelt im Netz der Spinne zappeln sah. »Möchte Ihnen der Tod leicht werden, Sie Liebe. Ich kann Ihnen nicht helfen. Auch mich trifft es einmal, vielleicht schon diese Nacht. Aber noch ist es schön für mich. Leben Sie wohl, vergessen Sie die Sonne nicht in Ihrem tiefen Todesschlaf.« Und er schaukelte weiter, ganz betäubt vom Blühn und von der Sonne und von seiner Lebensseligkeit. Der kleinen Maja stürzten die Tränen aus den Augen, und sie verlor allen Halt und jede Gefaßtheit. Hin und her stieß sie sich mit ihren gefesselten Flügeln und Beinchen, schrie und summte, so laut sie konnte, und rief um Hilfe und wußte nicht wen. Und dabei verwickelte sie sich immer fester in das Netz. Ach, nun gingen ihr in ihrer großen Angst die Warnungen Kassandras durch den Sinn: »Hüte dich vor dem Netz der Spinne, in ihrer Gewalt erleiden wir den grausamsten Tod. Sie ist herzlos und tückisch und läßt niemanden wieder frei.« Ihre Todesangst wurde zur Verzweiflung, mit ihren letzten Kräften machte sie eine gewaltige Anstrengung, aber obgleich sie die Empfindung hatte, als risse irgendwo eines der langen, stärkeren Tragseile, in denen das Netz hing, so spürte sie doch das furchtbare Verhängnis des Spinnennetzes, das darin bestand, daß es um so gefährlicher wirkte, je mehr man sich darin bewegte. Als sie in völliger Erschöpfung einen Augenblick innehielt, sah sie unter einem großen Brombeerblatt, ganz in ihrer Nähe, die Spinne sitzen. Ihr Entsetzen war unbeschreiblich, als sie das große Ungeheuer ganz ernst und still wie zu einem Sprung geduckt unter dem Blatt hocken sah. Die Spinne sah mit bösen funkelnden Augen auf die kleine Maja, in einer boshaften Geduld und grauenhaft kaltblütig. Maja stieß einen lauten Schrei aus. Ihr war, als habe sie noch niemals so voller Angst aufgeschrien. Schlimmer konnte auch der Tod selbst nicht aussehen, als dieses graue, behaarte Ungetüm mit seinem bösen Gebiß und den hochstehenden Beinen, in denen der plumpe Körper wie in einem Gestell hockte. Und nun gleich würde sie zustürmen, und mit ihrem Leben war es zu Ende. Da befiel Maja ein furchtbarer Zorn, wie sie ihn niemals gefühlt hatte. Sie stieß ihren hellen, bösen Kampfruf aus, den alle Tiere kennen und fürchten, und vergaß ihre Angst und ihr Herzeleid und war nur noch darauf aus, ihr Leben so teuer als möglich zu verkaufen. »Sie werden Ihre Hinterlist mit dem Tode büßen«, schrie sie der Spinne entgegen. »Kommen Sie nur her, um mich zu töten, Sie werden erfahren, was eine Biene vermag.« Die Spinne rührte sich nicht. Es war wirklich außerordentlich unheimlich und hätte sicher auch größere Tiere geängstigt, als die kleine Maja eines war. Mit der Kraft ihres Zorns machte sie eine letzte verzweifelte Anstrengung. Knack! Da riß über ihr ein langer Faden, der das Netz an einer Seite hielt. Es war sicher für kleine Mücken oder Fliegen berechnet und nicht für so große Insekten, wie es Bienen sind. Aber Maja verwickelte sich nur noch ärger. Da glitt die Spinne mit einem Ruck näher, ganz dicht bis an die kleine Maja heran, auf einem einzigen Faden, an dem sie mit den beweglichen Beinen heranturnte, so daß ihr Körper nach unten hing. »Was berechtigt Sie dazu, mir mein Netz zu zerstören?« sagte sie mit krächzender Stimme zu Maja. »Was wollen Sie hier? Ist die Welt nicht groß genug? Was stören Sie eine friedliche Einsiedlerin?« Das hatte die kleine Maja nicht erwartet. Nein, das wirklich nicht. »Es war ein Versehen«, rief sie, und zitterte vor Glück und Hoffnung. So häßlich die Spinne auch war, so schien sie doch keine bösen Absichten zu haben. »Ich habe leider Ihr Netz nicht beachtet und habe mich verwickelt. Ach, entschuldigen Sie.« Die Spinne kam etwas näher. »Sie sind ja eine ganz dralle kleine Person«, sagte sie, und ließ sich abwechselnd erst mit dem einen, dann mit dem andern Bein etwas los. Der Faden schwankte. Es war wirklich erstaunlich, daß ein so dünner Faden die große Spinne trug. »Ach, helfen Sie mir los,« bat Maja, »ich will mich erkenntlich zeigen, so gut ich kann.« »Deshalb bin ich gekommen«, sagte die Spinne und lächelte merkwürdig. Trotz dieses Lächelns sah sie heimtückisch und böse aus. »Sie zerstören mir ja mit Ihrem Gezappel das ganze Netz. Wenn Sie einen Augenblick stillhalten, will ich Sie befreien.« »Vielen, vielen Dank«, rief Maja. Die Spinne war nun ganz dicht neben ihr. Sie überzeugte sich genau, wie fest Maja sich schon verwickelt hatte. »Wie ist es mit dem Stachel?« fragte sie. Nein, wie böse und garstig sah sie aus. Maja schüttelte es ordentlich vor Entsetzen, wenn sie daran dachte, daß die Spinne sie nun berühren wollte. Aber sie sagte so freundlich, als sie vermochte: »Machen Sie sich wegen meines Stachels keine Sorge. Ich werde ihn einziehn und dann verletzt sich niemand daran.« »Das bitte ich mir aus«, sagte die Spinne. »Also! Aufgepaßt! Still gehalten! Es ist wirklich schade um mein Netz.« Die kleine Maja hielt still. Sie fühlte sich plötzlich herumgewirbelt, immer auf demselben Fleck, so daß ihr ganz schwindlig zumute wurde. Sie mußte die Augen schließen, und ihr wurde übel. -- Aber was war das?! Entsetzt riß sie die Augen auf. Sie war über und über eingewickelt von einem ganz frischen klebrigen Faden, den die Spinne bei sich gehabt haben mußte. »O du lieber Gott«, sagte die kleine Maja leise und mit bebender Stimme. Mehr sagte sie nicht. Nun war es zu Ende. Nun erkannte sie die Hinterlist der Spinne. Nun erst war sie gefangen, nun gab es kein Entrinnen mehr. Sie konnte keinen Flügel, kein Glied ihres Körpers mehr bewegen. Ihr Zorn und ihre Wut waren verflogen, nur eine große Traurigkeit kam über ihr Herz. Ich habe nicht gewußt, daß es soviel Schlechtigkeit und Bosheit in der Welt gibt, dachte sie. Nun kommt meine tiefe Todesnacht, leb' wohl, helle Sonne, lebt wohl, meine lieben Gefährten, warum hab' ich euch verlassen? Lebt alle wohl. Ich muß sterben. Die Spinne saß vorsichtig ein wenig beiseit. Sie fürchtete sich immer noch vor dem Stachel der kleinen Maja. »Nun?« fragte sie spöttisch, »wie befinden Sie sich, meine Kleine?« Maja war zu stolz, dieser Falschen noch zu antworten. Nur nach einer Weile, als sie glaubte, ihre Traurigkeit nicht mehr ertragen zu können, sagte sie: »Töten Sie mich bitte gleich.« »I wo,« sagte die Spinne und verknotete ein paar zerrissene Fäden, »meinen Sie, ich wäre so dumm wie Sie? Sterben tun Sie sowieso, wenn man Sie nur lange genug hängen läßt, und ich kann Ihnen Ihr Blut auch noch aussaugen, wenn Sie nicht mehr stechen können. Es ist nur schade, daß Sie nicht mehr sehen können, wie Sie mein schönes Netz zugerichtet haben, dann würden Sie Ihren Tod wenigstens als gerecht empfinden.« Sie ließ sich blitzschnell bis an die Erde nieder, legte das Ende des neugesponnenen Fadens um einen kleinen Stein und zog es fest an. Dann kam sie wieder herauf, ergriff das feste Seil, an dem die eingewickelte Maja hing, und schleppte es langsam mit ihrer Gefangenen fort. »Sie kommen in den Schatten, meine Liebe,« sagte sie, »damit die Sonne Sie nicht austrocknet. Da oben wirken Sie mir auch zu abschreckend auf andere Leutchen, die nicht aufpassen können. Und die Grasmücken kommen auch zuweilen auf den Gedanken, mein Netz zu plündern. Und damit Sie wissen, mit wem Sie zu tun haben: Ich heiße Thekla, von der Familie der Kreuzspinnen. Ihren Namen brauchen Sie mir nicht zu nennen, er ist gleichgültig, ein fetter Bissen sind Sie jedenfalls.« Da hing nun die kleine Maja tief im Schattendunkel des Brombeerbusches dicht über der Erde, der Grausamkeit der Spinne hilflos überliefert, die vorhatte, sie langsam verhungern zu lassen. Da sie mit dem Köpfchen nach unten hing, fühlte sie bald, daß sie diese schreckliche Lage nicht lange aushalten würde. Sie wimmerte leise vor sich hin, und ihre Hilferufe wurden immer schwächer. Wer auch sollte ihr helfen? Die Ihren daheim wußten nichts von dem Leid, das ihr widerfahren war, und konnten nicht zu ihrer Befreiung herbeieilen. Da hörte sie plötzlich unter sich im Gras jemanden mißmutig brummen, und sie verstand die Worte: »Ich komme, das genügt für alle, um Platz zu machen!« Ihr geängstigtes Herz begann stürmisch zu klopfen, denn sie erkannte an der Stimme sogleich den Mistkäfer Kurt, den sie damals bei der Grille Iffi belauscht hatte, und dem sie geholfen hatte, sich aus seiner bösen Lage wieder aufzurichten. »Kurt,« rief sie, so laut sie konnte, »lieber Kurt!« »Machen Sie Platz«, rief der blaue Kurt, der es in der Tat war. »Ich bin Ihnen ja nicht im Weg, Kurt,« rief Maja, »ach, ich hänge hier über Ihnen, die Spinne hat mich gefangen.« »Aber wer sind Sie denn?« fragte Kurt. »Ich bin sehr bekannt, überall, das werden Sie jetzt voraussichtlich zugeben?« »Ich bin die Biene Maja. O bitte, bitte, helfen Sie mir!« »Maja? Maja? -- Ach, ich erinnere mich. Sie lernten mich vor einigen Wochen kennen. Sapperlot, Sie sind allerdings in einer fatalen Lage, das muß ich zugeben, da ist freilich meine Hilfe nötig. Da ich augenblicklich Zeit habe, werde ich sie Ihnen nicht verweigern.« »O lieber Kurt! Können Sie diese Fäden zerreißen?« »Diese Fäden? Wollen Sie mich beleidigen?« Kurt schlug mit der Hand auf die Muskeln seines Arms. »Sehen Sie her, Kleine, das ist so gut wie reinster Stahl! So was an Kraft finden Sie so leicht nicht wieder. Ich nehme andere Dinge auf mich, als ein paar Spinnweben zu zerschmettern. Sie werden Ihr Wunder erleben.« Er kroch an dem Blatt empor, ergriff den Faden, an dem die kleine Maja hing, hielt sich daran fest und ließ dann das Blatt los. Der Faden riß und beide fielen zu Boden. »Das wäre der Anfang«, sagte Kurt. »Aber Sie zittern ja, kleine Maja, ach Arme, wie blaß Sie sind. Wer wird sich denn so vor dem Tode fürchten? Dem Tod muß man ruhig ins Auge sehn, wie ich es zu tun pflege. So, nun werde ich Sie auspacken.« Es war der kleinen Biene unmöglich, ein Wort zu sprechen. Helle Freudentränen liefen ihr über die Wangen. Sie sollte frei werden, sie sollte wieder im Sonnenschein fliegen, wohin sie wollte, sie sollte leben. Da sah sie über sich die Spinne die Brombeerranke herunterkommen. »Kurt,« schrie sie, »die Spinne kommt!« Kurt ließ sich nicht stören, er lachte nur vor sich hin. Er war allerdings ein außerordentlich starker Käfer. »Die überlegt es sich noch«, sagte er ruhig. Aber da erklang schon die böse krächzende Stimme über ihnen: »Räuber! Zu Hilfe! Man beraubt mich. Was haben Sie dicker Lümmel mit meiner Beute zu schaffen?!« »Regen Sie sich nicht auf, Madame«, sagte Kurt. »Ich werde mich wohl noch mit meiner Freundin unterhalten dürfen. Wenn Sie noch ein Wort sagen, was mir nicht gefällt, so zerreiße ich Ihnen Ihr ganzes Netz. Nun? Warum sind Sie denn plötzlich so schweigsam?« »Ich bin eine geschlagene Frau«, antwortete die Spinne. »Das tut nichts zur Sache«, meinte Kurt. »Jetzt machen Sie, daß Sie weiterkommen!« Die Spinne warf einen haßerfüllten und giftigen Blick auf Kurt, aber dann sah sie zu ihrem Netz empor und überlegte sich die Sache. Langsam kehrte sie um und schalt leise und grimmig vor sich hin. Da nützte allerdings kein Biß und kein Stich, gegen einen solchen Panzer, wie Kurt ihn trug, war nicht anzukommen. Sie klagte auf das heftigste über die Ungerechtigkeit der Umwelt und versteckte sich für alle Fälle vorläufig in einem welken Blatt, von dem aus sie ihr Netz übersehen konnte. Inzwischen war Kurt unten mit der Befreiung der kleinen Maja zu Ende. Er hatte die Gewebe zerrissen, ihre Flügel und Beinchen befreit, und den Rest konnte sie nun selbst übernehmen. Sie putzte sich froh und glücklich, wenn auch nur langsam, weil sie sehr geschwächt war von ihrer Angst und immer noch zitterte. »Sie müssen es vergessen,« sagte Kurt, »dann hört das Zittern auf. Versuchen Sie mal, ob Sie fliegen können.« Maja erhob sich mit leisem Summen, es ging vortrefflich, und sie erkannte zu ihrer Freude, daß keins ihrer Glieder beschädigt war. Sie flog langsam bis zu den Jasminbüschen hinauf, trank gierig von dem duftenden Honigsaft, den sie in großer Fülle fand, und kehrte dann zu Kurt zurück, der das Brombeergebüsch verlassen hatte und im Gras saß. »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen«, sagte Maja, tief ergriffen vom Glück ihrer neuen Freiheit. »Es ist schon sehr dankenswert, was ich getan habe,« meinte Kurt, »aber ich bin immer so. Nun fliegen Sie nur weiter. Ich würde Ihnen raten, sich heute abend früh aufs Ohr zu legen. Haben Sie weit bis nach Haus?« »Nein,« antwortete Maja, »nur ein paar Minuten, ich wohne am Buchenwald. Leben Sie wohl, Kurt, ich werde Sie nie vergessen. Nie will ich Sie vergessen in meinem ganzen Leben.« Achtes Kapitel +Die Wanze und der Schmetterling+ Die Gefangenschaft bei der Spinne hatte der kleinen Maja doch zu denken gegeben. Sie beschloß vorsichtiger zu werden, und sich künftig nicht mehr allzu rasch einzulassen. Wenn Kassandra sie auch über die größten Gefahren, die den Bienen drohen, unterrichtet hatte, so war doch die Welt zu groß, und es gab zu vielerlei Möglichkeiten, als daß man nicht allen Grund gehabt hätte, nachdenklich zu werden. Besonders des Abends, wenn die Dämmerung über das Land niedersank, kamen der kleinen Biene mancherlei Erwägungen in ihrer Einsamkeit; schien aber am andern Morgen die Sonne, so vergaß sie für gewöhnlich die Hälfte ihrer Besorgnisse und ließ sich durch ihr Verlangen nach Erlebnissen aufs neue in den bunten Lebensstrudel hinaustreiben. Eines Tages begegnete ihr in einem Himbeergebüsch ein merkwürdiges Tier. Es war eckig und seltsam platt, hatte aber eine hübsche Zeichnung auf seinem Rückenschild, von dem man nicht recht sagen konnte, ob es Flügel waren oder nicht. Das seltsame kleine Ungeheuer saß ganz still mit halbgeschlossenen Augen auf einem Blatt im Schatten im Duft der Himbeeren und schien nachzudenken. Maja wollte wissen, was das für ein Tier war. Sie flog ganz in die Nähe, setzte sich auf ein benachbartes Blatt und grüßte. Die Fremde antwortete nicht. »Sie!« sagte Maja und stieß das Blatt der Fremden an, so daß es etwas wackelte. Da öffnete das platte Geschöpf langsam ein Auge, schaute Maja damit an und sagte: »Eine Biene. Nun ja, es gibt viele Bienen.« Und dann machte es sein Auge wieder zu. Wie eigenartig, dachte die kleine Maja, aber sie beschloß doch, hinter das Geheimnis der Fremden zu kommen. Nun war sie ihr erst recht interessant geworden, wie Leute es oft werden, die nichts von uns wissen wollen. Maja versuchte es mit etwas Honig. »Ich habe reichlich,« sagte sie, »wenn ich Ihnen vielleicht etwas anbieten darf?« Die Fremde machte ihr Auge wieder auf und schaute Maja eine Weile sinnend an. Was wird sie diesmal sagen, dachte die Biene. Aber es kam keine Antwort, nur das Auge schloß sich wieder, und die Fremde blieb still sitzen, ganz fest an das Blatt geschmiegt, so daß man nichts von ihren Beinen sah und fast glauben konnte, es hätte sie jemand mit dem Daumen so fest an das Blatt gepreßt, daß sie darüber platt geworden war. Maja merkte nun wohl, daß die Fremde nichts von ihr wissen wollte, aber wie es einem so geht, man möchte nicht gern so unhöflich verabschiedet werden, am wenigsten ohne zu seinem Ziel gelangt zu sein. Das wäre ja gradezu eine Blamage gewesen, und die erlebt niemand gern. »Wer immer Sie sein mögen,« rief Maja, »merken Sie sich, daß man in der Insektenwelt einen Gruß zu erwidern pflegt, ganz besonders aber dann, wenn er von einer Biene geboten wird.« Es blieb ganz still, und nichts rührte sich. Die Fremde machte ihr Auge nicht mehr auf. Dies Tier ist krank, dachte sich Maja. Wie unangenehm, an einem so schönen Tage krank zu sein, darum sitzt es auch im Schatten. Sie flog auf das Blatt der Fremden und setzte sich neben sie. »Meine Liebe,« fragte sie freundlich, »was fehlt Ihnen?« Da begann das fremde Tier sich fortzubewegen, auf ganz absonderliche Art, als ob es von einer unsichtbaren Hand geschoben würde. Es hat keine Beine, dachte Maja, deshalb ist es so verstimmt. Am Stiel des Blattes machte es halt, und nun sah Maja zu ihrer Verwunderung, daß es einen kleinen braunen Tropfen zurückgelassen hatte. Wie apart, dachte sie, aber da verbreitete sich plötzlich ein furchtbarer Geruch in der Luft, der von diesem braunen Tropfen ausging. Die Biene wurde beinahe betäubt, so eindringlich und widerwärtig war dieser Geruch, und so rasch sie konnte, flog sie empor und setzte sich auf eine Himbeere, hielt sich die Nase zu und schüttelte sich vor Aufregung und Entsetzen. »Ja, warum lassen Sie sich mit einer Wanze ein,« sagte jemand über ihr und lachte. »Lachen Sie nicht!« rief Maja. Sie sah sich um. Über ihr auf einem feinen schaukelnden Trieb des Himbeerbusches saß ein weißer Schmetterling. Er klappte seine großen Flügel langsam auf und wieder zu, lautlos und von der Sonne beglückt. Seine Flügel hatten schwarze Ecken, auch waren mitten darauf runde schwarze Punkte, auf jedem Flügel einer, so daß es zusammen vier waren. Maja hatte schon viele Schmetterlinge gesehen, aber sie hatte noch keinen kennengelernt. Vor Entzücken über seine Schönheit vergaß sie ihren Verdruß. »Ach,« sagte sie, »Sie haben vielleicht ganz recht, wenn Sie lachen. War das eine Wanze?« Der Schmetterling nickte. »Aber sicher war es eine,« sagte er, immer noch lächelnd, »mit denen läßt man sich nicht ein. Sie sind wohl noch sehr jung?« »Nun,« meinte Maja, »das will ich nicht grade behaupten. Ich habe große Erfahrungen gemacht. Aber so ein Tier ist mir noch nicht vorgekommen. Wer tut denn so was?« Der Schmetterling mußte wieder lachen. »Die Wanzen«, erzählte er, »sind gern allein, und weil sie im allgemeinen nicht sehr beliebt sind, versuchen sie sich auf diese Art bemerkbar zu machen. Man würde sie sonst wahrscheinlich bald vergessen, aber auf diese Art denkt man an sie. Das wollen sie jedenfalls.« »Wie schön Ihre Flügel sind,« sagte Maja, »so leicht und weiß. Darf ich mich Ihnen vorstellen? Ich heiße Maja, vom Volk der Bienen.« Der Schmetterling legte seine Flügel zusammen, so daß es aussah, als habe er nur einen, sie standen grade in die Luft empor. Er verbeugte sich ein wenig und sagte nur ganz kurz: »Fritz.« So hieß er. Maja konnte sich nicht satt sehen an seinen Flügeln. »Fliegen Sie mal«, sagte sie. »Soll ich fortfliegen?« »O nein,« antwortete Maja, »ich möchte nur sehen, wie Ihre großen weißen Flügel sich in der blauen Luft bewegen, aber ich kann es ja auch später noch sehen. Wo wohnen Sie?« »Ich habe keine bestimmte Wohnung,« sagte Fritz, »man hat zu viel Umstände damit. Seit ich ein Schmetterling bin, ist das Leben erst wirklich schön. Früher, als ich eine Raupe war, kam man den ganzen Tag nicht von den Kohlblättern herunter, fraß und zankte sich.« »Wie meinen Sie das?« fragte Maja erstaunt. »Früher war ich eine Raupe«, sagte Fritz. »Ausgeschlossen«, rief Maja. »Na, hören Sie mal,« meinte Fritz und richtete seine beiden Fühler grade auf Maja, »das weiß doch jeder, das weiß sogar der Mensch.« Die kleine Maja wurde ganz befangen. Ob so etwas in der Welt möglich war? »Da müssen Sie sich erst deutlicher erklären,« sagte sie zweifelnd, »so ohne weiteres werde ich das nicht glauben. Das können Sie nicht verlangen.« Der Schmetterling setzte sich neben die Biene auf den kleinen schwankenden Zweig des Busches, und sie schaukelten nebeneinander im Morgenwind. Er erzählte ihr, wie er eines Tages als Raupe begonnen habe sich einzuspinnen, bis nichts mehr kenntlich war als eine unscheinbare braune Hülle, die Puppe genannt würde. »Und nach wenig Wochen«, fuhr er fort, »erwachte ich aus meinem dunklen Schlaf und zerbrach meine Hülle. Ich kann Ihnen niemals schildern, Maja, wie einem nach so einer Zeit zumute ist, wenn man plötzlich die Sonne wieder sieht. Mir war zumute, als verginge ich in einem warmen goldenen Meer, und ich habe mein Leben so geliebt, daß ich Herzklopfen bekam.« »Das kann ich verstehn,« sagte Maja, »es ist mir ebenso gegangen, als ich zum erstenmal aus unserer düsteren Stadt in den hellen Blütenduft hinausflog.« Und die kleine Biene wurde einen Augenblick ganz still, weil sie an ihren ersten Ausflug denken mußte. Aber dann wollte sie wissen, wie die großen Flügel des Schmetterlings in der kleinen Hülle hätten wachsen können. Fritz erklärte es ihr. »Sie sind leicht und fein zusammengelegt, wie die Blütenblätter einer Blume in einer Knospe. Wenn es hell und warm wird, muß die Blume sich öffnen, sie kann nicht anders, und ihre Blätter entfalten sich. So ist es auch mir mit meinen Flügeln gegangen. Niemand kann widerstehn, wenn die Sonne scheint.« »Doch,« sagte Maja, »das ist wahr.« Nachdenklich betrachtete sie den weißen Schmetterling, wie er im goldenen Morgenlicht saß, gegen den blauen Himmel. »Man sagt uns oft nach, wir seien leichtsinnig,« sagte Fritz, »aber im Grunde sind wir nur glücklich. Sie glauben nicht, wie ernst ich oft über das Leben nachdenke.« »Was haben Sie alles ausgedacht?« fragte Maja. »Über die Zukunft denke ich nach,« sagte der Schmetterling, »sie ist sehr interessant. Aber nun will ich fliegen, die Wiesen am Berghang stehn voll Glockenblumen und Schafgarbe, alles blüht dort; ich möchte dabei sein, wissen Sie.« Maja verstand das gut, und sie verabschiedeten sich und flogen nach verschiedenen Seiten davon, der weiße Schmetterling lautlos und schaukelnd, als trüge ihn der sanfte Wind, und die kleine Maja mit ihrem sorgenvollen Summen, das wir an schönen Tagen über den Blumen hören und nie vergessen können, wenn wir an den Sommer denken. Neuntes Kapitel +Hannibals Kampf mit dem Menschen+ In der Nähe der Baumhöhle, in der die kleine Maja ihre Sommerwohnung aufgeschlagen, hatte sich in der Rinde der Kiefer der Borkkäfer Fridolin mit seiner Familie angesiedelt. Er war ein arbeitsamer und ernster Mann, der viel Sorgfalt auf die Fortpflanzung seiner Familie legte und es auf diesem Gebiet zu hübschen Erfolgen gebracht hatte. Er sah mit Stolz auf etwa fünfzig regsame Söhne zurück, die alle zu den besten Hoffnungen berechtigten. Sie gruben sich unter der Baumrinde jeder seinen kleinen gewundenen Kanal und fühlten sich darin wohl. »Meine Frau hat es so eingerichtet, daß keiner dem anderen in die Quere kommt«, sagte Fridolin zu Maja. »Meine Söhne kennen sich noch nicht, ihre Lebenswege gehn alle nach verschiedenen Richtungen.« Maja kannte Fridolin schon lange. Sie wußte wohl, daß die Menschen ihn und sein Geschlecht nicht eben liebten, aber sie selbst fand sein Wesen und seine Gesinnungsart sehr liebenswürdig und hatte bisher nicht Grund gehabt, ihn zu meiden. Morgens, wenn der Wald noch schlief und die Sonne noch nicht aufgegangen war, hörte sie oft sein feines Pochen und Bohren, ganz leise klang es wie ein feines Rieseln, oder als atmete der Baum im Schlaf. Später fand sie dann den dünnen braunen Staub, den er aus seinem Gang geschafft hatte. Eines Morgens kam er früh zu ihr, wie er es oft tat, und erkundigte sich danach, ob Maja gut geschlafen habe. »Fliegen Sie heute nicht?« fragte er. »Nein,« sagte Maja, »es ist zu windig.« Das war es in der Tat. Der Wald brauste und schüttelte seine Äste wild und aufgeregt, und die Blätter an seinen Zweigen sahen aus, als ob sie fortflattern wollten. Jedesmal, wenn wieder ein Windstoß kam, wurde es etwas heller umher, und man hatte den Eindruck, als wären die Bäume um vieles kahler. In der Kiefer, auf der Fridolin und Maja lebten, pfiffen die Stimmen des Windes mit ganz hellem Sausen, es klang, als ob der Baum erregt und zornig sei. Fridolin seufzte. »Ich habe die ganze Nacht gearbeitet,« erzählte er, »was bleibt einem übrig? Man muß sehn, daß man etwas erreicht. Ich bin auch mit dieser Kiefer nicht recht zufrieden, ich hätte mich an eine Tanne heranmachen sollen.« Er trocknete sich die Stirn und lächelte nachsichtig. »Wie geht es Ihren Kindern?« fragte Maja freundlich. Fridolin dankte. »Ich überseh die Sache nicht mehr recht,« sagte er zögernd, »aber ich gebe mich der Hoffnung hin, daß alle gedeihn.« Wie er so dasaß, ein kleiner brauner Mann, mit seinem Brustschild, das aussah wie ein viel zu großer Kopf, und seinen kurzen, etwas gestutzten Flügeldecken, fand Maja, daß er beinahe etwas komisch wirkte, aber sie wußte wohl, daß er ein gefährlicher Käfer war und den mächtigen Waldbäumen großen Schaden tun konnte. Fiel sein Volk in großen Scharen über einen Baum her, so war es bald um seine grünen Nadeln geschehen, er mußte welken und sterben und hatte keine Mittel, sich gegen die kleinen Räuber zu wehren, die ihm seine Rinde zerstörten, durch die der Saft in die Wipfel steigt. Man erzählte, daß seinem Volke schon ganze Wälder zum Opfer gefallen seien. Maja betrachtete ihn nachdenklich, und ihr ward ganz feierlich zumute, wenn sie bedachte, wie bedeutungsvoll und mächtig dies kleine Tier werden konnte. Da seufzte Fridolin und sagte bekümmert. »Ach, das Leben wäre schön, wenn es keine Spechte gäbe.« »Ja, ja,« nickte Maja, »der Specht, das ist wahr, er frißt auf, was er findet.« »Wenn es nur das wäre,« meinte Fridolin, »wenn leichtsinnige Leute, die sich außen auf der Rinde umhertreiben, ihm als Beute zufielen, würde ich sagen: Gut, schließlich will auch ein Specht leben. Aber ich finde es unverantwortlich, daß dieser Vogel einen bis unter die Rinde verfolgt, bis in die Schlupfwinkel und bis tief in unsere Gänge hinein.« »Nein,« sagte Maja, »das kann er nicht. Dazu ist er zu groß, soviel ich weiß.« Fridolin sah Maja mit hochgezogenen Brauen an und nickte ein paarmal gewichtig mit dem Kopf. Es machte ihm offenbar Spaß, daß er etwas besser wußte. »Zu groß?« fragte er, »wer spricht von seiner Größe? Nein, meine Liebe, seine Größe ist es nicht, die uns besorgt macht, sondern seine Zunge.« Maja machte große Augen, und nun erfuhr sie von Fridolin, daß der Specht eine lange dünne Zunge hat, rund wie ein Wurm, und spitz und klebrig. »Zehnmal so lang, wie ich es bin, kann er sie mindestens herausstrecken«, rief der Borkkäfer und schwenkte den Arm. »Man denkt, jetzt ist sie zu Ende, da wird sie noch länger. Er schiebt sie, gewissenlos wie er ist, tief in alle Spalten und Risse der Rinde und denkt: vielleicht sitzt jemand darin. Sogar in unsere Kanäle dringt diese Zunge ein, Gott weiß es, und was mit ihr in Berührung kommt, klebt daran fest und wird herausgezogen.« »Ich bin nicht feige,« sagte Maja, »bestimmt nicht, aber diese Tatsache macht mich doch recht besorgt.« »Ach, Sie mit Ihrem Stachel haben es gut«, meinte Fridolin nicht ohne Neid. »Jeder besinnt sich, eh er sich in die Zunge stechen läßt, fragen Sie, wen Sie wollen. Aber was soll unsereiner sagen? Meine Cousine hat es durchgemacht. Wir hatten vorher einen kleinen Streit wegen meiner Frau gehabt, ich weiß noch alles genau, sie war bei uns auf Besuch und kannte die Wohnungsverhältnisse noch nicht so recht. Mit einmal hören wir den Specht scharren und klopfen, es war einer von den kleineren Sorten. Er muß grade bei unserem Bau angefangen haben, sonst hört man ihn gewöhnlich schon vorher und bringt sich in Sicherheit. Plötzlich höre ich meine bedauernswerte Cousine aus dem Dunkel schrein: 'Fridolin, ich klebe!' Ich vernahm noch ein verzweifeltes Zappeln, dann wurde es still, und der Specht hämmerte schon nebenan. Um meine Cousine war es geschehn, sie war bereits verschlungen. Sie hieß Agathe.« »Fühlen Sie mal, wie mein Herz klopft,« sagte Maja leise, »Sie hätten es nicht so rasch erzählen sollen. Was doch alles passiert in der Welt!« Und die kleine Biene dachte an ihre eigenen Erlebnisse, die zurücklagen, und an alles, was ihr vielleicht noch begegnen könnte. Da fing plötzlich Fridolin an zu lachen. Maja sah sich überrascht nach ihm um. »Passen Sie auf,« rief er, »jetzt kommt der Richtige den Baum herauf, das ist einer, sage ich Ihnen. Nun, Sie werden ja sehn.« Maja folgte seinen Blicken und sah ein merkwürdiges Tier langsam den Baum emporklimmen. Sie hatte niemals für möglich gehalten, daß es solche Tiere gab. Aber größer als ihr Erstaunen war anfangs ihre Angst, und sie fragte Fridolin hastig, ob man sich verbergen müßte. »Kein Gedanke,« sagte der Borkkäfer, »bleiben Sie getrost sitzen und begrüßen Sie den Herrn höflich. Er ist sehr gelehrt und hat wirklich ernste Kenntnisse, dabei ist er gutherzig und bescheiden und wie alle Leute, die so beschaffen sind, etwas komisch. Schauen Sie, was er tut!« »Wahrscheinlich denkt er nach«, meinte Maja, die nicht aus dem Erstaunen herauskam. »Er kämpft gegen den Wind,« sagte Fridolin und lachte, »wenn ihm nur seine Beine nicht durcheinandergeraten.« »Sind denn diese langen Fäden wirklich seine Beine«, fragte Maja mit großen Augen. »So was hab' ich nie gesehn.« Inzwischen war der Fremde näher gekommen, und Maja sah ihn genauer. Eigentlich sah es aus, als käme er durch die Luft, so hoch hing sein kleiner, rundlicher Körper in den ungeheuer langen Beinen, die wie ein fadendünnes, bewegliches Gestell, weit von ihm ab, nach allen Seiten hin Halt suchten. Er schritt vorsichtig und tastend voran, dabei schwankte das braune Kügelchen seines Körpers bald höher hinauf, bald wieder hinab. Die Beine waren so lang und dünn, daß ein einzelnes sicher den Körper nicht hätte tragen können, er brauchte sie unbedingt alle zusammen, und da sie in der Mitte geknickt waren, überragten sie ihn hoch bis in die Luft hinein. Maja schlug die Hände zusammen. »Nein so was!« rief sie. »Aber hätten Sie für möglich gehalten, daß so zarte Beine, dünn wie Haare, so beweglich und nützlich sein können, daß man sie wirklich gebrauchen kann, und daß sie wissen, was sie tun sollen? Ich finde, das ist ein Wunder, Fridolin.« »Ach was,« sagte der Borkkäfer, »wenn etwas komisch ist, so lacht man, damit basta.« »Ich habe aber keine Lust dazu,« antwortete Maja, »oft lacht man über etwas, und später stellt sich heraus, daß man es nur nicht verstanden hat.« Da war der Fremde herangekommen, er schaute von der Höhe seiner Beine, aus all den spitzen Dreiecken heraus, auf Maja nieder und sagte: »Guten Morgen! Ein rechter Brausewind, meine zwei Herrschaften, ein Zuglüftlein recht derber Art, nicht wahr, oder -- wie? Meinten Sie vielleicht etwas anderes?« Und er hielt sich fest, so gut er konnte. Fridolin verbarg sein Lachen, aber die kleine Maja antwortete höflich, das sei auch ihre Meinung, deshalb sei sie heute nicht ausgeflogen. Dann stellte sie sich vor. Der Fremde schielte durch seine Knie hindurch auf sie nieder. »Maja, vom Volk der Bienen,« wiederholte er, »das freut mich aufrichtig, ich habe viel von den Bienen gehört. Ich muß Ihnen gestehn, daß ich immer etwas in Verlegenheit gerate, wenn ich mich jemandem vorstellen soll, denn unsere sehr verbreitete Familie ist unter den verschiedensten Namen bekannt. Man nennt uns Weberknechte, Schneider oder Schuster. Jedenfalls gehöre ich zur Gattung der Spinnen, und mein Rufname ist Hannibal.« Die Namen der Spinnen haben einen bösen Klang bei allen kleineren Insekten, Maja konnte ihren Schreck nicht ganz verbergen, zumal sie ihrer Gefangenschaft bei der Spinne Thekla gedachte; aber Hannibal schien nichts davon zu merken. Sie dachte, wenn es sein muß, flieg' ich, da kann er mir nachschauen, Flügel hat er nicht, und sein Netz ist anderswo. »Ich bin in Gedanken, sehr in Gedanken,« sagte Hannibal, »wenn Sie erlauben, trete ich etwas näher, dort hinter dem großen Ast bin ich geschützt.« »Bitte schön«, sagte Maja und machte Platz. Fridolin verabschiedete sich, aber die kleine Biene wollte nun doch gerne wissen, was es mit Hannibal für eine Bewandtnis hätte. Was es doch alles für Tiere in der Welt gibt, dachte sie, immer wieder entdeckt man irgendein neues. Der Wind hatte etwas nachgelassen, und die Sonne schien durch die Baumzweige. Irgendwo unten im Buschwerk stimmte ein Rotkehlchen sein Lied an und erfüllte den Wald mit Glück. Maja konnte es auf einem Zweig sitzen sehen, sie sah, wie die Kehle sich beim Singen bewegte, und der Vogel hatte sein Köpfchen emporgerichtet gegen das Licht. »Wenn ich doch singen könnte,« sagte die kleine Maja, »so wie dort das Rotkehlchen, ich setzte mich auf eine Blume und täte es den ganzen Tag.« »Dabei würde etwas Nettes herauskommen,« meinte Hannibal, »Sie mit Ihrem Gesumm.« »Der Vogel sieht so glücklich aus«, sagte die Biene. »Sie sind eine phantastische Person«, meinte der Weberknecht. »Wenn alle Tiere sich etwas anderes wünschten, als sie können, so würde bald die Welt auf dem Kopf stehen. Denken Sie sich, ein Rotkehlchen glaubte, es müßte partout einen Stachel haben, oder eine Ziege wollte herumfliegen und Honig sammeln. Dann käme am Ende noch der Frosch und wünschte sich solche Beine, wie ich sie habe.« Maja lachte. »Nein, das meine ich nicht,« sagte sie, »aber ich denke es mir wunderschön, alle Wesen so glücklich machen zu können, wie dieser Vogel es durch seinen Gesang kann. Aber was ist denn das,« rief sie plötzlich in großer Verwunderung, »Herr, Sie haben ja ein Bein zuviel. Sie haben sieben Beine.« Hannibal runzelte die Stirn und schaute unwillig vor sich hin. »Jetzt haben Sie es also glücklich doch gemerkt«, sagte er verstimmt. »Allerdings habe ich kein Bein zuviel, sondern eins zuwenig.« »Ja, haben Sie denn sonst acht Beine?« fragte Maja erstaunt. »Wenn Sie erlauben,« meinte Hannibal, »wir Spinnen haben acht Beine. Wir brauchen sie, und auch sonst -- es ist vornehmer. Mir ist eins abhanden gekommen, schade um das Bein, aber schließlich hilft man sich, so gut man kann.« »Es muß sehr unangenehm sein, ein Bein zu verlieren«, sagte Maja teilnehmend. Hannibal stützte das Kinn in die Hand und stellte seine Beine so, daß es schwer war, sie zu über