Project Gutenberg's Ueber Goethes Hermann und Dorothea, by Victor Hehn This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at www.gutenberg.org Title: Ueber Goethes Hermann und Dorothea Author: Victor Hehn Commentator: Albert Leitzmann Theodor Schiemann Release Date: May 7, 2007 [EBook #21349] Language: German Character set encoding: UTF-8 *** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK UEBER GOETHES HERMANN UND DOROTHEA *** Produced by Taavi Kalju and the Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned images of public domain material from the Google Print project.) Ueber Goethes Hermann und Dorothea. Von _Viktor Hehn._ Aus dessen Nachlaß herausgegeben von Albert Leitzmann und Theodor Schiemann. Stuttgart 1893. _Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung_ Nachfolger. Alle Rechte vorbehalten. Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart. Vorwort. Viktor Hehns litterarische Thätigkeit ist durch seine ungerechte Verbannung nach Tula im Jahre 1851 gewaltsam durchbrochen worden. Er hatte bis dahin unermüdlich gesammelt, und mit wahrhaft bewunderungswürdigem Fleiß nicht nur die lange Reihe seiner Reisetagebücher zu stilistischer Vollendung ausgearbeitet, sondern auch in seinen Kollegienheften eine deutsche Litteraturgeschichte entworfen, die überall auf eigene Studien gegründet, die klassische Periode unsrer Litteratur, speziell Schiller und Goethe, soweit es der damalige Stand der Wissenschaft erlaubte, erschöpfend behandelte. Schon damals war ihm Goethe der Meister, zu dem er aufschaute und die später in seinen Gedanken über Goethe niedergelegten Anschauungen und Urteile lassen sich im Keim bereits in jenen für seine Schüler an der Universität bestimmten Vorlesungen wiederfinden. Nur daß sie in Zweck und Anlage eine andre Behandlung des Problems verlangten und teils zu ausführlichen Kommentaren einzelner Werke, und bestimmter zu einem Ganzen zusammengefaßter Dichtungen sich gestalteten, teils einen biographischen Charakter trugen. Daß Hehn in den vier Jahren seiner Dorpater Dozentenzeit neben seinen weitgreifenden linguistischen Studien, die damals auch die esthnische Sprache umfaßten, die Zeit fand, den ungeheuren Stoff nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch zu bewältigen, wird nur verständlich, wenn man weiß, daß er von jeher das litterarhistorische Gebiet mit besonderer Liebe gepflegt hat, und in seinen sorgfältig bewahrten Kollektaneen, die bis in den Anfang der dreißiger Jahre zurückreichten, Vorarbeiten besaß, die ihm nunmehr sehr zu statten kamen. Es kann als sicher angenommen werden, daß Hehn einzelne Abschnitte seiner Vorlesungen zu selbständigen Darstellungen zu erweitern gedachte. Ausgeführt hat er den Plan nur mit Hermann und Dorothea. Das Manuskript war fertiggestellt, auch die Vorrede bereits geschrieben, als seine Verhaftung erfolgte. Sämtliche Papiere Hehns wurden mit Beschlag belegt und nach Petersburg gebracht. Auch nach der »Begnadigung« im Mai 1855 wurden sie ihm nicht wiedererstattet, das geschah erst viel später. Hehn schreibt darüber im Dezember 1874 seinem älteren Bruder: »(Meine Papiere) werden endlich geordnet werden müssen, nachdem sie vor 23 Jahren in den Händen der heiligen Hermandad gewesen sind -- die sich in ihrer Liebenswürdigkeit die besten Stücke ausgewählt und zum Andenken behalten hat. Bisher war ich zu weichlich, daran zu rühren; nur daß von meinen Dorpater Kollegienheften einzelne Bogen, wahrscheinlich besonders anstößige, fehlen, habe ich konstatiert und mich giftig geärgert.« Zu einer vollständigen Ordnung der Papiere ist es nun überhaupt nicht gekommen. Es scheint, daß Hehn jenes von ihm als »weichlich« bezeichnete Gefühl, nicht überwinden konnte. Nur mit den Tagebüchern und den Heften seiner Lesefrüchte machte er eine Ausnahme. Die wurden fleißig durchackert, und es läßt sich noch heute an dem Unterschiede der Handschrift verfolgen, wo er für nötig hielt, Korrekturen anzubringen, oder etwa durch ein Fragezeichen seiner inzwischen anders gewordenen Ueberzeugung Ausdruck zu geben. »Hermann und Dorothea« gehört zu den nicht berührten Manuskripten und ist leider in der »dritten Abteilung« (so hieß die Geheimpolizei in Petersburg) ebenfalls beraubt worden. Glücklicherweise gestatten die zum Teil erhaltenen Konzepte des Buches die Lücken mit annähernder Sicherheit in Hehns Geiste zu schließen. Hehn war 37 Jahre alt, als er das Manuskript über Hermann und Dorothea fertigstellte. So wesentlich sich auch nachher sein politisches Urteil modifizierte und sein Wissen bereicherte, sein ästhetisches Urteil war um jene Zeit bereits dasselbe wie in späteren Jahren. Wo er, wie in den »Gedanken über Goethe« über das Goethesche Epos redet, finden wir keinen Widerspruch zu seinen mehr als ein Menschenalter früher formulierten Ausführungen. Es bietet dem Freunde Hehnscher Gedankenarbeit aber einen besonderen Reiz, zu verfolgen, wie in diesen Werken des kräftigsten Mannesalters eine Wärme der Empfindung überwiegt, die später oft durch eine kühle Ironie in Beurteilung von Menschen und Verhältnissen zurückgedrängt wurde. Findet das Hehnsche Buch die Beachtung und Anerkennung, die wir ihm wünschen, so soll es der Vorläufer anderer sein. Theodor Schiemann. Inhalt. Seite Einleitung 1-4 Hermann und Dorothea 5-26 Wahl des Stoffes. Warum kein politischer 26-51 Stoffquelle, Entstehung und Aufnahme 52-60 Ort und Zeit 60-65 Gang der Fabel 65-85 Charaktere 86-100 Sitten und Lebenssphäre 100-114 Diktion 114-129 Vers 129-139 Andre deutsche Epen (Luise von Voß, Messias von Klopstock) zur Vergleichung 139-146 Anmerkungen 147-164 Einleitung 148-150 Hermann und Dorothea 150-156 Wahl des Stoffes. Warum kein politischer 156-158 Stoffquelle, Entstehung und Aufnahme 158-159 Ort und Zeit 159 Gang der Fabel 159 Charaktere 160 Sitten und Lebenssphäre 160-161 Diktion 161-162 Vers 162-163 Andre deutsche Epen (Luise von Voß, Messias von Klopstock) zur Vergleichung 163-164 Einleitung. Wieder über Goethe! ruft vielleicht mancher und wirft das Buch ungeduldig beiseite. Aber was haben wir denn sonst noch Großes, was besitzen wir bis jetzt noch andres, nicht im Traum, sondern wahrhaft, als Goethe? Wie die Franzosen sich das Bild der Revolution, ihres Heroenzeitalters, in immer neuer Beleuchtung vorführen, so füllen wir Bibliotheken über die Literatur und vornehmlich über deren größte Gestalt, den einzigen wirklichen Dichter, der uns zu teil geworden. Jch bringe meinen Beitrag zu den vielen andern. Der fromme Beter, aus dem Tempel tretend, pflanzt dankbar auch sein Bäumchen, so daß im Lauf der Jahre ein immer herrlicherer Hain das Heiligtum umrauscht. Noch ist die Arbeit, Goethe in das Bewußtsein der Nation einzuführen, lange nicht vollendet. Wer die herrschende Bildung beobachtet hat, muß gestehen, daß die große Mehrzahl gar nicht ahnt, wieviel sie an Goethe besitzt. Seine Dichtungen sind berühmt und von allen gekannt, genossen und empfunden sind sie nur von wenigen. Sinn für Poesie ist überhaupt nicht weiter verbreitet als Talent z. B. für Mathematik. Die meisten haften an dem falschen Golde rhetorischen Schmuckes, werden kindisch gelockt von den Flittern der Diktion und, wenn es sich um Gestalten handelt, nur durch abstrakte Idealität berührt und fortgerissen. Selbst unter denen, die als Goethes Ausleger aufgetreten sind, haben sich nicht alle durch das Entzücken des poetischen Genusses und das Streben, auch andre daran teilnehmen zu lassen, zu ihrem Amte berufen geglaubt, sondern wurden vielmehr durch schulphilosophische Bedürfnisse, religiöse, politische, soziale Standpunkte, also mehr durch ein scholastisches und praktisches Interesse dazu geführt. Sie suchten an jenen Dichtungen die Gelegenheit, sie drängten sich den Inhalt schon mitbringend an sie heran, statt in unbefangener Hingabe die schöne Menschlichkeit und reine Darstellung auf sich wirken zu lassen und der Empfindung andrer näher zu bringen. So ist in den zahlreichen Schriften über Faust zwar jedes Wort, das in des Helden Monologen, in den Gesprächen mit Mephistopheles und Wagner ausgesprochen wird, zu einem heiligen Text geworden, zu dem die Noten und Exkurse sich häuften und welcher zu aller Art von Schriften und Verhandlungen Sprüche liefert, aber die wundervollen Szenen zwischen Faust und Gretchen, die Blüte des Werkes, wo die volle dichterische Schöpfungsmacht das ergreifendste individuelle Bild von Lieb und Leid des Menschenlebens vor uns hinwirft, bilden weiße Seiten, bei denen die geschäftige Interpretation schweigt. Wenn es Rötscher über sich vermag, bei Gretchens Gestalt und über sie hinweg an Unschuld, Fall und Erlösung des Menschengeschlechts, die durch sie dargestellt werden, zu denken, so müssen wir an seinem poetischen Sinne ebenso sehr zweifeln, als wenn Viehoff in seinem neusten Kommentar zu Goethes Gedichten die Schönheit derselben in Zäsur und Alliteration, iambischem und trochäischem Rhythmus, in das Vorherrschen dieses und jenes Vokals u. s. w. setzt. So findet Karl Grün die volle Bedeutung des Goetheschen Geistes in Wilhelm Meisters Wanderjahren, im zweiten Teil des Faust u. s. w., während z. B. Hermann und Dorothea von ihm kaum berührt wird. Auch ihm also liegt die soziale Wahrheit näher am Herzen als die poetische Kunst: er kann gleichgültig vorübergehen, wo die letztere unwiderstehlich fesselt; er kann liebevoll verweilen, wo sie erloschen ist. Sind so die Ausleger nicht immer das Organ reiner Freude an der Gegenwart der Poesie geworden, so findet man unter der großen Menge der Leser und Urteiler überwundene Meinungen und längst verlassene Standpunkte noch so sehr in vollem Bestand, daß es fortwährend not thut, die in engerem Kreise gewonnene ästhetische Einsicht von neuem vorzutragen. Der moralisch-didaktische Gesichtspunkt einem Dichterwerk gegenüber, die religiösen Abstraktionen, der Dualismus zwischen Sinnlichem und Uebersinnlichem, Leib und Seele, Irdischem und Himmlischem, der alle Kunst bis zur Wurzel zerstört, die Flucht aus der vollen Wirklichkeit der Natur und des Lebens, das Unvermögen, in der ersteren den innerlich bildenden Geist, in den Gestalten des letzteren die sie hervortreibende und beseelende Sittlichkeit zu empfinden -- dies alles ist in der großen Masse der Gebildeten noch so wenig erschüttert, daß es noch vieler und wiederholter Anwendung der Wahrheit auf einzelne Punkte bedarf, ehe sie sich des Sieges wird rühmen dürfen. Unter den Goetheschen Dichtungen hat übrigens Hermann und Dorothea verhältnismäßig nur wenig von sich reden gemacht. Voll klarer Einsicht in das Wesen des homerischen Epos ist die gleich nach Erscheinen des Goetheschen Werkes verfaßte Rezension von August Wilhelm Schlegel. Geistvolle Bemerkungen enthält ein Aufsatz über Hermann und Dorothea von Yxem, den wir, wie billig, für unsre Darstellung benutzt haben. Nur geringe Belehrung haben wir in Wilhelm von Humboldts Schrift über Hermann und Dorothea gefunden, die schon im Jahre 1799 als erster und einziger Teil der ästhetischen Versuche erschien. Die Darstellung hält sich in blut- und markloser Abstraktion, von deren Höhe das lebendige poetische Individuum ganz aus dem Gesicht verschwindet, und löst man den jedesmaligen Gedanken aus der gezwungenen Eleganz und eisigen Vornehmheit des Ausdrucks, so findet man ihn gewöhnlicher, als es den Anschein hatte. Wenn Schiller daher nach Lektüre der ihm übersandten Schrift von der kunstphilosophischen Theorie überhaupt nichts mehr wissen wollte, so wird diese Stelle seines Briefes zwar gewöhnlich als Geständnis der Umkehr, in der er sich vom Denker zum schaffenden Dichter gerade befand, gefaßt; vieles aber an jener Stimmung kommt gewiß auf Rechnung des gerade sehr unfruchtbaren Buches, aus dessen Veranlassung er sich äußert. Auch Goethe wandte sich bald von der Lektüre desselben unwillig ab, angeblich weil ihn der Tadel eines in dem Gedicht vorkommenden Motivs verdroß. Auch uns hat die ganze umfangreiche Abhandlung geringere Ausbeute geliefert als die wenigen Seiten, die der vortreffliche Hillebrand dem Gedichte widmet. Gervinus erwähnt dasselbe nur vorübergehend, weniger, wie wir glauben, aus Gründen seines Prinzips historischer Genesis, dem er selbst häufig genug untreu wird, als wegen der seiner Darstellung überhaupt zu Grunde liegenden Kälte gegen den Dichter des Humanismus. Hermann und Dorothea. Von allen Dichtungen Goethes ist keine, wenn wir den Werther ausnehmen, gleich anfangs von der Nation mit so allgemeinem Beifall aufgenommen worden, als Hermann und Dorothea. Der Faust, der jetzt vielleicht unter den Goetheschen Werken das populärste ist, auch im Auslande, gewann sein Ansehen erst allmählich und wohl erst in der späteren Gestalt, in der er zur Zeit der romantischen Schule im Jahre 1808 neuvermehrt in zweiter Auflage erschien. Hermann und Dorothea war dem Stoffe nach so deutsch und so menschlich ansprechend und zugleich eine so durchsichtige und vollendete Kunstgestalt, daß das Gedicht sowohl die Menge, die nur nach dem Stoffe urteilt, als den gebildeten Kunstsinn, dem nur die Form, die künstlerische Behandlung gilt, zur Bewunderung hinriß. Schiller erklärte, nachdem er Hermann und Dorothea gelesen, dies Gedicht für den Gipfel der Goetheschen, ja aller modernen Kunst. Wilhelm von Humboldt knüpfte in einem eigenen Buche, das bald nach Hermann und Dorothea unter dem Titel »Aesthetische Versuche« erschien, an dies Gedicht eine ausführliche Erörterung allgemeiner ästhetischer Prinzipien. Auch August Wilhelm Schlegel nannte in einer eigenen Beurteilung Hermann und Dorothea ein vollendetes Kunstwerk im großen Stil, ein Buch voll goldner Lehren der Weisheit und Tugend. Mit gleicher Bewunderung äußern sich neuere Kritiker. Hermann und Dorothea, sagt Hillebrand, der ganz kürzlich eine vortreffliche Geschichte der deutschen Nationalliteratur von Lessing bis auf die Gegenwart verfaßt hat, Hermann und Dorothea ist ein Bibelwerk deutscher Religion und Tugend. Und Gervinus meint, wenn jetzt ein alter Grieche wieder auferstünde, so wäre in der ganzen neueren Literatur Hermann und Dorothea das einzige Gedicht, das wir ihm ohne Verlegenheit anbieten dürften. Auch Rosenkranz hält wie Humboldt und Gervinus Hermann und Dorothea in künstlerischer Hinsicht für das vollendetste von Goethes Werken. Goethe selbst hatte eine besondere Vorliebe für dasselbe: er konnte es, wie er in den Tag- und Jahresheften erzählt, nie ohne Thränen der Rührung vorlesen. Ein ähnliches Urteil spricht unser eigenes Gefühl: wir haben alle das Gedicht, das uns hier beschäftigen soll, gelesen und genossen. Dennoch aber erhöht diesen Genuß Mitteilung und klares Bewußtsein seiner Quellen; die Wirkung, die ein schönes Gedicht auf uns macht, strebt von selbst nach einem angemessenen Ausdruck, und da ein wahrhaftes Kunstwerk, wie Hermann und Dorothea, immer halb unbewußt von dem künstlerischen Genius geschaffen ist, gleichsam eine Unendlichkeit von Absichten in sich birgt, so ist es zwar schwer, ein so beseeltes und ganz individuelles Gebilde treffend zu charakterisieren, gleichsam die Fäden seiner Textur aufzuwinden und den Eindruck, den es macht, kritisch in die einzelnen wirkenden Motive zu zerlegen; dennoch aber bietet es gerade durch seinen Reichtum der Auslegung und Betrachtung die verschiedensten Seiten dar und gibt der Aesthetik fruchtbare Gelegenheit, ihre allgemeinen Prinzipien daran zu messen. Hermann und Dorothea ist ein Epos oder, wie Jean Paul es noch näher bezeichnet, ein episches Idyll. Wir werden also, um dem Gedicht seine Stelle, gleichsam seine substanzielle Heimat anzuweisen, im folgenden uns ausführlich daran erinnern müssen, welches das Wesen und die Gesetze der epischen Dichtung überhaupt sind; wir werden dann zu Goethe zurückkehren und finden, daß er durch eine einzige Gunst der Natur ganz zum epischen Dichter geboren war und daß das Wesen seiner Dichtung mit dem Wesen der epischen Dichtung auf das glücklichste zusammenfällt. Wir werden darauf zusehen, ob die Zeit und Nation, in welche der Dichter fiel, dem Epos günstig war oder nicht, welches sein Verhältnis zu den großen politischen Begebenheiten von damals und zu der ihn umgebenden nationalen Welt war, ob es leicht war hier einen epischen Stoff zu finden und ob der Dichter eine glückliche Wahl dabei getroffen. Wir werden dann weiter die Begebenheit selbst, die der Dichter uns erzählend vorführt, die Personen und Charaktere, die er in Handlung setzt, sowie die ganze Art der Darstellung und Behandlung näher ins Auge fassen. Auch die Diktion, der sprachliche Ausdruck, der Versbau gehört zur Charakteristik des Gedichts, sowie zum Schluß die Begleichung mit den beiden epischen Vorgängern unsres Gedichts in der deutschen Literatur, ich meine mit Klopstocks Messias und Voßens Luise dazu dienen wird, die Eigentümlichkeit und den Wert unsres Gedichts ins Licht zu setzen. Dies also der Faden, an dem unsre Betrachtung fortlaufen wird. Die inneren Gesetze der epischen Poesie werden wir nirgends sicherer erkennen und in reinerer Gestalt wiederfinden können, als bei dem Vater aller epischen Poesie, dem alten Homer. Das glückliche Volk der Griechen war ja so künstlerisch und poetisch organisiert, daß bei ihnen die einzelnen Gattungen der poetischen Idee sich in naturgemäßer Stufenfolge eine aus der andern entwickeln und sich selbst ihre notwendige Form erschufen, so daß die inneren Momente des Begriffs nirgends so rein mit der Wirklichkeit, die Poetik mit der Geschichte der Poesie zusammenfällt. Goethe selbst hatte, indem er Hermann und Dorothea dichtete, den Homer als Vorbild vor Augen und so ruft er eben mit Bezug auf seinen Hermann: Denn Homeride zu sein, auch nur als letzter, ist schön. Wir werden also, indem wir die Grundzüge der epischen Poesie entwerfen, dies immer im Hinblick auf Homer thun. Epos, Wort, Sage ist die Poesie im Kindheitsalter der Völker, in den Anfängen der Geschichte. Die epische Poesie blüht in jener Morgendämmerung, wo ein Volk schon aus der Wildheit und Stumpfheit des ersten Naturdaseins zum Geiste erwacht ist, wo aber die geistigen und sittlichen Mächte noch nicht als etwas Bewußtes, klar Erkanntes und als eine abgesonderte feste Gewalt dem Menschen gegenüberstehen, sondern dieser auf ganz naive Weise mit dem sittlichen Gebot noch eins ist. Es gibt in dieser Periode zwar schon ein Staatsleben, aber noch nicht in Form bestimmter Gesetze und fester Rechte, die die Freiheit des Einzelnen zügeln. Jeder trägt vielmehr die politische Sitte in seiner eignen Brust und, indem er ihr folgt, weiß er nicht, daß es anders sein könnte. Gesetz und Empfindung sind noch nicht geschieden und die Empfindung ist es eben, die den politischen Zustand geschaffen hat. So ist Agamemnon zwar König, aber diese Herrschaft beruht auf keinem geschriebenen Gesetze. Wenn er den besten Anteil von der Beute erhält, so versteht sich dies bei jedem von selbst. An welchem Punkte seine Macht aufhört und die der Aristokratie, der Geronten und Basileis beginnt und die letztere wieder durch die Volksversammlung beschränkt wird, dies ist nicht durch feste Satzung bestimmt, sondern durch das Allgemeingefühl der Einzelnen von selbst gegeben. Eine durch Reflexion bestimmte, durch Beratung zu stande gebrachte geschriebene promulgierte Verfassung gibt es nicht; die politische Ordnung hat keinen andern Boden als die unbefangene Gesinnung aller. Ebenso ist auch das Recht und die Rechtspflege nicht eine für sich bestehende Welt; die Bestimmungen derselben sind schwankend; es hat keine andre bindende Form, als die ihm durch das unmittelbare Volksleben, durch das Rechtsgefühl und den Billigkeitssinn gegeben wird. Hat einer z. B. einen Mord begangen, was bei dem frischen Dasein der homerischen Menschen nichts Seltenes ist, so sucht er die Familie des Getöteten durch eine Buße zu versöhnen oder er verläßt fliehend die Heimat: eins oder das andre macht ihm die Sitte zur Pflicht. Streiten zwei um ein Gewicht Goldes, so bildet das Volk im Freien einen Kreis, die Greise als Richter sitzen auf erhöhten steinernen Stufen, das Szepter als Zeichen richterlichen Ansehens und erfahrener Weisheit in der Hand: hin und her wird gestritten, das Volk fällt von beiden Seiten schreiend ein, die Herolde gebieten Ruhe; endlich geben die Greise nach eigenem Sinne und unmittelbarem Wahrheitsgefühl die Entscheidung. So ist auch das Kriegswesen der homerischen Zeit ohne äußerlich zwingende Norm und gestaltet sich aus dem Grunde des in allen Teilnehmern lebenden kriegerischen Sinnes. Keine Disziplin braucht wie in späteren Zeiten die widerstrebende Willkür der Individuen zu zügeln; wenn sich die Reihen fest zusammenschließen, wenn ein Kämpfer dem andern hilft, wenn um den Leichnam des Gefallenen die Ueberlebenden rettend und schirmend sich scharen, so geschieht dies nicht nach Befehl, sondern durch eine innere Nötigung, die jeden von selbst drängt. So handelt in diesem epischen Zeitalter das Individuum ganz naiv und unbewußt nach dem Zuge seiner Menschlichkeit; es ist von dem Volksgeist in allem, was es thut und fühlt, bestimmt und in den allgemeinen Mächten, die das Leben und die Sitte bilden, völlig enthalten. Es sind mit einem Worte objektive, substanzielle Menschen. So wie nun in einer späteren Periode der Geschichte die Trennung des Subjekts von der Substanz vor sich geht, treten wir aus der spezifisch epischen Welt heraus. Das Gemüt und die Gesinnung des Einzelnen sind nicht mehr im Einklang mit dem Geltenden: was früher bei seinem Thun eine innere Notwendigkeit war, das steht ihm jetzt gegenüber als ein moralisches Gebot; es gibt feste Rechte und Gesetze, die sich dem Gefühl des Einzelnen als Schranke entgegensetzen; der Staat tritt auf als eine bestimmte Verfassung mit besondern Satzungen, geschaffen durch Gesetzgeber; letzterer freilich faßt auch nur die geltende nationale Empfindung in Sätze und Formeln, dennoch ist schon diese Form des geschriebenen Gesetzes die erste Stufe der Reflexion; das poetische Gesamtleben der episch-heroischen Zeit wird zu einer prosaischen Ordnung der Dinge. Wird nun das in sich gebrochene Gemüt, das aufgehört hat ein totales zu sein, in sich selbst zurückgetrieben, um dort in subjektiven Empfindungen und Betrachtungen zu weilen, so gibt diese Beschäftigung des Subjekts mit sich selbst der lyrischen Poesie Entstehung; drängt es umgekehrt den Zwiespalt mit der bestehenden Welt nach außen und sucht praktisch und handelnd sein Inneres in der objektiven Welt geltend zu machen, so führt dieser Kampf individueller Zwecke und Charaktere mit den allgemeinen objektiven Mächten zur dramatischen Poesie. Wie aber in der Periode des Epos die Kräfte des Menschen überhaupt noch in Einheit sind, so ist auch sein sinnliches Dasein noch nicht von dem geistigen unterdrückt. Die homerischen Helden sind ganze volle, zugleich herrlich sinnliche und edel geistige Menschen, stehen im engen Verkehr mit der äußern Natur, und die physischen Bedürfnisse und deren Befriedigung gelten ihnen eben so sehr, als wir sie zu verhüllen streben. Essen und Trinken ist in ihrem Lebenslauf keine Nebensache, und die äußeren Verrichtungen, die dazu nötig sind, stehen nicht unter ihrer Würde. Der Held schlachtet selbst seinen Ochsen und zerlegt und reinigt ihn und brät das Fleisch; der Sessel, auf dem er sitzt, das Bett, in dem er schläft, die Matten, Segel und Ruderbänke des schnellen hohlen Schiffes, mit dem er übers Meer gekommen, sein Helm, sein Schild, sein Panzer und der Speer, mit dem er sich zur Schlacht wappnet, der Wagen, mit dem er über die troischen Gefilde eilt, die Zügel, die Pferde -- alles dies gehört wesentlich zum Kreise, in dem seine Persönlichkeit gegenwärtig ist. Und indem er in diese sinnlichen Beschäftigungen und physischen Bedürfnisse sein ganzes Ich hineinlegt, werden diese Verrichtungen selbst geadelt und gleichsam menschlicher. Für uns arbeiten Maschinen und Fabriken; wir beteiligen uns an den sinnlichen Geschäften nur halb, unser edleres Selbst ist nicht dabei zugegen; Diener thun es für uns hinter unserm Rücken; Handwerker verfertigen unser Gerät; die Speisen kommen uns künstlich bereitet schon zu und diejenige Klasse, die sich mit jenen Verrichtungen abgibt, hat dafür den geistigen Adel eingebüßt, den die homerischen Menschen bei all ihrem Thun bewahren. So macht es jetzt einen rührenden Eindruck auf uns, wenn Penelope, die Fürstin von Ithaka, und Helena, die Gattin des Königssohnes Paris, selbst ihr Gewand weben, daß Nausikaa selbst am Meeresufer mit ihren Mägden ihre Kleider wäscht und trocknet. Wenn von dem einen Helden gerühmt wird, daß die Beredsamkeit von seinen Lippen geflossen wie süßer Honig (ein sehr geistiges Lob), so preist der Dichter dafür andre wegen ihrer mächtigen Stimme, wegen der Schnelligkeit ihrer Füße und der Kraft, mit der sie große Steine aufheben und fortschleudern, also wegen sinnlicher Eigenschaften. Das Ansehen des Königs stützt sich auf die Gewalt des Heldenkörpers, durch die der Herrscher dem Volk überlegen ist. Der Kampf selbst ist ein körperlicher: Mann trifft auf Mann. Voll schöner symbolischer Gebräuche ist die Kriegführung, die Bestattung, der Opferdienst, öffentlich ist die Volksversammlung, sie bewegt sich in lauter sichtbaren und hörbaren Formen. So gilt das Recht der Sinnlichkeit unverkürzt und das Sittliche und Physische verschmelzen mit gleicher Macht zum Bilde einer totalen, in sich einigen und ungebrochenen Menschennatur. Auf diesem Boden also entsteht das Epos und damit ergeben sich alle Eigenschaften dieser poetischen Gattung von selbst. Wenn der Held abends von seinen Thaten ruht, wenn nach beendigtem Mahle das Verlangen nach Speise und Trank gestillt ist, dann tritt der Rhapsode auf und sein Lied ist eine ideale Reproduktion des Erlebten und Vollführten, Erzählung geschehener Thaten und Begebenheiten, Erinnerung an eine nähere und fernere Vergangenheit. Solche Gesänge tönen bei jedem Fest, unter jedem Dache, überhaupt wenn die Mußezeit eingetreten ist. Sie sind nicht willkürlichen und individuellen Inhalts; nicht der Einzelne hat sie mit diesem bestimmten Geiste gefüllt und in dieser bestimmten Form gestaltet; er ist ein Organ, gleichsam der Mund des Volkes, das lautwerdende Allgemeingefühl. Das Nibelungenlied, sagt Grimm, hat sich selbst gedichtet. So haben diese Rhapsodieen einen inneren Zug zusammenzufließen; zugleich bildet sich die anfangs schwankende Sage durch vielseitigen Austausch zu einer festen Gestalt. Das so entstehende epische Gedicht wird in einer Periode, wo überhaupt mehr die allgemeinen Lebensgesetze gelten als das Individuum, das ganze nationale Leben umfassend spiegeln; es wird ein Abbild der Thaten und Gesinnungen des Volkes überhaupt. Das Volk selbst dichtet das wahre Epos und spricht sich darin mit allen seinen Eigentümlichkeiten aus. Das epische Gedicht erzählt uns daher keine vereinzelte That, sondern die Bewegung, die Züge und Kämpfe nationaler Massen: in ihm herrscht nicht eine einzelne Empfindung oder Leidenschaft oder eine begrenzte Herzens- und Lebenssituation wie im lyrischen Gedicht oder im Drama, sondern es umschließt die volle Totalität einer Nation und einer Zeit. Dadurch nur wird auch das Epos zum Hauptbuche, zur allgemeinen Quelle der Erziehung und Bildung oder, wie Hegel treffend sagt, zur Bibel des Volkes. So blieb Homer für immer der heilige Lehrer der Griechen, dessen Aussprüche wie Entscheidungen eines Gottes galten, auf den sich jeder berief, der das Fundament wurde, auf welches sich die gesamte poetische, religiöse und sittliche Bildung der Griechen auferbaute. Homer schuf nach Herodot den Griechen ihre Götter, die Tragiker entnahmen ihm die Fabel ihrer Stücke, die Philosophen maßen ihre Ansichten an ihm; Grenzstreitigkeiten wurden nach seinen Aussprüchen geschlichtet; Lykurg legte ihn der altdorischen Ordnung, die er befestigte, zu Grunde; in Athen war Homer das Erziehungsbuch der Jugend. Eine ähnliche epische Bibel hat fast jede bedeutende Nation in einem gewissen Stadium ihrer Geschichte hervorgebracht: die Indier haben ihre großen Epen wie die Griechen ihren Homer; so erzeugten die Italiener gleichfalls am Anfangspunkt ihres nationalen Werdens ihren Dante, für dessen Erklärung sogar eigene Lehrstühle an den Universitäten errichtet wurden; so die Portugiesen ihren Camoens, der ebenfalls in einer Periode des Aufschwunges der portugiesischen Volksmacht lebte und diesen Aufschwung, nämlich die Entdeckungsfahrten nach Indien in seine Lusiaden aufnahm; und nicht anders wurde im deutschen Mittelalter Wolfram von Eschenbachs Parzival der treue und vollständige Spiegel des damals herrschenden mystischen Rittertums und wurde daher auch das am allgemeinsten verbreitete Buch, Genuß und Vorbild für alle. Manchen Bibeln fehlt die epische Form, z. B. dem alten Testament, wo auch niedergelegt ist, was das jüdische Volk an Sage und Geschichte, an Poesie und Nachdenken besaß, obgleich im Alten Testament das Religiöse zu sehr vorherrscht, als daß wir es für ein wirkliches Epos erklären könnten. Ebenso verhält es sich mit den religiösen Grundbüchern der Perser und Araber, dem Zendavesta und dem Koran. Eben aber weil das Epos auf diese Weise den ganzen geistigen Schatz eines Volkes in sich schließt, rührt es in seiner reinsten Gestalt auch nicht von einem einzelnen Dichter her, sondern ist aus Rhapsodieen, Volksgesängen, epischen Bruchstücken aller Art zusammengeflossen. Wie Homer sind auch die Nibelungen und Gudrun, auch das finnische Epos auf diese Weise entstanden. Hegel widersetzt sich zwar mit Nachdruck der Wolfschen Hypothese, wonach die Ilias und Odysse aus gesonderten Teilen erst später zusammengesetzt worden: aber er thut dies nicht aus Gründen historischer Kritik, sondern weil er mit Recht glaubte, die Einheit sei einem Gedicht unerläßlich und ein wahrhaftes Kunstwerk müsse ein geschlossenes Ganzes bilden. Allein die Einheit braucht deshalb nicht verloren zu gehen: es kommt durch die Gleichartigkeit des in der epischen Zeit alle Einzelnen beherrschenden Volksgeistes und seiner Sage in die getrennten Bruchstücke von selbst Einheit des Tones und lebendiger Zusammenhang; ferner ist ja das Epos in der Gestalt, wie es den späteren Geschlechtern überliefert wird, das Werk eines Ordners und Zusammensetzers (Diaskeuasten), der nach einem bestimmten Gedanken verfährt, welcher in den Bruchstücken selbst enthalten ist. So konnten die Ilias und Odyssee, obgleich sie nur eine Konkretion alter Heldengesänge und epischer Hymnen sind, dennoch den strengen Zusammenhang haben, dessen Fugen nur das geschärfte kritische Auge an manchen Stellen entdeckt. Umgekehrt fehlt es in manchen reflektierten späteren Epen, obgleich sie von einem Dichter herstammen, an der nötigen inneren Gleichartigkeit. Die Aeneis des Virgil z. B. besitzt die künstlerische Einheit nicht; die Geschichte von der Dido z. B. fällt aus dem epischen Ton heraus und ist eine ganz tragische Episode. Auch Klopstocks Messias ist, weil der Dichter ungefähr zwanzig Jahre daran arbeitete, sehr disparat in seinen einzelnen Teilen. Gerade wenn das Gedicht das unmittelbare Produkt des naiv dichtenden Volkes ist, wird es in sich zusammenstimmen, so lang es auch sei. Das echte Epos wird immer das Ansehen haben, als wenn das Volk selbst mit dunklem Triebe nach Selbstdarstellung es geschaffen: der Einzelne, der daran gearbeitet, verliert sich; das Nibelungenlied hat sich selbst gedichtet, es ist erwachsen. Daher sagt Jakob Grimm sehr wahr: es gibt gute und schlechte lyrische Gedichte, gute und schlechte Dramen, aber dem echten Epos steht nur ein falsches gegenüber. Dies ist der Mangel z. B. bei Virgil: er ist ein künstlicher gelehrter Dichter, der an die Wahrheit der Dinge, die er erzählt, selbst nicht glaubt; er ist in dem Bewußtsein der von ihm geschilderten Welt nicht befangen, schafft mit Absicht, ahmt nach und stutzt seine Rede mit rhetorischen Blumen auf. Nur in einer Hinsicht zeigt er sich als wahrhaft epischen Dichter: auch ihn nämlich durchdringt wie das ganze römische Volk das Bewußtsein der Herrlichkeit dieses Volkes, seine göttergleiche Größe, der Stolz und die Pracht der Weltherrschaft. An solchen Stellen ist auch er nur ein Ausdruck seines Volkes, die Begeisterung ist keine künstliche und die Worte strömen ihm zu, daher er auch fünf Jahrhunderte hindurch in allen Schulen bei den Römern der gefeierte Liebling blieb. Indem wir nun mit Recht das Epos für das poetische Totalbild eines Volkes und einer Zeit ansehen, ist dies nicht so zu verstehen, als solle das Gedicht ein ethnographisches Gemälde sein oder eine geordnete Schilderung der damals herrschenden Sitten, wie sie der Historiker unternimmt. Vielmehr fordert das Gesetz aller Poesie auch beim Epos, daß der allgemeine Geist sich zu einer bestimmten epischen Begebenheit zusammenziehe und sich individualisiere, und daß nicht das ganze Volk oder gar die Menschheit, sondern ein bestimmter Held Subjekt derselben sei. Das nationale Leben wird uns im Epos in einer einzelnen begrenzten That vorgeführt; es kommt durch eine bestimmte Situation, durch bestimmte Zwecke und Handlungen als ein konkretes Individualbild zur Anschauung. Einen Konflikt und eine Kollision verlangt auch das Epos, aber dieser Konflikt ist von dem dramatischen sehr verschieden. Im Drama stehen sittliche Mächte in Kollision; das Subjekt, das sich auf dem Punkte ihres Zusammenstoßes befindet, geht zu Grunde. Oder das Individuum macht sein individuelles Pathos, den inneren Drang seiner Leidenschaft der objektiven Ordnung der Dinge gegenüber geltend; es kreuzt mit seinen subjektiven Zwecken die des Schicksals und der sittlichen Notwendigkeit und macht untergehend die tragische Erfahrung seiner Endlichkeit. In der epischen Welt aber gibt es noch keinen so tiefen Zwiespalt; der Lauf des Schicksals tritt dem Streben des Einzelnen nicht entgegen, sondern hebt und fördert es. Die epische Kollision vernichtet daher den Frieden des Menschen nicht; ohne die harmonische Entfaltung des Volksganzen zu stören, bringt sie nur eine belebende Bewegung hervor. Eine passende epische Kollision ist daher der Krieg, in welchem die Nation ihre Kräfte übt und Wachstum und Entfaltung beschleunigt fühlt; nur darf der Krieg kein innerer, im Schoße des Volks selbst ausgebrochener sein, kein Dynastieenkampf wie bei Shakespeare, kein Bruderzwist um das Erbe des Thrones, denn dann stehen wir auf dem tiefen Boden der dramatischen Kollision. Auch Entdeckungszüge wie die der Portugiesen bei Camoens, eine Kreuzfahrt wie bei Tasso sind ein schöner epischer Stoff: auch dort türmen sich die Hindernisse, die Gefahren nur auf, um überwunden zu werden, und der Widerstand der Wirklichkeit dient nur dazu bei jedem Schritte sich dieser Wirklichkeit vollständiger und glücklicher zu bemächtigen. Auf diesem allgemeinen Boden epischer Kollision tritt nun die ganz individuelle epische Begebenheit auf, und in ihr bewegen sich die epischen Charaktere. Auch der Charakter des epischen Helden schwebt wie die Begebenheit in der Mitte zwischen der nationalen Basis und seiner individuellen Besonderheit. Er ist, was jeder sein kann, was jeder im Grunde ist: dies in ihm Waltende ist nichts andres als die allgemeine Lebensgrundlage, die alle trägt. Sein Streben ist kein Kampf, weder mit dem Schicksal noch mit der ihn umgebenden Volksnatur. Er will nicht die Welt umgestalten und etwas erst noch in seinen Gedanken Vorhandenes realisieren, sondern in der Realität selbst wirkend, folgt er dem Zuge der Dinge mehr in ein äußeres Geschehen verflochten als durch wirkliche That, die immer in dem Innern des Subjekts entspringend in der Welt der Objekte sich durchsetzt, die Natur nach Zwecken seiner Freiheit umformend. Im Epos ist daher kein verwickeltes psychologisches Getriebe, kein verstecktes Motiv; die Handlungen fließen aus dem Instinkt des Ganzen. Die erzählte Begebenheit strömt ruhig an uns vorüber; der äußere Vorgang, Umstände, Zufälle, Ereignisse, dasjenige, was dem Helden begegnet, nicht der Held selbst als eine innerlich von Absichten bewegte oder von streitenden Motiven aus dem Gleichgewicht gebrachte Persönlichkeit ist im Epos das Wesentliche. Danach lassen sich alle geschichtlichen Charaktere in epische und dramatische einteilen. Der epische Held ist nur eine Konzentration der Nation und der Zeit; was er will und fühlt, ist Wille und Gefühl aller. Er ist daher immer glücklich, er ist der Günstling des Geschickes und die Götter sind mit ihm. Die Macht der Umstände trägt ihn von Erfolg zu Erfolg, Hindernisse und Hemmungen weichen, sein eigenes Innere ist offen, harmonisch bewegt; keine individuelle Willkür reißt ihn los von der Lebensgemeinschaft mit allen übrigen, und, indem er ein umfassendes Werk mit Größe vollführt, ist diese Vollführung vielmehr das bewußtlose Werden der Dinge selbst. Bei den tragischen Charakteren, die der reine Gegensatz der epischen sind, ist die religiöse Harmonie zur Empörung geworden. In Zeitaltern vorgeschrittener Zivilisation isoliert sich der begabte weiter blickende Genius; er fühlt der stumpfen Masse gegenüber höhere Einsicht, überwiegende Kraft in sich; er bildet den ersten Strahl des kommenden Zeitalters; in dem Kampf gegen das Bestehende fällt er als Opfer; der zähen Gewohnheit, der Beschränktheit gegenüber verblüht er langsam; oder er überwindet den Widerstand, steigt zum höchsten Glanz empor und will die Welt nach seinen Zwecken zwingen. Aber da ereilt ihn nach dem tiefsinnigen Ausdruck der Alten der Neid der Götter, die nicht dulden können, daß ein Sterblicher sich mit ihnen messe und das Steuer der Weltregierung ihren Händen entreiße. Indem er sein individuelles Pathos zum alleinigen Gesetz macht, stört er den Gesamtkomplex der sittlichen Mächte, die in gegenseitiger Durchdringung das Leben bilden; seine Kraft und Größe nach einer Seite ist seine Schwäche nach der andern; die durchbrochene Ordnung stellt sich wieder her, die Massen reagieren gegen ihn und, wo er am höchsten stand, stürzt er am tiefsten; in dem Augenblick, wo seine Pläne dem Gelingen am nächsten waren, sinken sie in Staub. Die Götter, die den epischen Helden lieben, hassen und vernichten den tragischen. Prometheus ist der wahre Typus tragischer Helden. Cäsar, Xerxes, der in seinem Uebermut den Hellespont geißelte, Ajax, den Pallas ins Verderben stürzt, sind tragische Charaktere, die daher auch von den Dichtern, von Shakespeare, Aeschylus und Sophokles gewählt wurden. Manche Figuren der Weltgeschichte tragen, je nachdem sie aufgefaßt werden, mehr den tragischen oder den epischen Charakter, z. B. Napoleon. Im ersten Stadium seines Lebens, als Obergeneral in Italien und Aegypten ist er der epische Held, den die Schwinge des Jahrhunderts und die Strömung der Dinge glück- und sieggewährend trägt; seine Thaten sind ein sonnenbeglänztes Epos; allmählich isoliert er seine Zwecke; er verliert sich in eine immer kühnere und einsamere Höhe; die objektive Welt mit allen endlichen Bedingungen und Verhältnissen, die Völker mit ihrer nationalen Denkart werden ihm nur der gleichgültige Stoff, dem er die Form seines idealen Willens aufprägen will; da reagiert eben diese reale Welt, die sich von keinem Einzelnen aus dem Schwerpunkt rücken lassen will; die Katastrophe, d. h. das plötzliche Umschlagen erfolgt und den Vermessenen trifft ein erschütterndes Verderben. So ist auch bei Alexander dem Großen, bei Kolumbus eine doppelte Auffassung möglich: epische Helden sind beide, insofern sie nur Organ des Zeitgeistes sind; der eine öffnet den Orient, der andre den fernen Occident; beide sind von dem allgemeinen Streben der beengten Völker nach Erweiterung des Weltbewußtseins zu glücklichem Ziele getragen; in das Leben beider mischt sich aber bald das tragische Unglück, dem der eine in der Blüte der Jugend, der andre nach einer Kette von Kränkungen und Mißgeschicken verfällt. Die letzte Betrachtung, die wir dem Epos zu widmen haben, betrifft, nachdem wir die epische Substanz bezeichnet, die epische Haltung, die Weise der poetischen Behandlung im Epos. Diese wird die einfache Konsequenz von jener sein, und auch darin kann uns Homer das Muster sein. Da das Epos in jene frühe Zeit fällt, wo die fühlende Seele in unmittelbarer Einheit mit der Welt ist und der Wille noch keinen Kampf mit den Naturtrieben zu bestehen hat, so wird auch die ganze epische Darstellung von jenem heitern Frieden und jener ungetrübten Harmonie überall getragen sein. Da ferner der epische Dichter von einer vergangenen Zeit nur erzählt, da, was er vorträgt, nur durch den stillen Sinn des Ohres vernommen wird und nicht wie im Drama in unmittelbar ergreifende Gegenwart tritt, so wird der Gemütsanteil ein milderer, die Stimmung eine freiere und der Sänger gewinnt Raum zu plastischer Entfaltung aller Seiten und Umstände, zu ruhiger Entwicklung und ebenmäßiger Anerkennung auch des Kleinsten und Geringfügigsten. Im Drama ist der Charakter der Personen gleichsam nur von einer Seite beleuchtet, insofern sie nämlich durch eine vorherrschende Leidenschaft, durch eine besondere Stellung zum System des Ganzen in den tragischen Kollisionsfall verwickelt sind. Das Epos aber hat nicht einen besonderen Gesichtspunkt, es beleuchtet die Persönlichkeit von allen Seiten, in allen Beziehungen und stellt den ganzen Menschen mit verweilender Ausführlichkeit als eine Totalität von Neigungen, Eigentümlichkeiten und Interessen vor unser geistiges Auge. Das Drama eilt unruhig durch eine Reihe von immer heftigeren Dissonanzen seinem Ziele entgegen; von Steigerung zu Steigerung drängt es der Katastrophe zu; der Zuschauer, zwischen Furcht und Hoffnung bewegt, in sich selbst geteilt und aus dem Gleichgewicht harmonischen Selbstgefühls gerissen, findet keine Ruhe als in dem endlichen Ausgangspunkt, wo die gewaltsame Spannung sich in ideales Mitleid auflöst und die Harmonie des vollendeten Kunstbaues uns die innere Versöhnung wiedergibt. Umgekehrt bleiben wir dem epischen Erzähler gegenüber immer in der Freiheit des Gemütes und in der allseitigen Integrität unsrer Kräfte. Statt wie im Drama den Gehalt heftig zusammenzudrängen, entfaltet er vielmehr das ganze Leben, die ganze Breite menschlichen Wirkens und Daseins mit allen Nebenumständen, allen Nebenstimmungen in gleichmäßig heller Beleuchtung. Seine freundliche Ansicht der Dinge gewährt auch dem Unscheinbarsten ein Dasein im Ganzen und er verweilt gern dabei. Mit göttlicher Unparteilichkeit und Unbefangenheit gibt Homer jedem Gegenstande, dem größten wie dem kleinsten seinen Namen und sein Recht; nachgiebig und milde hebt er jede zur Seite sich anschließende Beziehung hervor, sie mag wichtig oder unwichtig sein, und sich ganz hinter der von ihm geschilderten Welt verbergend läßt er alles und jedes sich in seinen eigensten Tönen aussprechen und nach seiner eigensten Form und Stelle in das reiche und mannigfache Bild einfügen. In dem weiten Umfang seines anschauenden Geistes und in der gleichmäßigen Wärme seiner Teilnahme ist nichts als störend, überflüssig oder unbedeutend ausgeschlossen. Er berichtet uns nicht bloß, wie seine Helden hassen, lieben und kämpfen, sondern auch, wie sie die Sohlen anlegen und über das Unterkleid den Mantel werfen; er zählt uns alle Stücke der ehernen Rüstung auf von den Beinschienen bis zum Haarbusch des Helms, ebenso alle Polster und weicheren wollenen Teppiche des Bettes; er folgt der Mahlzeit in allen ihren Teilen, die Helden waschen sich die Hände, sie erhalten alle gleiche Portionen Fleisch zugeteilt, die Herolde mischen den Wein mit Wasser und gießen aus dem Mischkessel jedem Gaste das Getränk in den kleineren Becher u. s. w. Treten im entscheidenden Moment der Schlacht zwei Kämpfer einander gegenüber, schon ist die Lanze gehoben, so hat der Dichter doch noch Zeit und heitere Seelenruhe genug uns mit den bisherigen Schicksalen des einen oder des andern bekannt zu machen, wo er bisher gelebt, wer seine Mutter und sein Vater gewesen, ja wie dessen Vater geheißen und wo und wie alt er gestorben sei. Ganz von dieser epischen Ruhe sind auch Homers Dialoge, die Wechselreden der Helden und der Götter unter einander durchdrungen. Sie mögen in heftiger Leidenschaft mit einander streiten oder sie mögen Befehle geben und empfangen oder prahlend mit einander im Wortkampf wetteifern oder in Todesnot um Rettung flehen oder forschen oder erzählen, immer ist es der langsame, ruhig strömende Fluß, der nirgends anhält, aber auch nirgends mit stürmischer Gewalt fortdrängt. Ein gutes Beispiel epischen Verweilens bildet die Stelle, wo die Amme Eurykleia beim Fußwaschen plötzlich ihren Herren, den als Bettler zurückgekehrten Odysseus an der Narbe am Knie erkennt. Es ist der Moment höchster Spannung: dennoch erzählt der Dichter nun ausführlich, wie Odysseus in der Jugend zu dieser Narbe gekommen, bei einem Besuch bei Autolykus auf dem Parnaß; die Eberjagd, auf der der Eber ihm die Wunde beibrachte, wird mit allen Einzelheiten geschildert; die dabei vorkommenden Reden werden mitgeteilt; endlich wird mit den Worten: »diese Narbe also erkannte die alte Amme« wieder eingelenkt. Wiederum als Patroklus getötet worden und Achilles die Waffen ergriffen, schwärmt er voll Wut und Vernichtungseifer auf dem Schlachtfelde: da trifft er auf den Lykaon, den Sohn des Priamus; ein Augenblick genügte, um den Unglücklichen zu verderben. Aber der Dichter schiebt ruhig diesen Augenblick noch auf: er erzählt uns zuerst, wie Achilles schon früher einmal den Lykaon in dunkler Nacht in des Vaters Weingarten überfallen; der Jüngling schnitt sich da mit scharfem Messer von einem Feigenbaum junge Ruten; diese Ruten sollten zu Wegweisern dienen; doch überfiel ihn nun dort unversehens der göttliche Sohn des Peleus. Aber er schickte den Gefangenen auf einem Schiffe über das Meer und verkaufte ihn ins schöngebaute Lemnos. Käufer aber war Euneus, Sohn des Jason. Von dort kaufte ihn ein Freund los, viel Gold gebend, Eetion der Imbrier, und schickte ihn nach Troja zurück in die göttliche Arisbe. Von dort heimlich entfliehend kam er ins väterliche Haus zurück. Daselbst war er elf Tage, sich des Umgangs seiner Lieben freuend, nachdem er Lemnos verlassen, am zwölften aber traf er wieder auf den Achilles. Jetzt also stehen wir wieder bei dem Moment wie vor jener Einschaltung. Aber noch fällt der tödliche Streich nicht. Achilles ist verwundert den nach Lemnos Verkauften wieder auf dem Kampfplatz vor sich zu sehen und jetzt folgt ein lautes Selbstgespräch von zehn Versen, in welchen Achilles ausruft: Fürwahr ich glaube, die von mir getöteten Troer kehren aus der Unterwelt wieder zurück; so habe ich diesen doch in die heilige Lemnos verkauft, aber das graue salzige Meer hat ihn nicht zurückhalten können und viele kommen doch wider ihren Willen im Meere um; aber nun will ich sehen, ob er, wenn er meines Speeres Schärfe erfahren, auch von da zurückkehren wird oder ob ihn die Erde bändigen wird, die ja auch den Kräftigen bändigt. Jetzt beschreibt der Dichter, wie Lykaon im Gemüte nicht sterben gemocht, in welcher Stellung Achilles ihm gegenüber gestanden, wie Lykaon darauf bittend sich ihm genaht, und nun folgt in mehr als zwanzig Versen diese Bittrede, in der Lykaon wieder Zug für Zug erzählt, wie er in dem Obstgarten gefangen worden, für hundert Ochsen nach Lemnos verkauft sei, elf Tage zu Haus zugebracht u. s. w. Ich sehe, sagt er, daß meine Mutter mich nur zu kurzem Leben geboren hat, die Laothoe, die Tochter des greisen Altes, welcher über die kriegerischen Leleger herrscht in der hohen Pedasos am Flusse Satnioeis. Dieses Altes Tochter hatte Priamus wie viele andre: wir waren von der Mutter zwei Kinder, du wirst sie wohl beide töten, den einen hast du schon getötet, den göttergleichen Polydorus u. s. w. Hierauf antwortet Achilles seinerseits ausführlich in fast ebenso langer Rede, worin er den Tod des Patroklus anführt, und nun erfolgt die Tötung, deren nähere Umstände gleichfalls genau angegeben werden. Solche Beispiele des wahrhaft epischen Tones ließen sich aus Homer unzählige anführen. Der Dichter folgt aber in der Reihe der Zeitmomente nur dem Gesetz poetischer Anschaulichkeit und, wenn er manchmal das Ausgedehnte zusammenfaßt, so entfaltet er meistens das, was sich in der Wirklichkeit zusammendrängt, z. B. wenn sich eine spannende Lage, ein heftiges Gefühl in unsrer Brust oft nur in einem kurzen Ausruf oder in einem einzigen Wort Luft macht, zu voller Darlegung des darin liegenden mannigfaltigen Gehaltes. Der epische Dichter gleicht darin ganz dem bildenden Künstler: auch dieser hält einen im Zeitflusse vorübergehenden Moment fest und stellt ihn mit festen und vollen Marmorumrissen vor unsre Anschauung, so daß wir seinen ganzen Inhalt entfaltet und bleibend vor uns haben. Daher nun auch die Neigung des epischen Dichters zu Episoden. Im Drama duldet die Angst der Erwartung kein Abspringen, es folgt immer in strenger Linie Schlag auf Schlag dem Endziele, aber das Epos ist der wahre Boden der mannigfaltigsten Episoden. Der Dichter wie der Zuhörer folgen in ihrem inneren Frieden jedem Zuge der sich darbietenden Gelegenheit; wo ein Seitenpfad sich öffnet, wird er harmlos betreten. Homer macht nichts parteiisch, weil er das Recht eines jeden Dinges kennt und bereit ist es ihm zu geben. Seine Darstellung will weder loben noch tadeln, sondern nur sich selbst genugthun. Ganze Gesänge der Ilias, kann man sagen, sind nur Episoden, so der sehr schöne fünfte, der von der Tapferkeit und den Thaten des Diomedes handelt; in den Gesängen aber sind die unzähligen kleineren Digressionen wieder, so zu sagen, für sich bestehende Epen im kleinen, Teilgebilde, die ein eigentümliches Leben führen und nur locker und lose mit dem Hauptgange zusammenhängen; polypenartig wächst Epos aus Epos hervor. Jeder Punkt in dem großen Gebilde ist für sich belebt; jeder Satz hat seine eigne Seele und ist um seiner selbst willen da; und daher auch die lose Wort- und Satzverknüpfung überhaupt, die bis in die kleinste Form von dem epischen Prinzip durchdrungen ist. Auch die häufigen ausgeführten Gleichnisse, die alle epischen Dichter dem Homer nachgebildet haben, sind von diesem Geiste ruhigen Verweilens bei Nebenvorstellungen eingegeben: indem dem Dichter bei irgend einer Situation eine ähnliche aus einem andern Gebiete einfällt, verweilt er bei dieser zweiten, die unter der Hand zu einem eigenen Ganzen wird und ein selbständiges Interesse gewinnt, was sich auch in dem Uebergange aus dem abhängigen Nebensatze in einen Hauptsatz zeigt, der bei homerischen Gleichnissen so oft vorkommt. Dieselbe epische Ruhe zeigt sich bei den so häufigen Wiederholungen: wenn bei Homer ein Bote eine Meldung zu bringen hat, so wird er den Auftrag gewiß, so lang dieser sein mag, mit allen Nebenmotiven in denselben Worten wiederholen. Auch dies ist ja nur ein Zeichen jener göttlichen Geduld, die durch die ganze epische Welt waltet, jener zwar immer schaffenden und bildenden epischen Phantasie, die aber, eben weil sie solchen Reichtum im Schoße trägt, ganz wie die gebärende Natur selbst mit ihrem Erzeugen halb zurückhaltend zögert. Das Epos, sagt Herder einmal, muß langweilig sein: dies ist in dem Sinne wahr, als es allen dramatischen Drang, alle lyrische Erreglichkeit und Unruhe ausschließt. Aber das dadurch mangelnde lebhaftere Interesse ersetzt es durch die Sinnlichkeit, durch die Plastizität, durch das helle Licht und den ununterbrochenen greifbaren Umriß, womit es den anschauenden Sinn entzückt. Wir haben uns scheinbar von Goethe und unserm Gedicht weit entfernt, aber in der That dadurch die wichtigsten Anhaltspunkte zu seiner Beurteilung und Charakterisierung gewonnen. Goethe war seiner ganzen Naturanlage nach nicht bloß ein Dichter, sondern im besondern ein epischer Dichter nach den Merkmalen, die wir oben angegeben haben. Sein ganzes Leben ist ein großes episches Gedicht und verfloß in innerer und äußrer Harmonie unter dem stillen Bilden der Lebensschicksale. Eine Altersstufe löste mit unmerklichem Werden die andre ab und jede trug im vollen Walten des Naturgesetzes die ihr eigentümlichen Blüten und Früchte. Der Strom seines Lebens stockte und wirbelte nie, von feindlichen Hindernissen gehemmt; in sanften Windungen umging er den Fuß entgegentretender Felsberge. Goethe war immer glücklich und jedes Mißgeschick verwebte er ausgleichend in den großen Zusammenklang seines Lebens und der Natur. Wohl hatte auch er innere Kämpfe zu bestehen, Kämpfe voll tiefer Spaltung und Verfinsterung der Seele, denn er war ja ein Dichter, aber immer stimmte die reiche Heilkraft seiner Natur das gebrochene Gemüt wieder zur heitern Versöhnung mit der Welt und mit sich selbst. Immer in kindlichem Zusammenhang mit der Ordnung der Natur und in ihren stillen gesetzmäßigen Gang einstimmend konnte er daher zu der Tragödie, die die Kämpfe des Subjekts mit den objektiven Mächten oder den Konflikt der letzteren unter sich poetisch darstellt, sich nicht bestimmt fühlen. Ich fühle deutlich, schreibt er an Schiller, daß der bloße Versuch eine wahre Traggödie zu schreiben mich innerlich zerstören würde. In der epischen Welt dagegen, die von jenem Leiden der subjektiven Freiheit nicht berührt wird, fand er den Frieden wieder, den die Natur und das rein und einfach Schöne gewährt. Von Shakespeare entfernte er sich, je länger er lebte, immer mehr; zu Homer fühlte er sich immer mehr gezogen; er dachte in Sizilien lange über den Plan zu einem Drama Nausikaa nach, er begann in späterer Zeit ein Heldengedicht, die Achilleis: in beiden wollte er mit Homer wetteifern. Das Epische liegt teils vor dem Tragischen, d. h. wo dieses in der ungetrübten Brust noch nicht hervorgebrochen ist, teils in der Höhe über demselben, wo nach Ueberwindung aller Qualen und Widersprüche der endlichen Welt die bewußtvolle Versöhnung und Seligkeit wieder eingetreten ist. Goethe nun stand in dieser Region echter in sich beruhigter Menschlichkeit. Die höchste Bildung war ihm die reinste Menschlichkeit; Schönheit und Sittlichkeit, ebenso Glück und Sittlichkeit war ihm eins. Der Zustand, wo die Pflicht mit der Neigung, der moralische Wille mit dem natürlichen Triebe nicht zusammenstimmt, wo wir also nicht in vollem ungeteiltem Besitz unsrer selbst sind, war ihm unerträglich. Er folgte dem schönen Zuge seiner Natur, aber nicht der gemeinen und häßlichen, sondern der edeln und geläuterten. Dies ist ganz jene Geistesstufe, die wir oben als die dem Epos und dem epischen Dichter eigentümliche gefunden haben. Goethes besonderes Erbteil war eine mächtige Energie der Phantasie und die volle Gabe der Anschauung. Dadurch blieb er in einem Zeitalter des kalten und trocknen Verstandes ein ewiger Jüngling. Mit klarem Blick schaute und beobachtete er die Dinge um sich her, trübte ihr Anschauen nie durch Haß und eigne Einmischung, ließ sie unbefangen auf sich wirken und stellte sie mit idealer Kunstläuterung dann in ihrer innersten Wahrheit wieder dar. Wahrheit und Natur sind daher die Hauptmerkmale aller Goetheschen Dichtung. Die objektive Treue, mit der das Menschenleben und die Natur sich in seiner Dichtung spiegelt, die plastische Sinnlichkeit, mit der alle Darstellungen seiner Hand im heitern Sonnenlicht nachbildender Kunst uns entgegentreten, läßt sich nur mit der Plastik und Objektivität des Homer vergleichen. Merck, der ältere Freund Goethes, erriet diese Gabe des Dichters schon frühe und äußert in einem Briefe, Goethes unverrückbare Richtung sei die, dem Wirklichen eine poetische Gestalt zu geben, während die andern nur die Imagination zu verwirklichen suchten. Auch Schiller bemerkt über Goethe, bei keinem modernen Dichter finde sich so die volle sinnliche Wahrheit der Dinge als bei ihm. Goethe hielt sich ganz an die lebendige Gegenwart der ihn umgebenden Dinge und fand in ihr den Gehalt der Ewigkeit: Willst du ins Unendliche schreiten, Geh nur im Endlichen nach allen Seiten! Das Uebersinnliche galt ihm nur, insofern es sich im Sinnlichen offenbart; er schaute das Allgemeine im Besondern an; so war er Realist und Idealist zugleich. Nach fernen Idealen jagen war ihm zuwider; sentimentale Sehnsucht, wenn sie ihn beschlich, legte er in ein lyrisches Lied nieder, das ihn wieder heilte und befreite, und bog sie zur erfüllten Gegenwart um. Daher kam es nun auch, daß Goethe wie später Schiller, der Mann der Freiheit, der Dramatiker, von Kant, daß so der epische Goethe von Spinoza mächtig angezogen ward. Goethe liebte und studierte diesen Denker, besonders seine Ethik eifrig, mit dem er in ursprünglicher Wahlverwandtschaft stand. Die alles ausgleichende Ruhe Spinozas, die Goethe selbst an ihm preist, war nur das Widerspiel seiner eigenen Sinnes- und Darstellungsweise. Was er selbst längst gefühlt, davon fand er die bewußte Erkenntnis bei Spinoza: die Gegenwart des Unendlichen im Endlichen, die Unabtrennbarkeit der Idee von der Erscheinung, die erhabene sittliche Ruhe und Versöhnung, die pantheistische Nähe Gottes in allem. Auch Spinoza wie Goethe sah in der Welt, in den Dingen, die uns umgeben, in jedem Augenblick, der uns geschenkt ist, überall die Immanenz, d. h. das bleibende Inwohnen eines ewigen Gehaltes und eine große Harmonie, in der das All zusammenklingt. Jene episch-plastische Richtung, die der Dichter durch seine eigene Natur und durch Spinoza erhalten hatte, kam zur völligen Reife in dem plastischen Italien. Die Natur- und Kunstwelt Italiens gab ihm die durchsichtige Klarheit, die vollendete Form, die objektive Bestimmtheit und den milden Frieden, der seine Werke von da an auszeichnet. Die bildende Kunst, weil sie so reine Anschauung ist, die Natur, weil sie ohne Willkür ihr stilles, aber tiefes Leben vollendet, waren von jetzt an für immer Gegenstände seiner Liebe und Betrachtung. Noch aus Rom schreibt Goethe, er glaube nun doch wohl einzusehen, daß er mehr zur Poesie als zur bildenden Kunst geboren sei, woraus also folgt, daß es eine Zeit gegeben, wo er sich zum Bildhauer bestimmt glaubte. Naturwissenschaft, Beschäftigung mit der eigentlichen Kunst hat er sein ganzes übriges Leben lang nicht aufgegeben. Die Dichtwerke, die er aus Italien mitbrachte, Iphigenie, Tasso, Wilhelm Meister, tragen den reinen epischen Kunstcharakter deutlich an sich. Zwar bewegt sich die Iphigenie aus dem innerlichen Boden seiner Seelenvorgänge, aber in der ganzen Form herrscht die Gleichmäßigkeit, Stille und der sanfte Fluß des Epos. Wahl des Stoffes. Warum kein politischer. In Goethe selbst lagen alle Bedingungen zum epischen Dichter: desto schwieriger war es mitten in der Prosa einer alternden Welt einen Stoff zu finden, der der epischen Darstellung fähig war. Treten wir den damaligen Zeiten und Volksverhältnissen näher, um zu sehen, welcher Art dieser Stoff nur sein konnte. Man hat es in neuerer Zeit Goethe oft zum Vorwurf gemacht, daß er so egoistisch sich abgeschlossen und nichts für sein Volk gethan. Er mit seiner mächtigen Rede hätte die schlummernde Nation zur Freiheit wecken, zu Thaten begeistern und zur politischen Größe führen sollen. Aber statt dem unterdrückten Recht seine hilfreiche Stimme zu leihen, suchte er Selbstgenuß in der schönen Kunst; ohne Herz für die Leiden des Vaterlandes, das in den Fesseln feudaler Barbarei oder moderner Polizeigewalt lag und in unzählige Herrschaften zerstückt das Schlachtfeld Europas bildete, vergnügte er sich als Höfling in Weimar und weder die Thaten Friedrichs des Großen noch die Unmacht des heiligen römischen Reichs deutscher Nation erregten ihn zu Begeisterung oder Unwillen. Besonders gegen das große Weltereignis, das am Ende des Jahrhunderts von Frankreich aus seine Donner über den Weltteil rollen ließ, hätte er nicht mit solcher Abneigung sich verschließen sollen: denn wo ließ sich ein mächtigerer Stoff für Epos oder Tragödie finden und wodurch konnte ein wahrhafter Dichter würdiger zu großen Gesängen gestimmt werden und tiefer alle Herzen der Zeitgenossen und der nachkommenden Geschlechter zu bewegen hoffen? Es war besonders Ludwig Börne, ein gewiß ebenbürtiger Gegner, der diese Vorwürfe häufte. Lessing sagt in einem Briefe, er laufe Gefahr ärgerlich zu werden und mit Goethen trotz dem Genie, worauf dieser so poche, anzubinden. Ein halbes Jahrhundert später erfüllte ein Geistesverwandter Lessings die Drohung gegen den unterdes mächtig gewordenen Dichter. In immer erneuerten hingeworfenen Bemerkungen kommt er auf Goethe zurück, den er von Anbeginn gehaßt zu haben gesteht, und schleudert aus der Glut seines edeln Herzens, in der sich sein Märtyrerleben verzehrte, leuchtende Brandkugeln in Goethes Kunstanlagen. Goethe, ruft er aus, hätte ein Herkules sein können, sein Vaterland von großem Unrate zu befreien; aber er holte sich bloß die goldenen Aepfel der Hesperiden, die er für sich behielt, und dann setzte er sich zu den Füßen der Omphale und blieb da sitzen. Wie ganz anders lebten und wirkten die großen Dichter und Redner Italiens, Frankreichs und Englands! Und nun führt er das Beispiel Dantes, Alfieris, Montesquieus, Voltaires, Rousseaus, Miltons u. s. w. an. Die furchtlose unbestechliche Richterin, sagt er ein andermal, wird Goethe fragen: Dir ward ein hoher Geist, hast du je die Niedrigkeit beschämt? Der Himmel gab dir eine Feuerzunge, hast du je das Recht verteidigt? Du hattest ein gutes Schwert, aber du warst immer nur dein eigener Wächter! Wenn Gottes Donner rollen und niederschmettern das Gequieke der Menschlein da unten, dann horcht ein edles Herz und jauchzt und betet an und, wer angstvoll ist, hört und ist still und betet; der Dämische aber verstopft sich die Ohren und hört nicht und betet nicht und betet nicht an. Schiller während der heißen Tage der französischen Revolution schrieb in der Ankündigung der Horen: Vorzüglich aber und unbedingt wird sich die Zeitschrift alles verbieten, was sich auf Staatsreligion und politische Verfassung bezieht. So sprach und dachte auch Goethe, er, der angstvoller als eine Maus beim leisesten Geräusche sich in die Erde hineinwühlt und Luft, Licht, Freiheit, ja des Lebens Breite, wonach sich selbst die totgeschaffenen Steine sehnen, alles, alles hingibt, um nur in seinem Loche ungestört am gestohlenen Speckfaden knuppern zu können. Als ich heute gegen Weimar zu fuhr, schreibt er in einem Briefe, und es vor mir lag mit seinen roten Dächern im Wintersonnenschein kalt und freundlich, und ich dachte, daß Goethe darin schon länger als fünfzig Jahre wohne, daß er es nie verlassen, da überfiel mich wieder der Groll gegen diesen zahmen, geduldigen, zahnlosen Genius. Wie ein Adler erschien er mir, der sich unter der Dachtraufe eines Schneiders angenistet. Und ein solcher Mensch sollte doch ein fleischfressendes Tier sein und nicht wie ein Spatz Gerste essen, auch nicht aus der schönsten Hand. Und zu Goethes Tag- und Jahresheften von 1790 ruft er: Was? Goethe, ein reichbegabter Mensch, ein Dichter, damals in den schönsten Jahren des Lebens, wo der Jüngling neben dem Manne steht, wo der Baum der Erkenntnis zugleich mit Blüten und mit Früchten prangt, er war im Kriegsrate, er war im Lager der Titanen, da, wo vor vierzig Jahren der zwar freche, doch erhabene Kampf der Könige und Völker begann, und zu nichts begeisterte ihn dies Schauspiel, zu keiner Liebe, zu keinem Hasse, zu keinem Gebete, zu keiner Verwünschung, zu gar nichts trieb es ihn an als zu einigen Stachelgedichten, so wertlos nach seiner eigenen Schätzung, daß er sie nicht einmal aufbewahrte, sie dem Leser mitzuteilen? Und als die prächtigsten Regimenter, die schönsten Offiziere an ihm vorüberzogen, da gleich der jungen blassen Frau eines alten Mannes bot sich seinem Beobachtungsgeiste kein anderer, kein besserer Stoff dar als die vergleichende Anatomie? Und als er in Venedig am Ufer des Meeres lustwandelte, Venedig, ein gebautes Märchen aus Tausend und einer Nacht, wo alles tönt und funkelt, Natur und Kunst, Mensch und Staat, Vergangenheit und Gegenwart, Freiheit und Herrschaft, wo selbst Tyrannei und Mord nur wie Ketten in einer schauerlichen Ballade klirren, die Seufzerbrücke, die zehn Männer, es sind Szenen aus dem fabelhaften Tartarus, Venedig, wohin ich sehnsuchtsvolle Blicke wende, doch nicht wage ihm nahe zu kommen, denn die Schlange österreichischer Polizei liegt davor gelagert und schreckt mich mit giftigen Augen zurück, dort, die Sonne war untergegangen, das Abendrot überflutete Meer und Land und die Purpurwellen des Lichts schlugen über den felsigen Mann und verklärten den ewig Grauen und vielleicht kam Werthers Geist über ihn und dann fühlte er, daß er noch ein Herz habe, daß es eine Menschheit gebe um ihn, einen Gott über ihm, und dann erschrak er wohl über den Schlag seines Herzens, entsetzte sich über den Geist seiner gestorbenen Jugend, die Haare standen ihm zu Berge und da in seiner Todesangst,«nach gewohnter Weise, um alle Betrachtungen loszuwerden«, verkroch er sich in einen geborstenen Schafschädel und hielt sich da versteckt, bis wieder Nacht und Kühle über sein Herz gekommen! Und den Mann soll ich verehren? den soll ich lieben? u. s. w. Um diese Vorwürfe zu würdigen, ist es nötig, das Jahrhundert, in dem Goethe lebte, und die Nation, die ihn hervorgebracht hatte, kurz zu zeichnen. Das achtzehnte Jahrhundert verfolgte bei den drei Hauptvölkern Europas eine ganz verschiedene Richtung: es war in England industriell, in Frankreich emanzipativ, in Deutschland ästhetisch. Das achtzehnte Jahrhundert erhob England zu der kolossalen Industrie, die jetzt das Staunen der Welt bildet; damals begann von geringen Anfängen die Baumwollenproduktion, die der Töpferwaren, die Stahl- und Eisenbearbeitung und stieg mit rapidem Wachstum zu ihrer jetzigen Höhe auf. In den industriellen Bezirken wurden kleine Flecken, ärmliche Fischerdörfer in wenigen Jahren mächtige Fabrikstädte; ganze Grafschaften verwandelten sich in unermeßliche rauchumhüllte Werkstätten. Industrielle Genies traten auf, die durch Erfindungen aller Art, durch unermüdliche Beharrlichkeit den wichtigsten Zweigen in der Stille einen raschen Schwung gaben. Ein verbessertes Verfahren drängte das andre, eine Maschine die andre. In gleichem Verhältnis mit der Entwicklung der Industrie stieg die der See- und Kolonialmacht Englands. England eroberte Ostindien, das große anglo-indische Reich ward gegründet und den Franzosen, Spaniern, zuletzt auch den Holländern alle ihre Kolonien entrissen. Der nordamerikanische Freiheitskrieg zwar schien dies Wachstum unterbrechen zu wollen, eine der wichtigsten Kolonien hatte sich losgerissen und Frankreich gewann wieder Vorteile. Aber die langwierigen Kämpfe mit der französischen Revolution und mit Napoleon machten England zur Herrscherin in allen Meeren; wenn man Kuba ausnimmt, welches Spanien verblieb, und Java, welches die Holländer retteten, so gingen alle bedeutenden und reichen Niederlassungen in allen Teilen der Welt und alle wichtigen Seestationen in Englands Hände über; es faßte Fuß im mittelländischen Meer, riß den levantischen Handel an sich und öffnete sich Mittel- und Südamerika, indem es den Abfall der spanischen Dependenzen begünstigte. So machte das achtzehnte Jahrhundert England in größerem Maßstabe zu dem, was im siebzehnten Jahrhundert Holland gewesen war. Eine ganz andre Mission hatte das Jahrhundert in Frankreich zu erfüllen. Hier war politische und religiöse Emanzipation der Punkt, dem alle nationalen Kräfte zuströmten. Nach der formellen Klassik unter Ludwig dem Vierzehnten wurde unter dem Regenten und unter Ludwig dem Fünfzehnten Kritik und Skepsis in allen Gebieten herrschend. Was schon Cartesius an die Spitze gestellt hatte »=de omnibus dubitandum est=«, was darauf Pierre Bayle mit durchdringendem Scharfsinn, obgleich noch schüchtern begonnen hatte, das wurde jetzt von Voltaire, Rousseau und den Encyklopädisten umfassend ins Werk gesetzt. Es war das Jahrhundert der Aufklärung, das überall mit der Leuchte der Humanität und Philosophie die Gespenster des Aberglaubens zu bannen und die Fesseln barbarischer Traditionen zu brechen suchte. Unter der Fahne der Ideen Vernunft, Natur, Menschheit, Freiheit, mit den Waffen des Spottes, der Beredtsamkeit und der Kritik ward ein siegreicher Kampf mit den Dogmen und der Hierarchie der Kirche und den politischen Einrichtungen geführt. Der Deismus, der in England keine nationalen Wurzeln gehabt hatte und bald abgestorben war, ward in Frankreich zur populären Sache des Jahrhunderts erhoben. Montesquieu, der schon in seinen =lettres persanes= die Kirche empfindlich getroffen hatte, lenkte durch seinen esprit des lois die Blicke der Nation aus den Staat; Rousseau untersuchte in seinem =contrat social= das Fundament der politischen Gesellschaft; Voltaire, der Alleinherrscher seiner Zeit, lag sein langes Leben hindurch mit den Ungeheuern der Finsternis im Kampf, die er spielend erlegte; die Encyklopädisten unterwarfen alles Gegebene den dekomponierenden Operationen ihres Verstandes; Beaumarchais untergrub durch seine Komödie »die Hochzeit des Figaro« den Adel: so nahm in allem das Subjekt die Autonomie in Anspruch und nichts galt mehr, als was sich vor Vernunft und Menschengefühl rechtfertigen konnte. Während in England zugleich mit dem Industrialismus und wachsendem Volkswohlstand der finstere Methodismus sich verbreitete, die Hochkirche erstarrte, die Oligarchie und Kastensonderung sich befestigte, der Staat ein irrationales Gewächs blieb und in Gebräuchen, Meinungen und Sitten das Mittelalter und die Scholastik ihre Herrschaft behaupteten, brach Frankreich die Bastille und die Adelsschlösser nieder, hob in der Nacht des 4. August alle feudalen Vorrechte auf, impfte durch Jefferson Amerika seine Demokratie ein, rief die Schwarzen von St. Domingo zur Freiheit auf und durchzog mit Ideen und Kriegsheeren den Weltteil. Ganz anders gestaltete sich die Aufgabe, an deren Lösung Deutschland in diesem Jahrhundert arbeitete. Sie war weder kommerziell wie in England, noch progressistisch wie in Frankreich, sondern ästhetisch und metaphysisch; die innere Freiheit und Schönheit des Gemütes war das Ziel, das den Besten der in äußeren geistlosen Formen erstorbenen Nation vorschwebte. Auf das rege nationale Leben im Reformationszeitalter war geistige Erstarrung gefolgt. Die Universitäten, von denen im sechzehnten Jahrhundert zum Teil die frische Bewegung ausgegangen war, waren jetzt die Stätten, wo das Geistesdunkel am sorgfältigsten gepflegt wurde. Toter Formalismus und barbarische Scholastik umschnürten dort die lebendige Wissenschaft, die zum gemeinen Handwerk herabgesunken war und den strebenden Geist, wo er nur seine Flügel zu regen suchte, mit geistlosem Mechanismus niederdrückte und in die Formel der Orthodoxie zurückdrängte. Die Schultraditionen wurden auf den Universitäten mit pedantischer Despotie aufrechterhalten; von den Kathedern ertönte mit steifer Ernsthaftigkeit die dürre und geistlose, mitunter durch Zoten gewürzte Paragraphen- und Zitatenweisheit. Der enge Geist der Korporation schloß die Universitäten gegen das Volk und das Leben ab. Dieser Geist zeigte sich in der lächerlichen Steifheit und Würde der gravitätischen Universitätslehrer, unter denen der Brotneid herrschte (in der That kämpften sie oft mit dem Hunger), sowie in der empörenden Roheit und dem Pennalismus des Burschenlebens, das sich ohne idealen Schwung in brutalen Lizenzen dem bürgerlichen Leben ebenso abgeschlossen gegenüberstellte. Ueberall war statt der Volkssprache das echte Organ der Scholastik, das Latein, in Gebrauch. Leibniz sagt: =in Germania inter alias causas ideo fixior est scholastica philosophia, quod sero et ne nunc quidem satis germanice philosophari coeptum est=. Das Latein bildete die dicke Mauer zwischen dem Volk und den Gelehrten: jenes erfuhr nichts von den gelehrten Spitzfindigkeiten und konnte ihnen also weder Spott noch gesunden Menschenverstand entgegensetzen; diese raubten sich dadurch selbst den freien Blick ins Leben und bauten, wie Schlosser sich ausdrückt, im Dunkeln ihre Kartenhäuser, die nur Träumer bewohnen konnten. Selbst die literarischen Journale, doch für das lebendige Bedürfnis des Tages und für Kenntnisnahme aller berechnet, erschienen in lateinischer Sprache, welche Sitte sich bis tief ins achtzehnte Jahrhundert erhielt: während in Frankreich und England die einheimischen Sprachen schon eine klassische wissenschaftliche Prosa aufzuweisen hatten, während z. B. in Paris das =journal des sçavans= in französischer Sprache erschien, gab es in Leipzig eine lateinische Literaturzeitung unter dem Namen =acta eruditorum=, in Hamburg eine andre =nova literaria Germaniae= u. s. w. Das =journal des sçavans= wurde in Deutschland durch den Professor Nitzsch ins Lateinische übersetzt und noch in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts sah sich der Philosoph Wolff genötigt, mit seiner deutsch geschriebenen Logik ein Gleiches zu thun, um sie seinen gelehrten Amtsbrüdern zugänglich zu machen. Als es Thomasius im Jahre 1688 in Halle wagte, seine Vorlesungen in deutscher Sprache anzukündigen, war der Skandal ungeheuer und von allen Seiten traf Verhetzung und Verachtung den kühnen Verletzer der Zunftgesetze: man erklärte seinen Schritt mit schadenfrohem Dünkel aus seiner Unwissenheit im Latein. Diejenige Wissenschaft aber, die durch den traurigsten Einfluß das Leben und alle übrigen Wissenschaften lähmte, war die Theologie. Die frische religiöse Polemik der Reformationszeit hatte die starren Formen einer blinden und fanatischen Orthodoxie als Niederschlag zurückgelassen. Eigensinnige Theologen stritten über Nebenpunkte des fertigen dogmatischen Systems mit einer Heftigkeit und Hartnäckigkeit, neben welcher jede andre wahrhaft fruchtbare Geistesarbeit erstickt ward. In uniformer Rechtgläubigkeit wurde von allen Kathedern gelehrt und von allen Kanzeln gepredigt. Jeder etwas freier denkende Kopf ward durch Verfolgung zum Verstummen gezwungen und, wenn er Widerstand leistete, das weltliche Schwert zu Hilfe gerufen. Der gegenseitige Haß der Lutheraner und Reformierten war fast ärger als ihr gemeinsamer gegen die katholische Kirche, und an den protestantischen Höfen hatten die Oberhofprediger dieselbe einflußreiche und intrigante Rolle, wie die Beichtväter an den katholischen. Dieser trocknen Schultheologie gegenüber konnte die katholische Kirche wenigstens aus dem reichen Schatz ihrer alten Mystik, Kunst und Liturgie schöpfen und an Fanatismus gaben die lutherischen Zeloten und Kanzelpolemiker den Jesuiten und römischen Pfaffen der schlimmsten Zeiten nichts nach. Fast derselbe blinde Positivismus wie in der Theologie herrschte auch in der Jurisprudenz. Was dort die Formel des Symbols, war hier die Formel des römischen Rechts. Das lebendige, mit dem Volksbewußtsein verschlungene Recht war ebenso zur Buchstabenweisheit einer abgeschlossenen Zunft geworden. Man wird von Schauder ergriffen, wenn man einen Blick in die damalige Kriminalistik wirft. Nicht bloß zogen sich die Prozesse durch alle Windungen des Formalismus mit endloser Langsamkeit in die Länge, sondern ohne Ahnung von dem innern Seelenleben des Verbrechers, von den Motiven und Gemütsleiden, die zu dem Verbrechen geführt, von den sozialen und politischen Schäden, deren Symptom es war, wurden mit Anwendung der Folter Geständnisse erpreßt und schaudervoll grausame Hinrichtungen verfügt. Die Juristenfakultäten, denen die Akten zur Begutachtung übersandt wurden, wetteiferten in unmenschlichen Entscheidungen. Die monströseste Geburt aber, die die positive Jurisprudenz und die positive Theologie in gemeinsamer Umarmung erzeugten, waren die entsetzlichen Hexenprozesse, die im siebzehnten Jahrhundert in ganz Deutschland häufig waren und sich bis ins achtzehnte Jahrhundert erhalten: theologische Finsternis und juristische Barbarei wirkten in ihnen zusammen. Die Philosophie war noch immer die kümmerliche, gedrückte =ancilla theologiae=; bald mit dem Fluch belegt, bald zu formellen Geschäften benutzt, nahm sie im Verbande der Wissenschaften ungefähr die Stelle ein, wie die Juden im politischen Verbande. Leibniz wandte sich in seiner großartigen, vielseitigen Wirksamkeit mehr an die Höfe und das Ausland und bediente sich bei seinen Schriften des Lateinischen und Französischen; rücksichtsvoll, schonend, ängstlich wie er war, flößte er dem breit herrschenden Dogmatismus keine Besorgnis ein. Erst um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts begann die Leibnizsche Philosophie unter der systematisch verständigen Gestalt, die ihr Christian Wolff gegeben hatte, die übrigen Wissenschaften zu rationalisieren. Unter den Händen der Philologie jener Zeiten verwandelten sich die Schätze des Altertums in totes Gestein und bildeten ein Gewicht mehr, den Geist herabzudrücken. Weit entfernt, durch das ideale Menschentum, das aus den Schriften und Kunstwerken der Griechen redet, erfrischend und begeisternd die erstarrten Pulse der Nation zu lösen, hatten die Philologen kaum eine Ahnung von dem wahren Leben jener Völker, die der Gegenstand ihrer gelehrten Bemühungen waren. Erst in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts wurde durch Heyne in Göttingen die trockne grammatisch-kommentatorische Zitatengelehrsamkeit, deren Hauptquartier besonders Sachsen war, von der ästhetischen Richtung gemildert; erst Friedrich August Wolf emanzipierte die Philologie als eigne Wissenschaft aus der niedern Stellung eines theologisch-pädagogischen Mittels; bis auf Buttmann wurden die grammatischen Regeln nicht aus den Klassikern, sondern meistens aus dem Neuen Testament abstrahiert. Die Wurzel dieses überall sichtbaren unfreien Geistes lag in dem traurigen Zustand der Pädagogik und der Schule. Hier waltete, wie in der äußern Disziplin der Bakel, so im Unterricht der Zwang kirchlicher Autorität und die Tyrannei der Methode. Statt die Jugend in naturgemäßer Selbstentwicklung zu fördern und zur Menschlichkeit zu bilden, waren die gelehrten Schulen nur darauf aus, durch unfruchtbare Pedanterie alle genialen Regungen in ihr zu töten; lateinisch sprechen, lateinische Verse machen, war der Triumph der Schulbildung. Die Naturwissenschaft, noch in der Kindheit begriffen, ward bei jedem Schritt von der Kirche und deren Dogmen behindert. Ueberhaupt war das Gefühl für die Natur und die Hingebung an sie durch den supranaturalen Wunderglauben erstickt; der Standpunkt, sie zu betrachten, war der mechanische und der teleologische. Die Theologie, die überall den Mittelpunkt bildete, hatte ja den ganzen Inbegriff der natürlichen und menschlichen Dinge als weltlich und _also_ nichtig von der Teilnahme ausgeschlossen, die Erforschung derselben fast als Sünde gestempelt: wie konnte die Naturforschung, ja die Wissenschaft überhaupt gedeihen, solange der theologische Standpunkt die Gemüter beherrschte? Gehen wir von der Wissenschaft zum Leben und zur Sitte über, so finden wir hier alles in gleicher Unnatur befangen und von toten konventionellen Formen eingeschnürt. Den geselligen Umgang hemmten willkürliche Anstandsgesetze, weitläufige Umschweife und Titulaturen, Heuchelei und schamlose Servilität. Das Ihr in der Anrede ward zum künstlichen Er, das Er zum völlig abgeschmackten Sie. Nirgends trat der Mensch selbst hervor, nirgends sprach der Mensch zum Menschen. Die freie soziale Bildung, die in Frankreich längst aufgeblüht war und sich ihre eignen Regeln geschaffen hatte, kam nach Deutschland nicht in ihrem humanen Prinzip, sondern in ihren Regeln hinüber, die nun einen lächerlich-unwahren Zwang ausübten. Eine prüde Moral hielt die beiden Geschlechter ferne voneinander; die Stände waren durch strenge Schranken geschieden und jede Extravaganz der Leidenschaft oder der Begeisterung über die Linien der Satzung und des Herkommens fand an der Menge eine lieblose und verdammungssüchtige Richterin. Da auf solche Art das Leben in jeder Richtung in Formalismus erstarrt war und das Herz der Nation unter einer dicken Eisrinde stillstand, so konnte auch die Poesie ohne Wurzeln in der nationalen Wirklichkeit nur ein dürftiges, künstliches Dasein fristen. Da sie aus dem Quell des lebendigen Menschengefühls nicht zu schöpfen fand, fiel sie bald in geistlose Leere, bald in unerträglichen metaphorischen Bilderprunk; sie war in Form und Ausdruck wie im Inhalt unwahr und konventionell. Obgleich Opitz kaiserlicher Rat gewesen war, stand das Geschäft des Dichters immer noch in schlimmem Ruf und Bürger empfahl sich bei den Göttinger Professoren schlecht durch sein Versemachen. Aus jenem Formenzwange nun, aus der Selbstentfremdung in dürren objektiven Satzungen die Nation zu Wahrheit und Natur zurückzuführen, dem Gemüte, der innerlichen Welt des Subjekts ihr Recht wiederzuerobern, die falschen Konvenienzen zu brechen, die dumpfen Kerker der Pedanterie und Scholastik dem Licht zu öffnen, dies war die Arbeit und die Aufgabe des achtzehnten Jahrhunderts, und auf diesem Punkt ist es, wo Goethe durch seine Dichtungen den unvergänglichen Lorbeer gewann. Alle politischen Fragen lagen bei dieser naturalistisch-ästhetischen Emanzipation außer dem Gesichtskreise. Der Kampf richtet sich gegen die Schranken, die die freie Subjektivität einengen: das Individuum soll mit den tiefen Rätseln und Mysterien seines Inneren, mit der ganzen Unendlichkeit seiner Empfindung das arme Schema der fertigen äußeren Gattungen durchbrechen, es soll zugleich in schöner Selbstbildung die Welt anerkennen und mit der positiven Vernunft ihrer Einrichtungen sich erfüllen; die abstrakten Sätze des hochmütigen, in Kirche und Wissenschaft verhärteten Verstandes sollen sich in dem Lebensstrom der totalen allumfassenden Natur auflösen; die Sitte soll wieder die Wahrheit ursprünglichen Menschengefühls aussprechen und durch schöne Kultur die elende, heuchlerische Moral ersetzen. Wie seit den Zeiten der Reformation über zwei Jahrhunderte lang die Theologie das Szepter geführt und das theologische Interesse den Mittelpunkt gebildet hatte, so setzte diese neue Zeit über den Trümmern der theologischen Welt die Schönheit als Herrscherin ein. Winckelmann führte zuerst die Nation in die Heiligtümer der alten Kunst ein, wo die Versöhnung der Natur und des Geistes sichtbar vollzogen war; in den marmornen Darstellungen griechischer Götter, die die Theologen als Teufelswerke und Götzenbilder der Heiden gebrandmarkt hatten, gingen ihm Ideale der Schönheit und echten Menschlichkeit auf, die er in seiner Kunstgeschichte mit naiver Begeisterung beschrieb. Lessings Bestimmung war es, die Schule, diesen Alp, der auf Deutschland drückte, wegzuwälzen. Mit gewandter Unruhe in alle Gebiete der Wissenschaft und Kunst bald kritisch, bald produktiv Streifzüge machend, störte er überall die hochmütige Sicherheit des gelehrten Besitzstandes und legte Feuer an die morschen hölzernen Burgen, in denen dieser verschanzt saß. Indem er die Stellen bezeichnete, wo die wahre Quelle der Poesie, des echten religiösen Gefühls sprudelte, warf er die Gedichte und orthodoxen Lehren seiner Zeit als leere Hülsen fort. Wie Winckelmann, der Kunstbegeisterte, aus dem alten Luthertum austrat, so wußte auch Lessing nicht bloß in seinen Schriften die umfassendste Gelehrsamkeit in die Form der leichteren dialogischen Prosa zu bringen, sondern warf auch in seinem Leben allen pedantischen Zwang ab. Nathan der Weise, sein letztes Werk, befreite ganz im Sinne des Jahrhunderts die Idee der Menschenliebe und Menschenachtung aus den positiven Religionen, die auf den Haß und die alleinige Formel gebaut waren. Gleicherweise ist auch in Herders langer Schriftstellerlaufbahn die primitive Menschennatur der überall durchklingende Grundton. Auch er suchte das starre Eis der leblos gewordenen Formen durch den warmen Hauch des Gemütes zu schmelzen; in die dürre altlutherische Orthodoxie führte er die belebenden Mächte der Dichtung und Sage, der Liebe und Phantasie, die Mystik, Vision und orientalische Bilderwelt, in die Theorie der Dichtkunst die Natur, die Genialität, das Volkslied, die Unmittelbarkeit der künstlerischen Produktion, die nationelle und historische Charakterbestimmtheit ein. So knüpfte sich an ihn der Anbruch jener Epoche, die stürmend und drängend den inneren Genius aus den Fesseln jeglicher Unnatur zu befreien trachtete. Goethe war das poetische Genie, das diese Befreiung in positiven Dichterthaten vollzog; er wollte nach seinen eignen Worten den Menschen das Gefühl eines edeln und wahren Daseins zum Bewußtsein bringen. Schon in seinen Jugendliedern, die auf die kalte, moralisierende, gemachte Lyrik unmittelbar folgen, trifft die wahrste, naivste, seelenvollste Melodie unser Ohr; im Werther werden alle Leiden und Seligkeiten eines einseitigen Gemütslebens, das mit sich und der Welt in grausamem Bruch ist, vor uns erschlossen; im Tasso ist gleichfalls die innere Welt der Dichterbrust in ihrem thränenvollen Kampf mit der herben Realität, mit der sie eigenwillig und übergreifend sich noch nicht in Einklang gesetzt hat, vor unser Auge gezaubert; der Faust ist das tiefsinnige Drama von dem Ich, das auf sich selbst gestützt an sich verzweifelt, schmerzvoll ringt, in Genuß und Erkenntnis vergeblich sich zu genügen strebt und endlich in freier Wirksamkeit und Thätigkeit den Frieden gewinnt; in der Iphigenie stehen wir auf dem Boden des schon gewonnenen Sieges und die Schönheit einer edeln Seele ist Herrin über die blinde Verworrenheit der Leidenschaft und über Fluch und Frevel grauenvoller Vergangenheit; in den römischen Elegieen ist in dem süßen Genuß befriedigter Liebe, in der unbefangenen Grazie reinen menschlichen Empfindens alle negative, naturfeindliche Moral auch selbst als Feindin aus dem Bewußtsein geschwunden und nur die hineinblickenden Zeugen einer großen untergegangenen Welt mischen Tropfen der Wehmut in den Kelch heiterer Freude, diese mehr lindernd als trübend. So bilden in Goethes Dichtungen überall innere Seelenstimmungen das Thema und in tausend variierenden Modulationen singt er von den Leiden und der Heilung der Brust. Die innere Unendlichkeit des Subjekts hat sich aufgethan und es läutert sich zu Schönheit und Adel. Daher das weibliche Ideal Goethe am herrlichsten gelungen ist, denn des Weibes Bestimmung ist, sich mit der Welt ins Gleichgewicht zu setzen, nicht mit ihr heroisch zu kämpfen. Mit der Politik, wo im Lärm der Leidenschaft und That die innere Musik der Seele verhallt und die stille Entwicklung natürlichen Werdens durch die Empörung des Eigenwillens unterbrochen wird, mit dieser konnte Goethe und das ganze ihn umgebende Geschlecht nichts zu schaffen haben wollen. Wo Goethe ein politisches Thema zu behandeln unternimmt, z. B. im Götz, im Egmont, da verwandelt es sich unter seiner Hand in ein Gemälde innerer Seelenzustände. So bekämpft und verhöhnt auch Lessing die Aristokratie hochgelehrter Perückenhäupter, nirgends die politische Aristokratie, den Sultanismus, die Favoritenherrschaft seiner Zeit. Auch er war ein Literat, kein Publizist. Die Männer des achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich kamen in die Bastille, sie mußten ihre Bücher in Holland drucken lassen und diese wurden von Staatswegen öffentlich verbrannt: die gleichzeitigen deutschen Reformatoren blieben in Frieden mit der Zensur, denn ihre Bücher waren auf Befreiung des inneren Menschen und des Privatlebens, nicht auf bürgerliche Emanzipation gerichtet; was sie zerstören wollten, war die Satzung in Kunst, Moral und Sitte; was sie erobern wollten, war die Welt im theologischen Sinne des Wortes. Selbst Schiller, den man als den historischen Dramatiker zu bezeichnen pflegt, hielt sich unter den Kantschen Werken am meisten an die Kritik der Urteilskraft, wo der Kampf der Freiheit in der Schönheit sich versöhnt, und entfaltet in seinen Dramen mehr Neigung zu psychologischen Schilderungen und zum Pathos des Individuums, als Talent für Zeichnung der ehernen Züge der Zeitphysiognomie im großen. Mit Recht sagt Gustav Pfizer über den Wallenstein: Wallenstein macht doch nicht den Eindruck, daß von dem Schicksal des darin auftretenden Helden die Wendung des welthistorischen Krieges und das Schicksal Deutschlands großenteils abhänge; Wallenstein selbst interessiert uns nur als Individuum, als psychologischer, nicht als historischer Held; Deutschland, das blutende, zerrissene und einer noch grausenvolleren Zukunft entgegenschauende Deutschland jener Zeit ist weder in den Piccolomini, noch in Wallensteins Tod vertreten. Auch in der Maria Stuart ist es nicht der Konflikt zwischen dem Staatsinteresse Englands und den Forderungen der Menschlichkeit, nicht der Konflikt zwischen Katholizismus und Protestantismus, auch nicht der zwischen dem sächsischen und dem schottisch-französischen Volksstamm, es ist nicht dieser politische Konflikt, der die Seele des Stücks ausmacht, sondern weibliche Eifersucht führt die tragische Katastrophe herbei und wir befinden uns ganz in dem privaten Gebiet individueller Charakterentwicklung. Ganz in dem Sinne jener Literaturepoche ist es, wenn Schiller in der Ankündigung der Horen sagt, es sei Bedürfnis, durch ein allgemeines höheres Interesse an dem, was rein menschlich ist, die Gemüter wieder in Freiheit zu setzen und die politisch geteilte Welt unter der Fahne der Wahrheit und Schönheit wieder zu vereinigen. Daß auch in den Briefen über ästhetische Erziehung Schiller nicht die ästhetische Kultur zu einem geschichtlichen Durchgangspunkt machen wollte, durch welchen die Völker in den verschiedenen Perioden der Weltgeschichte gehen müssen, um für die politische Freiheit reif zu werden, daß also der ganze Gegensatz für Schiller nicht, wie Gervinus will, ein empirischer Einteilungsgrund des historischen Materials ist, sondern die ästhetische Erziehung nur eine sittlich-schöne Wiedergeburt bezweckt, welche, wird sie jemals vollendet, die politische Wiedergeburt ersetzte und sie enthielte, dies hat Guhrauer vortrefflich gegen Gervinus und dessen einseitige Betonung des historisch-politischen Elementes auseinandergesetzt. Nichts natürlicher also, als daß Goethe, der Dichter des achtzehnten Jahrhunderts (denn das war er, obgleich sein Leben auch das erste Drittel des neunzehnten umfaßte), von dem politischen Geiste unberührt blieb, der jenseit des Rheins so furchtbare Ereignisse ins Leben rief. Das deutsche Publikum war allen politischen Gegenständen gegenüber apathisch, es bewegte sich in ganz anderen Sphären; so auch die Dichter. Ich selbst und mein engerer Kreis, erzählt Goethe von seiner Jugend, befaßten uns nicht mit Zeitungen und Neuigkeiten; uns war darum zu thun, den Menschen kennen zu lernen; die Menschen überhaupt ließen wir gern gewähren. Die Revolution fand zwar anfangs in Klopstock einen enthusiastischen Anhänger, aber wie alles bei diesem Dichter war auch diese Bewunderung eine abstrakte; die Freiheit, die ihm vorschwebte, war eine Seifenblase, die sehr bald zerplatzte; als die Revolution sich auf konkretem Boden nach den Bedingungen der Wirklichkeit gestaltete, als sie wie jedes Ideal in die historischen Verhältnisse eingehend durch diese sich durchkämpfen mußte, da hatte er nicht Sinn für wirkliche Politik genug, um sie in diesem Kampf zu begleiten; er ward der Idee bei der ersten unvollkommenen Gestalt, die sie annahm, untreu und schmähte sie nun mit derselben Grandiloquenz, mit der er sie früher gepriesen hatte. Im allgemeinen, muß man bekennen, liegt in der deutschen Natur wenig politischer Sinn. Wir sind ein Volk der Familie, des Privatlebens, des Gemütes, und dieser Zug geht durch die ganze Geschichte Deutschlands. Der Feudalstaat des Mittelalters, dieses germanische Produkt, ruht auf der Treue, der Liebe, dem Gemüte, der Hingabe des einzelnen an den einzelnen. Der Vasall folgt dem Lehnsherren, der selbst wieder Vasall eines Höheren ist: er ergibt sich dem Dienst einer Persönlichkeit, nicht einem allgemeinen Gedanken. Privatbeziehungen, privatrechtliche Verhältnisse bilden zusammengerechnet den mittelalterlichen Staat. Alles zerfällt in eine bunte Mannigfaltigkeit besonderer Existenzen. Jeder Stand hat seine Rechte und Vorrechte, eine Freiheit steht neben der andern. Eine allgemeine ordnende Vernunft, ein auf dem gleichen humanen Anspruch aller einzelnen ruhendes Gesetz gibt es nicht. Der Baron, der oben auf dem Felsen haust, wird anders gerichtet als der Leibeigene, der unten an die Scholle gebannt ist, beide anders als der Bürger der Reichsstadt; in der Stadt hat jede Zunft ihre Gerechtigkeit, ihr Herkommen, ihren Schutzpatron; dieses Kloster hat Immunitäten, die jenem fehlen; der einzelne steuert nicht dem Staate, sondern demjenigen, dem er pflichtig ist; er gehört in Gesichtskreis und Sitte nicht dem Vaterlande, denn ein solches gibt es nicht, sondern dem Gau, in dem er geboren ist, und auch nicht dem Gau, sondern der Stadt, deren Bürger er ist, und auch nicht dieser, sondern der Zunft, zu der er gehört. Der Feudalstaat ist eigentlich gar kein Staat, weil ihm die Form der Allgemeinheit fehlt und in ihm alles privatrechtlich und lokal ist. Der Sinn für das Lokale und im engsten Sinne Heimische ist in der deutschen Natur vorherrschend. Deutschland hat keine großen Städte erzeugt, wo der Weltverkehr sich drängt, wo das Leben sich zu großen Verhältnissen aufhäuft und in raschem Umschwung fortbraust: höchstens kommen solche Städte und auch die größeren Staaten da vor, wo im Osten das deutsche Blut schon durch Vermischung alteriert ist. In den kleinen Städten unter engen lokalen Verhältnissen hat sich die eigentümliche deutsche bürgerliche Sittlichkeit ausgebildet. Arbeitsam und fleißig mehrt der deutsche Bürger in ruhigem Tagewerk seine Habe, lebt dem kleinen Amte und Gewerbe, erfüllt geduldig seine Pflichten und Gewohnheit und Geduld, diese echt deutschen Genien, führen ihn täglich auf demselben Pfade hin und zurück. Einem hereinbrechenden Landesunglück, dem Kriege, der Feuersbrunst setzt er den passiven Widerstand seines Fleißes, seiner heimischen Anhänglichkeit entgegen: die böse Zeit geht vorüber und mit den alten Gesinnungen richtet sich das alte Leben wieder ein. Individuelle Existenzen und beschränkte Sphären gliedern die Stadt in ihrem Innern, das Staatsganze liegt außer der Reflexion des echten deutschen Bürgers; Verordnungen, höhere Befehle nimmt er mit angeborner Scheu vor der Obrigkeit entgegen; in ferner Glorie schwebt der Fürst vor seiner Phantasie und tief rührt es ihn, wenn dieser durch persönliches Erscheinen, durch Herablassung oder auch nur durch erzählte Anekdoten humanen Benehmens seinem treuen Gemüte näher gerückt wird. Vor einem Kaiser oder König gestanden, ein Wort aus ihrem Munde vernommen zu haben ist eine Ehre, die durch Tradition von Großmutter auf Enkel vererbt wird; wer bei der Durchreise des Prinzen durch die halbgeöffnete Thür hat lauschen können, weiß nachher seinen horchenden Freunden von der wunderbaren Einfachheit oder dem wunderbaren Ueberfluß der fürstlichen Tafel, Garderobe u. s. w. zu erzählen. Dem deutschen Bürger in seiner stillen Privatexistenz verwandelt sich alles Politische in ein Persönliches, eine Anekdote. In dem Wochenblatt nimmt er besonders diejenigen Stellen mit Interesse auf, die von merkwürdigen Naturspielen, sonderbaren Prozessen und Testamenten und dergleichen handeln. Höchstens abends mit dem Nachbar beim Kruge Bier liebt er es, zu kannegießern und aus gemütlichem Hafen sich erzählen zu lassen, wie weit hinten in der Türkei die Völker aufeinander schlagen. Er phantasiert lieber über die Politik des Auslands, als er in den einheimischen Angelegenheiten einen Schritt thut und, wenn bei andern Nationen morgens im Kaffeehause aus den Zeitungsblättern die Stimmung sich bildet, aus der die Thaten des Tages hervorgehen, so politisiert der deutsche Bürger abends nach vollbrachtem Tagewerk zur Erholung auf Museen, Ressourcen, Kasinos und legt sich dann zu Bett, um alle Träume und Großthaten zu verschlafen. Er baut sich in seiner Häuslichkeit, in seinem Familienleben seine eigene kleine Welt, die mit Wall und Graben umzogen ist und von der aus er das übrige große Welt- und Völkerleben als ein Fremdes und Feindliches sich gegenüberliegen sieht; er ist in seinem Hause nach Goethes Ausdruck wie im Schiff auf dem Meere. Der Romane lebt in der Gesellschaft, im politischen Gewühl, auf der Straße und flieht seine vier Wände als drückend und beengend und den Aufenthalt in ihnen als that- und gedankenlos; der Deutsche atmet auf, wenn er seine Schwelle wieder betritt, die sein Heiligtum von der harten Außenwelt scheidet. Dort trägt alles das Gepräge gemütlicher Innigkeit, behaglicher Ruhe, des Langsamen, Gewohnten und Ererbten von dem Schlafrock und der Pfeife bis zu den blankgescheuerten Thürgriffen, dem Familiensalzfaß, dem einförmigen Tiktak der Wanduhr, die noch vom Großvater stammt, der alten Bibel, auf deren erstem Blatt der Geburtstag von Vater, Mutter, sämtlichen Kindern und beiden Großeltern steht, der Wochenordnung, wonach der Montag diese, der Sonnabend jene bestimmte Speise bringt u. s. w. In der deutschen Ehe, der deutschen bürgerlichen Häuslichkeit und lokalen Genügsamkeit waltet Treue und Gemüt, in der Thätigkeit der mehr politischen Völker Verstand und Wille. Mit dem Familienprinzip hängt die aristokratische Ueber- und Unterordnung, die gleichfalls dem deutschen Stamme eigen ist, eng zusammen. Das Adelsgefühl ruht auf dem Gefühl der unverletzten Heiligkeit der Familie, die sich bis auf Voreltern und Enkel erstreckt und alle Glieder derselben, ja das Stammschloß, die Bilder, Sammlungen und Diener zu einem gemütlichen Ganzen vereinigt. Tritt der Deutsche aus der Familie heraus, so empfängt ihn nicht die Welt oder der Staat, sondern der Stand; die Erweiterung des Familiengeistes ist der Standesgeist. Daher in Deutschland Rangstufen, Kastenabsonderungen, Absonderung der höheren und der niederen Klassen, die in romanischen Ländern, wo alle durch eine gewisse Gleichheit des Benehmens, der Empfindung und der Sprache verbunden sind, nicht vorkommt. Abneigung und Scheu trennt in Deutschland den Zivilisten vom Militär, den Edelmann vom Bürger, diesen vom Bauer, den Kaufmann vom Gelehrten; auch hier also das vorherrschende Prinzip die Privatexistenz. Alle diese Züge sind seit Goethes Zeit durch die fortgehende Geschichte gemildert worden; in den größeren Städten hat sich das Leben dem der übrigen europäischen Länder ähnlich gestaltet und die Eisenbahnen werden dazu beitragen, die nationellen Schranken und die partikulären Lebenskreise zu erweitern. Goethe selbst aber und sein Jahrhundert hatten keinen Beruf, weder politisch zu wirken noch eine politische Wirksamkeit, die nicht vorhanden war, poetisch darzustellen. Die französische Revolution war etwas Fremdes, von dem deutschen Gefühl nicht Geteiltes; sie fand in der Masse kein Echo und konnte also auch nicht Stoff eines Epos sein. Aber noch war jenes stille und sittliche deutsche Familien- und Bürgerleben vorhanden, dort war ein echt nationaler Kern gegeben; noch bestand jene zwar beschränkte, aber in sich volle und tiefe Empfindung, die allmählich von den Wogen der anbrechenden politischen Aera verschlungen und in dem Mechanismus und der Berechnung der Fabrikindustrie erstickt werden sollte. Hermann und Dorothea ist das Epos von der deutschen Bürgertugend, das Epos von der Familie und dem Privatbesitz, dieser Substanz des deutschen Geistes. Es ist darum ein episches Idyll, wie es Jean Paul benannte, ein bürgerliches Epos nach Humboldts Bezeichnung, kein heroisches und historisches. Idyllisch ist es, weil das einfach Menschliche, die überall wiederkehrende, auf dem Menschengefühl selbst ruhende Sitte, die stillen Verhältnisse, mit denen die ewig gleiche Natur selbst den Menschen umgibt, heiter und warm uns aus dem Gedichte entgegenwehen. In einer Zeit der Reflexion und der Zerfallenheit machen diese Darstellungen und Zustände nach Hegels Bemerkung dasjenige in uns lebendig, was zum unvergänglichen Reiz in den ursprünglich menschlichen Verhältnissen der Odyssee und der patriarchalischen Gemälde des Alten Testaments gehört, das Freien am Brunnen, das Leben mit den Herden, Zorn und Segen des Vaters, das Keimen der Familie aus der Familie u. s. w. Erhöht wird der Reiz dieser Schilderung noch durch den Umstand, daß wir das idyllische Privatleben gleichsam noch am Rande des Abgrunds in den letzten Momenten vor seinem Untergange fassen: schon kündigt sich das politische Zeitalter dumpfgrollend im Hintergrunde an; schon steht der festgestalteten Lebensordnung unsrer Familie die wilde Auflösung des Zuges der Vertriebenen gegenüber und, wie ferne Gebirge vom Horizont in ein friedliches Thal hinübersehen, so hallen die gewaltigen Ideen und wilden Männer und furchtbaren Ereignisse der Revolution aus gedämpfter Ferne bis in unsre idyllische Welt, die durch den Kontrast nur noch inniger an unser Herz tritt. Hierin könnte man Hermann und Dorothea mit Virgils Eklogen vergleichen, wo gleichfalls ländliche Gemälde auf den schrecklichen Hintergrund der römischen Revolutionsgeschichte aufgetragen werden, nur daß bei Virgil die innere Wahrheit der Darstellung fehlt, die an Hermann und Dorothea entzückt. Das Bewußtsein eines glücklichen Privatlebens dem Schwanken politischer Umwälzungen gegenüber wird in dem Gedichte selbst an mehreren Stellen deutlich ausgesprochen. So sagt die Mutter zu Hermann: Denn es ist deine Bestimmung, so wacker und brav du auch sonst bist, Wohl zu verwahren das Haus und stille das Feld zu besorgen. Und der Pfarrer verteidigt in einer herrlichen Schilderung das verharrende, immer wiederkehrende Leben des ruhigen Bürgers: Aber jener ist auch mir wert, der ruhige Bürger, u. s. w. Und den gleichen Gedanken als den Sinn und das Resultat des ganzen Gedichtes spricht Hermann am Schlusse aus: Desto fester sei bei der allgemeinen Erschüttrung, Dorothea, der Bund! u. s. w. Hermann und Dorothea ist so wenig ein politisches Gedicht, daß es vielmehr in seiner innersten Substanz antipolitisch ist, daß es uns als ein unverdorbenes Vermächtnis aus jener stillen Zeit überliefert ist, die den Stürmen der politischen Epoche vorausging. Es ist aus der inneren Tiefe der deutschen Nationalität hervorgehoben, die überall nur die zweite Rolle spielen wird, wo die Aufgabe aus der Stille der Natur in den Kampf des Willens, aus der Familie in den Staat sich versetzt. Karl Grün wendet Goethes Abkehr von der Politik positiv und will darthun, die Erringung abstrakter politischer Rechte sei Goethe zu wenig gewesen und er habe weiterblickend jenes ganze Streben als zu eng und leer verschmäht. Allein Goethe ruht nicht auf der überwundenen politischen Bewegung, nicht auf deren Konsequenzen, sondern auf der Zeit vor der Revolution, wo jene Bewegung noch gar nicht hervorgebrochen war. Der Kommunismus setzt die Tendenzen des Liberalismus als durchgeführt voraus; das System politischer Gleichheit, die gleiche Geltung abstrakter Persönlichkeit ist ihm nur nicht genug: er will jedem einzelnen auch gleiches Wohlsein, gleiche Möglichkeit humaner Bildung, wahrhaften Anteil an den materiellen und geistigen Gütern des Lebens verbürgen und den Individualismus in einem sozialen Organismus zugleich binden und befreien. Nun strebt zwar auch die deutsche Dichtung nach dem Besitz humaner Schönheit, aber ohne dem Leben die vorgefundene, durch Naturkräfte ihm gegebene Gestalt nehmen zu wollen. Im Gegenteil, die Idee der Natur ist es, die jenes ganze Geschlecht, an dessen Spitze Goethe steht, bei seinem Abfall wie bei seinem Schaffen leitet. Der Frieden der Natur, ihre stille Entwicklung, ihr Gewährenlassen wird das Vorbild auch im Menschenleben: Was die Pflanze willenlos ist, sei du es wollend, das ist's. Die Liebe wird wieder in ihr Recht eingesetzt, ebenso die dunkle mächtige Naturkraft des Genies, die Familie, die Tradition, die Sage, die Poesie. Der Mensch fühlt sich mitbegriffen in dem großen schaffenden All, ordnet sich ihm unter und wird in offener Hingabe, im Drang der Umstände und Bedingungen zum Gleichgewicht schöner Bildung getragen. Aller starren Satzungen, durch welche die Menschenwillkür der Natur entgegentritt, allem leblosen Dünkel des Verstandes, den abstrakt formalistischen Diktaten der Kirche entzieht sich das Subjekt durch Wiederherstellung lauteren Menschengefühls in sich. Alle Unruhe der kämpfenden Geschichte, jeder Anspruch, empörerisch Leben und Gesellschaft umzugestalten, wird von Goethe als dem Werden und Wachsen der Natur entgegengesetzt verabscheut. Die ausbrechenden politischen Stürme sind daher störend, sie drängen nach Goethes eigenem Ausdruck ruhige Bildung zurück. Der Sozialismus betrachtet nun zwar sein Objekt, den Menschen, auch nicht als abstraktes Rechtsindividuum, sondern als lebendiges Ganzes, dem in allen Bedürfnissen und in seiner vollen Bestimmung Rechnung getragen werden soll; er will ihn kein Opfer werden lassen weder der negativen Moralität noch den Scheinbildern religiöser Transscendenz; hier in dem Rhodos dieser reichen Gegenwart soll er genießen und sich bilden und der Fülle der Welt sich bemächtigen. Aber der Sozialismus will mit dem autonomischen Prinzip der Revolution eingreifen und gestalten und das Recht des Individuums auf allseitige Existenz in Vollzug setzen. Der Sozialismus verwirklicht ein philosophisches Ideal, er ist revolutionär und so dem naturphilosophischen Humanismus Goethes gerade entgegengesetzt. Goethe steht außer der Geschichte, der Kommunismus fußt auf ihr, indem er ihre bisherigen Resultate bekämpft. Goethe läßt bei seiner Humanisierung des Individuums den Staat außer Augen, der Kommunismus will gerade die leere Form des Staates erfüllen. Goethe ist unpolitisch, der Kommunismus ist ultrapolitisch. Und welche Verwandtschaft hätte die affirmierende Anerkennung des Privateigentums in Hermann und Dorothea, welches Gedicht Karl Grün auch weislich übergeht, mit den Tendenzen des Kommunismus? Gewiß finden wir gerade hier den echten Goethe reiner als in manchen Grillen der Wanderjahre, die der Greis geschrieben. Auch Dahlmann bespricht in seiner Geschichte der französischen Revolution das Verhältnis des kritischen Geistes in Frankreich zu der deutschen Literaturperiode des achtzehnten Jahrhunderts. Nachdem er Montesquieu, Rousseau und Voltaire genannt, fährt er fort: Faßt man diese drei hervorragenden Köpfe zusammen und fügt noch als vierten Mann den genialen Diderot hinzu, der noch mehr ätzende Elemente im Geiste trug, so erkennt man recht deutlich, daß der vierzehnte Ludwig bei weitem höhere Güter als bloß industrielle antastete, damals als er seine fleißigen Reformierten ausstieß; denn er schnitt mit ihnen das Asyl für eine unabwendbare Entwicklung der menschlichen Geisteskräfte ab, welche sich in dieser bedächtig prüfenden Glaubensform unschädlich hätte ablagern können; der Protestantismus ist ja nun einmal begnügt, wo man ihn auch allenfalls bloß duldet, der Katholizismus dagegen will die Alleinherrschaft führen und Ludwigs Dragoner verhalfen ihm dazu; aber herrscht denn am Ende eine Kirche wirklich, von welcher sich die ersten Köpfe der Nation mit Trotz und Geringschätzung abwenden? Ganz anders stand auch diese Sache im deutschen Reiche; denn in demselben achtzehnten Jahrhundert trug der deutsche Reichsboden vier großbegabte Männer, welche ihr gediegenes Wesen aufrichtig hinstellen durften, wie es war, unbekümmert darum, wie es zu den Glaubenssatzungen stehe, welchen der westfälische Frieden Schutz verleiht: Winckelmann, Lessing, Goethe und Schiller; Pflanzen dieser edeln Gattung konnten nur auf einem Boden gedeihen und ihre unsterblichen Früchte zeitigen, auf welchem der Protestantismus ein Recht des Daseins hat und sich zugleich mit dem Katholizismus friedlich eingewöhnen und ausgleichen soll, da denn der unwiderstehliche Wert solcher höheren Naturen den seichten Verketzerungstrieb nach beiden Seiten zu Boden wirft; was diese deutschen Männer nicht ohne heißen Kampf zwar, aber ohne Verbitterung ihres lichten Innern überwanden, die Hindernisse, welche dumpfer Glaubenseifer einer edeln Geistesbildung entgegensetzt, an diesen Klippen scheiterten jene starken Geister Frankreichs und es schlug hier die verwandte Richtung in den Witz des Grimmes und eine giftige Leichtfertigkeit um, weil sie keinen erlaubten Boden fand. -- Hier haben wir die beliebte deutsche Weise, religiöse Kategorieen überall zum Mittelpunkt von allem zu machen und sie auf Gebiete zu übertragen, wo in ihnen die Bewegung gar nicht liegt. Dahlmann teilt also die vulgäre Meinung protestantischer Theologen, Frankreich sei deshalb in die Revolution gefallen, weil der Protestantismus dort nicht hatte durchgesetzt werden können, womit die ebenso verbreitete katholische Ansicht, die Revolution sei nur die natürliche Konsequenz des in der Reformation enthaltenen Aufruhrprinzipes, in direktem Widerspruch steht. Nun ist es aber reine Täuschung, das Luthertum oder den Calvinismus des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts für eine liberale Lehre zu halten, die einen unschädlichen Abzugskanal für den Vorwitz und das Neuerungsgelüst der Menschen gebildet hätte. Der Protestantismus setzte Autorität gegen Autorität, den geschriebenen Buchstaben gegen die Tradition; die lutherische Dogmatik ist in keinem Punkte freisinniger, in mehr als einem naturwidriger als die katholische; nicht die Autonomie der Vernunft, deren Verstocktheit und Blindheit die Reformatoren nicht genug einschärfen können, sondern der Glaube und die Schrift ist die Losung des Kampfes. Den Scheiterhaufen der Inquisition steht die Verbrennung Servets gegenüber, die von Melanchthon öffentlich gebilligt wurde. Mußte Galilei im Kerker widerrufen, so mußte der Philosoph Wolff auf Anklagen der Pietisten Halle und Preußen binnen vierundzwanzig Stunden verlassen bei Strafe des Stranges. Ludwig der Vierzehnte trieb die Reformierten durch Dragoner zum Lande hinaus, aber das erzprotestantische England verfolgte die Katholiken auf nicht minder empörende Weise und emanzipierte sie erst vierzig Jahre nach der französischen Revolution und auch da nur teilweise. Erst als durch das mannigfaltigste Zusammenwirken der verschiedensten Ursachen, besonders durch den Einfluß der Naturwissenschaften die Glaubensfinsternis gebrochen ward, begann der Protestantismus die Geistesfreiheit, die außer ihm gewonnen worden, für sein Prinzip zu erklären und auch das in ganz allgemeiner theoretischer Weise, da er gleichzeitig =in praxi= der Aufklärung jeden Schritt streitig machte. Winckelmann freilich fand in der hellenischen Kunst die selige Anschauung einer mit dem Geiste versöhnten schönen Sinnlichkeit; aber ist dies protestantisch, da doch der spezifische Charakter des Protestantismus gerade in der Sittenstrenge liegt, die er gegen die Sinnenfreundlichkeit des Katholizismus geltend machte? Mit keiner Epoche hat das Aufblühen der Poesie in Deutschland eine tiefere Aehnlichkeit als mit dem Humanismus Italiens im fünfzehnten Jahrhundert, der ganz so auf allmählicher Ueberwindung der Asketik des Mittelalters ruht, wie der deutsche auf Ueberwindung der lutherischen Theologie. Gerade gegen jenen Schönheitskultus in Italien aber war die Reformation gerichtet. Freilich ist die genannte Blütezeit Italiens doch in mancher Beziehung reicher als die drei Jahrhunderte später erfolgende deutsche, reicher um das mannigfache historische Leben, das gleichzeitig in Italien nicht fehlt. Stellt sich dem wunderbaren Genius Rafaels der ihm so nahe verwandte Goethes gegenüber, so suchen wir in Deutschland vergeblich nach einem Macchiavelli. Daß die politische und die humane Bildung getrennt sein können, sehen wir nicht nur in Deutschland, sondern auch in England. Nirgends ist das reine Menschengefühl weniger entwickelt als in England, diesem angeblich hoch-zivilisierten Musterlande unsrer Doktrinärs, nirgends die Liberalität der Lebensansicht durch eine dickere Mauer theologischer Satzung und konventioneller Moral behindert: Heuchelei und Prüderie, Nutzen und Selbstsucht, Pharisäismus, Barbarei in der Kunst, öffentliche Herrschaft der Formel bilden eine trübe Atmosphäre der Unfreiheit, die auf dem englischen Leben und Denken lastet. Jene ideale Bildung des inneren Menschen, die Deutschland im achtzehnten Jahrhundert erreichte, ist bis auf den heutigen Tag in dem puritanischen England nicht erreicht und es kann zu ihr nicht anders gelangen, als durch politische Unglückstage. Auch in Frankreich war unter all den mannigfachen Bestrebungen nach dem Licht die Kunst und die Läuterung der Kunstempfindung nicht mitbegriffen. Dennoch bildet Frankreich für die ästhetische Verjüngung Deutschlands im achtzehnten Jahrhundert die Voraussetzung. Lessing bekämpfte Voltaires Poetik, aber den Mut zu allen seinen kritischen Thaten gab ihm nur die breite Basis der Aufklärung, die Voltaire über den ganzen Weltteil gelegt. Auch die geniale Auflehnung in Goethe und seinen Genossen ist ohne den unmittelbar vorausgegangenen Kampf der kritischen Geister Frankreichs, der in einer positivistisch erstarrten Welt Luft und Licht schaffte, nicht denkbar. Für einen Geschichtschreiber wie Dahlmann ist es nun gewiß ein unglücklicher Gedanke, nach Wegen zu spähen, wie das von ihm geschilderte Ereignis hätte vermieden werden können, und friedliche Archäologen, Literaten und Dichter wie Winckelmann, Lessing, Goethe und Schiller höher zu schätzen, als historische Männer wie Voltaire und Rousseau. Nach dem Maß der Geschicke des Weltteils und der Geschichte der europäischen Menschheit im großen gemessen, ist der einzige Voltaire unendlich wichtiger als alle vier genannten Deutschen zusammen, und es müßte eine wahre Festlust für einen Historiker sein, seinen Einfluß zu schildern. Stoffquelle, Entstehung und Aufnahme. Goethe liebte es nicht, wenn man ihn fragte, woher er den Stoff zu seinen Dichtungen genommen, wenn man gleichsam in die geheimnisvolle Werkstatt treten wollte, in der sie entstanden. So verriet er auch nicht, wie er zu der unserm Gedicht zu Grunde liegenden Fabel gekommen. Dennoch hat er später in Wahrheit und Dichtung, in seiner Erklärung der Harzreise im Winter u. s. w. selbst den Schleier, der die Entstehung mancher seiner Gedichte verhüllte, vor den Augen der Neugierigen weggezogen. Auch zu Hermann und Dorothea ist später die Quelle mit Wahrscheinlichkeit in einem Vorfall entdeckt worden, der sich im Jahre 1732 bei Vertreibung der Protestanten aus Salzburg ereignete. Nachdem schon im Jahre 1809 im Morgenblatt jemand darauf aufmerksam geworden, mußte 1827, wo Panses neue ausführliche Geschichte dieser Auswanderung erschien, jedem Leser die Aehnlichkeit einer darin erzählten kleinen Begebenheit mit der Fabel von Hermann und Dorothea in die Augen fallen. Geschöpft ist dieselbe ursprünglich aus einigen von der Salzburger Emigration handelnden und mit dem Ereignis gleichzeitigen Schriften. Eine von ihnen oder vielleicht ein neuer Abdruck in irgend einem Zeitungs- oder Unterhaltungsblatt muß Goethe in die Hände gefallen sein. Wir geben die betreffende Stelle aus einer kleinen Flugschrift vom Jahre 1732, die die Quelle der übrigen Berichte gewesen zu sein scheint und den Titel führt: Das liebthätige Gera gegen die Saltzburgischen Emigranten d. i. kurze und wahrhaftige Erzählung, wie dieselben in der gräflich Reuß-Plauischen Residenzstadt Gera angekommen. Dort heißt es (nach dem Abdruck in einem Aufsatz von Yxem, woselbst sich auch die drei übrigen Relationen in vergleichender Zusammenstellung nebst interessanten Bemerkungen finden): In Alt-Mühl, einer Stadt im Oettingischen gelegen, hatte ein gar feiner und vermögender Bürger einen Sohn, welchen er oft zum Heyrathen angemahnet, ihn aber dazu nicht bewegen können. Als nun die Saltzburger Emigranten auch durch dieses Städtgen passiren, findet sich unter ihnen eine Person, welche diesem Menschen gefällt, dabey er in seinem Herzen den Schluß fasset, wenn es angehen wolle, dieselbe zu heyrathen; erkundigt sich dahero bei denen andern Saltzburgern nach dieses Mädgens Aufführung und Familie, und erhält zur Antwort, sie wäre von guten, redlichen Leuten und hätte sich jederzeit wohl verhalten, wäre aber von ihren Eltern um der Religion willen geschieden und hätte solche zurücke gelassen. Hierauf gehet dieser Mensch zu seinem Vater und vermeldet ihm, weil er ihn so oft sich zu verehlichen vermahnet, so hätte er sich nunmehro eine Person ausgelesen, wenn ihm nur solche der Vater zu nehmen erlauben wolle. Als nun der Vater gerne wissen will, wer sie sey, sagt er ihm, es wäre eine Saltzburgerin, die gefalle ihm, und wo er ihm diese nicht lassen wolte, würde er niemalen heyrathen. Der Vater erschrickt hierüber und will es ihm ausreden, er läßt auch einige seiner Freunde und einen Prediger ruffen, um etwa den Sohn durch ihre Vermittelung auf andere Gedancken zu bringen; allein alles vergebens. Daher der Prediger endlich gemeinet, es könne Gott seine sonderbare Schickung darunter haben, daß es sowol dem Sohne, als auch der Emigrantin zum besten gereichen könne, worauf sie endlich ihre Einwilligung geben, und es dem Sohn in seinen Gefallen stellen. Dieser gehet sofort zu seiner Saltzburgerin und fragt sie, wie es ihr hier im Lande gefalle? sie antwortet: Herr gantz wohl. Er versetzet weiter: ob sie wol bey seinem Vater dienen wolte? Sie sagt: gar gerne; wenn er sie annehmen wolle, gedencke sie ihm treu und fleißig zu dienen, und erzehlet ihm darauf alle ihre Künste, wie sie das Vieh füttern, die Küh melcken, das Feld bestellen, Heu machen und dergleichen mehr verrichten könne. Worauf sie der Sohn mit sich nimmet und sie seinem Vater präsentiret. Dieser fragt das Mädgen, ob ihr denn sein Sohn gefalle, und sie ihn heyrathen wolle? Sie aber, nichts von dieser Sache wissend, meinet, man wolle sie vexiren, und antwortet: Ey, man solle sie nur nicht foppen, sein Sohn hätte vor seinen Vater eine Magd verlangt, und wenn er sie haben wolle, gedächte sie ihm treu zu dienen und ihr Brod wohl zu erwerben. Da aber der Vater darauf beharret und der Sohn auch sein ernstliches Verlangen nach ihr bezeiget, erkläret sie sich: Wenn es denn Ernst seyn solte, so wäre sie es gar wohl zufrieden, und sie wolte ihn halten, wie ihr Aug im Kopf. Da nun hierauf der Sohn ihr ein Ehe-Pfand reichet, greiffet sie in den Busen und sagt: Sie müsse ihm doch auch wol einen Mahl-Schatz geben; womit sie ihm ein Beutelgen überreichet, in welchem sich 200 Stück Ducaten befunden. Vergleichen wir diese Erzählung mit dem darauf gebauten Goetheschen Gedicht, so tritt der ganze Unterschied des bloßen Faktums und prosaischen Vorfalls mit einer von der Phantasie wiedergeborenen idealen Begebenheit hervor. Der Dichter hatte mit dem rohen Stoffe, nachdem er ihn aller Zufälligkeit entkleidet, eine doppelte Prozedur vorzunehmen: er mußte ihm eine Seele, eine Idee einhauchen und von diesem Lebenspunkt aus die Form sich gestalten und bis ins einzelnste individuell herausarbeiten lassen. Es war eine Familienbegebenheit, eine auf verworrener Wanderung in einer kleinen Stadt zu stande gekommene Heirat, die in der Anekdote vorlag: die Familie, Darstellung des in der Familie und dem Bürgertum waltenden und durch Tradition sich immer neu erzeugenden Geistes unmittelbarer Sittlichkeit, Kontrastierung desselben mit der Unruhe geschichtlicher Kämpfe, dies wurde folglich die Idee des Gedichts, nach der sich nun alle übrigen Teile desselben dienend richteten. Um die Familie zu vollenden, war auch die Mutter nötig, die in der Anekdote fehlt; die dort erwähnten mehreren Freunde zog der Dichter der Ueberschaulichkeit wegen in zwei zusammen; mit Vater, Mutter, Sohn, zwei Hausfreunden und der hinzukommenden Tochter war der menschliche Kreis der Familie vollendet. Alle diese Gestalten empfingen den Typus der reinen Menschlichkeit und der besondern Sphäre, deren Vertreter sie waren, während der Bürger und sein Sohn nur reale Individuen waren mit allem Eigensinn und Zufall der endlichen Existenz; zugleich aber wurden sie zu allseitig bestimmten und plastisch verkörperten Individuen, während die prosaische Quelle nur ganz allgemein die Personen nannte, mit denen jener Vorfall sich ereignet hatte. Der Gastwirt, der Pfarrer, der Apotheker vertreten die drei Hauptfiguren jeder kleinen Stadt. Daß das Mädchen dem Jüngling einen Mahlschatz von zweihundert Dukaten gereicht habe, blieb als eine unreine Zuthat der Wirklichkeit weg. Der so im großen umgestaltete Stoff mußte nach allen Seiten motiviert, durch Belebung im einzelnen nahe gerückt, nach Zeit, Lokalität und Umständen als gegenwärtig vor unsre Phantasie gestellt werden. Dies alles hat der Dichter geleistet und, wie viel dazu gehörte, welchen Reichtum schöpferischer Akte bei aller Einfalt diese Belebung des Stoffes erforderte, lehrt ein Blick auf die Quelle. Mit fester Bildnerhand, deren Züge überall von der Inspiration der Phantasie wie von der bewußten Einsicht gereifter Kunsterfahrung geleitet werden, hat er den Plan folgerichtig entworfen, sicher durchgeführt, an jedem Punkte festgehalten, die Personen eigentümlich charakterisiert und zugleich zu idealen Typen generalisiert, die Lokalität so individuell bestimmt, daß wir sie kennen wie unser Vaterhaus, die Zeit endlich so glücklich gewählt, daß Familie und Bürgertum gerade in jenem bestimmten Moment von der innigsten Lebenswärme durchdrungen erscheinen. Die Salzburgische Religionszwistigkeit nämlich war eine verschollene, verhältnismäßig kleinliche Angelegenheit: der Dichter ließ sie fort und setzte die französische Revolution an ihre Stelle, die bei weitem mächtiger die gemütliche Privatexistenz erschütterte und von deren ergreifenden, das heterogen gestimmte Gemüt des Dichters zerrüttenden Eindrücken er sich soeben zu ästhetischer Freiheit der Betrachtung wiedererhoben hatte. Zugleich mußte nun das thüringische Städtchen zu einem Städtchen am Rhein werden und danach die ganze Welt der Sitten und die Oertlichkeit im einzelnen sich richten. Goethe glaubte an dem Stoffe einen besonders glücklichen Fund gemacht zu haben. Er schreibt an Heinrich Meyer: der Gegenstand selbst ist äußerst glücklich, ein Sujet, wie man es in seinem Leben nicht zweimal findet; wie denn überhaupt die Gegenstände zu wahren Kunstwerken seltener gefunden werden, als man denkt, deswegen auch die Alten beständig sich nur in einem gewissen Kreise bewegen. Die letztere Bemerkung zu prüfen, würde hier zu weit führen; wir erinnern nur an Friedrich Vischers geistvolles Wort, die Findung des Stoffes sei dem geheimen Wechselgespräche zwischen Zufall und Genius zu überlassen, an dem Instinkt habe der Künstler seine Wünschelrute, an dem Zufall seinen Boden. Auch die Idee zu Hermann und Dorothea hatte Goethe schon mehrere Jahre mit sich herumgetragen, wie Schiller an Körner schreibt. Es ging also mit diesem Gedicht wie mit den meisten der übrigen Dichtungen Goethes: er trägt sie lange, sie werden langsam reif, eine gewisse Weichlichkeit hält ihn ab, die Schmerzen und die Arbeit, die mit der Ablösung verbunden sind, zu übernehmen; auch wird ihm der geheime innere Schatz so lieb, daß er ihn ungern an die Außenwelt entläßt. So gehen viele Goethesche Konzeptionen ganz verloren, weil ihre Geburtsstunde niemals kam; andre blieben Fragment, Entwurf; bei andern kam der Moment der eigentlichen Niederschlagung zu spät, d. h. des Dichters Lebensalter war darüber hinaus. Eine alte Idee war so die Braut von Korinth, die um dieselbe Zeit entstand und von deren befreundeten Gestalten der Dichter ungern schied. Manches überließ er auch Schiller. Der Moment der Ausführung war aber bei Hermann und Dorothea ein sehr glücklicher. Mit niemand war über den Plan hin- und hergesprochen worden, wie etwa bei Wilhelm Meister, also kein innerer Zweifel, keine störende Reflexion; die Geschwindigkeit der Produktion, wie sie Goethe in jugendlichen Jahren besessen, war wiedergekehrt. Die Ausführung, schreibt Schiller an Körner, die gleichsam unter meinen Augen geschah, ist mit einer mir unbegreiflichen Leichtigkeit und Schnelligkeit vor sich gegangen, so daß er neun Tage hintereinander jeden Tag über anderthalb Hundert Hexameter schrieb. Schiller mußte dies unbegreiflich sein, da Schiller, von der Natur nicht so begünstigt, überhaupt der Schönheit und Vollendung des Daseins sich nicht so unbefangen und göttlich heiter erfreuend, alle seine Produkte mit ernstem Willen und mühevoll der Natur abtrotzen und abringen mußte, wovon natürlich die Spuren immer noch sichtbar blieben. Die Ausführung geschah übrigens im Herbst 1796 teils in Weimar und Jena, teils in dem lieblichen Bergstädtchen Ilmenau. Vossens Luise hatte das Gedicht zwar »nicht veranlaßt, aber doch neuerdings geweckt«: beide Gedichte sind übrigens himmelweit verschieden, wie wir später sehen werden, und es ist lächerlich, sie vergleichen zu wollen. Goethe war selbst mit dem Gedicht sehr zufrieden, was immer ein günstiges Zeichen ist: es war der Prozeß der Entäußerung also nie vor sich gegangen. Er liebte das Gedicht vorzulesen, was er nie ohne Thränen der Rührung konnte. Zum erstenmal geschah es ihm auch, daß das Publikum gleich anfangs zufrieden war, daß ein freudiger Widerhall ihm antwortete, während er sonst immer erst sein Volk allmählich zu sich heranziehen und immer erst eine Generation vergehen mußte. Seine philisterhaften prosaischen Feinde, die preußische Schule mit ihrem beschränkten sogenannten gesunden Menschenverstande mäkelten dennoch auch an diesem Gedichte herum; Kritiker der alten Schule nahmen eine wohlweise Miene an. Der Rezensent z. B. in der neuen Bibliothek der schönen Wissenschaften und freien Künste sagt, die einen hätten das Gedicht ebenso sehr erhoben, als andre es herabgesetzt hätten; wir glauben für unsre Person, daß es ebensowenig ohne Einschränkung gerühmt als ohne Einschränkung getadelt werden könne. Also mattherzige Mäßigung, wie wir sie auch bei den jetzigen Gegensätzen, den religiösen und politischen, bei Alltagsköpfen finden, die sich dabei sehr weise dünken. Das Gedicht, fährt er fort, liegt auf dem Gange der epischen und mimischen Gattung: Unsinn! Goethe sandte seinem Epos ein kleines elegisches Gedicht nach unter dem Titel Hermann und Dorothea, das sich unter den lyrischen Gedichten findet und worin er wie ein Vorredner von sich, seinem Publikum, seinem Werke spricht. Dennoch ist in dem schönen Gedichte alles Prosaische und bloß I