The Project Gutenberg EBook of Nach Amerika! Zweiter Band. by Friedrich Gerstaecker This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at http://www.gutenberg.org/license Title: Nach Amerika! Zweiter Band. Author: Friedrich Gerstaecker Release Date: March 30, 2007 [Ebook #20944] Language: German Character set encoding: US-ASCII ***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ZWEITER BAND.*** Nach Amerika! Ein Volksbuch Zweiter Band von Friedrich Gerstaecker. Illustrirt von Carl Reinhardt. Leipzig, Hermann Costenoble, Verlagsbuchhandlung Berlin, Rudolph Gaertner, Amelang'sche Sort-Buchhandlung 1855 INHALT DES ERSTEN BANDES. Die Seestadt. Der Weserkahn. Das Schiff. In See. Die Passagiere. Leben an Bord. Leben an Bord. Die Entdeckung. Land. Capitel 1. DIE SEESTADT. Am 29. August Abends zehn Uhr rasselten zwei Droschken durch die engen, noch ziemlich belebten Strassen Bremens, und hielten, dicht hintereinander, vor dem offenen Thorweg des "Hannoverschen Hauses" aus dem ein paar geschaeftige Kellner sprangen, die Neuangekommenen in Empfang zu nehmen. "Um wie viel Uhr faehrt morgen frueh die Haidschnucke ab?" frug ein aeltlicher Herr, der in einen weiten Mantel gewickelt hastig aus dem ersten Wagen stieg, indess aus dem anderen ein paar Damenhuete schauten, als ob sie noch unschluessig waeren hier auszusteigen oder weiter zu fahren. "Haidschnucke?" sagte der Oberkellner etwas verbluefft den Fremden und dann den ebenfalls herzugekommenen Hausknecht anschauend -- "Haidschnucke?" "Weet ick nich" erwiederte dieser, kurz angebunden, und fing an, ohne weiter zu fragen die verschiedenen, vorn auf dem Bock aufgehaeuften Koffer und Hutschachteln von diesem herunter zu ziehen. "Das Schiff Haidschnucke, Capitain Siebelt, nach New-Orleans bestimmt," erklaerte der Fremde -- ein alter Bekannter von uns, Professor Lobenstein -- dem Kellner indess; "der Abgang war auf morgen frueh bestimmt, und ich wollte schon gestern hier sein, bin aber um einen Tag aufgehalten worden." "Ach Sie meinen ein Seeschiff," sagte der Kellner beruhigend, "da brauchen Sie keine Angst zu haben; die gehen selten so puenktlich -- befehlen Sie zwei oder drei Zimmer?" "Ja selten so puenktlich," wiederholte der Professor ungeduldig -- "darauf kann ich mich nicht einlassen -- He! -- Sie da -- wo laufen Sie denn mit den Sachen hin? lassen Sie mir das erst Alles einmal auf der Hausflur stehn, bis Sie weiteren Bescheid bekommen. Wo wohnt denn wohl der Rheder der Haidschnucke?" "Der Rheder der Haidschnucke?" wandte sich der Oberkellner wieder fragend an den Hausknecht -- "wer hat denn die Haidschnucke eigentlich?" "Weet ick nich" sagte der Hausknecht wieder wie vorher kurz angebunden. "Ferdinand Hessburg" kam ihm der Professor hierbei zu Huelfe, "die Firma heisst, glaub' ich, Hessburg und Sohn." "Ach ich weiss schon" erwiederte der zweite Kellner jetzt -- das Geschaeft ist in der Seemannsstrasse, aber Hessburgs wohnen am Wall." "Kann ich Jemand bekommen der mich dorthin begleitet?" frug der Professor. "Es ist zehn Uhr vorbei" sagte der zweite Kellner, achselzuckend. "Ich _muss_ Jemanden aus dem Geschaeft noch diesen Abend sprechen" beharrte aber der Professor in der einmal gefassten Furcht, dass er die Abfahrt des Schiffs versaeume, "koennen Sie nur Jemand von hier mitgeben, so moegen meine Damen so lange in das Gastzimmer gehn und sich ein wenig restauriren. Ist es dann noethig, so nehmen wir nachher Extrapost und fahren nach Bremer Hafen hinaus." Die Damen waren indess ausgestiegen, und die verschiedenen Collis in dem Gastzimmer, an dessen Abendtafel es ziemlich lebhaft herging, neben dem Ofen aufgethuermt worden zu augenblicklicher Weiterbefoerderung, falls diese noethig werden sollte, bereit zu sein. Der Professor Lobenstein aber ging raschen Schrittes, mit dem einsylbigen Hausknecht als Fuehrer, die Strassen entlang, dem bezeichneten Stadtviertel zu, bis Jahn, wie der Hausknecht hiess, vor einem sehr eleganten Hause Halt machte und dort auch, ohne weiter ein Wort zu sagen, mit solcher Gewalt an dem Messinggriff der Klingel riss, dass das ganze Haus von dem so ploetzlich geweckten Gelaeute wiederschallte. "Aber um Gottes Willen" rief der etwas ruecksichtsvolle Fremde erschreckt. "Dat sollen se woll 'hoert hebben" meinte aber Jahn ruhig und schob seine Haende, wie vollstaendig mit sich zufrieden in die Taschen, waehrend drinnen im Haus aengstlich bestuerzte Stimmen laut wurden, und Leute hin und wieder liefen. Oben in der ersten Etage oeffnete sich aber auch gleich darauf ein Fenster, und eine ziemlich aergerliche Bassstimme frug herunter wer da waere, und wo es brenne? "Ich bitte tausendmal um Entschuldigung" sagte aber der Professor, unwillkuerlich in der Dunkelheit seinen Hut abnehmend, "mein Fuehrer hier hat so entsetzlich an der Klingel gerissen." "Zu wem wollen Sie?" frug der Bass oben, die Entschuldigung unten kurz abschneidend -- "hier wohnt kein Doktor." "Habe ich das Vergnuegen mit Herrn Hessburg zu sprechen?" frug aber der Professor zurueck. "Mein Name ist Hessburg," sagte der Bass. "Dann sind Sie wohl so freundlich mir zu sagen, um welche Tageszeit die Haidschnucke morgen segelt" sagte der Professor, froh endlich an den rechten Mann gekommen zu sein, "und ob ich noch zur rechten Zeit komme, wenn ich jetzt Extrapost nehme und die Nacht durch nach Bremerhafen fahre -- ich habe mich um einen Tag verspaetigt und moechte das Schiff nicht versaeumen." "Extrapost nehmen?" frug die Stimme oben erstaunt; "morgen frueh um sechs und Mittags um elf geht ja ein Dampfboot nach Bremerhafen, warum wollen Sie denn nicht mit dem fahren?" "Aber komme ich dann noch zur rechten Zeit?" Die Stimme oben murmelte etwas, das der Professor unten nicht verstehen konnte -- "sind Sie ein Passagier der Haidschnucke?" sagte es dann wieder lauter. "Aufzuwarten -- Professor Lobenstein aus Heilingen." "Ah -- bitte um Entschuldigung Herr Professor, dass ich Sie habe so lange da unten stehen lassen. Marie machen Sie einmal unten die Thuere auf." "Bitte, bitte" rief aber der Professor -- "ich will Sie keineswegs mitten in der Nacht belaestigen -- also komme ich noch frueh genug wenn ich morgen um sechs Uhr mit dem ersten Boot abfahre?" "Die Haidschnucke wird wohl kaum vor Abend in See gehn -- der Wind ist noch nicht ganz guenstig" sagte der Bass oben -- "wenn Sie um 11 Uhr fahren haben Sie vollkommen Zeit -- das Schiff liegt vor Brake und wird morgen frueh noch einige verspaetete Fracht an Bord nehmen." "Vor Brake?" wiederholte der Professor, mit der Geographie der Weser noch nicht so weit bekannt. "Der Hafen diesseit Bremerhafen" sagte der Bass -- "die Leute auf dem Dampfboot kennen den Ort und das Schiff --" "Ich bin Ihnen sehr verbunden --" "Bitte Herr Professor -- Sie werden entschuldigen --" "Bitte sehr -- ich habe um Entschuldigung zu bitten --, Sie in so spaeter Nachtzeit noch gestoert und belaestigt zu haben." "Oh -- war mir sehr angenehm Ihre werthe Be --" das uebrige verschwamm in einem dumpfen, unverstaendlichen Murmeln, unter dem sich das Fenster oben langsam wieder schloss, und der Professor bedeutete seinen Fuehrer, ihn so rasch als moeglich, zu dem Hotel zurueckzubringen. Lobensteins hatten dort indessen, so gut das in dem ziemlich besetzten Speisesaal eben gehen wollte, einen der Ecktische in Besitz und Platz daran genommen, und sich Thee und Butterbrod geben lassen, auf eine moegliche Nachtfahrt mit Extrapost wenigstens in etwas vorbereitet zu sein. Die beiden juengsten Kinder, Carl und Gretchen mussten dabei im Schlaf in die Stube getragen und konnten kaum munter erhalten werden, noch etwas zu sich nehmen, und legten sich dann mit den Koepfchen, Carl auf den Tisch und Gretchen in Mutters Schooss -- weiter zu schlafen. Der Aufenthalt in dem grossen, heissen Saale, mit den vielen Menschen, dem lauten Reden und Lachen und dem fast undurchdringlichen Tabacksqualm, die ganze fremde Umgebung dazu mit dem unbestimmten Gefuehl das Schiff, mit dem ihre saemmtlichen Sachen befoerdert worden, am Ende gar schon versaeumt zu haben, auch das uebernaechtige einer spaeten Fahrt, auf der mit bleierner, peinlicher Schwere der kaum ueberstandene Abschied aus der Heimath lag, das Alles vereinigte sich sie niederzudruecken und ernst und traurig zu stimmen, und das einfache Abendbrod wurde still und schweigend verzehrt. Jedes war mit seinen eigenen Gedanken viel zu sehr beschaeftigt sich dem Andern mitzutheilen. Nur Eduard, Professor Lobensteins aeltester Sohn, der einzige vielleicht von der ganzen Familie, der sich wirklich auf die Reise freute und gern das regelmaessige, ihm entsetzlich langweilig vorkommende Schulwesen verlassen hatte, einem anderen, freieren Lebensberuf zu folgen, gab sich in dem Reiz der Neuheit, der die Jugend ueber so Manches hinwegsetzt, den fremdartigen Eindruecken selbst mit einigem Behagen hin. Die Ruecklehne seines Stuhles gegen die Wand lehnend, ueberschaute er die bunten, sich vor ihm wie auf einem aus der Erde heraufbeschworenen Theater bewegenden Gruppen, und lauschte den sich fast saemmtlich um Amerika und die Reise drehenden Gespraechen der ihm naechsten Gaeste und Fremden, bis sein Blick endlich auf einen kleinen Mann fiel, der ihnen gerade gegenueber und das Gesicht ihnen zugewendet, seinen Platz genommen hatte, und sie auf das aufmerksamste zu betrachten schien. Der Fremde sass verkehrt auf seinem Stuhl, die Arme auf die Lehne desselben und sein Kinn wieder auf diese stuetzend, und schien sich in der That von der uebrigen Gesellschaft ganz zurueckgezogen oder abgewandt zu haben, und die neuangekommene Familie auf das Genauste zu betrachten. Es schien uebrigens, wie er _so_ da sass, ein kleines schmaechtiges Maennchen von vielleicht vierzig bis vierundvierzig Jahren, mit grauer runder Muetze und schwarzem vorn fast spitz zulaufendem Schild, grauem Frack, grauer Hose, grauer Weste, grauem Halstuch und grauen Zeugstiefeln, in der linken Hand, lang zusammengefaltet, ein paar graue Zwirnhandschuh. Die kleinen lebhaften Augen funkelten dabei scharf und forschend unter dem spitzen ziemlich tief niedergezogenen Muetzenschilde vor, und hafteten so lang und so forschend erst auf dem jungen Mann, dann auf der Mutter und auf den Toechtern, bis er Eduards Auge ebenfalls auf sich zog und dann, als ob er fuehle dass sein Betragen vielleicht auffaellig waere, sich weiter mit seinem Stuhl zurueckzog und sich mehr seitwaerts setzte. Seine Blicke schweiften aber dennoch fortwaehrend, und wie fast unwillkuerlich, nach dem Tische hinueber, an welchem die fremden Damen sassen, und hafteten dann hauptsaechlich -- Eduard, als er erst einmal aufmerksam wurde, konnte das deutlich erkennen -- auf seiner Mutter. Die Frau Professorin war jedoch viel zu sehr mit ihren Kindern und der Sorge um ihr Gepaeck beschaeftigt, den kleinen grauen Mann auch nur zu bemerken, viel weniger denn zu finden dass sie selber von ihm so scharf beobachtet wurden, bis sie Eduard endlich darauf aufmerksam machte und sie frug, ob sie den Fremden vielleicht schon frueher einmal gesehen habe. So wie sie aber zu dem hinueber sah, stand er, wie verlegen, von seinem Sitze auf, zog die Muetze vorn womoeglich noch weiter herunter, steckte dann beide Haende hinten in seine Fracktaschen, und verliess, leise vor sich hin pfeifend, das Zimmer. "Sie, Kellner!" rief aber jetzt Eduard, den der Mann an zu interessiren fing, einem der um sie beschaeftigten aber ebenfalls ziemlich schlaefrig aussehenden Kellner zu -- "kennen Sie den Herrn der da eben hinausging?" "Eben hinausging?" sagte der Kellner, einen faulen Blick nach der Thuer werfend -- "ich habe nicht darauf geachtet." "Der mit der grauen Muetze und dem grauen Rock." "Ach -- die Nachtigall?" sagte der Kellner, und ein breites, etwas dummes Laecheln zog ihn den Mund fast von einem Ohre bis zum andern. "Die Nachtigall?" wiederholte Eduard etwas verdutzt. "Nun Sie meinen doch den kleinen grauen Mann mit dem spitzen Muetzenschilde?" lachte der Kellner. "Ja wohl, denselben." "Nun ja, das ist ein sonderbarer Kautz, der schon acht Tage bei uns wohnt. Er heisst Schultze und will mit der Haidschnucke nach Amerika." "Mit der Haidschnucke? -- mit der wollen ja auch wir fort" -- rief Eduard rasch -- "also segelt sie noch nicht morgen in aller Frueh?" "Ich glaube nicht" sagte der Kellner, "sonst waere die Nachtigall doch schon laengst nach Bremerhafen hinauf -- auf wann war sie denn angezeigt?" "Auf morgen frueh -- bestimmt." "Ah da haben Sie noch Zeit genug," gaehnte der Kellner -- "_unter_ acht Tagen gehn Sie dann gewiss noch nicht in See." "_Acht_ Tage?" rief Eduard erschreckt -- "das waere eine schoene Geschichte wenn wir hier noch acht Tage im Wirthshaus liegen sollten." "Lieber Gott" meinte der Kellner, eine Parthie abgegessener Teller von einem der Nachbartische aufnehmend und damit fortgehend -- "die Auswanderer liegen hier manchmal vier und sechs Wochen, ehe ihr Schiff segelt." "Das waeren traurige Aussichten" sagte Anna, die nicht weit von Eduard sass, und des Kellners Bemerkung gehoert hatte -- "da haetten wir uns freilich die letzten Tage in Heilingen nicht so entsetzlich abzuhetzen brauchen." "Was weiss der Kellner davon" troestete sie aber Eduard; "apropos, der kleine graue Mann, der uns da gerade gegenuebersass und Mutter immer so anstarrte, geht auch mit der Haidschnucke nach New-Orleans?" "Um Verzeihung," fiel hier ein anderer Fremder, der an einem benachbarten Tisch sass, ein, sich im Stuhl etwas zurueckbiegend -- "habe ich recht gehoert und gehen Sie wirklich mit der Haidschnucke nach New-Orleans?" "Allerdings" erwiederte ihm Eduard -- "wir haben unsere Passage auf dem Schiff genommen." "Ah, das ist mir doch ungemein angenehm" erwiederte der Fremde sich rasch vollstaendig gegen die Damen herumdrehend; "da bin ich so frei mich Ihnen als kuenftigen Reisegefaehrten gehorsamst vorzustellen." Die Damen verbeugten sich leicht gegen den sich selber Einfuehrenden, und Frau Professor Lobenstein wollte ihn eben fragen ob er etwas Bestimmtes ueber die Abfahrt des Schiffes wisse, er liess sie aber gar nicht zu Worte kommen, und fuhr rasch, seinen Stuhl jetzt vollstaendig zu ihrem Tische rueckend, fort: "Ist mir doch wirklich sehr angenehm; wunderbares Zusammentreffen das, ebenfalls, eh? -- wie sich die Leute doch so auf der Welt finden; kommen hier in _einem_ Gasthaus, an _einem_ Tisch zusammen und sind, unbewusst, im Begriff eine so ungeheure Reise mit einander zu machen und die Gefahren des Oceans zu theilen. Liegt ungeheuer viel Poesie in dem Gedanken." Der gespraechige Fremde machte hier zum ersten Mal eine Pause, indem er seine ziemlich geleerte Weinflasche und sein Glas von dem Tisch an dem er vorher gesessen, herueber nahm, und vor sich hinstellte, und sein Glas dabei wieder fuellte und mit einer Verbeugung gegen die Damen trank. Es war ein Mann ziemlich hoch in den Dreissigen, sehr sorgfaeltig angezogen, mit einem grossen Siegelring an dem Zeigefinger der rechten und drei oder vier anderen Ringen an dem kleinen Finger der linken Hand. Er trug sein Haar dabei _a la malconte_, vollkommen kurz abgeschnitten, und wie es schien dem Bart zu Liebe, dem er desto volleres und unbeschraenkteres Wachsthum gestattete. Die Tuchnadel, die seine schwarzseidene, kunstgerecht gefaltete Cravatte zusammenhielt, war ein kleiner goldener Bacchus auf einem Fass, der einen, wahrscheinlich unaechten Diamant als Glas in die Hoehe hielt und sein ziemlich starkes Uhrgehaenge bestand aus einer Unmasse kleiner goldener oder vergoldeter Werkzeuge, Hammer, Korkzieher, Pistolen, Flaschen, Musikinstrumente &c. &c. Sein Gesicht machte dabei gerade keinen angenehmen Eindruck; die Stirn war sehr niedrig und etwas zurueckgehend, mit einer ziemlich tiefen Falte queer darueber hinziehend, und die kleinen blauen Augen flogen unruhig umher, waehrend er sprach, indess der Zug um den Mund eine merkwuerdig stark ausgepraegte Zuversichtlichkeit, wie vielleicht auch Eigenliebe verrieth; dennoch liess sich ein gutmuethiger Ausdruck darin nicht verkennen, und das ganze Gesicht war entschuldigt, sobald man erfuhr, dass es einem Weinreisenden gehoerte. "Und koennen Sie uns vielleicht genau die Abfahrt des Schiffs sagen?" frug die Frau Professorin endlich, die erste moegliche Pause benutzend; "es hiess dass es schon morgen frueh in See gehen sollte." "Wind und Wetter _permitting_ wie die Englaender sagen" laechelte der Weinreisende, sehr zufrieden dadurch zugleich seine nautischen wie auch sonstigen Kenntnisse der englischen Sprache gezeigt zu haben. "Was heisst das?" sagte die Frau Professorin, etwas verlegen. "Ah, dass ein Schiff nicht segeln kann, wenn der Wind nicht guenstig ist," laechelte der Weinreisende nach den beiden jungen Damen hinueber. "Uebrigens wird die Haidschnucke keineswegs vor morgen Abend in See gehn" setzte er beruhigend hinzu; "ich bin mit dem Capitain sehr eng befreundet -- wir haben schon manche Flasche zusammen ausgestochen, und er hat mich versichert dass er morgen Abend um sechs Uhr, mit eintretender Ebbe, seinen Anker lichten und seine Segel spannen wuerde. Sie wissen wohl, gnaedige Frau -- "Segel gespannt und den Anker gelichtet," wie wir Seeleute singen." "Also vor morgen _Abend_ nicht? oh das ist mir _sehr_ lieb" sagte die Frau beruhigt; "dann brauchen wir auch nicht die Nacht durchzureisen und ich kann die Kinder zu Bett bringen, sobald der Vater zurueckkommt. Sie wissen es doch ganz gewiss?" "_Parole d'honneur_!" sagte der Weinreisende, sich, mit der rechten Hand und den Siegelring auf dem Herzen, verbeugend. "Uebrigens" fuhr er lebhafter fort, "wird, nach Goethe, wie bekannt, durch zweier Zeugen Mund, ueberall die Wahrheit kund, und hier an dem Tisch sitzt noch ein Reisegefaehrte von uns, der ebenfalls seine Passage auf der Haidschnucke genommen hat und erst wahrscheinlich morgen frueh um elf Uhr mit dem zweiten Dampfboot nach Brake fahren wird, an Bord zu gehn -- Herr Mehlmeier, duerfte ich Sie bitten sich einen Augenblick hierherueber zu bemuehen und -- Sie erlauben mir doch dass ich ihnen Herrn Mehlmeier vorstellen darf?" "Wird uns sehr angenehm sein" sagte die Frau Professorin etwas verlegen; es war ihr eben _nicht_ angenehm, in der Abwesenheit ihres Mannes mit so vielen fremden Menschen hier zu verkehren. Herr Mehlmeier, der indessen still und regungslos, und ohne auch nur den Kopf nach jemand Anderem umzuwenden, vor seinem wieder und wieder gefuellten Glas Bier gesessen hatte, war bei dem Ruf seines Namens aufgesprungen, als ob ihn was mit einer Stecknadel an irgend einem empfindlichen Theil gestochen haette. Es war eine grosse, fast uebermaessig starke Gestalt, die des Herrn Mehlmeier, mit einem vollen runden gutmuethigen Gesicht, sehr breiten Schultern und stattlichem, etwas bauchigem Koerper, Marie aber sowohl wie Eduard, und selbst Anna konnten sich kaum eines Laechelns erwehren, als er den Mund oeffnete, und mit einer ganz feinen weichen, fast weiblichen Stimme ausrief: "Was befehlen Sie Herr Steinert?" "Ach lieber Herr Mehlmeier," rief aber Herr Steinert -- "ich wollte mir vor allen Dingen die Freiheit nehmen, Sie den Damen hier, die wir so gluecklich sind kuenftige Reisegefaehrtinnen von uns zu nennen, nach aller Form vorzustellen -- Herr Christian Mehlmeier von Schmalkalden -- und -- aber ich weiss wahrhaftig Ihren eigenen Namen noch nicht, meine Damen --" "Die Familie des Professor Lobenstein aus Heilingen" nahm hier Eduard das Wort, der sich jetzt besonders fuer den dicken Mann mit der feinen Stimme interessirte. "Professor Lobenstein?" rief Herr Steinert, rasch nach dem jungen Mann herumfahrend -- "Familie des Professor Lobenstein -- _corpo di Bacho!_ da sind wir ja alte Bekannte -- habe das Vergnuegen schon frueher gehabt mit Ihrem Herrn Vater in einer sehr angenehmen Geschaeftsverbindung zu stehn -- ich machte in Weinen fuer das Haus Schwartz und Pelzer in Frankfurt am Main -- und der Herr Professor machten ebenfalls die Reise mit." "Wir erwarten ihn jeden Augenblick" sagte die Frau Professorin, sich dabei ungeduldig nach der Thuere umsehend, denn die Bekanntschaft des Herrn Steinert, der mit seiner lauten Stimme schon die Aufmerksamkeit saemmtlicher uebrigen Gaeste auf sie gezogen hatte, fing an ihr drueckend zu werden. "Er ist eben fortgegangen sich ueber die genaue Abfahrt des Schiffes Gewissheit zu holen," ergaenzte Eduard. "Ah ja, unser Schiff" rief Herr Steinert, sich ploetzlich wieder der Sache erinnernd, wegen der er Herrn Mehlmeier eigentlich herbeigerufen. "Sie haben ja selber heute mit den Rhedern gesprochen, nicht wahr lieber Mehlmeier?" "Ja wohl" sagte der dicke Mann mit seiner feinsten Stimmlage, waehrend er dabei stark mit dem Kopf schuettelte. "Dann ist also keine Gefahr dass wir das Schiff versaeumen, wenn wir bis morgen frueh hier bleiben?" frug die Frau Professorin. Herr Mehlmeier nickte ihr aber sehr bedenklich zu und sie frug rasch -- "Sie glauben doch?" "Bitte um Verzeihung -- Gott bewahre" sagte der dicke Mann erschreckt. -- Das Gespraech wurde aber hier durch den Professor selber unterbrochen, der in diesem Augenblick den Saal betrat und noch unter der Thuer zwei Zimmer fuer sich und die Seinen mit den noethigen Betten, bestellte. Der Oberkellner war ihm darin aber schon zuvorgekommen, und trotzdem dass Herr Steinert jetzt mehre Anlaeufe nahm ein Gespraech mit Professor Lobenstein anzuknuepfen, und sich ihm als alten Bekannten vorzustellen, hatte dieser doch zu wenig Zeit sich, ausser einigen hoeflich gewechselten Worten, mit ihm naeher einzulassen. Die Frauen waren muede und erschoepft, und das Gepaeck musste nach oben geschafft werden, wo der Professor selber seinen Thee trinken wollte; so jede weitere Unterhaltung auf den naechsten Morgen verschiebend, empfahlen sich die Neugekommenen, und verschwanden gleich darauf mit den voranleuchtenden Kellnern in den Gaengen der ersten Etage. In dem Gastzimmer des Hannoeverschen Hauses begann aber jetzt erst, trotz der spaeten Stunde, ein reges geselliges Leben. Viele der Passagiere der Haidschnucke, wie noch mehrer anderer Schiffe deren Abreise theils auf morgen, theils auf die naechsten Tage angekuendigt worden, hatten sich hier zusammengefunden und feierten unter Lachen und Singen, mit Bier oder Champagner, und lustigen froehlichen Plaenen fuer "da drueben," den "letzten Tag in der Heimath" wie sie's nannten. "_Den letzten Tag in der Heimath_" -- wie leicht, wie lustig sie das sprachen, und wie laut und froehlich die Glaeser dazu klirrten, und die Stimmen einfielen in den donnernden rauschenden Chor ihrer heimischen Lieder. Den letzten Tag in der Heimath; und fuer wie Viele war es der _letzte_ Tag -- wie Wenige von allen denen, die jetzt jauchzend das neue fremde Leben begruessten, und die Erinnerung in Stroemen Weins verschwemmten, sollten die Heimath wirklich wiedersehn, nach der doch alle Fasern ihres Herzens zurueck sich sehnten viele Jahre lang. "Der letzte Tag in der Heimath" oh es denkt sich leicht, mit all den wundertollen Bildern, die unsere Phantasie sich aufgebaut, gewissermassen schon in Sicht -- in Arms Bereich. Mit dem alten Leben abgeschlossen hinter sich, voll Ungeduld dem Augenblick entgegensehend wo sie das neue beginnen duerfen und koennen, ist ihnen das Vaterland nur noch das letzte Sprungbret, von dem aus sie mit keckem froehlichem Satz einer neuen Welt in die Arme fliegen, und sie _feiern_ den Tag und die Stunde, vor deren Nahen sie Jahre lang gebebt -- oh dass sie nie den Tag beweinen muessten. Die Froehlichkeit der Auswanderer ist aber in solchen Faellen auch selten eine ruhige, meist eine wilde, ausgelassene, wie das auch wohl kaum anders der Fall sein kann; sie _wollen_ nicht zurueckdenken an das was hinter ihnen liegt, und das Noethigste was sie dabei zu thun haben, ist die Gedanken zu betaeuben, die ihnen oft dennoch ins Hirn steigen, sie moegen sie eben haben wollen oder nicht. Eine Menge der jungen Leute waren an dem Abend noch einmal im Theater gewesen, in der fremden Stadt irgend ein altes bekanntes Stueck auffuehren zu sehen, und sassen jetzt bei ihrem Abendessen und Wein, und sprachen und stritten sich ueber die Auffuehrung, als ob sie nur eben deretwegen allein nach Bremen gekommen waeren. Dort in der Ecke rechneten ein paar, die wahrscheinlich gemeinsame Casse mit einander hatten, und jetzt ihre gehabten und zu habenden Auslagen wohl durchsahen; die meisten aber lachten und plauderten mit einander und tranken und sangen noch, heimische Weine und Lieder bis spaet in die Nacht hinein. Ganz still und geraeuschlos war indessen ein alter polnischer Jude in seiner Nationaltracht, dem langen schwarzen schmutzigen seidenen Kastan, mit einem Knaben von vielleicht zwoelf oder dreizehn Jahren hinter sich, ebenfalls in das Gastzimmer gekommen, und hatte sich an einem der leer gewordenen Seitentischchen ein Glas Bier geben lassen, von dem er in langsamen, durstigen Zuegen trank. Der Knabe trug ein, in ein rothbaumwollenes Tuch eingeschlagenes Packet unter dem linken Arme, das er neben sich auf den Tisch legte und sich dann zurueck auf seinen Stuhl setzte, den Kopf auf die Lehne desselben lehnte, und die Augen ermuedet schloss. Das grelle Licht der Lampen fiel voll auf die bleichen, von schwarzen vollen Locken umwogten Zuege, und der sonst wirklich schoene Kopf des Kindes bekam, auch vielleicht mit in der unnatuerlichen zurueckgeworfenen Lage, etwas unheimlich Krankhaftes, ja fast Leichenartiges. "Komm Philipp" sagte der Alte, als sie eine Weile so gesessen hatten, mit unterdrueckter Stimme, indem er den jungen Burschen mit dem Fusse anstiess -- "es werd spaet, pack die Harmonika aus und lass uns anfange. Die Leut' hoben hier viel getrunken und sind guter Laune; werd auch 'was fuer uns dabei abfalle." Der Knabe oeffnete die grossen schwarzen Augen und sah den Mann ein paar Secunden starr an, als ob er nicht recht begriffen haette was er sagte. "Na, werd's bald?" rief aber dieser, aergerlich aufbrausend, aber doch so leise dass es selbst die an den naechsten Tischen Sitzenden nicht verstehen konnten -- "ist es dem jungen Herrn gefaellig, oder soll ich ihn etwa aufwecken?" "Ja ja, Vater!" rief der Knabe jetzt, rasch und erschreckt emporfahrend -- "wollen wir denn noch singen heute Abend?" setzte er aber langsamer und fast wie aengstlich hinzu. "Wolle wir denn noch singen?" wiederholte der Alte spoettisch und aergerlich, "Gottes Wunder, glaubt der junge Herr dass ich ihn Abends in die Wirthshaeuser fuehre zu seinem Vergnigen? -- wolle wir denn noch singen? Abraham und Jacob, was ist das for a Frog." Der Knabe war uebrigens schon bei den ersten aergerlichen Worten des Alten von seinem Stuhle aufgesprungen, und sich die Locken aus der Stirn streichend, machte er sich eifrig daran, das auf dem Tisch liegende Packet aufzuknuepfen, und den Inhalt auf der Tafel desselben auszubreiten. Hierbei war ihm der Alte behuelflich, und ordnete jetzt selber eine Masse mit einander leicht verbundener Stoecke oder Staebe von weichem Holz, die, manche staerker, manche schwaecher, mit einer Unterlage von duenn- aber festgedrehten Strohseilen auf den Tisch an beiden Enden auf- und in der Mitte hohlzuliegen kamen. "Hallo was ist das?" rief Steinert, der dem Tische zunaechst sass und die wunderlichen Vorbereitungen bemerkte -- "eine Holzharmonika, wahrhaftig -- ah, meine Herren, jetzt werden wir etwas zu hoeren bekommen; die klingt famos, wenn sie der alte Bursche da nur zu spielen versteht." "Werd' er sie nicht zu spielen verstehn -- spielt sie schon fuenfundzwanzig Jahr" schmunzelte der Alte vergnuegt vor sich hin -- "nu Philippche, mei Jingelche jetzt pass auf, und fall mer ein zur rechten Zeit mit der Floete." Zugleich die beiden, ihm zur Hand liegenden Kloeppel ergreifend, fuhr er mit rascher geuebter Hand ueber die eigenthuemlichen Tasten hin, denen er dabei einen nicht zu lauten, aber wunderbar harmonischen vollen Ton entlockte. Wie Glockenspiel klangen die Laute, die entfernteren Raeume mit ihrem Wohlklang fuellend, und die Gaeste, nach allen Richtungen hin horchten hoch auf, vergassen von was sie gesprochen, und kamen heran, den Tisch umdraengend, an dem der alte Jude spielte. "So Philippche, nu fang an!" nickte er aber jetzt dem Knaben zu, der bis dahin still und regungslos neben dem Tisch gestanden und sich kaum der Leute hatte erwehren koennen, die ihn umpressten; dabei fiel er in die englische Volkshymne _God save our gracious queen_ ein, die der Knabe jetzt in der zweiten Stimme mit der Kehle, aber so taeuschend den vollen weichen Laut der Floete nachahmend, begleitete, dass die Zuhoerer wirklich in den ersten Minuten ganz die Harmonika vergassen und noch naeher hinanwollten, nur um zu sehen ob der junge Bursche nicht wirklich eine Floete habe auf der er spiele, und das Alles allein aus der eigenen Kehle herausbringe. Der alte Mann, den der Zudrang freute, denn er bewies ihm die Theilnahme der Hoerer und liess ihn auf gute Einnahme rechnen, fuhr dabei mit grosser Leichtigkeit und Sicherheit ueber die fibrirenden Tasten, und seine ganze, erst so ruhige in sich gesunkene Gestalt schien mit den Toenen Leben zu gewinnen, und aus sich herauszugehn. Es war eine kleine schmaechtige, aber zaehe und knochige Gestalt, der Mann in dem schwarzen, schmutzigen Kastan; ueber die scharf gebogene Nase zog sich ihm eine tiefe dunkle Falte, und zwei schwarze Gruben in den hohlliegenden Wangen hoben die dunkelgluehenden, unstet umherblitzenden Augen nur noch mehr hervor, und verloren sich in dem fuchsigen, sorgfaeltig gekaemmten langen und spitzen Bart, der nur am Kinn in den schon weiss gewordenen Haaren das Alter des Mannes verrieth. Der Knabe war, wie schon gesagt, etwa zwoelf bis dreizehn Jahre alt, trug aber nicht die polnische Tracht, sondern einen gewoehnlichen Rock und eine blaue Muetze, die er neben sich auf dem Tisch liegen hatte, waehrend der Mann sein altes schmutziges abgegriffenes Sammetmuetzchen aufbehielt. Das zwar bleiche doch wirklich schoene asiatische regelmaessige Gesicht des Kindes -- denn es konnte kaum ueber die Kinderjahre hinaus sein, blieb aber kalt und theilnahmlos bei den weichsten, ergreifendsten Toenen seiner eigenen Brust und, ohne Seele, beherrschte er mit wunderbarer Gewalt fast, die maechtige Stimme, die sich oft zu einer Staerke hob, dass die Umstehenden ihr lautes Erstaunen nicht zurueckhalten konnten, und dann in stuermischen, donnernden Beifall ausbrachen. Mit unnatuerlicher Gewalt musste der Knabe dabei seine Stimme, die Toene der Floete nachzuahmen, zu ihrer hoechsten Lage hinaufzwingen, und der Schweiss stand ihm auf der weissen Stirn in grossen Tropfen, solche Anstrengung kostete es ihm. Aber der Alte spielte unverdrossen fort -- jetzt "Luetzow's wilde verwegene Jagd" wie es Einzelne der Gesellschaft wuenschten, und dann "des Deutschen Vaterland" nach Anderer Ruf; dann den Jaegerchor, und die neueste Polka, und Trinklieder zuletzt, zu denen sie ihm und dem Knaben Wein brachten, bis spaet in die Nacht hinein. Zuletzt konnte aber der Knabe nicht mehr -- die Stimme schlug ihm mehrmals ueber, und wenn ihn gleich der Alte aergerlich dabei ansah, liess es sich nicht erzwingen. Philipp schaute bittend zu ihm auf und schuettelte mit dem Kopf, und der Alte legte ploetzlich seine Kloeppel bei Seite und fing an die Hoelzer wieder zusammenzupacken, waehrend welcher Zeit der junge Bursch einen Teller nahm und in dem Zimmer sammelnd umherging. Die Gaeste schienen allerdings mit dem fruehen Aufbruch, wie sie's nannten, gar nicht zufrieden, und Steinert besonders verlangte noch einige Lieblings- Trink- und Weinlieder, die kein Mensch weiter kannte, der alte Mann schuettelte aber mit dem Kopf und meinte es sei genug, sein Junge wuerde ihm sonst krank und koennte nicht mehr pfeifen, und der Ertrag der Sammlung fiel dabei ueber alles Erwarten reich und guenstig aus. Auswanderer, vorzueglich die in den Hotels wohnenden, haben meist immer noch eine Menge "deutsches Geld" in den Taschen, das sie, wie sie sagen "doch nicht mit auf das Schiff nehmen koennen" und sind gewoehnlich sehr freigebig mit dieser kleinen Muenze, so lange sie eben dauert. Sehr zu ihrem Erstaunen muessen sie dann aber auch freilich nicht selten schon eingewechseltes amerikanisches Geld wieder "in den Markt" bringen, und die ewige Klage ist nachher "oh die theueren Seestaedte." "Von woher seid Ihr denn, Alter?" frug ihn jetzt Steinert, der, noch am sparsamsten, nur einige Grote auf den Teller geworfen hatte -- "doch nicht aus Bremen?" "Gott der Gerechte, nein!" laechelte der Gefragte, mit einem fluechtigen aber zufriedenen Blick den Haufen eingesammelter Muenzen, unter denen sich nicht ein einziges Kupferstueck befand, ueberfliegend -- "bin ich doch von Bromberg." "Von Bromberg? Donnerwetter das ist weit" sagte der Weinreisende -- "und was thut Ihr hier in Bremen?" "Was wir in Bremen thun?" frug der Jude, die Augenbrauen in die Hoehe ziehend -- "Gottes Wunder was thun _Sie_ in Bremen?" "Ei _wir_ wollen auswandern, Alter" lachte der Reisende, einen vergnuegten Blick im Kreis herumwerfend. "Als ich aach nicht hierbleiben mag, werd' ich aach auswandern" erwiederte aber der Israelit, die Schultern in die Hoehe ziehend. "Was? -- auch auswandern?" riefen aber viele der Umstehenden wie aus einem Mund. "Na?" -- sagte aber der Jude, sich erstaunt im Kreise umsehend -- "ist's etwa wohl zu hibsch hier fuer uns Jueden, heh? wer sollen uns wohl glicklich schaetze, dass mer derfe unsere Steuern zahle und nachher getreten werden wie die Hunde?" "Aber wo geht Ihr hin?" rief Einer der Umstehenden, "nach New-York?" Der Alte schuettelte mit dem Kopf. "Nach New-Orleans." "Und mit welchem Schiff?" rief Steinert schnell. "Mit der Haidschnucke." "Hurrah der Alte soll leben" jubelten aber die Passagiere der Haidschnucke um ihn her -- "das ist praechtig, das ist ein Reisegefaehrte der uns die Zeit vertreiben wird," und von verschiedenen Seiten wurden noch Flaschen Wein bestellt den Spielmann zu traktiren, der jetzt kaum hoerte wie die Sache stand, und das Viele der Anwesenden auf ein und demselben Schiff die Ueberfahrt mit ihm machen wuerden, als er auch augenblicklich sein erst halbgeleertes Glas Bier zurueckschob und sich mit augenscheinlichem Behagen dem Genuss des wahrscheinlich lange entbehrten Weines hingab. Der Knabe aber trank sein Glas aus, und setzte sich dann still und weiter nicht beachtet, in die eine Ecke, lehnte den Kopf zurueck gegen die Wand, und schloss die Augen -- vielleicht schlief er -- bis die spaete Nachtstunde auch die Uebrigen mahnte aufzubrechen, und ihn sein Vater abrief, ihr eigenes Lager in einem kleinen billigen Wirthshaus in der Neustadt aufzusuchen. Capitel 2. DER WESERKAHN. Der naechste Tag war ein gar geschaeftiger fuer die Passagiere zweier Seeschiffe, die noch an demselben Abend expedirt zu werden hofften, und -- der Aussage der Rheder wenigstens nach -- segelfertig und bis auf einige unbedeutende Kleinigkeiten vollstaendig geruestet, vor Anker lagen. Tausenderlei Sachen mussten noch besorgt und eingekauft werden, die man theils fuer noethig, theils selbst fuer unentbehrlich hielt; Wein und Branntwein wurde dabei angeschafft, Zucker und Zwieback, eine ganze Ladung von Heringen und Sardellen eingelegt, den schlimmsten Feind der Reisenden, die Seekrankheit, wenn nicht zu bannen, doch damit in ihren Wirkungen zu schwaechen. Auch mit Blech und anderem Geschirr, mit Messer, Loeffeln und Gabeln als auch verschiedenen Gewuerzen, hatten sich besonders die Zwischendeckspassagiere zu versehn, denen etwas Aehnliches vom Schiffe aus nicht geliefert wurde. Und wie viel vergassen sie noch, was sie nachher gern auf dem Schiff mit dem Doppelten bezahlt haetten, wo es freilich nicht mehr zu bekommen war, und wie viel auch wurde ueberfluessig als geglaubtes Beduerfniss mitgeschleppt, nachher eine Weile unbenutzt im Weg herumzufahren und zu verderben, und dann ueber Bord geworfen zu werden. Wer aber kann es den Leuten verdenken, dass sie nicht gleich wissen und verstehn, sich auf eine so lange muehselige und mit Entbehrungen und Gefahren verknuepfte Reise in wenigen Tagen, oft fast nur Stunden ordentlich und vollstaendig vorzubereiten? Meist aus dem inneren Land, mit der See kaum dem Namen nach bekannt, schwimmt ihnen Alles was sie vielleicht ueber eine erste Einschiffung gelesen, nur wie in wirren Bildern im Hirn herum, die sie dann nicht fassen und halten koennen, sobald sie das zum ersten Mal jetzt praktisch ausfuehren sollen, was sie sich Monate vorher vielleicht schon einstudirt. Der Deutsche ist ueberhaupt, wo es ins praktische Leben eingreift, das ungeschickteste Menschenkind auf der weiten Gottes Welt. Viel thut freilich dabei die Erziehung, und gegaengelt und am Leitseil gefuehrt nicht allein bis ins Schwabenalter, sondern oft auch bis ins Grab, wird ein so vortrefflicher Staatsbuerger aus ihm (den alle anderen, fremden Regierungen nicht genug zu ruehmen wissen) dass er eben zu Nichts weiter zu brauchen ist, und eben nur so _ver_braucht werden muss. Reisst er sich aber einmal los aus den alten Verhaeltnissen, laesst er die Leute die bis dahin so aufmerksam und vaeterlich fuer ihn gesorgt -- zurueck, dann macht er auch im Anfang gewiss eine Menge dummer Streiche, tritt anderen Leuten auf die Zehen oder wird von ihnen getreten (in beiden Faellen regelmaessig um Entschuldigung bittend) und verstoesst gegen Alles was ihm in den Weg kommt, am meisten aber gewiss gegen sich selbst. Spaeter wird er gescheut, aber es dauert eine lange Zeit. _Hier_ aber hat er noch manche Entschuldigung fuer sich; eben erst aus seinem heimischen Boden gerissen, die Augen noch von, wenn auch heimlichen, Thraenen roth, das Herz zum Brechen voll und den Kopf wuest und wirr in der Erinnerung an das kaum ueberstandene; was Wunder dass er da _die_ Tage gerade, wo er die Sinne recht beisammen haben sollte, wie im Traume herumgeht, und trotz allen Buechern und Rathgebern die er vorher gelesen, erst wieder an das Noethigste denkt wenn er "zu Ruhe kommt", d. h. wenn das Schiff in See und die Seekrankheit vorueber ist -- weit weit draussen im Ocean -- allerdings etwas zu spaet. So sieht man Schaaren von Auswanderern die Strassen der Seestaedte den ganzen Tag ueber durchziehn in Gesellschaft und einzeln, die Maenner mit ihren grauen Filzhueten auf und Blousen ueber die Roecke gezogen, die kurzen Pfeifen im Mund -- die Frauen Kinder an der Hand und auf dem Arme, in kleinen schuechternen Trupps vor jedem aufgeputzten Laden stehen bleibend und die Sachen darin bewundernd, oder weiter schlendernd und die Aushaengeschilder buchstabirend, die ueber den verschiedenen Thueren haengen. Es ist das die "leere Zeit" in ihrem Leben, der erste Ruhepunkt vielleicht, so lange sie denken koennen, eine Zeit in der sie Nichts zu thun haben -- Nichts weniges fuer _andere_ Leute, wenn auch eigentlich genug fuer sich selbst. Wie eine Reihe von Sonntagen, jeder immer laenger werdend als der Vorgaenger, schleichen die Stunden an ihnen hin und bieten erst wieder Stoff zu Gedanken und Betrachtungen draussen in See. Die Cajuetspassagiere, wie solche der Zwischendeckspassagiere, die noch ueber einiges Geld zu verfuegen hatten, wohnten indessen in den besseren Gasthoefen Bremens, und benutzten zum Hinausfahren nach ihrem Bestimmungsort, wo das Schiff vor Anker lag auf dem sie ihre Ueberfahrt bedungen, eines der kleinen Dampfboote, die taeglich zweimal in wenigen Stunden nach Bremerhafen hinausfahren, und ueberall an den Zwischenstationen anlegen; die meisten der Zwischendeckspassagiere aber, und besonders solche, die von den Rhedern auf einen gewissen Tag angenommen waren, von dem aus sie bekoestigt werden mussten, waren schon an Bord gegangen,(1) ihr Geld nicht weiter in der theueren Stadt zu verzehren. Die jedoch, die sich noch in der Stadt befanden und auf freie Passage nach Bord zu mit ihrem Gepaeck, Anspruch machten, da sie sich das gleich in ihrem, mit frueheren Agenten abgeschlossenem Schiffscontrakt festgestellt hatten, waren am 20sten Morgens um sechs Uhr an die Ausmuendung einer bestimmten Strasse, unten an die Weser bestellt, wo der Kahn Nr. 67 -- Kahnfuehrer Meinert -- lag, von diesem gratis an Bord der Haidschnucke geschafft zu werden. Dort versammelte sich denn auch an dem schoenen sonnigen Morgen, dem nur im Westen dunkel aufsteigende Wolken ein kurzes Ende zu machen drohten, eine Masse Menschen verschiedenartigsten Alters und Geschlechts, um sich mit dem, versprochener Massen "bedeckten Flussschiff" an den Ort ihrer Bestimmung baldmoeglichst befoerdert zu sehn. Kisten und Kasten, an denen Karrenfuehrer schon seit zwei Stunden herbeigeschafft, lagen an der bezeichneten Landung bunt aufgestapelt, und Hutschachteln, Reisesaecke, Koerbe mit Victualien &c. &c. wuchsen von Minute zu Minute an Masse und Gewicht. Die buntgemischteste Gesellschaft, die sich dabei nur denken laesst, sammelte sich um die Effecten, junge und alte Maenner, ihren Taback in die freie Luft hinausqualmend und ungeduldig dabei am Ufer auf- und abgehend, und Frauen und junge Maedchen, fest in ihre Umschlagetuecher eingehuellt, die doch etwas frische Morgenluft abzuhalten. Die Leute waren aber noch nicht recht bekannt mit einander geworden; die Gespraeche drehten sich bis jetzt nur um das Gepaeck und das "bedeckte Flussschiff" das sich noch immer nicht zeigen wollte. Damit hatten sie aber auch vor der Hand uebrig genug zu thun, denn dem fehlte ein Koffer, dem war ein Schloss von seiner Kiste abgerissen, oder der Deckel eingedrueckt worden; der Eine hatte noch dies in der Stadt vergessen einzukaufen und mochte nicht mehr hinauslaufen, aus Furcht die Abfahrt zu versaeumen, der Andere das im Gasthaus liegen lassen und die Menschenmenge wogte und draengte durch einander hin, schimpfend und fluchend hier, lachend und pfeifend oder singend da, waehrend neue Karren mit Gepaeck noch jeden Augenblick dazu kamen, die Verwirrung, wenn das ueberhaupt moeglich gewesen waere, zu vergroessern. Die einzige, vollkommen unbewegliche Person in diesem Chaos von Menschen und Gepaeck sass auf einem Haufen von Kisten die zuerst hergeschafft und uebereinander gethuermt waren, mit unterschlagenen Beinen regungslos oben darauf, und schien die Confusion unter und um sich mit ordentlichem Wohlgefallen, jedenfalls mit vollstaendiger Gemuethsruhe zu betrachten. Es war eine, was man so von unten erkennen konnte, vierschroetige derbe und untersetzte Gestalt, jedenfalls den unteren Volksklassen zugehoerig, und doch auch wieder mit einem gewissen Selbstbewusstsein in den rauhen, nichts weniger als schoenen Zuegen, als auch in der ganzen Haltung, wie man es nicht immer bei diesen findet. Der Mann mochte ungefaehr fuenf- bis achtundvierzig Jahre alt sein, und der Ausdruck seines lederartigen faltigen Gesichts hatte, gleich auf den ersten Blick eine so merkwuerdige und auffallende Aehnlichkeit mit einem grossen Affen, der mit unerschuetterlichem Ernst vor einer Menagerie sitzt, und das Wogen und Treiben der Menge unter sich betrachtet, dass wenige der Passagiere, so viel sie heut Morgen mit sich selber zu thun haben mochten, an ihm voruebergingen, ohne ueberrascht ein paar Secunden vor ihm stehn zu bleiben und ihn zu betrachten, oder sich gegenseitig ein paar erstaunte Bemerkungen zuzufluestern. Die Maedchen besonders warfen oft verstohlene Blicke zu ihm hinauf, und kicherten dann miteinander. Jedenfalls musste er das bemerken, aber er verzog keine Miene, oder wandte auch nur einmal den Kopf nach einer der Gruppen um, sondern paffte in kurzen, regelmaessigen Zuegen den Rauch aus einer kleinen schmutzigen, abgegriffenen Pfeife, mit einem grossen Porcellankopf, und glich, dies einzige Lebenszeichen abgerechnet, wirklich einer ausgestopften und dort oben zur Verzierung des Ganzen hingesetzten Figur. Er trug dabei einen einmal gruen gewesenen, Ziemlich abgescheuerten Rock, der besonders auf den Schultern ordentlich grau und glaenzend aussah, als ob er da oben ganz vorzueglich benutzt worden; eine erbsgelbe, bis an den Hals hinauf zugeknoepfte gesprenkelte Weste, ein schwarzes Halstuch, das eifersuechtig auch den geringsten Schimmer von Waesche verdeckte, braun und gruen gewuerfelte Hosen, grosse naegelbeschlagene Schuh und einen, in eine Unzahl von Formen hineingedrueckten alten haarlosen und an den Raendern hellgrau gescheuerten Filzhut, unter dem nur hie und da duenne, straffe und blonde Haare hervorschauten. Rasirt hatte er sich ebenfalls, wahrscheinlich seit seinem Entschluss nach Amerika auszuwandern, nicht, und die weissgesprenkelten Stoppeln die sein breites vorgehendes Kinn umgaben, passten vollkommen zu der flachen, wie eingedrueckten Nase, den kleinen grauen Augen, vorgehenden Backenknochen und der niederen Stirn, die sich scharf nach rueckwaerts, wie scheu unter den Hut hinunterzog. So ruhig und anscheinend theilnahmlos aber auch dies Individuum dem allgemeinen Wirrwarr zuschaute und sich vollkommen geduldig in Zeit und Umstande geschickt hatte, so ungeduldig wurden die uebrigen Passagiere, als es jetzt vom Dome her sechs Uhr droehnte und das, eine Strecke weiter oben liegende Dampfboot, sein Deck mit Passagieren gefuellt, an ihnen vorbeipuffte. Dabei liess sich noch nicht die Spur von einem "verdeckten Flussschiff" wie es sich die Passagiere gedacht, an der Landung blicken, und nur ein kleiner Weserkahn, wie sie dort ueberall zum Waarentransport gebraucht werden, lag gerade quervor an der bezeichneten Strasse, dem Platz genau gegenueber wo ihre Waaren aufgestapelt worden, und der Kahnfuehrer, ein hagerer duenner Gesell, mit furchtbar langen Armen und grossen Haenden, von denen man gar nicht begriff wie er sie je durch die Aermel seiner Jacke gebracht oder, da sie nun einmal darin waren, wie er sie wieder herausbringen wollte, ging auf dem Deck seines kleinen Fahrzeugs auf und ab. Mehrmals versuchte er dabei die Haende in die Taschen seiner dunkelblauen sogenannten Lootsenjacke zu bringen, aber umsonst, sie gingen nicht hinein, und er schlenkerte sie dann wieder "zu beiden Borden" herunter und spuckte, seinen Taback dabei kauend, den braunen ekelhaften Saft regelmaessig einmal ueber Stuerbord und dann ueber Backbord ins Wasser hinueber. [] Capitel 2 "Sie da -- lieber Freund" redete ihn endlich Einer der Passagiere an, der, in einen grauen weiten Ueberrock geknoepft, bis jetzt seiner Ungeduld in einer verwirrten Masse von Fluechen und Verwuenschungen Luft zu machen gesucht, und das kleine Fahrzeug schon lange aergerlich betrachtet hatte. Der Matrose, oder was er sonst war, warf einen Blick ueber die Schulter nach ihm hinueber, aber ob er nun glaubte dass die Anrede ihm nicht gelte, oder sie nicht beachten _wollte_, kurz er setzte seinen Spatziergang an Deck ruhig fort und gab keine Antwort. "Sie da -- heh -- Sie Langer mit der blauen Jacke und der huebschen Muetze -- hoeren Sie nicht?" "_Und_?" sagte der Mann jetzt und blieb, den Kopf halb ueber die Schulter zurueckgedreht, stehn, waehrend er jedoch den Frager nicht dabei an-, sondern nach den Daechern der naechsten Haeuser hinaufsah, als ob ihn von dort her Jemand gerufen haette. Steinert, denn der Mann in dem grauen Ueberrock war Niemand anderes als unser alter Bekannter, der Weinreisende von gestern Abend, der uebernaechtig und mit schwerem Kopf gerade uebler Laune genug schien sich ueber die geringste Kleinigkeit zu aergern, murmelte etwas von "Dickschaedel" und "Holzkopf" in den Bart, fuhr aber doch in der begonnenen Anrede fort und rief, nur noch mit lauterer Stimme als vorher: "Sie da -- Sie werden mit Ihrem Dings da von einem Schiff aus dem Weg fahren muessen, wenn das andere Schiff kommt, unsere Sachen und uns selber an Bord zu nehmen. Sie haetten sich wohl nirgends anderswo grad' in den Weg hinlegen koennen?" Der Matrose oder Kahnfuehrer glitt mit seinen Augen langsam vom dritten bis zum zweiten und von da bis zum ersten Stock und dann quer ueber die Hausthuer weg nach dem Fremden nieder, der ihn angeredet hatte und oeffnete dann den Mund -- aber blos um ein neues Priemchen Taback hineinzustecken, wonach er, ohne auch nur eine Sylbe zu erwiedern, seinen Spatziergang an Deck in der alten Weise und Ruhe fortsetzte. Steinert uebrigens, der sich jetzt ernstlich an zu aergern fing, war nicht gesonnen sich so leicht abfertigen zu lassen, und bis an den Wasserrand hinangehend, bis wohin eine schmale Planke vom Bord des niederen Fahrzeuges aus reichte, schritt er diese hinan und stieg keck an Deck des "fremden Schiffes" wie die Uebrigen meinten. "Guten Morgen" sagte er hier vor allen Dingen, als er sich auf dem fremden Boden fand, und doch fuehlte dass er mit Hoeflichkeit bei dem sonderbaren, einsylbigen Mann weiter kommen wuerde, als mit Grobheiten. "Morgen" sagte der Schiffer uebrigens, ohne, gerade wie vorher, weitere Notiz von ihm zu nehmen. "Sagen Sie einmal Freund" nahm aber hier Steinert wieder das Wort, und suchte sich dem Mann auf seinem Spatziergang entgegenstellen -- "wie ist denn das eigentlich, wollen Sie heute hier liegen bleiben?" "Nee!" sagte der Schiffer. "Und wann fahren Sie ab?" "Sobald wie laden hebben" lautete die Antwort. Steinert, der nur einen unbestimmten Begriff von Plattdeutsch hatte, begriff nicht recht was der Mann sagte, und suchte ihm selber jetzt begreiflich zu machen, wie sie mit jedem Augenblick ein "verdecktes Flussschiff" erwarteten, das sie und ihre Sachen an Bord der Haidschnucke schaffen sollte. "Hm -- wo sall'n dat herkomen?" frug der Schiffer aber jetzt mit einem verschmitzten Laecheln nach dem Frager hinueberblinzelnd. "Herkommen?" wiederholte Steinert erstaunt -- "nach unserem Contrakt mit dem Rheder muessen wir unentgeltlich mit unserem Gepaeck von hier aus an Bord des Seeschiffes geschafft werden." "Op en _Flussschiff_?" sagte der Matrose mit starker und etwas humoristischer Betonung des hochdeutschen Wortes. "Jawohl" sagte Herr Steinert. "Un wie heet _dat_ hier?" sagte der Matrose auf das eigene Fahrzeug niederdeutend, auf dem sie standen. Ein boeser Verdacht stieg in dem Weinreisenden auf, dass sie etwa gar in einem solchen "Kasten" transportirt werden sollten. Dessen Bestaetigung blieb auch nicht lange aus, denn nach ein paar Fragen herueber und hinueber stellte es sich wirklich heraus, dass dies kleine unansehnliche Fahrzeug das identische "bedeckte Flussschiff" Nr. 67, und der lange Matrose der Kahnfuehrer Meinert sei, mit dem sie und ihre saemmtlichen Sachen "nach See zu" geschafft werden sollten. Ein wilder Ausruf des Erstaunens, den der erschreckte Weinreisende nicht unterdruecken konnte, zog einen Theil der uebrigen Passagiere herbei, und das Deck des kleinen Fahrzeugs schwaermte ploetzlich von einer Masse verblueffter und wirr durcheinander schreiender Menschen, dass die Leute oben in der Strasse stehen blieben oder auch mit zum Ufer herunterkamen, in der freundlichen Hoffnung, einer moeglichen Pruegelei der Auswanderer beiwohnen zu koennen. Kahnfuehrer Meinert, denn diese wuerdige Person war es wirklich selbst, liess sich indessen nicht im Mindesten aus seiner Fassung bringen, und beantwortete alle Fragen seiner neuen ungeduldigen Passagiere mit einer Ruhe und Gleichgueltigkeit, die diese fast zur Verzweiflung brachte. "Wie viel mal er zu fahren gedaechte bis er die Masse Gepaeck und Menschen im Stande sei an Bord abzuliefern." "Ein Mal." "Ein Mal? -- und wenn er sie Einer ueber den Andern packe gingen sie nicht Alle hinein." "Noch einmal so viel, mit _Bequemlichkeit_, wenn es sein muesste." "Wie lange die Reise dauere?" "Mit gutem Wind sechs Stunden." "Und mit schlechtem?" "Unbestimmt." Manche der Passagiere haetten jetzt gern Passage auf dem Dampfboot genommen, das aber war schon fort -- das naechste ging erst um elf Uhr ab und kam erst Nachmittag nach Brake, bis dahin konnten sie lange dort sein, und sie fingen an sich in das Unvermeidliche zu fuegen. Aber weshalb wurde da nicht wenigstens ihr Gepaeck eingeladen? -- auf was warteten sie noch, da die Abfahrt doch auf sechs Uhr bestimmt worden. Kahnfuehrer Meinert, oder "_Capitain_" Meinert wie er sich gern nennen liess, wartete noch auf "seine Mannschaft," einen Matrosen, den er in die Stadt hinaufgeschickt hatte ihm einen frischen Vorrath von Taback, Rum und einigen anderen Kleinigkeiten einzuholen -- sobald der kam, um die Sachen im "unteren Raume fortzustauen" konnte die Sache beginnen. Endlich kam der Bursche, ein schmutzig aussehendes, theerbeschmiertes Individuum, mit einem Arm voll Packeten und zwischen den Zaehnen eine Anzahl Papiere haltend. Diese nahm ihm sein Principal vor allen Dingen heraus, wischte den Tabackssaft davon ab und schob sie dann, ohne sie weiter eines Blicks zu wuerdigen, in seine eigene Tasche. Die Passagiere wurden jetzt aufgefordert "ihre Sachen an Bord zu liefern" und folgten diesem Aufruf mit lobenswerther Bereitwilligkeit. Sie glaubten naemlich nicht dass der kleine unansehnliche "Kahn" Alles wuerde einnehmen koennen, und Jeder wollte wenigstens _sein_ Eigentum mit der _ersten_ Fahrt befoerdert haben. Ein paar der staemmigsten, oldenburger Bauern, die auch die groessten Kisten hatten, wurden dabei ersucht "im Raum" ein wenig mit zu helfen, "damit sie auch saehen dass nichts beschaedigt wuerde," und diese unterstuetzte der Matrose, waehrend "Capitain Meinert" an Deck stand, die Kisten oder Koffer mit einem Tau umschlang, und in den unteren Raum, oder vielmehr nur unter Deck, hinunterliess, denn das kleine Fahrzeug hatte nur den einen Raum. Waehrend die Leute aber solcher Art beschaeftigt waren, trafen immer noch andere, verspaetete Passagiere ein, die ebenfalls mit befoerdert werden wollten und mussten. Unter ihnen der alte polnische Jude mit seinem Knaben, der jetzt auch mit Hand anlegen sollte das Gepaeck an Bord zu schaffen. Der alte Bursche schien aber kein Freund von solcher Beschaeftigung und merkte kaum wie die Sachen standen, als er an zu hinken fing, und die rechte Hand vorn in seinen Kaftan legte -- er wollte sich an dem Morgen weh daran gethan haben, und konnte sie nicht gebrauchen. Das Gepaeck wurde uebrigens rascher beseitigt als man im Anfang geglaubt hatte, und merkwuerdiger Weise fasste dabei das kleine unansehnliche Fahrzeug eine solche Unmasse von Sachen, die in seinem Bauch ordentlich verschwanden, dass, wenn auch gerade kein bequemer Platz, doch Raum genug blieb, auch die Passagiere aufzunehmen, die sich schon ein paar Stunden solcher Art glaubten behelfen zu koennen. Lieber Gott, man ging ja jetzt in See, und da konnte man nicht Alles haben wie zu Hause. Vor acht Uhr erklaerte aber "Capitain Meinert" nicht im Stande zu sein abzufahren, da dann erst die Ebbe eintraete, mit deren ausstroemender Fluth er bei dem schwachen Winde hoffen durfte vorwaerts zu kommen, und es blieb den Passagieren, die Anfangs allerdings darueber murrten, aber sich in das Unvermeidliche fuegen mussten, noch etwa eine halbe Stunde Zeit sich zu beschaeftigen wie es ihnen gerade gefiel. Schon vor acht Uhr waren sie aber saemmtlich wieder am Ufer, jetzt ernstlich auf endliche Abfahrt ihres "Schiffs" dringend. Ein junger Bursche, vielleicht achtzehn oder neunzehn Jahre alt, der auch an denselben Morgen, mit einem ledernen Tornister auf der Schulter und einem leinenen zerrissenen Staubhemd ueber einem sehr abgetragenen Roeckchen, an das Ufer gekommen war und sein "Gepaeck" zu dem uebrigen gestellt hatte, war dann noch einmal fortgelaufen und in Schweiss gebadet wiedergekommen, und schien ueber irgend etwas in grosser Angst und Sorge. Die Leute hatten aber saemmtlich zu viel mit sich selber zu thun, der Noth und Sorge eines ihrer vermutlichen Mitpassagiere nachzufragen, und der arme junge Bursch, als schon saemmtliches Gepaeck an Bord geschafft worden, sass noch immer auf seinem Tornister am Ufer, das bleiche Antlitz in die Hand gestuetzt, und schien wirklich in stummer Verzweiflung der Einschiffung der Uebrigen zusehn zu wollen, ohne selber daran Theil zu nehmen. Unter den Juden war Einer Namens Wald, ein Mann in den vierzigen, mit einer ansetzenden Glatze, aber scharfgeschnittenem klugen Gesicht und lebhaften schwarzen Augen, der sich bis dahin von den Uebrigen ziemlich fern gehalten. Neugierig gemacht uebrigens, durch das Wesen des jungen Burschen, ging er jetzt zu diesem hin, und frug ihn was er haette oder was ihm fehle. Der arme Teufel klagte ihm da mit Thraenen in den Augen sein Leid -- es fehlten ihm wirklich noch fuenfzehn Thaler an seiner Passage nach Amerika, und die Rheder wollten ihn nicht mitnehmen, ehe er die volle Summe gezahlt habe; aber er _muesse_ mit fort, und wenn ihn das Schiff nicht mitnaehme sei er rettungslos verloren. Wald wollte ihn troesten, dass er denn wohl noch ein anderes faende, der junge Mensch schien aber so in Angst, und ueberhaupt noch etwas anderes auch auf dem Herzen zu haben, worueber er nicht recht mit der Sprache herauswollte, sah aber dabei so treuherzig und fast noch kindlich aus, dass der Mann den Kopf herueber und hinueber schuettelnd, endlich sagte: "Nu Gottes Wunder, sind wir doch Menschen hier genug die paar Thaler zusammenzubringen -- wart einmal a Bisle, ich werd' an zu sammeln fangen." "Aber das Schiff faehrt fort --" "Wird nich so schnell fahren" sagte der Mann gutmuethig, und zu dem polnischen Juden gehend hielt er dem seine Muetze hin und sagte: "Kamerad, ich brauch ein paar Thaler Geld fuer einen armen Teufel, den wir nich duerfen zuruecklassen in Deutschland." "Armer Teufel?" sagte der Israelit -- "wie haisst? bin ich doch selbst en armer Teufel -- wo ist er her?" "Kann Dir einerlei sein wenn er arm ist" meinte Wald. "Der Mann hat Recht" sagte aber jetzt der Alte, und griff in seine Tasche. "Wie viel braucht's?" "Je mehr desto besser" sagte Wald -- "funfzehn Thaler Geld muessen werden." "Hier is a Thaler" sagte der Alte und warf das Geld in die Muetze. Der naechste zu diesem war Steinert, an den sich Wald mit seiner Sammlung wandte. Dieser zeigte sich aber nicht so rasch mit Geldgeben wie der alte Jude, sondern wollte erst genau wissen wozu und weshalb, wer der Bursche sei, wo er herkomme, wo er wohne und was er treibe. Wald rief ihn herbei, als er sah dass er auf keine andere Art zu seinem Zweck kommen koenne, und der junge Bursch gab jede nur moegliche Auskunft, bis Steinert endlich in seine Tasche griff, einige Groote herausnahm und dem Alten, nachdem er sie mehrmals durchgesehn, zwoelf davon reichte. "Aber wir brauchen fuenfzehn _Thaler_" sagte dieser, "und zweiundsiebenzig machen erst einen." "Leider" erwiederte ihm Steinert, "ich brauche aber noch mehr wie fuenfzehn Thaler und mir giebt Niemand etwas." Wald sah dass alles weitere Zureden umsonst sein wuerde, um deshalb nicht mehr Zeit zu versaeumen ging er weiter, und einige der jungen Maedchen, die der arme Bursch dauerte, nahmen sich jetzt auch der Sache an, legten selber zusammen so viel sie konnten, und collectirten bei den Anderen. Es war gut fuer sie dass sich viele Juden unter den Passagieren befanden; diese gaben fast alle und -- so geizig sie sonst sein mochten -- gaben reichlich, ohne weiter zu fragen wie der Mann heisse und woher er sei, waehrend die Christen, von denen Viele es dem Anschein nach weit eher entbehren konnten -- erst Alles auf das Genaueste wissen wollten, und dann noch jede Ausflucht suchten, wenigstens mit einigen Groten abzukommen. Nichtsdestoweniger brachte Wald, von den jungen Maedchen unterstuetzt, das Geld in kaum einer halben Stunde richtig zusammen; der junge Bursch, jetzt uebergluecklich seine Reise gesichert zu sehn, flog mehr als er ging, in die Stadt zurueck, seinen Schein zu bekommen. Der einzige der sich bei der ganzen Sammlung _nicht_ betheiligt, denn _alle_ uebrigen hatten wenigstens eine Kleinigkeit gegeben, war der wunderliche alte Bursche, den wir im Anfang auf den Kisten sitzend fanden, und der auch nur erst in der That seinen Platz geraeumt hatte, als die weit ungeduldigeren Reisegefaehrten das Gepaeck anfingen unter ihm selber wegzuziehen. Er aber war auch wieder der Erste, der sich eine gute Stelle an Bord aussuchte, dort eine der ueberall herumliegenden Matratzen, die fast Jeder bei sich fuehrte, aufrollte, und sich, keine Ruecksicht auf etwa spaeter Nachkommende nehmend, behaglich unter Deck darauf ausstreckte. Das Segel wurde jetzt, von den beiden Seeleuten, die noch eine Art Schiffsjungen bei sich hatten, gehisst, und die mit schwarzer Farbe darauf gemalte Nummer 67 sichtbar. Das galt den Passagieren aber auch als Zeichen der Abfahrt, und Alles draengte an Bord, einen bequemen Platz fuer die Hinausfahrt zu bekommen. Unter den Passagieren, die mit dem Weserkahn befoerdert werden wollten, befand sich auch ein alter Bekannter von uns; ein junger sehr anstaendig und reinlich gekleideter Mann in schwarzem Tuchrock und eben solchen Hosen, mit blankgewichsten Stiefeln und Glacehandschuhen, ein reizendes Frauchen, ganz einfach aber hoechst geschmackvoll gekleidet, am Arm und einen Knaben, einen lieben kleinen Burschen von kaum mehr als drei Jahren an der Hand. Der Mann musste sich aber wohl schon frueher genau nach der Abfahrt des Kahnes erkundigt haben, denn er war erst kurz vor acht Uhr gekommen und mit Frau und Kind, ohne sich mit Einem der Uebrigen in ein Gespraech einzulassen, am Ufer auf- und abgegangen. Der Violinist Eltrich hatte das Geld zur Ueberfahrt fuer sich und die Seinen, nachdem er vergebens gesucht seine Passage abarbeiten zu duerfen, mit schweren Opfern und besonders durch den Verkauf fast aller seiner Habseligkeiten, zusammengebracht, und war im Begriff sich ebenfalls mit der Haidschnucke nach Amerika einzuschiffen -- freilich im Zwischendeck, und das Herz schlug ihm recht weh und aengstlich, wenn er die Leute sah mit denen er gemeinschaftlich, in einem Raum die lange Reise machen sollte, und der Entbehrungen, der Beschwerden dann gedachte, denen sein zartes junges Weib, denen sein Kind dabei ausgesetzt sein mussten. Adele aber, die liebe kleine Frau, die in dem gramumwoelkten Blick des Gatten wohl all die Sorge, all den Kummer lesen mochte, den er sich ihretwegen machte, und ihretwegen doch auch gerade wieder sein ganzes Leben daran setzte, sie aus den Sorgen zu reissen, in denen sie im alten Vaterland gelebt, hing sich an seinen Arm und lachte ihm die Falten von der Stirn. Auf all die komischen wunderlichen Gestalten machte sie ihn dabei aufmerksam, die sie umgaben; auf den langen Kahnfuehrer mit seinem spitzen Gesicht und den polnischen Juden mit dem schoenen bleichen Knaben, und freute sich wie ein Kind ueber das rege Leben und Treiben, das um sie her draengte und wogte, und sie jetzt mit fortnehmen sollte in eine neue Welt. Sie hatte Nichts das sie hier zurueckliess, und das sie an das alte Vaterland noch haette fesseln koennen; eine Waise stand sie in der Welt und ihr Mann, ihr Kind war die fuer sie. Und dennoch schrack sie fast unwillkuerlich zurueck, als sie, an des Gatten Arme, der den Knaben selber jetzt aufgenommen hatte ihn an Bord zu tragen, das kleine Fahrzeug betrat das sie stromab fuehren sollte, dem Seeschiffe zu. Der warme Dunst der sie von unten herauf anwehte, der Theergeruch, das feuchte schmutzige kleine Fahrzeug selber -- sie schmiegte sich fester an den Gatten an, wie um Huelfe zu suchen gegen dies erste peinliche Gefuehl, und nur erst als dieser leise aber tief und schmerzlich aufseufzte und die Scene vor sich mit aengstlich forschendem Blick ueberflog, denn er sah nicht ein stilles, geschuetztes Plaetzchen, wo er Weib und Kind haette unterbringen koennen, der ungewohnten Umgebung nur in etwas zu entgehn, da zwang sie mit Gewalt jedes andere Gefuehl zurueck. Die Notwendigkeit gebot hier dass sie sich fuegte; nicht durfte und wollte sie des Gatten Herz noch schwerer machen als es schon war, und selbst mit einem Laecheln auf den bleichen Lippen sagte sie, sich fluesternd zu ihm biegend. "Ach Schade, Paul, dass Du kein Maler bist; das waere ein Stoff hier fuer ein prachtvolles Genrebild." "Arme Adele" fluesterte Eltrich leise. "Arme Adele?" wiederholte aber die junge Frau, jetzt ernstlich entschlossen das Unvermeidliche auch fest und freudig zu ertragen -- "wie Viele gaeben Gott weiss was darum dies nur zu sehn, und da wir endlich, wonach wir die langen Jahre und immer umsonst gestrebt, erreicht, bedauerst Du mich?" "Wie wirst Du es nur ertragen auf dem Schiff?" seufzte der junge Mann. "Wie ertragen es so viele Tausend?" entgegnete ihm aber die kleine wackere Frau, "und bin ich nicht jung und gesund? -- was Andere koennen kann auch ich." "Aber Du warst von je ein anderes Leben gewohnt." "Und Du nicht? -- Ach Paul, quaele Dich doch um Gottes Willen nicht jetzt unnuetzer Weise mit solchen Gedanken, und sieh lieber dass Du ein Plaetzchen irgendwo fuer uns findest, die paar Stunden hinzubringen. Ich glaube wir blieben am Besten an Deck." "Ich traue dem Wetter nicht" sagte Eltrich kopfschuettelnd -- "dort im Westen liegt es dunkel und schwer, und kommt mit Macht herauf. Jetzt ist auch fuer uns noch Hoffnung einen Platz unter Deck zu bekommen, denn Viele scheuen sich hinunter zu gehn, ehe sie muessen; nachher draengt denn Alles hinein und die Leute hier sehen mir gerade nicht aus, als ob sie viel Ruecksicht auf einander nehmen wuerden." "So such' uns ein Plaetzchen" sagte die junge Frau, "und wir richten uns dann haeuslich ein, ich und Luz, und wenn wir einmal wieder auf festem Grund und Boden sind, in Amerika drueben, dann werden wir noch oft ueber die Zeit lachen die wir hier verlebt, und was wir da Alles gesehn und gehoert." "Und gerochen" seufzte Eltrich in komischer Verzweiflung -- "lieber Gott, qualmen die Leute einen nichtsnutzigen Taback." "Man gewoehnt sich an Alles" sagte die kleine Frau; "aber geh nun hinunter und sieh Dich um, ich bleibe dann noch oben an der freien Luft bis es wirklich an zu regnen faengt." In dem Kahn sah es indessen in der That wild und wunderlich genug aus. Die Erstgekommenen hatten sich, nach Umstaenden, vortrefflich eingerichtet und alle vorgefundenen und meist noch zusammengebundenen Matratzen benutzt, Lager- oder Sitzplaetze fuer sich herzurichten, und die spaeter Eintreffenden suchten jetzt ihre "Betten", ueber Alles dabei hinwegsteigend was ihnen im Wege lag. Jeder that zugleich sein Bestes den Nachbar zu ueberschreien, nur um selber gehoert zu werden, und Steinert besonders, der sich aus irgend einer unbegreiflichen Ursache fuer schaendlich behandelt und hintergangen hielt, machte einen Heidenlaerm. "Das also nennen diese Herren Rheder ein "verdecktes Flussschiff" -- einen Aufenthalt fuer Menschen -- fuer Auswanderer? Ein Kasten ist's, mit einem Loch darin, Mehlsaecke etwa wegzupacken und Fleischfaesser -- eine Vorbereitung zur Galeere fuer Moerder und Diebe -- ein schwimmendes Zuchthaus. "Verdecktes Flussschiff." -- dass sie der Boese einmal spaeter in einem solchen "verdeckten Flussschiff" nach seinen hoellischen Regionen abfuehre, dort mit des Geschickes Maechten einen ew'gen Bund zu flechten." "Ach was" unterbrach ihn da Einer vom Stamme Juda -- "lassen Sie das Geschwafele und gehn Se mit Ihre dreckige Fissche von meine Matratze herunter -- Gott der Gerechte wo sieht der Mensch um die Fisse aus und stellt sich mich Nichts dich Nichts auf's Bettzeug!" "Meine Herren!" -- rief Steinert dagegen, konnte aber seine Rede nicht zu Ende bringen, da der Mann den einen Zipfel der also misshandelten Matratze mit beiden Haenden gefasst hatte, und sie dem Weinreisenden mit einem ploetzlichen Ruck so rasch unter den Fuessen fortriss, dass dieser das Gleichgewicht verlor und rueckwaerts in einen Korb voll Blech und anderes Geschirr hineinfiel, den die Familie Rechheimer, Mann, Frau und zwei erwachsene Toechter eben zu etwas genauerer Inspection hervorgezogen. Der Laerm wurde jetzt allgemein, denn Steinert wollte thaetliche Rache nehmen, und bat die Umstehenden dass sie ihn halten moechten, weil er sonst den Elenden ueber Bord wuerfe. "Frieden, lieben Freunde" sagte da eine tiefe aber sehr weiche, fast etwas singende Stimme, und ein junger Mann von vielleicht drei- oder vierundzwanzig Jahren mit vollem Bart und langen glatt herunterhaengenden, in der Mitte gescheitelten Haaren, modern, wenn auch etwas vernachlaessigt gekleidet, trat zwischen die Streitenden und fing an ihnen zu beweisen dass sie Beide Unrecht haetten, dass sie nicht verstaenden das Romantische ihrer Lage zu begreifen und anstatt, wie die Biene aus _jeder_ Blume Honig zu ziehen, sich von dem ersten bitteren Geschmack abschrecken und verblenden liessen. "Ja -- eine kleine Biene flog" rief Steinert noch immer entruestet dazwischen, "aber ziehn Sie einmal hier Honig heraus, wenn ich bitten darf -- das waere ein Kunststueck." "In einem solchen Kunststueck bewaehrt sich gerade der Mann!" entgegnete die kleine schmaechtige Gestalt des Passagiers mit der tiefen Stimme -- "das Edle wollen und das Gute thun!" "Ich brauche mir aber meine Matratze nich einschmieren und mich schimpfen zu lassen -- brauch ich nich --" schrie jedoch der Israelit, noch keineswegs beruhigt, dazwischen, und Steinert wollte ebenfalls wieder heftig erwiedern, als von einer anderen Ecke des halbdunklen Raumes her ein neuer Laerm vorbrach, dessen Mittelpunkt diesmal der Mann mit dem affenaehnlichen Gesicht zu sein schien. Dieser hatte ebenfalls, wie es sich jetzt herausstellte, auf einer fremden Matratze Platz genommen und weigerte sich nicht sowohl ihn zu raeumen, als dass er ihn, ohne auch nur ein einziges Wort zu erwiedern, ruhig gegen einen ganzen Schwarm von Frauen und Maedchen behauptete. Die einzige Antwort die man aus ihm herausbringen konnte, war eine ordentliche Wolke des schaendlichsten ordinaersten Tabacks der sich nur denken liess, und je aerger der Laerm um ihn her wurde, desto mehr verschwand er in dem, immer dicker aufsteigenden Nebel, und nur die kleinen grauen, von dichten und dunklen borstigen Brauen beschatteten Augen blitzten daraus hervor, dass es den Frauen ordentlich unheimlich zu Muthe wurde, wenn sie den Mann anschauten. Wer sich uebrigens um all den Laerm da unten nicht bekuemmerte war der Kahnfuehrer selber, "Capitain Meinert", der indessen, da die Ebbe jetzt wirklich eintrat, mit seines Matrosen Huelfe den leichten Anker an Bord, und vorn auf den Bug hob, und als das kleine Fahrzeug, nicht mehr vorn gehalten, mit der Stroemung langsam herumschwang, an's Steuer trat und es weiter hinaus in den Fluss lenkte, klar von den uebrigen Kaehnen zu werden und freies Fahrwasser zu bekommen. Die Passagiere waren uebrigens hierbei selber zu sehr interessirt, es so ganz gleichgueltig mit anzusehn, wie sie, zum ersten Mal in ihrem Leben "flott" wurden, und kaum fuehlten sie unten die Bewegung des "Schiffs" wie sie den Kahn unverdrossen nannten, als auch die Mehrzahl rasch an Deck kletterte. Viele von ihnen hatten dabei eine unbestimmte Ahnung dass sie jetzt bald das Land "aus Sicht" verlieren und direkt in die offene See hineinsteuern wuerden, das grosse Schiff nach irgend einer gegebenen, unbekannten Richtung aufzusuchen; Andere glaubten dass _Brake_ wahrscheinlich um die naechste Landspitze herum laege, und sie dort spaetestens zum Mittagsessen eintreffen muessten; jedenfalls gewann Eltrich indessen unten Zeit ein Eckplaetzchen fuer Frau und Kind herzurichten, wo er eine von seinen Matratzen ausbreitete, und die andere, gegen die Kahnwand hin hoch aufstellte, als Ruecklehne zu dienen. Adele hatte auch kaum mit dem Knaben darauf Platz genommen, als die Wolken, die sich den ganzen Morgen schon hoher und hoeher gezogen, begannen Ernst zu machen. Es fing gegen neun Uhr an erst zu troepfeln und dann ordentlich zu regnen, und die Passagiere draengten wieder mit Macht nach unten, unter Dach. Nur Einzelne von den Maennern blieben oben, die, in ihre Maentel gehuellt, oder mit Regenschirmen, die Naesse, dem Dunst und der Hitze unten vorzogen. So scharf und frisch die Luft aber auch im Anfang, mit dem ersten Regen einsetzte, und so rasch das kleine, ziemlich gut segelnde Fahrzeug dabei die Fluth durchschnitt und die Thuerme Bremens bald zurueckliess, so bald schlief der Wind wieder ein, und wenig mehr als die ausfluthende Stroemung trieb den Kahn zuletzt noch weiter, der kaum mehr seinem Steuer gehorchte, und langsam und schlaefrig an dem gruenen Ufer niederschwamm. Die Luft war dabei schwuel und drueckend, und der Regen goss dermassen in Stroemen nieder, dass selbst die Luke, wenn auch nicht dicht verschlossen, doch mit getheerter Leinwand verhangen werden musste, und die Luft in dem beengten Raum nur noch dumpfiger und schwueler machte. Ein Theil der Passagiere amuesirte sich indess ganz gut -- hie und da hatten sich kleine Gruppen gesammelt und spielten, mit einer Kiste zwischen sich als Tisch, Karten; dort machten ein paar junge Burschen -- und der Mann mit der tiefen Stimme und den gescheitelten Haaren befand sich leider zwischen ihnen -- den jungen Maedchen die Cour und suchten auf solche Weise nicht allein ihre Zeit zu vertreiben, sondern auch gleich Bekanntschaften fuer die Reise anzuknuepfen. An rohen Scherzen der Ungebildeten fehlte es dabei nicht, ueber die ein Theil ein wieherndes Gelaechter aufschlug, waehrend es den anderen verletzte, und Eltrich seufzte oft tief und schwer auf, seine arme Frau in solche Umgebung jetzt vielleicht Monate lang gebannt zu wissen, und nicht im Stande zu sein sie daraus zu befreien. Adele beschaeftigte sich indessen theils mit dem Kind, theils suchte sie, den Knaben im Arm und den Kopf gegen die Matratze zurueckgelehnt, dem haesslichen Aufenthalt nur kurze Zeit Schlaf abzuringen; aber der Laerm war zu gross, die Luft zu schwuel und ungewohnt, und besonders der haessliche Tabacksqualm zu nah und scharf, dass sie kaum im Einnicken, immer wieder husten musste und munter wurde. So schlich der Vormittag langsam und schlaefrig hin; die Brise wurde gegen zwoelf Uhr etwas frischer, aber der vielen Biegungen des Stromes wegen war sie ihnen fast eben so oft entgegen als zu Gunsten, und um zwei Uhr, als "Todt Wasser" wie es die Schiffer nennen, eintrat, d. h. die Zeit des Stillstandes zwischen Ebbe und Fluth, wenn die eine aufhoert und die andere noch nicht begonnen hat, setzte Capitain Meinert seine Passagiere ungemein in Erstaunen, als er seinen Anker ploetzlich fallen liess und sogar erklaerte, hier wieder sechs volle Stunden liegen bleiben zu wollen, "bis die Fluth hinauf sei." Wie weit Brake noch sei, war an dem Morgen wohl tausendmal gefragt worden, und der Schiffer, der es endlich muede wurde wieder und wieder darauf zu antworten, sagte dem Einen fuenf und dem Andern eine Meile, kurz Jedem verschieden, und unten stritten sich dann die Partheien darueber, weil jede behauptete, ihre Nachricht aus bester Quelle zu haben. Der groesste Aerger stand aber den Passagieren noch bevor als auch das zweite, um elf Uhr von Bremen abgegangene Dampfboot, kurz vorher ehe sie wieder Anker geworfen, an ihnen vorbeirauschte. Jetzt kam auch noch die Angst dazu dass sie das Schiff am Ende zu spaet erreichten, und wenn sie auch der Schiffer darueber beruhigte, sahen sie ihm doch, oh wie sehnsuechtig nach. Um acht Uhr wurde der Anker nun allerdings wieder "gelichtet", wie Steinert mit etwas heiser gewordener Stimme sang, aber wie es vollkommen dunkel wurde mussten sie dennoch wieder beilegen, und zwar jetzt wieder in der trostlosen Hoffnung nicht vor acht Uhr naechsten Morgens auf's Neue unter Wegs gehn zu koennen. Capitain Meinert hatte sich aber vorgesehn noch ein Dorf zu erreichen, ehe er seinen Anker wieder auswarf, und stellte den Passagieren sein kleines Boot zur Verfuegung an Land zu gehn und dort zu uebernachten, wo sie allerdings mehr Bequemlichkeit haben wuerden als an Bord. Die Meisten machten auch wirklich davon Gebrauch und traten, mit aufgespannten Regenschirmen, durch Schmutz, Wasser und Dunkelheit, die Reise nach dem flachen Ufer an, wo sie in einem Nichts weniger als freundlichen und fast eben so dumpfigen Saal ihr theueres Geld fuer etwas schlechtes Essen und eine Streu bezahlen mussten. Die Passage auf dem Dampfboot haette sie nicht mehr, wenn gar so viel gekostet. Eltrich wollte seine Frau auch, trotz allen jedenfalls daraus erwachsenden Kosten, an Land nehmen, sie weigerte sich aber entschieden den Kahn zu verlassen, verzehrte laechelnd mit ihm ihr frugales Abendbrod, und wickelte sich dann mit dem Kind in ihre wollene Decke, in der jetzt wenigstens eingetretenen Ruhe der Nacht so viel Schlaf als moeglich abzugewinnen. Und es war eine traurige unfreundliche Nacht; der Wind heulte in den einzelnen Baeumen am Ufer, der Regen schlug prasselnd auf Deck, und der Mast und das Takelwerk knarrte und aechzte, den Passagieren an Bord nur wenig Ruhe goennend, in den fremden, ungewohnten Lauten. So kalt und haesslich der Morgen aber auch hereinbrach, so freudig wurde er von den an Bord Befindlichen, die ihn wie lange schon ersehnt, begruesst. Jede Stunde hatten die so oft gezaehlt, jede Minute fast, und das Morgengrauen herbeigewuenscht unzaehlige Mal. Ein trueber Anfang war das auch fuer ihre Seefahrt, und Mancher, der sich am vorigen Tag damit getroestet, welche Strapatzen und Beschwerden er im Stande waere zu ertragen, sass jetzt kalt und froestelnd, niederschlagen und missmuthig in einer Ecke, und ueberlegte vielleicht jetzt schon, freilich etwas frueh, die Gruende die ihn eigentlich zu einer Auswanderung bewogen. Wunderliche Gedanken steigen da in dem Menschenherzen auf, und eine einzige solche Nacht, wenn sie nur etwas frueher gekommen waere, haette manche romantische Erzaehlung, manchen gluehenden Bericht ueber Amerika, weit, weit aus dem Felde geschlagen. Jetzt war das freilich zu spaet und ein Ruecktritt nicht mehr gut moeglich; mit den Effekten und dem Passagegeld haette es sich vielleicht noch einrichten lassen; lieber Gott, ein kleiner Verlust zur rechten Zeit ist oft ein grosser Gewinn fuer's ganze Leben, aber das Lachen zu Hause, das boese, boese Lachen -- viele Menschen wollen lieber, wenn sie die Wahl haben, verachtet oder bemitleidet als ausgelacht und verspottet werden, und die Wenigen deshalb, an deren Grundsaetzen die kalte unfreundliche Nacht doch gewaltig geruettelt, bissen die Zaehne fest aufeinander und gingen dem Unvermeidlichen -- eben weil es unvermeidlich war -- entgegen. Aber solch ein Morgen, auf einem solchen Weserkahn! Erst in solchen Verhaeltnissen merkt auch der Mensch an wie viel Bequemlichkeiten er gewoehnt ist, wie viel Beduerfnisse er schon hat, mag er sonst noch so einfach leben das ganze Jahr hindurch. Schon das erste Gefuehl des Aufstehens widert ihn an. Ungestaerkt, unerquickt, und schon fertig angezogen, hebt man sich von seinem Lager; man moechte sich jetzt ausziehn und sich waschen -- aber wo? -- Wasser ist da im Ueberfluss, aber kein Waschbecken, kein Handtuch, weder Seife noch Zahnbuerste -- nicht einmal ein Platz die unentbehrlichste Abwaschung von Gesicht und Haenden vorzunehmen, denn im innern Raum ist jeder Zoll breit besetzt, und draussen an Deck schuetten die Wolken wieder Stroeme Regens nieder. Wie grau und bleiern da der daemmernde Morgen auf der Welt liegt, und wie still und einsylbig selbst die Lautesten und Unruhigsten der Schaar geworden sind. Nur die Kinder schreien -- ruecksichtslose kleine Gesellschaft, die die Welt nur erst von der einen Seite kennt und jetzt auf das eifrigste dagegen protestirt auch auf der anderen ihre Bekanntschaft zu machen. Selbst Steinert war ruhig geworden und sass, durch das Weinen eines solchen kleinen ungeduldigen Nachbars aus einem leichten und unerquicklichen Morgenschlaf geweckt, froestelnd in seine wollene Decke gehuellt auf der Ecke einer fremden Matratze und blickte finster und verdrossen um sich her. "Eine Tasse Kaffee -- ein Koenigreich fuer eine Tasse Kaffee" brummte er zuletzt indem er den Hut abnahm, einen kleinen Taschenkamm aus seiner Brusttasche hervorholte, und langsam die kurzen Haarstummel und den etwas struppig gewordenen Bart zu ordnen begann -- "Himmeldonnerwetter, dass ich des pipigen Mehlmeiers Rath nicht folgte und mit auf das Dampfboot ging; jetzt sitz ich hier zwischen heulenden Baelgern und schnarchenden anderen Individuen und blase Truebsal in alle vier Winde. "Verdecktes Flussschiff" -- dass dich die Pest hole mit deinen "verdeckten Flussschiffen."" Hie und da hob sich jetzt ein Kopf in die Hoeh, schaute sich schlaftrunken um und sank wieder in die alte Lage zurueck, noch eine Weile die Augen schliessen zu koennen und gar nicht sehn zu muessen was vorging in dem ungemuetlichen Aufenthalt. Nur der Mann mit der tiefen Stimme und den mitten auf dem Haupt gescheitelten Haaren erhob sich jetzt ebenfalls und sagte, kopfschuettelnd die um ihn her gelagerten Gruppen ueberschauend: "Guten Morgen Herr Steinert -- ausgeschlafen?" "Ja -- danke -- auf der einen Seite wenigstens" brummte Steinert, "denn die andere schlaeft noch und die Sehnen und Muskeln sind mir ordentlich verklommen -- Himmel war das eine Nacht. Und sehn Sie sich einmal den Platz hier an -- Wallensteins Lager, beim Zeus, und die Haelfte Marketenderinnen. Apropos -- Sie sind ja wohl Literat, wie Sie mir gestern gesagt haben -- da ist Stoff fuer Sie eine ganze Bibliothek zu schreiben -- da ziehn Sie sich Ihren _Honig_ heraus, wenn Sie so gut sein wollen; waere mir lieb zuzusehn wo Sie ihn finden?" Der junge Schriftsteller schien aber heute Morgen keine Lust zu haben ueber derlei Sachen zu debattiren; ihm war selbst zu unbehaglich zu Muthe seine gestrige Aeusserung zu vertheidigen, und mit ein paar leise gemurmelten Worten, die recht gut irgend eine hoechst unromantische Verwuenschung sein konnten, brummte er: "Ich moechte nur wissen wer sich da ein Vergnuegen gemacht und die halbe Nacht an Deck bei dem Wetter Holz gesaegt hat -- die Leute waehlen eine vortreffliche Zeit ihren Winterbedarf einzulegen." "Holz gesaegt?" entgegnete aber Steinert erstaunt -- "meinen Sie etwa meinen Nachbar hier, den dicken Unbeweglichen, der ueber Tag den guten Taback raucht, und seit ein Uhr geschnarcht hat, als ob er im Akord arbeitete?" "Das ist ein Schnarcher?" rief der Literat im hoechsten Erstaunen aus -- "aber warum stossen Sie ihn da nicht einmal in die Rippen?" "Weil ich mit keinem passenden Werkzeug versehen bin, auch bis jetzt, in dieser egyptischen Finsterniss, nur nach der ungefaehren Richtung zu haette stossen koennen" sagte Steinert -- "Sie da, Herr Moses oder Aaron wie Sie gerade heissen -- bitte knuffen Sie da doch einmal Ihren Nachbar in meinem Namen, und fragen Sie ihn ob er nicht Meier hiesse und aus Stollberg sei." "Gottes Wunder, so frih?" sagte der eben Angeredete, der auch gerade munter geworden und den Kopf in die Hoehe gehoben hatte. Nichtsdestoweniger leistete er dem Wunsche Folge, und der Schnarcher fuhr, ziemlich unsanft angestossen, erschreckt in die Hoeh. "Habe ich nicht das Vergnuegen mit Herrn Meier zu sprechen?" wandte sich Steinert jetzt verbindlich gegen ihn, die Antwort aber die er bekam, benahm ihm jede weitere Lust zur Conversation mit dem Manne, der sich, noch innerlich knurrend, seinen abgefallenen Hut in die Stirn zog, und dann auch ohne weiteren Zeitverlust wieder zurueckfiel, noch einmal einzuschlafen. Wie das ploetzliche Stillstehn einer Muehle die mueden Knappen weckt, so fuhr ein grosser Theil der uebrigen Passagiere in die Hoeh, als das regelmaessige donnernde Schnarchen des Mannes aufhoerte, und schlaftrunkene Gesichter frugen nach der Zeit und dem Wetter und wo sie waeren, und murmelten halblaute Flueche in den Bart, als sie sich ihres Zustandes klarer bewusst wurden. Eltrich war einer von den Ersten an Deck, zog sich Wasser in einem Eimer herauf, und badete sich Gesicht und Haende darin, das eigene Taschentuch zum ersten Mal als Handtuch gebrauchend. Den Schiffsjungen fand er dabei beschaeftigt auf einem kleinen, an Deck befindlichen verdeckten Heerde, Wasser zu kochen, zu eigenem Gebrauch, und hatte die Genugtuung von diesem, fuer ein paar Grote, einen Theil desselben zur Mitbenutzung zu erwerben. Etwas Kaffee und Zucker fuehrte er selber bei sich, auch eine Flasche Milch fuer den Knaben, und seine kleine Frau laechelte ihm dankbar entgegen, als er sie weckte und ihr den einladend dampfenden Blechbecher zum Morgengrusse brachte. "Kaffee -- bei Gott!" rief es jetzt aber auch von mehren Seiten des engen Raumes, als der aromatische Duft des heissen Trankes ihre Nasenloecher traf -- "da oben giebt's Kaffee!" und was keine Ueberredung sonst vielleicht vermocht haette, war der Glaube im Stande. Allerdings sahen sie sich getaeuscht, und nur Einigen gelang es noch fuer Geld und gute Worte von dem muerrischen Burschen einen halben Becher gemachten Kaffee's zu erlangen, die Uebrigen mussten mit dem Boot an Land, dort eine Erfrischung zu erhalten, und Andere suchten den Capitain, die Abfahrt des Kahnes von ihm zu verlangen. Capitain Meinert liess sich aber erst kurz vor acht Uhr, wo die Fluth sich staute, blicken, troestete uebrigens seine ungeduldigen Passagiere mit der guten Nachricht, dass sie, wenn der Wind so guenstig bliebe, Brake in etwa zwei bis drei Stunden erreichen wuerden. Capitel 3. DAS SCHIFF. Weit besser befanden sich die Passagiere, die mit den, die Weser befahrenden Dampfbooten ihrem Ziele rasch und bequem entgegeneilten. So hatte die Familie des Professor Lobenstein, mit dem groessten Theil der im Hannoeverschen Haus einquartirten und fuer die Haidschnucke bestimmten Auswanderer, schon um sechs Uhr Morgens Bremen verlassen, und der kleine rasche Dampfer legte sich bald nach 9 Uhr an Bord des maechtigen Seeschiffes, dem sie ihre Leben fuer die weite Fahrt anvertrauen wollten. Dort wurden schon Kisten und Kasten, Schachteln und Koffer rasch an Deck gehoben, und die Reisenden sahen sich ploetzlich wie mit einem Schlage, aus allen ihren bisherigen Verhaeltnissen herausgerissen, in einer neuen unbekannten, fremden Welt. _Das Schiff!_ Wie viel hatten sie darueber gelesen, wie viel sich davon erzaehlen lassen: von den Cajueten und Decks, von den Masten und Segeln, von den Matrosen selbst, und dem Leben an Bord; wie hatten sie doch, als sie erst einmal den Gedanken an Auswanderung fest gefasst, und mit den Verhaeltnissen im alten Vaterlande zerfallen, ihre ganze Hoffnung auf das neue gesetzt, den Augenblick herbeigesehnt, in dem sie an den hohen Seitenwaenden des Schiffes, das sie nach Amerika hinueber bringen sollte, hinaufklettern, und die Huete schwenken wuerden, den stolzen Bau zu begruessen. Tausend wunderliche und bunte Bilder hatten sie sich dabei ausgemalt, Jeder in seiner Art, auf seine Weise. Der Capitain stand dann auf seinem Deck und winkte dem nahenden Boot schon von weitem seinen Willkommen zu, die Matrosen jubelten und ein paar Boeller wurden geloest, den Passagieren zu Ehren. Die Flaggen und Wimpel wehten dabei, und im Hintergrund rauschte das Meer mit seinen maechtigen Wogen gewaltig darein, in die Harmonie dieses einen seligen Augenblicks -- So hatte sich die Phantasie eben diesen Augenblick gemalt, und jetzt? gerade vor neun Uhr fing es, hoechst prosaischer Weise, an zu regnen, als ob sie da oben die Wolken mit Eimern ausschoepften und ohne richtige Ortspolizei das Wasser mitten in die Welt hineingoessen. Das auf Deck liegende Gepaeck war freilich mit getheerter Leinwand ueberspannt, wie aber das Boot an das Schiff hinanrauschte, wurde dieselbe hinweggezogen, und die Sorge der Auswanderer nahm das so ausschliesslich in Beschlag, dass sie fast an weiter nichts Anderes dachten, oder denken konnten, und Jeder nur das Seinige so rasch als moeglich unter Dach und Fach zu bringen suchte. Das Tau, das ein Matrose vorn am Bug des Dampfbootes zum Wurf zusammengerollt in der Hand trug, flog aus und wurde an Bord der Haidschnucke, von rasch zuspringenden Leuten befestigt, die Raeder arbeiteten langsam vorwaerts, das Boot eben gegen die Stroemung, gegen die es aufgedreht war, festzuhalten, und eine von Bord niedergelassene, bequeme Treppe, mit niederhaengenden Tauen (_fallreeps_) an der Seite sich festzuhalten, diente den Passagieren zum Aufsteigen auf das hoehere Deck. Dort befand sich aber schon ein Theil der Fruehergekommenen, die es fuer zweckmaessig gefunden hatten sich zeitiger einzufinden, und dadurch die Wahl eines Platzes zu haben. In der Cajuete waren nun allerdings die einzelnen _staterooms_ oder Cajuetenplaetze schon von den Rhedern selber fuer die Passagiere nach ihrer Anmeldung bestimmt, und eine Beschlagnahme des einen oder anderen Platzes konnte da nicht stattfinden; im Zwischendeck gab es aber dafuer desto verschiedenere Plaetze, die allerdings den Erstgekommenen zur Wahl frei lagen, und die Cojen unter den beiden Luken nach vor und aft waeren jedenfalls zuerst vor allen anderen belegt worden, haette der Steuermann, die zweite Person an Bord, den zuerst gekommenen Passagieren nicht dadurch die Wahl wieder schwergemacht, und Manche sogar dazu bestimmt sich einen Mittelplatz zu waehlen, dass er ihnen sagte die, welche sich gerade in der Mitte des Schiffes befaenden, waeren der Bewegung desselben auch am wenigsten ausgesetzt, und wuerden deshalb auch am wenigsten von der Seekrankheit zu leiden haben. Es hat das etwas fuer sich; die Bewegung des Schiffes ist dort allerdings am geringsten, aber trotzdem noch stark genug dem, der nur irgend zu diesem Leiden inclinirt, nicht den geringsten Schutz zu gewaehren, und der davon verschont bleibt wird sie auch an den entfernteren Enden nicht bekommen. Jedenfalls haben die Plaetze unter den Luken die meiste frische Luft, und wer je zur See war, wird die zu schaetzen wissen. Einige, wie schon gesagt, liessen sich aber doch dazu bereden Mittelplaetze zu belegen; unter diesen Mehlmeier, der von Steinert beauftragt worden, falls er frueher an Bord kommen sollte, einen Platz fuer ihn aufzuheben, und der selber die Seekrankheit mehr als Cholera und gelbes Fieber fuerchtete. Zu diesem hatte sich noch der kleine graue Herr mit dem spitzen Muetzenschild gesellt, den der Kellner in Bremen die "_Nachtigall_" genannt und der ebenfalls seine Passage im Zwischendeck genommen; Drei und Drei bekamen eine Coye zusammen, von denen immer zwei uebereinander lagen, Steinert war also "im Bunde der Dritte" wie er sich ausdrueckte, als er die Einrichtung erfuhr, und der kleine graue Herr, der Schultze hiess, hatte sich, wogegen Mehlmeier allerdings im Anfang protestirte, dann aber nachgab, die obere Coye ausgesucht. Die untere Coye nahm der polnische Jude mit seinem Knaben ein, dem spaeter noch der junge Bursche, fuer den an der Landung in Bremen gesammelt worden, zugegeben wurde, da Niemand Anderes ein Logis mit dem langbaertigen, nicht eben reinlich aussehenden Manne inne haben wollte. Im ersten Augenblicke wusste aber Niemand wohin er gehoere, noch sah irgend Jemand die Moeglichkeit ein sich oder sein Gepaeck an irgend einem nur ertraeglichen Ort unterzubringen. Alles schrie und lief durcheinander; saemmtliche Bagage wurde vorlaeufig an Deck aufgestapelt, und dann durch die Matrosen, nur um die Sachen aus dem Regen fortzubekommen, in das Zwischendeck hinuntergelassen, wo in der Dunkelheit des Raumes an ein Sortiren der verschiedenen Eigentumsrechte nicht zu denken war. Vergebens blieben auch alle Protestationen der Passagiere, die _diese_ Kiste nicht auf den Kopf gestellt, _jene_ nicht gedrueckt oder gestossen haben wollten; die Matrosen thaten gerade so, als ob sie eine ganz andere Sprache redeten, und kein Wort von allen Bitten und Vorwuerfen verstaenden, schlugen ein Tau um das erste beste Stueck, das ihnen unter die Haende kam, und mit einem "_heave!_" und "_lower away_" den englischen Ausdruecken des Einladens, hoben sich die Kisten in die Luft, schaukelten einen Moment hin und her, und verschwanden dann in der Tiefe, unten zu einem Chaos von Dingen aufgestapelt zu werden, in dem Niemand mehr das Mein und Dein unterscheiden konnte. Auch von den Cajuetspassagieren wurden eine Menge Sachen dort versenkt, und diese ebenfalls protestirten vergeblich dagegen. Die Sachen mussten "aus dem Weg geschafft werden" -- wie es die Matrosen nannten, indem sie es den Zwischendeckspassagieren gerade _in_ den Weg warfen -- und wer nicht zufaellig einen Theil seiner Sachen oben auf entdeckte und selber fasste und wegtrug, konnte dann sehn wie und wo er es spaeter wiederfand. Die Cajuetspassagiere bekamen indessen, sobald sie sich bei dem Steuermann meldeten, ihre resv. Plaetze sofort angewiesen; in der That waren die verschiedenen Thueren, die alle nach innen in den grossen Saal fuehrten, schon mit den verschiedenen Namen bezeichnet worden, und die Lobenstein'sche Familie, die drei nebeneinanderliegende Raeume, die Haelfte der Cajuete einnahm, sah sich bald, so gut es den Umstaenden nach nur irgend ging, in zwar kleinen aber ziemlich geraeumigen und besonders nett und reinlich gehaltenen Cajueten untergebracht. Der Vater und Eduard bewohnten eine von diesen, Anna und Marie die zweite und die Mutter mit den beiden juengsten Kindern die dritte. Ihnen gegenueber war die eine Eckcoye oder Cajuete von Herrn Henkel und seiner jungen Frau, die uebrigens noch nicht eingetroffen, belegt worden, die zweite hatten zwei fremde Herren in Besitz, ein Baron von Benkendroff und ein Herr von Hopfgarten, die mittlere bewohnte schon seit acht Tagen, sehr zum Aerger des Steuermanns der dadurch vielfaeltig genirt worden, ein Fraeulein von Seebald mit einer alten wuerdigen Dame (einer Frau von Kaulitz), die ungemein gern Whist spielte und die ersten Tage in einem gelinden Grad von Verzweiflung gelebt hatte, nicht den dritten "Mann" zu einer Parthie bekommen zu koennen. Die beiden Herren Hopfgarten und Benkendroff erschienen ihr als eben so viele Engel in der Noth, und Herr von Hopfgarten besonders, war, seitdem er an Bord gekommen, erst im Stande gewesen sich einen einzigen Nachmittag der unausweichlichen Parthie zu entziehen. Noch war, der Cajuete der beiden Steuerleute gerade gegenueber, ein anderer, etwas schmalerer _stateroom_ frei, dessen unterer Theil von Schiffswegen zu einer Art Vorratskammer fuer neues Segeltuch und Garn benutzt wurde. Der obere Theil war dagegen einem Mittelding zwischen Passagier und Schiffsoffizier, dem "Doktor" wie er kurzweg genannt wurde, zugetheilt, sich darin, so gut wie das eben gehen wollte, haeuslich niederzulassen. Im Zwischendeck befanden sich indessen die Leute fast eben so behaglich und zufrieden wie in der Cajuete. Nachdem nur der erste Sturm der eintreffenden Mitpassagiere abgeschlagen, und diese mit ihrem Gepaeck beseitigt worden, hatten sich die Leute in den verschiedenen Coyen vertheilt und Raum uebrig genug. Allerdings ging das Geruecht dass noch Passagiere mit einem Weserkahn eintreffen wuerden, und fuenf oder sechs konnten, ihrer Meinung nach, auch noch mit Bequemlichkeit untergebracht werden, -- einige Coyen standen sogar noch ganz leer, -- vielleicht kamen die aber auch _nicht_, troesteten sich Andere, und dann versprachen sich die Meisten eine sehr angenehme Reise. Lieber Gott, das Zwischendeck versagte ihnen manche am Land gewohnte Bequemlichkeit, aber dafuer war man ja doch auch an Bord, und musste sich die kurze Zeit schon behelfen. Die Belohnung lag ueber dem Wasser drueben, und hiess _Amerika_. So verging der zur Einschiffung bestimmt gewesene Tag, der 20ste August, an dem noch, trotz dem Regen, fortwaehrend Fracht in Faessern, Kisten und Ballen eintraf, und in den unteren Raum weggestaut wurde. Die erste Nacht an Bord ging auch ruhig und ohne weitere Stoerung vorueber; das Schiff, ein grosses stattliches Fahrzeug, lag still und regungslos auf der glatten Wasserflaeche, und in dem weiten Raum des Zwischendecks, mit den beiden Luken geoeffnet, ueber die ein Dach von getheerter Leinwand gespannt worden, waehrend ein Windfang den Tag ueber noch frische Luft hinunter fuehrte, liess es sich schon aushalten -- die Leute waren auf Schlimmeres vorbereitet gewesen. Auch die Provisionen waren leidlich, Butter und Schwarzbrod konnte sogar gut genannt werden, und mit dem frischen Fleisch und gruenen Gemuese, was sie, so lange sie an Bord lagen, statt der Schiffskost geliefert bekamen, durften sie wohl zufrieden fein; _Viele_ von ihnen hatten es in der eigenen Heimath lange nicht so gut gehabt. Nur das Wetter wollte und wollte nicht besser werden, der Himmel hing in duesteren Wetterwolken ueber der schon vollgesogenen Erde, und der Herbst meldete sich in den kalten, unfreundlichen Schauern als ein viel zu zeitiger, unwillkommener Gast. So verging der Morgen des 21sten, und waehrend ein grosser Theil der schon an Bord befindlichen Passagiere einsah, dass er sich keineswegs hatte so zu uebereilen gebraucht, wurde ein anderer schon ungeduldig, behauptete das Versprechen der Abfahrt fuer den 20sten zu haben, und verlangte vom Capitain die Abfahrt. Sie hielten _ihren_ Contrakt, und meinten deshalb, dass der Capitain den seinigen ebenfalls halten muesse. Die Erwiederung der Seeleute dass ein grosser Theil der Passagiere noch gar nicht an Bord sei, hielt ebenfalls nicht Stich. "Wer nicht da waere dem wuerde der Kopf nicht gewaschen" meinte Herr Schultze, "und wenn die Leute bis Weihnachten nicht kaemen, sollten sie wohl auch daliegen bleiben und auf sie warten? -- Alle Voegel" setzte er dabei hinzu -- "hielten die richtige Zeit in ihrer Wanderung, und sie wollten die ihrige ebenfalls nicht unnoethig versaeumen." So rueckte der Mittag heran, und der Koch hatte eben zum "_Schaffen_" gerufen, ein eigenes wunderliches Wort, das in unserer norddeutschen Sprache "Essen" bedeutet, als der Steuermann, der schon den ganzen Morgen oft und ungeduldig den Fluss hinaufgeschaut hatte, nach der Nummer des Segels und der aufgezogenen kleinen Privatflagge des Rheders, den so lang erwarteten Kahn mit dem Rest der Passagiere erspaehte, und die Ordre gab das Deck fuer den Empfang der neuen Gaeste _klar_ zu machen. Gluecklicher Weise hatte, seit einer Stunde etwa, der Regen wenigstens nachgelassen, und die Nachricht verbreitete sich rasch ueber Deck, dass ihre neue Einquartierung anruecke. Eben so stand das ganze Deck des kleinen Weserkahns gedraengt voll Menschen, die sehnsuechtig ihrer endlichen Erloesung von dem trostlos engen Fahrzeug entgegensahen und das Schiff jetzt, dem sie sich rasch naeherten, mit einem dreimaligen donnernden Hurrah begruessten. Keineswegs so freudig wurden sie hier empfangen. "_Den_ Schwarm Menschen sollen wir hier noch an Bord bekommen?" lief der Schreckensruf durch das ganze Schiff -- "wo wollen sich die denn unterbringen? -- das ist ja gar nicht moeglich!" -- und kein einziger Zuruf antwortete dem gruessenden Hurrah. Aber der Steuermann hatte indessen die Bremer Flagge am Heck und des Rheders Zeichen am Fockmast, wie ein Tuch, mit dem weit auswehenden Namen des Schiffs am Top des grossen Mastes gehisst, als Merkmal fuer den Kahn, der auch jetzt direkt auf das Schiff zulief, scharf gegen den Wind anluvte, und als er seinen Bug ziemlich nahe zum Bugspriet der Haidschnucke gebracht hatte, voll in den Wind hineindrehte. Waehrend das Segel niederfiel fing "Capitain Meinert" ein nach vorn ihm zugeworfenes Tau, das er rasch an seinem eigenen Bord befestigte; der Matrose hatte im Hintertheil des Kahns ein anderes zugeworfen bekommen, und wenige Minuten spaeter lag er wohlbehalten langseit der Haidschnucke seine "lebendige und todte Fracht" an deren Bord zu _loeschen_. Unmoeglich waere es jetzt die Verwirrung, den Laermen zu schildern, der in diesem Augenblick entstand -- der Steuermann schrie seine Befehle ueber Deck, aber die ganze Mannschaft, wie saemmtliche Passagiere schrien mit, und der Mann haette sich eben so gut ruhig in die Cajuete setzen und seinen Teller voll Suppe essen koennen der drinnen auf dem Tische kalt wurde, als hier zu versuchen Ordnung in dies Babel von Stimmen und Koffern und Hutschachteln, Matratzen, Kisten, wollenen Decken, kleinen Kindern und Koerben mit Provisionen zu bringen. [] Capitel 3 Jeder der Passagiere wollte natuerlich seine Sachen zuerst hinaufgereicht haben, Jeder wollte aber auch zuerst an Bord des Schiffes sein, und die Einen schrieen hinauf, die Anderen hinunter, bis sich die Mannschaft der Haidschnucke endlich in einer festen Masse sammeln und das Uebertragen des Gepaeckes selber in die Hand nehmen konnte. Hei wie die Schachteln und Koerbe da flogen, und wie die Frauen kreischten wenn irgendwo in einem Korb eine Flasche zerbrach und auslief, oder irgend ein Topf oder Geschirr knackte und splitterte. "Nehmen Sie sich in Acht da ist Glas drin -- Sie stehn ja in meiner Hutschachtel -- passen Sie auf, das Bett faellt ueber Bord -- Herr Gott da sind meine saemmtlichen Provisionen drinnen!" -- und tausend aehnliche Aufkreische der Angst und Sorgfalt, eben so oft vergebens, denn die Seeleute kuemmerten sich den Henker um alle Warnungen und Ermahnungen, fuellten die Luft, bis die Unmasse Gepaeck, indess die Passagiere ihre eigenen Personen wenigstens in Sicherheit brachten, gluecklich an Deck gelandet war, und jetzt eben so rasch und ruecksichtslos in das Zwischendeck hinunter befoerdert wurde. Da hinein regnete es ordentlich Hutschachteln, Reisesaecke und Matratzen, mit riesigen kistenaehnlichen Holzkoffern, und um die Verwirrung, wenn das irgend moeglich gewesen waere, noch groesser zu machen, riss inmitten dieser Beschaeftigung der eiserne Henkel eines solchen Colli's aus, die Kiste fiel auf der Lukenwand auf, brach, und streute jetzt ein Hagelwetter von Kleidern, Waesche, Schuhwerk, Zwieback, Wuersten und allen moeglichen und unmoeglichen anderen Effekten ueber die unten schon aufgehaeuften Sachen ueber die sich der glueckliche Eigenthuemer jetzt mit einem lauten Gebruell der Verzweiflung warf, um gleich darauf von nachfolgenden Hutschachteln und Matratzen im wahren Sinn des Worts bedeckt zu werden. War die Verwirrung aber an Deck schon gross gewesen, so wurde sie es jetzt im inneren Raume des Zwischendecks noch weit mehr. Die Neugekommenen wollten natuerlich gleich auch ihre Coyen wissen und belegen, fanden aber alle besetzt, wenn auch hie und da nur von einzelnen Personen, die sich jedoch hartnaeckig weigerten noch irgend Jemanden in einem Raume aufzunehmen in dem sie, wie sie erklaerten, kaum selber Platz haetten. Hier wie ueberall sollte der Steuermann entscheiden, von allen Seiten aber gerufen und gequaelt, ging dem sonst ruhigen Mann auch endlich die Geduld aus. Er fluchte und schwor er wolle verdammt sein wenn er solch ein Gelaerm schon in seinem ganzen Leben gesehn, und erklaerte endlich sie moechten sich erst einmal ordentlich durcheinander schuetteln und wuergen, und wenn sie dann ein wenig zu Verstande gekommen, wolle er hinuntergehn -- eher aber keinen Schritt. Er that auch zuletzt, was er gleich zu allem Anfang haette thun koennen und ging, so wie nur erst einmal saemmtliches Gepaeck an Bord genommen und der Lichter klar geworden war, in die Cajuete zurueck, sein Mittagsessen zu verzehren. Unterdessen kam ein Bote nach dem andern, dass sie sich unten im Zwischendeck pruegelten und mit Messern und Pistolen drohten; er liess sich nicht stoeren und antwortete nur vollkommen gleichmuethig, es waere das Beste wenn sie erst eine Weile einander todtschluegen, denn dann bekaemen die Anderen gewiss Platz -- die Todten wuerfen sie ueber Bord, und die Moerder steckten sie ins Zuchthaus. Der Mann hatte aber derlei Einschiffungen schon in den letzten zwoelf Jahren, jedes Jahr wenigstens zweimal mit durchgemacht, und wusste dass eine gewisse Zeit dazu gehoerte bis sich die Masse erst setzen und ordnen konnte. Der erste Ansturm musste vorueber sein, eher war kein vernuenftiges Wort mit ihnen zu reden, dann ging aber auch Alles leicht und ruhig von statten, und da fuer Jeden Platz da war, fand sich auch fuer Jeden zuletzt der rechte. Im Zwischendeck sah es indessen wirklich boes aus, und einen ernstlichen Zusammenstoss der verschiedenen Partheien verhinderte wohl nur der Umstand, dass Niemand einen bestimmten Gegner fand an den er sich halten konnte. Dann war der Capitain selber nicht an Bord, der ein Endurtheil faellen sollte, und der Steuermann hatte, wie schon gesagt, noch nicht bewogen werden koennen hinunter zu gehn. Zugleich hinderte das, einem Wall gleich aufgeschichtete Gepaeck die freie Bewegung der Leute, von denen sich die, die schon Coyen inne hatten, nicht daraus zu entfernen wagten, weil sie wussten dass sie augenblicklich von Anderen in Besitz genommen wuerden, waehrend die Neugekommenen ihr Augenmerk auf eine oder die andere bestimmte Coye gerichtet hielten, und diese foermlich belagerten. Nur einige Wenige der Letztgekommenen waren so gluecklich gewesen schon einen Platz fuer sich zu erbeuten. Zu diesen gehoerte Eltrich, der trotz seiner sonstigen Bescheidenheit hier doch fuer Frau und Kind zu sorgen, und diese gleich im Anfang mit seinem Gepaeck auf dem Kahn zurueckgelassen hatte, vor allen Dingen eine gute Coye fuer sie zu finden. Dass immer drei Personen eine Coye bekommen mussten wusste er, sein Kind bezahlte halbe Passage, musste aber einen ganzen Schlafplatz erhalten, und eine untere Schlafstelle, in der Naehe der Luke noch frei findend, legte er sich ohne weiteres vorn in diese hinein und blieb da liegen, bis seine kleine Frau mit dem Kind, die er vorher ermahnt hatte sich aus jedem Gedraenge fern zu halten, den Weg zu ihm finden wuerde. Es war das Kluegste was er haette thun koennen. Steinert fand ebenfalls den fuer ihn belegten Platz, und zu gleicher Zeit, und so wie er nur den Fuss in das Zwischendeck gesetzt, hatte sich auch der wunderliche Mann mit dem affenaehnlichen Gesicht, sein Gepaeck ganz ruecksichtslos im Stich lassend, eine obere Coye ausgefunden, in der allerdings schon Betten lagen, die er aber doch fuer sich geeignet hielt, und wohinein er auch augenblicklich kletterte. Allerdings ertappte ihn noch, im Akt des Hineinsteigens die Besitzerin der Coye, Rebecca, Frau des ehrsamen Kraemers Moses Loewenhaupt, am Rockschooss, und wollte ihn, mit einer Fluth von Verwuenschungen zurueckziehn, der Mann wandte aber nur den Kopf nach ihr um, und blitzte sie mit seinen kleinen stechenden grauen Augen unter den buschigen Brauen vor so feindlich an, und zeigte ihr dabei die beiden Reihen weissglaenzender und fehlerfreier Zaehne, dass sie ihn erschreckt wieder losliess. Der Usurpator sass denn auch, keine halbe Minute spaeter, mit untergeschlagenen Beinen und etwas nach vorn gebogenem Kopf, der niedrigen Coye wegen, gerade in deren Mitte, und blies den Qualm aus seiner kurzen Pfeife, die er jedenfalls schon brennend musste in der Tasche gehabt haben, in solchen Stoessen um sich her, dass ihn derselbe in kurzer Zeit ganz verhuellte, und wie eine Wolke, unheimlich und schwer die Coye fuellte. In fast gleicher Zeit hatte sich der Mann mit den gescheitelten Haaren in die andere Coye, dicht unter den Raucher hineingebohrt, ohne jedoch von dem Besitzer derselben, einem kurzhaarigen muerrischen und finsteren Gesell, der ihm schweigend dabei zusah, weiter belaestigt zu werden. Der Mann schien sogar mit dem neuen Einzug vollkommen zufrieden; drehte sich wenigstens auf die andere Seite, und liess ihn sogar ungehindert einen kleinen Handkoffer den er bei sich fuehrte, und in der ersten Eile vor die Coye gestellt hatte, nachziehn. Der Mann mit den gescheitelten Haaren hatte dadurch vollstaendig Besitz ergriffen. "Nun sind wir aber genug hier drin und nehmen keinen mehr herein" brummte der Erstbewohner des Schlafplatzes uebrigens, als der junge Literat, der sich Theobald nannte, nach aussen hin mit einigen seiner Bekannten vom Kahn her ein Gespraech anknuepfte. "Also bekommen immer zwei und zwei eine Coye?" frug dieser rasch, und wie es schien sehr befriedigt. "Nein, drei --" erwiederte der Mann. "Drei? -- und wer ist der Dritte hier drin?" "Meine Frau!" lautete die lakonische Antwort, die aber auch jedes weitere Gespraech abschnitt, denn Theobald war zu bestuerzt darueber, auch nur noch eine Sylbe erwiedern, oder weiter fragen zu koennen. Endlich, nach einem Zeitraum der den dabei Betheiligten eine Ewigkeit geschienen, kam der Steuermann, in Abwesenheit des Capitains die oberste Behoerde an Bord eines Schiffs, langsam die neben dem grossen Mast in das Zwischendeck fuehrende Treppe hinunter, blieb aber noch auf den mittleren Stufen stehn, als ihm hier schon saemmtliche Passagiere mit ihren Klagen und Forderungen laut durcheinander schreiend entgegendraengten. "Hier Herr Obersteuermann -- die wollen mich in keine Coye lassen -- Herr Obersteuermann wir haben unsern Platz so gut bezahlt wie die Anderen -- Und meinen Koffer haben sie wieder raus geworfen -- ich schlage dem Hund ein Bein entzwei, wenn ich nur erst zu ihm komme -- Und meine Frau ist krank und muss einen guten Platz haben -- Gottes Wunder was geht uns die Frau an, wir haben Alle gleiche Rechte auf einen guten Platz; wie haisst kranke Frau -- Hier Herr Obersteuermann kommen Sie nur einmal her und sehn Sie, wie sie meine Hutschachtel zertreten haben -- Mir muss der Capitain den Schaden ersetzen, meine Hemden liegen im Schmutz, und mein Taback und mein Zwieback sind alle untereinander gekommen." So schrie und tobte es um ihn her, und der Steuermann hielt sich die Ohren zu und schloss die Augen und blieb, halb abgedreht von den Wuethenden, so lange regungslos stehn, bis diese doch einsahen dass sie auf solche Art ihren Zweck unmoeglich erreichen konnten, und sich wenigstens in etwas beruhigten. "So --" sagte der Steuermann, als er endlich hoffen durfte den Laerm mit der eigenen Stimme uebertoenen zu koennen; "hat nun Jeder seinen Platz?" "Nein -- nein!" schrie es wieder von allen Seiten. "Gut, dann haltet auch einmal zum Teufel die -- Frieden" lautete die Antwort -- "oder ich gehe an Deck zurueck und Ihr moegt Euch hier meinethalben die Koepfe blutig schlagen, nach Herzenslust." Die Passagiere, denen daran gelegen war dass der Steuermann ihre Angelegenheit in Ordnung bringe, sahen endlich selber ein, dass sie ihn gewaehren lassen muessten, machten ihm also Platz, und Einzelne, die Vernuenftigeren der Schaar, baten ihn, ihnen eine Stelle anzuweisen wo sie ihre Matratzen unterbringen, oder die, die Familie hatten, mit diesen zusammen einquartirt werden konnten. Das war nicht mehr als billig, und der Steuermann, auf dessen Wink jetzt noch zwei Matrosen mit Laternen herunterstiegen, trat die wenigen Stufen noch nieder, und begann die verschiedenen Coyen, an der rechten Seite anfangend, zu visitiren. "Wen haben wir hier?" begann er gleich mit der ersten, Eltrichs Coye, in welche dieser jetzt die junge Frau mit dem Kind placirt hatte, und so lange Wache davor hielt, bis Alles geregelt sein wuerde. "Mann, Frau und Kind!" erwiederte der junge Mann -- "ich heisse Eltrich." "Alles in Ordnung!" sagte der Steuermann, mit einem Stueck Kreide das er in der Hand hielt eine 1 ueber die Coye malend -- "So, und nun wollen wir die Geschichte gleich einmal richtig in Ordnung bringen" setzte er hinzu, seine Brieftafel mit der Passagierliste aus der Tasche nehmend, und zu dem Licht der Laternen haltend -- "Coye 2 -- wer ist hier drin?" -- Auch diese Coye war durch die Familie des Tischlermeister Leupold besetzt. Anders sah es aber mit Nr. 3 aus, wo sich zwei Oldenburger Bauern einquartirt hatten, und keinen weiteren Zuspruch gestatten wollten. Der eine, ein breitstaemmiger Bursch, mit ledernen Hosen und naegelbeschlagenen Schuhen, der vornweg der Laenge lang darin lag erklaerte auch dabei ganz ruhig und bestimmt das sei ihr Platz, sie waeren zuerst gekommen, brauchten was sie haetten, und gedaechten es zu behalten. "Wer hat noch keinen Platz?" frug der Steuermann ohne weiter etwas darauf zu erwiedern, die Passagiere -- "halt nicht Alle auf einmal schreien -- es muss eine einzelne Person sein." Wald meldete sich und der Steuermann sagte ruhig, nachdem er sich den Namen des neu Zutretenden bemerkt: "So, da rueckt einmal zu, Ihr da; drei und drei gehoeren immer in eine Coye, und dann habt Ihr noch uebrig Platz." "Wenn der nirgendwo anders unterkommen kann, nachens is es noch immer Zeit;" erwiederte aber der eine Bauer trotzig. "Wollt Ihr in Frieden Platz machen?" frug der Steuermann vollkommen freundlich. "Ne" lautete die einzige Antwort. "Smiet mi mal den Doeskopp da ruth" lautete da der eben so ruhig gegebene Befehl an die beiden Matrosen, die zuerst vorsichtig ihre Laternen bei Seite setzten, und dann so ploetzlich und mit so eisernem Griff den Widerspenstigen packten, dass dieser auch im Nu aus seiner Coye und auf die Erde flog. Hier sprang er aber eben so rasch in die Hoeh, und schien nicht uebel Lust zu haben sich auf den Steuermann zu werfen; oben durch die Luke schauten aber noch drei oder vier staemmige Burschen von Matrosen, die nur eines Winks bedurft haetten, mit einem Satz unten bei ihren Kameraden zu sein, und der Steuermann sagte freundlich: "Wullt Du _noch_ wat?" Widerstand unter solchen Umstaenden war hoffnungslos, und der Bauerbursche brummte nur eine halbtrotzige Drohung in den Bart, dass er sich ueber solche Behandlung bei dem Capitain beschweren wuerde. "Dat stat Di frie, myn Junge!" sagte aber der Steuermann, der stets platt sprach wenn er grob wurde, gleichgueltig, und wies jetzt Wald an, seinen Platz einzunehmen, wie seine Sachen, die er unterwegs bei sich zu behalten wuensche, vor die Coye zu stellen. Das Beispiel, gerade an einem der staerksten und staemmigsten der Schaar gegeben, hatte aber geholfen; in den nachfolgenden Coyen zeigten sich nicht die geringsten Schwierigkeiten mehr, und wo noch Platz war, fuegten sich die Leute, nach Angabe ihrer Namen, ohne weiteren Widerspruch in das Unabaenderliche. Nur den polnischen Juden mit seinem schmutzigen Kaftan wollten sie nirgends einnehmen, und selbst einer seiner Glaubensgenossen, der gerade unter Steinerts, Mehlmeiers und Schultzes Schlafplatz eine Coye fuer sich selber in Beschlag genommen, und jetzt mit dieser Einquartierung bedroht wurde, zog es vor auszuraeumen und sich wo anders Raum zu suchen. Zu dem dritten Platz in des Polen Coye fand man Niemanden als den armen jungen Burschen, fuer den an der Landung in Bremen noch gesammelt worden, dass er sein Reisegeld zusammen bekam. Der wagte keine Widerrede, und liess sich hinstecken, wo es den Anderen gefiel. Ziemlich zu Ende mit der ganzen Anordnung, kam der Steuermann auch jetzt endlich zu Loewenhaupts Coye, von der "der grosse Unbekannte" wie ihn Steinert nannte, Besitz genommen, und aus seiner Tabackswolke auch noch nicht wieder zum Vorschein gekommen war. "Hallo Mosje! -- Sie da drin in dem Qualm" schrie der Steuermann, "stecken Sie das Schiff nicht in Brand -- Dusendslag, wo hett denn de Permission kregen syn Dunnerwehers stinkigen Toback to smoeken?" Die Wolke stand einen Augenblick, und nicht weiter genaehrt, zog sie sich allmaehlig nach oben, jetzt zum ersten Mal die Gestalt des wunderlichen Mannes enthuellend. "Harpunen und Seekrebse" brummte aber der Steuermann, der sich niederkauerte einen Blick unter dem Qualm fort in das Gesicht des Mannes zu bekommen, gegen den schon, wie er kaum den Fuss an Bord gesetzt, eine Menge Klagen eingelaufen waren, "wo heet den de Heer hier in de smallkragigen Rock mit de grooten linnen Taschen -- Sie da Wo heet hey?" "Sehr wuerdiger Seemann" erwiederte ihm aber hierauf mit grosser Ruhe und in wohlgesetzter Rede der Gefragte, "es thut mir unendlich leid dass ich keine Sylbe dieser nordischen Sprache, die Sie hier wenn ich nicht irre, plattdeutsch nennen, verstehe, und durchaus in reinem Hochdeutsch angesprochen werden muss, befriedigende Antworten zu erwarten." "Na nu wird's Tag!" rief der Steuermann verwundert, "dei spreekt wie en Buk -- Sie da also mit den empfindlichen Ohren, wie heissen Sie und wo sind sie her?" "Zachaeus Maulbeere aus Halle." "Maulbeere" -- murmelte der Steuermann, den Namen auf der Liste suchend -- "Maulbeere -- Maulbeere --" "Nein, nur einmal Maulbeere!" sagte Zachaeus. Einzelne lachten, die Familie Loewenhaupt aber, deren Herr und Stamm sich in einem kleinen winzigen Maennchen, mit einer furchtbar grossen, wie eingehakten Habichtsnase zeigte, begann wieder auf's Neue ihre Klagen ueber den Einbruch in ihre Rechte. "Ruhe da!" rief aber der Steuermann -- "und Sie da, wer hat Ihnen denn eigentlich Erlaubniss gegeben im Zwischendeck zu rauchen, und noch dazu solchen Giftknaster -- wenn Sie das Schiff wirklich nicht in Brand stecken verpesten Sie es. "Der Eine liebt Rosen der Andere Teufelsdreck" sagte Zachaeus ruhig, "ich liebe Rosen." "Kann ich mir denken" meinte der Steuermann -- "wer aber hat die Coye von allem Anfang an inne gehabt?" "Ich -- wir --" schrieen die Eheleute Loewenhaupt. "Wie viel sind Sie?" "Nu wie viel sollen mer sein?" frug Madame Loewenhaupt beleidigt -- "ich und der Itzig." "Ja dann kann ich Ihnen nicht helfen" sagte der Seemann achselzuckend, "dann muessen Sie noch irgend Jemand darin aufnehmen." "Aber doch nich _den_ Menschen?" rief Herr Loewenhaupt rasch und erschreckt. "Bieten Sie mir einen Tausch an, vielleicht lasse ich mich bewegen und ziehe aus!" sagte Zachaeus, dem die Gesellschaft als er sie etwas naeher besah, vielleicht selber nicht gefallen mochte. "Na das machen Sie unter sich aus" sagte aber der Steuermann, sich mit seiner Laterne wieder den Anderen zuwendend -- "immer drei gehoeren eben in eine Coye, und je friedlicher Ihr Euch hier darin vertragt, desto besser ist es fuer Euch. Geraucht wird aber hier unten _nicht_," wandte er sich noch einmal gegen die Coye um, aus der Zachaeus schon wieder dicke Wolken blies; "wer rauchen will geht mit seinem Stummel an Deck, verstanden?" Ein dumpfes Brummen toente als einzige Antwort von der Coye herueber, die Frauen aber besonders dankten Gott, dass sie den "Qualm und Gestank" wie sie's nannten, da unten in dem ueberdies engen Raum los wuerden. Die Regulirung der Coyen war uebrigens hiernach bald beendet, und wie nur erst Jeder einmal seinen Platz angewiesen bekommen und bestaetigt hatte, durften sie auch daran denken ihr Gepaeck zu ordnen, damit es die Matrosen dann um die Mittelstuetzen herum und an den verschiedenen Coyen befestigen konnten. Mit dem Gepaeck fand sich uebrigens hier ebenfalls eine Schwierigkeit, die besonders in der unzweckmaessigen Verpackung der Sachen lag, und von den Auswanderern, trotzdem dass sie ihnen so oft an das Herz gelegt, doch so selten beachtet wird. Leute aber, die mit der Einrichtung eines Schiffes nicht bekannt sind, koennen sich auch gewoehnlich gar keine Idee machen wie beschraenkt der Raum doch natuerlich in einem Fahrzeug sein muss, das Hunderte von Personen in Monate langer Reise ueber See schafft, und fuer diese Zeit nicht allein Wasser und Proviant mitnehmen muss, sondern mit seinem Haupterwerb auch auf die _Fracht_ angewiesen ist. Dabei denken die Auswanderer gewoehnlich nur an sich selbst, der Nachbar und Reisegefaehrte existirt nicht fuer sie, und sie muessen dann erst eine Weile durcheinander geschuettelt werden und eigne Erfahrung sammeln, bis sie lernen sich an Bord zu behelfen.(2) Sobald sich also die Passagiere, in Cajuete wie Zwischendeck, nur erst halbwege eingerichtet hatten, und jetzt erfuhren dass sie heute noch gar nicht, sondern erst morgen frueh in See gehn wuerden, verlangte ein grosser Theil derselben, mit dem heimischen Boden dicht neben sich, auch noch einmal festes Land vor dem Abschied vom Vaterland zu betreten. Die meisten, besonders der Zwischendeckspassagiere, hatten dabei auch noch so Manches einzukaufen vergessen, was ihnen auf der Reise gute Dienste leisten konnte und hier, wie sie hoerten, zu bekommen war, dass sie sich in Masse uebersetzen liessen, noch eine Menge Geld, oft hoechst unnoethiger Weise zu verschwenden. Die noch "deutsches Geld" hatten, meinten dies hier zweckmaessig verwenden zu koennen, und solche, die das schon in Bremen moeglich gemacht, wechselten sich erst einen und dann mehre Dollare wieder ein, den "allerletzten" Tag in der Heimath wuerdig zu feiern. Nur die Frauen wollten nicht mehr von Bord, sie hatten mit dem alten Leben abgeschlossen, den Schmerz der Trennung einmal ueberwunden, und sie verlangten keine Zerstreuung, ja fuerchteten sie eher. Fuer sie begann auch hier an Bord wieder eine neue Welt, in der sie schaffen und wirken mussten, fast wie zu Hause -- die Cajuetspassagiere natuerlich ausgenommen, denen geliefert wurde was sie brauchten -- hatten die Frauen im Zwischendeck, sich wieder eine gewisse Haeuslichkeit herzurichten, um die sich die Maenner wenig oder gar nicht kuemmerten. Ihre Betten mussten gelueftet und in Ordnung gebracht, ihr Geschirr musste gereinigt, die Waesche die sie fuer den Schiffsgebrauch bestimmt nachgesehn werden. Die Sachen mussten auch einen Platz bekommen, und der Mann haette eben so gut an Bord bleiben, und ihnen kleine Naegel in die Coyen schlagen koennen, Alles daran aufzuhaengen, was sie zum taeglichen Bedarf gebrauchten, und tausend andere Kleinigkeiten herzurichten. Und wie sah es noch unten im Zwischendeck aus -- ueberall standen Kisten und Kasten umher, um die sich ihre nachlaessigen Eigentuemer nicht bekuemmert hatten; an Auskehren war natuerlich gar kein Gedanke, einige kleine Plaetze abgerechnet, und selbst heisses Wasser, das bei dem spaeten Mittag gebrauchte Geschirr aufzuwaschen, wollte der muerrische Koch nicht hergeben. So kam der Abend heran, der die Cajuetspassagiere um den gedeckten Tisch versammelte, und den Zwischendeckspassagieren duennen Thee, ohne Zucker und Milch brachte -- Brod und Butter war ihnen an dem Nachmittag schon gut und reichlich geliefert worden. Die wenigsten machten aber Gebrauch davon; die Maenner waren fast noch saemmtlich an Land, viele schliefen sogar noch dort, und zahlten schweres Geld fuer ein schlechtes Bett, dem Gewirr an Bord, und dem ungewohnten Dunst des Zwischendecks so lang als irgend moeglich zu entgehn, und die Frauen hatten, mit wenigen Ausnahmen, noch nie in ihrem Leben Thee getrunken, ausser wenn sie krank waren Camill oder Pfeffermuenz, aber wohl viel davon gehoert dass es die Leute in der Stadt, oder die Reichen traenken, und wunderten sich jetzt kopfschuettelnd wie die Leute Geschmack daran finden koennten. Schiffsthee ohne Milch und Zucker aus einem Blechbecher getrunken schmeckt auch in der That nicht besonders. Das Wetter hatte sich uebrigens wieder aufgeklaert, auch war die Fracht saemmtlich eingeladen, und die untere Luke geschlossen worden, das Schiff lag mit geraeumtem Deck vor seinem Anker, und als am naechsten Morgen, mit Tagesanbruch, die Decks gewaschen wurden, begann ein reges Leben an Bord, das auf die baldige, und in der That auf den Morgen angesetzte Abfahrt schliessen liess. Der Weserlootse, der das Schiff in See bringen sollte, kam an Bord, einzelne, bis jetzt noch fehlende Segel wurden aufgeholt und an die Raaen geschlagen und gleich nach dem Fruehstueck begann die Mannschaft ihre Arbeit an der Ankerwinde. Die Passagiere waren ebenfalls an Bord gerufen worden, aber immer noch fehlte der Capitain wie die letzten Cajuetspassagiere, die aber mit dem naechsten Dampfboot erwartet wurden. Dieses kam endlich puffend den Strom herunter, legte sich langseit, und die sehnsuechtig Erwarteten, das endliche Signal zur Abfahrt, kamen mit ihm. Der Capitain, eine vierschroetige aecht seemaennische Gestalt, mit fast braunem Gesicht, entsetzlich grossen, sehnigen sonngebraeunten Haenden, und einem grossen Packet Papiere unter dem Arm, sah freilich etwas wunderlich in seinen "Landkleidern", dem schwarzen auch nicht mehr modernen Frack und dem Zylinderhut (Schwalbenschwanz oder Nagelhammerrock und Schraube, wie die Matrosen diese Kleidungsstuecke nennen) aus, schien sich auch nicht besonders wohl darin zu fuehlen. Er gruesste seine Passagiere nur fluechtig und zog sich dann in die eigene Cajuete zurueck, in die hinein ihm gleich der Steward oder Cajuetendiener folgen musste; der zweite Steuermann aber, ein trockener komischer Kauz, der gerade vor der Thuer stand als es drin ein wenig laut herging, und des Capitains Stimme den Jungen schimpfte, meinte ruhig zum Steuermann, als er an diesem vorueber und an Deck ging: "De Captein kann wedder syn Swalbenswanz nich uht kreegen -- wat de Jong vor Arbeit het." Mit dem Dampfboot waren auch Henkels mit Hedwig Lossenwerder in ihrer Begleitung eingetroffen, und Lobensteins, die sich schon ziemlich haeuslich an Bord eingerichtet hatten und mit der ganzen Einrichtung ziemlich zufrieden schienen, begruessten sie, wie Hedwig, auf das Herzlichste. Waehrend sich Clara aber, mit dem Bewusstsein ihre Eltern ja schon in kurzen Monaten wiederzusehn, dem Fremden und Neuen was sie ueberall beruehrte, mit ganzer Seele und leuchtenden Blicken hingab, und sich wie ein froehliches glueckliches Kind selbst auf die Reise und all die kleinen Unbequemlichkeiten freute, die in so grellem Gegensatz zu dem bisher gefuehrten ruhigen aber auch vollkommen gleichfoermigen Leben standen, betrat Hedwig nur schuechtern und aengstlich das Deck des Schiffes, und blickte wie scheu und furchtsam umher, auf die ihr so gaenzlich fremde Umgebung, auf die fremden Menschen. Sie hatte sich leicht entschlossen das Vaterland zu verlassen, das ihr in der Erinnerung ja nur traurige, schmerzliche Scenen bot, und sogar mit innigem Dank das Erbieten angenommen die liebe junge Frau auf ihrer Reise zu begleiten; jetzt aber, da sie den Schritt gethan, da sie wirklich in das neue Leben eintrat, fuehlte sie erst das Gewaltige desselben, fuehlte erst wie abhaengig sie geworden sei von anderen fremden Menschen, und fuerchtete fuer sich selbst, ob sie auch wuerde dem Allem genuegen koennen was sie unternommen, und was man von ihr zu erwarten berechtigt sei. Ihre eigenen Kraefte kannte sie ja noch gar nicht, und wie dann, wenn sie diese ueberschaetzt hatte, und die, die jetzt freundlich zu ihr waren, ihre Hand zurueckzogen von ihr -- in Amerika -- drueben -- weit drueben ueber dem Meere? Dann stand sie ganz allein, und was -- was sollte da aus ihr werden? "Du darfst nicht solch ein boes und ernsthaft Gesicht machen, Hedwig," sagte da Marie Lobenstein, ihre Hand nehmend und ihr laechelnd mit der eigenen ueber die Stirn streichend, "jetzt fahren wir bald hinaus in's Meer, nach dem weiten, grossen Amerika, und wenn wir da traurig und verdriesslich ankommen, schicken uns die Leute am Ende wieder fort." "Sie sind so gut, Fraeulein Marie" sagte Hedwig leise, die ihr gebotene Hand innig drueckend -- "ich will auch mein Moeglichstes thun jede thoerichte Furcht zu ueberwinden." "Fuerchtest Du Dich?" lachte aber das leichtherzige froehliche Maedchen zurueck -- "vor dem Wasser? -- das kann ja gar nicht zu uns herauf, siehst Du wie hoch wir darueber stehn?" "Ich weiss selbst nicht wovor," seufzte das arme Kind -- "es ist wohl auch nur die neue fremde Welt in die ich jetzt getreten, und die mir das Herz beklemmt; das wird schon bald voruebergehn." "Es muss" lachte Marie, "wenn wir nur erst in See sind, werden wir uns auch vortrefflich amuesiren; wir haben Buecher zum Lesen mit, und koennen stricken und naehen und sticken auf dem Schiff, was wir wollen; und dann lehnen wir Stunden lang ueber Bord, und schauen in die herrliche blaue See, von der uns Herr Henkel schon so viel erzaehlt." So plauderte das froehliche Maedchen dem armen Kind die Sorgen aus der Stirn, bis der Steuermann kam sie abzuholen, und ihr den eigenen Schlafplatz zu zeigen, der ihr im Zwischendeck, bei zwei anderen jungen Maedchen und weitlaeufigen Verwandtinnen der Familie Rechheimer angewiesen wurde. Sie sollte im Zwischendeck essen und schlafen, hatte aber die Erlaubniss ueber Tag, oder wenn sie sonst von ihrer jungen Herrin gebraucht wurde, mit in der Cajuete und auf dem Quarterdeck zu sein. Der Capitain hatte aber doch endlich seinen "Schwalbenschwanz ueber die Haende" bekommen, wie der zweite Steuermann meinte, und kam jetzt, in blauer Tuchhose und Jacke, in der er sich v